[In meinem neuen Buch „Memokratie“] widme ich mich der Frage, wie sich die Demokratie durch den Boom der Sozialen Medien und den in ihnen erfolgreichen Bildtypen verändert – wie sie dadurch unter Druck gerät.
Dominierte in den ersten Jahren nach Etablierung der großen Plattformen die Hoffnung, dass sich dort alte Ideale der Demokratisierung endlich durchsetzen ließen, da Sichtbarkeit nicht länger einer kleinen Elite vorbehalten sei, wurde schon bald deutlich, dass infolge des Designs und der Algorithmen von Facebook, Instagram, X oder TikTok keineswegs Chancengleichheit für alle geposteten Inhalte besteht. Vielmehr erlangt nur Aufmerksamkeit und bestenfalls langfristige Präsenz, ja setzt sich gegen anderes durch, was stark affiziert und zu schnellen Reaktionen provoziert. Alles andere wird hingegen marginalisiert.
Ein besonders wirkmächtiges Format der Sozialen Medien sind Memes. Diese immer wieder neu beschrifteten und modifizierten Bildvorlagen leben oft von einer Pointe, aber auch von Ressentiments und Affekten und werden daher lieber als vieles andere geteilt. Zudem verdankt sich sogar schon der Begriff ‚Meme’ einem darwinistischen Biologismus, Memes gelten also als paradigmatisch für das Prinzip ‚survival of the fittest’. Und viele derer, die Memes produzieren und verbreiten, tun dies im vollen Bewusstsein, dabei in einem Verdrängungswettbewerb zu stehen, passen sich den Vorgaben der Sozialen Medien also eigens an.
Dies gilt umso mehr für diejenigen, die mit Memes politische Ziele verfolgen und deren Weltbild auch sonst von libertären oder (sozial)darwinistischen Überzeugungen geprägt ist. Damit aber haben sich die Sozialen Medien als geradezu ideales Biotop für rechte Bewegungen erwiesen, die dort seit den frühen 2010er Jahren immer größer und einflussreicher geworden sind. Die aktuell wirkmächtigste unter ihnen ist die US-amerikanische MAGA-Bewegung, deren selbsternannte ‚Meme Warriors’ wesentlich zu Donald Trumps Wahlsiegen 2016 und 2024 beitrugen.
In dessen zweiter Amtszeit sind Memes und ihre Eigenschaften aber sogar weit über die Sozialen Medien hinaus maßgeblich geworden. So wird die Politik der US-Regierung zunehmend memifiziert, ja deren Entscheidungen werden so getroffen und kommuniziert, dass sie sich direkt in Memes übersetzen und damit auf Pointen reduzieren lassen. Dies wirkt polarisierend, denn während die eigene Anhängerschaft davon weiter angestachelt wird, empfinden andere eine derartige Reduktion als zynisch. Vor allem aber missachtet eine Memifizierung der Politik klassische demokratische Grundsätze. Statt Argumenten und gerne auch harten, grundsätzlichen Debatten dominieren Gags und Beleidigungen, und wer sich in den Sozialen Medien nicht durchsetzt, ist auch sonst abgemeldet, ja droht schutzlos und zum Opfer von Diskriminierung zu werden.
Davon zu sprechen, dass sich die Demokratie in eine Memokratie verwandelt, bedeutet, den jüngsten Medienwandel in seinen gesellschaftspolitischen Folgen ernst zu nehmen. Dieser Medienwandel ist umso brisanter, als rechte Strömungen davon nicht nur mit Memes profitieren; vielmehr nehmen sie auch andere wichtige Typen von Bildern – von Werken alter Kunstgeschichte bis hin zu KI-generierten Videos – für ihre ideologischen Zwecke in Dienst. Der gegenwärtige nahezu globale Rechtsruck verdankt sich somit gerade auch einer aggressiven und autoritären Bildpolitik in den Sozialen Medien. Mein Buch versucht, die Entstehung sowie die Spielarten dieser Bildpolitik zu erfassen. Denn nur wenn man versteht, was diese so effektiv macht, lassen sich Gegenstrategien entwickeln – lässt sich die Demokratie vor der Memokratie retten.