Trump tanzt oder gießt als König Kot über Demonstrierende aus; US-Regierungsaccounts posten knallige KI-Bilder, um Fake News zu illustrieren – und das Ganze scheint auch noch ›erfolgreich‹: Du prägst für das, was man derzeit meist mit Entsetzen, Ungläubigkeit und Apathie beobachtet, den Begriff der »Memokratie« – was steckt dahinter?
Dahinter steckt eine Entwicklung, die schon vor rund eineinhalb Jahrzehnten eingesetzt hat. Um 2011 herum begannen rechte Kräfte in den USA, sich online zunehmend straff zu organisieren. Dabei verwendeten sie, damals noch in oppositionell-rebellischem Habitus, am liebsten Memes, also ein ebenso schnelles wie vielseitiges, zu aggressivem Witz und Bosheit verführendes Format. Nicht zuletzt mit der Unterstützung von Memes gelang Trump 2016 sein erster Wahlsieg. Die MAGA-Bewegung wurde daraufhin noch stärker, ihre aktivsten Anhänger verstehen sich stolz als »Meme Warriors«. Sie sehen die Sozialen Medien generell als ein Schlachtfeld an, auf dem alle Mittel erlaubt sind, um zu gewinnen. Mittlerweile ist daraus ein Politikstil geworden, und in seiner zweiten Amtszeit kommunizieren Trump und sein Umfeld oft mit Memes sowie mit Bildern, Gesten, Formulierungen, die gut memifizierbar sind. Das heißt: Alles ist von vornherein möglichst zugespitzt, emotionalisierend, triggernd. Aus einem oppositionellen Nischenmedium ist also das Leitmedium einer Weltmacht geworden. Ich finde, dafür braucht es einen eigenen Begriff, und »Memokratie« ist mein Vorschlag dafür.
Du sprichst ja in erster Linie von der Online-Realität der Sozialen Medien. Inwiefern strahlt die dortige Bildpolitik überhaupt in die Öffentlichkeit jenseits dessen aus?
Gerade Memes sind so angelegt, dass sie stark polarisierend wirken – die einen haben großen Spaß daran und identifizieren sich mit den Aussagen, die anderen sind abgestoßen, finden gerade das Lustige daran zynisch. Da die Sozialen Medien aber zunehmend vorgeben, wie man sich wechselseitig wahrnimmt, desto mehr zerstören sie mit Formaten wie Memes jegliche demokratische Streitkultur, erschweren generell eine Politik der Verhandlungen und Kompromisse. Die etablierten demokratischen Institutionen – vom Parlament über die Bildungseinrichtungen bis zu den Gerichten – werden also ausgehend von den Sozialen Medien unterminiert und infrage gestellt – durchaus im Interesse autoritär-libertärer Kräfte.
Welche realen politischen Konsequenzen hat das?
Ich denke, man muss befürchten, dass die Regierung umso brutalere Entscheidungen durchsetzen kann, wenn sie diese via Memes kommuniziert. Denn je poppiger, absurder, lustiger eine Politik verkauft wird, desto besser kann man damit von deren Härten ablenken. Als etwa ein neues Deportationslager in Florida anspielungsreich »Alligator Alcatraz« getauft wurde, feierten das MAGA-Fans mit unzähligen Memes, auf denen man putzige Alligatoren sieht, die böse Migranten fressen, oder auf denen Trump als Held und Befehlshaber einer Alligatoren-Miliz abgebildet wird. So geriet das menschenrechtlich höchst fragwürdige Vorgehen der Regierung zu einem lauten Unterhaltungsspektakel; dass es hier um die Schicksale von tausenden von Menschen geht, geriet völlig in den Hintergrund.
Von welchen Bildtypen sprechen wir in der Machtikonografie der Memokratie? Im Fall von Barack Obama waren es ja häufig noch durchaus klassisch inszenierte (Presse-)Fotografien, in denen Coolness und Ästhetik eine große Rolle spielten.
Der mit NFTs berühmt gewordene Künstler und Satiriker Beeple bezeichnet Donald Trump als »Shitposter in Chief«. Das macht schon deutlich, dass es um ganz andere ästhetische Qualitäten als in herkömmlicher repräsentativer Machtinszenierung geht. Klar liebt Trump wie kaum jemand anderes Gold und Prunk und alte höfische Rituale, aber seinen politischen Erfolg verdankt er viel mehr der Popkultur und ihren Formaten. Mit seinen fortwährenden Geschmacksverletzungen und Übertreibungen verheißt er seinen Fans, dass man sehr weit kommen kann, wenn man sich an keine Regeln hält, keinerlei Rücksicht nimmt. Neben Memes sind es zunehmend KI-Bilder, mit denen sich solche Grenzverletzungen, ja beliebige Spielarten von Enthemmung in Szene setzen lassen. Statt cool wirkt das halbstark und präpotent, es geht nicht um ehrfürchtiges Staunen, sondern Anhänger sollen sich ermutigt fühlen, selbst ähnliche Inhalte zu produzieren und in Umlauf zu bringen – selbst zu Shitpostern zu werden.
Gab es für Dich ein Schlüsselereignis oder zentrales Bild, das dich dazu bewogen hat, dieses Buch zu schreiben?
Ich beschäftige mich schon seit rund zehn Jahren viel sowohl mit Bildphänomenen der Sozialen Medien als auch mit der Bildpolitik politisch rechter Milieus. Gleichwohl gab es doch ein Schlüsselereignis für dieses Buch. US-Heimatschutzministerin Kristi Noem sprach im März 2025 bei einem Besuch in dem Deportationslager in El Salvador Drohungen gegen Migranten aus. In dem dazugehörigen Video steht sie, mit enganliegendem T-Shirt und teurer Rolex-Uhr, vor einem Käfig mit halbnackten Männern, die dort ohne Prozess gefangen gehalten werden. In dem Moment war für mich endgültig eine rote Linie überschritten. Dass selbst dieses Video MAGA-Anhänger zu Memes und anderen begeisterten Reaktionen stimulierte, machte es für mich umso notwendiger, genauer zu analysieren, über welche Mechanismen politische Macht sich in den Sozialen Medien entwickelt und legitimiert werden soll.
Der Trump-Berater Steve Bannon hat einmal »Flood the zone with shit« als Strategie zur Diskursdominanz ausgegeben. Welche Rolle spielen dabei Internet-Memes?
Da Memes ein schnelles, oft auch von schmutzigem Humor geprägtes Medium sind, eignen sie sich besser als irgendetwas sonst dafür, eine Flut an Mist zu erzeugen und alle Kanäle damit zu verstopfen. Dabei sind Memes längst nicht mehr nur Handarbeit, es gibt Meme-Generatoren und zunehmend KI-Programme, die Memes produzieren, sodass jedes Ereignis innerhalb von Minuten tausendfach kommentiert werden kann. Die allgemeine Wahrnehmung eines beliebigen Ereignisses wird damit von Anfang an stark beeinflusst, und wer eine andere Auffassung durchsetzen oder etwas gar differenziert erörtern möchte, hat oft schlicht keine Chance, gegen die Masse an anderem Content anzukommen.
Inwiefern ist das strategisch geplant? Wer sind die Akteure, die Inhalte erstellen, verbreiten, posten. Und gibt es da unterschiedliche Motive?
Gerade jemand wie Steve Bannon hat schon sehr früh – da war Trump noch nicht mal Präsidentschaftskandidat – damit begonnen, gewissermaßen Truppen zu sammeln und, damals noch auf Plattformen wie 4chan, zur Produktion von politischen Memes anzutreiben. Beim Sturm auf das Kapitol 2021 konnte man dann einige »Meme Warriors« der ersten Stunde live erleben, zum Teil mit Stickern geschmückt, auf denen »Meme War Veteran« stand. Das sind oft weiße Männer, die Angst haben, in den USA schon bald eine Minderheit zu sein – und dann selbst so diskriminiert zu werden, wie sie andere Minderheiten diskriminiert haben. Insgesamt ist die Welt der Memes eine männlich geprägte Welt, ist oft sexistisch und rassistisch, aufgrund der »Great Again«-Phantasien der MAGA-Bewegung aber auch stark rückwärtsorientiert und von Ressentiments gegen urban-pluralistische, linke, alternative und queere Milieus angetrieben.
Welche Verantwortung kommt dabei den Plattform-Eigentümern zu?
Eine ganz entscheidende, denn mit dem Plattform-Design und ihren Algorithmen schaffen sie die Strukturen dafür, welche Inhalte überhaupt viral gehen können. Außerdem liegt es an ihnen, ob sie zum Beispiel Hass-Rede zulassen oder Faktenchecks vornehmen. Das alles bedingt, welches Klima und, weitergehend, welche User es auf einer Plattform gibt. Dass die großen Plattformen durchweg in den USA sitzen und dass die meisten ihrer Eigentümer inzwischen mehr oder weniger offen mit Trump und der MAGA-Bewegung sympathisieren, im Fall von Elon Musk sogar starke wechselseitige Unterstützung stattgefunden hat, begünstigt die Memifizierung und damit die Entdemokratisierung der aktuellen US-Politik. Durch die Plattformbetreiber wird jedenfalls immer noch mehr Öl ins Feuer gegossen
Wo lassen sich Züge memifizierter Politik jenseits der USA feststellen? Auch in Deutschland?
In Deutschland fehlt eine wichtige Voraussetzung für eine memifizierte Politik. Parteien sind – zumindest noch – keine Bewegungen, also nicht von Anhängern und Fans getrieben. Deren Engagement und Energie aber braucht es in großem Umfang, um in den Sozialen Medien genügend Memes und anderen Content zu erzeugen und zirkulieren zu lassen. Sollte jedoch eine hinreichend charismatische Figur mit vielen Fans auftauchen, kann dasselbe passieren wie in den USA. Mit der Einschränkung, dass es die US-Plattform-Eigentümer wohl zu verhindern wüssten, wenn eine ihnen nicht genehme politische Richtung an Einfluss gewinnt. So sehr wie etwa Elon Musk versucht, die AfD oder in England den Rechtsextremen Tommy Robinson zu pushen, so sehr würde er alles tun, um auf X eine linke, woke, queere Bewegung gar nicht erst groß werden zu lassen.
Inwiefern unterscheidet sich die Meme-getriebene Bildpolitik von ›gefestigten‹ illiberalen Regimes zum Beispiel in Russland oder China?
In derartigen Regimen geht alles von der Führung aus, und diese braucht die Sozialen Medien nicht als Plebiszit für die eigene Politik. Aber es gibt bildpolitische und ikonografische Ähnlichkeiten überall da, wo autoritäre Phantasien ins Spiel kommen. Wenn also MAGA-Anhänger oder libertäre Tech-Milliardäre von einer Zukunft in Grönland oder auf dem Mars träumen, dann sehen die Bilder dazu oft genauso aus, wie wenn in China oder Saudi-Arabien der Fortschritt gefeiert wird. Viel Megalomanie, viel erhabene Architektur, immer in Dimensionen, in denen der einzelne Mensch gar nicht mehr vorkommt – in denen alles allein auf die Interessen der Mächtigen zugeschnitten ist.
Michelle Obamas »When they go low, we go high« hat offenbar nicht funktioniert. Haben progressive Kräfte überhaupt eine Chance gegen die Aggressivität, mit der die Memifizierung die Sozialen Medien (und damit den medialen Diskurs) dominiert?
Michelle Obamas Satz war nicht zuletzt eine Reaktion auf die Unmengen derber Memes im Wahlkampf 2016. Darin drückte sich die moralische Hemmung, aber auch ein gewisser Dünkel vieler Angehöriger links-liberaler Milieus gegenüber allem aus, was grobschlächtig-aggressiv ist und nur der Devise folgt, dass der Zweck die Mittel heiligt. Der Satz »The left can’t meme« ist seither ein geflügeltes Wort, und tatsächlich tut sich die Opposition in den USA erkennbar schwer, auf Trump und die MAGA-Bewegung zu reagieren. Dabei gäbe es mehr Chancen denn je, mit klaren Gegenprogrammen für sich zu werben.
Wie sehen diese Gegenprogramme aus?
Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom versucht es mit ähnlich schrillen KI-Bildern wie Trump, wohingegen der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, geradezu klassisch, vor allem auf seine rhetorischen Fähigkeiten setzt. Auch damit kann man in den Sozialen Medien sehr erfolgreich sein. Und vielleicht wird sich das starke Wort letztlich als der bessere Weg erweisen, um gegen die vielen starken Bilder anzukommen, ohne zugleich eigene Ideale allzu sehr verraten zu müssen.
Müssten nicht auch klassische Medien genauer überlegen, welchen Raum sie den Provokationen und Triggern memifizierter Politik geben bzw. wie sie im Sinne einer demokratischen Öffentlichkeit damit umgehen?
Auf jeden Fall müssten sie das! Wichtig wäre viel mehr kritische Analyse, vor allem fehlt es – so mein Eindruck – immer noch an einem hinreichenden Verständnis der Funktionsweise der Sozialen Medien. Wie folgenreich – und gefährlich! – sie für die Gesellschaft insgesamt, ja für die Demokratie sind, scheint vielen noch nicht so ganz bewusst zu sein. Statt über jedes Stöckchen zu springen, das in den Sozialen Medien hingehalten wird, sollten die klassischen Medien die ihnen verbliebenen Möglichkeiten also dazu nutzen, sich als Orte zu bewähren, an denen Politik nicht nur auf Pointen reduziert wird und gesellschaftliche Gegensätze nicht bloß via Feindbildproduktion ausgetragen werden. Gerade weil es nicht so aussieht, als könnte es gelingen, die Sozialen Medien besser zu regulieren, muss man alles tun, um ihren Einfluss auf andere Bereiche zu minimieren. Es bräuchte also umso stärkere, umso selbstbewusstere klassische Medien.