Leseprobe : Die Macht der Meme-Politik

Spätestens seit Donald Trumps zweiter Amtszeit zeigt sich: Aggressiver Internethumor, Deepfakes und KI-Bilder werden auf offiziellen Accounts als Machtinstrument genutzt. Sie produzieren Feindbilder und testen Narrative und polarisieren Debatten

Ein Smartphone zeigt einen Beitrag von US-Präsident Donald Trump auf der Plattform Truth Social mit einer Montage von Trump, Außenminister Marco Rubio und Vizepräsident J.D. Vance vor einer Karte Grönlands und dem Schriftzug „Greenland, U.S. Territory Est. 2026“.

Foto: Cheng Xin/Getty Images

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Memokratie

Memokratie

Wolfgang Ullrich

Broschiert.

192 Seiten

23 €

Im Juli 2025 posteten Donald Trump sowie das Weiße Haus auf ihren Instagram-Accounts ein Foto, auf dem man eine Tafel sieht, die auf einem Stativ vor dem Weißen Haus platziert ist und auf der im wilden Wechsel von Groß- und Kleinbuchstaben geschrieben steht: »oMg, diD tHe wHiTE hOuSE reALLy PosT tHiS?« – »Oh nein, hat das Weiße Haus das wirklich gepostet?« Die Schreibweise im Wechsel von Groß- und Kleinbuchstaben ist von einem Meme mit dem Namen »Mocking Spongebob« übernommen und soll eine Aussage, als würde sie demonstrativ dümmlich nachgeäfft, der Lächerlichkeit preisgeben. Man amüsiert sich also über Leute, die befremdet sind, was der Präsident und das Weiße Haus posten. Der spöttische Ton setzt sich in den Captions fort, heißt es da doch, »Nirgends in der Verfassung steht, wir dürfen keine Knaller-Memes posten«, abgeschlossen mit dem Emoji einer explodierenden Granate.

Der US-Präsident erklärt also ausdrücklich, es darauf abgesehen zu haben, mit Memes für Aufregung zu sorgen. Man könnte auch sagen: Er bekennt sich zum »Rage Bait«, der bei Online-Aktivisten beliebten Strategie, mit dem eigenen Content möglichst stark zu emotionalisieren und vor allem bei seinen Gegnern für empörte Reaktionen zu sorgen, was dann wiederum die eigene Anhängerschaft provoziert, sodass sich verschiedene Lager letztlich umso unversöhnlicher und aufgebrachter gegenüberstehen. Knallige Memes als zentrales Mittel von Trumps Politik wirken also mobilisierend, und stammte die US-Verfassung nicht schon aus dem 18. Jahrhundert, so die unterschwellige Botschaft des Kommentars, dann hätten sie vielleicht sogar Verfassungsrang.

Mit diesem Post kommentierten und verstärkten Trump und das Weiße Haus Kritik am Social-Media-Verhalten der US-Regierung. So gab es gerade in den Tagen davor gehäuft Postings mit ausnehmend aggressiven, zynischen Memes (auf ›Knallwirkung‹ angelegt!), mit denen politische Gegner verhöhnt wurden oder Trump sich selbst feierte. Unter denen, die Trump ablehnen, bekundeten viele deshalb Fremdscham (»we are not a serious country«; »I cannot believe this is an official site. This is not the nation I was taught to honor …«), Anhänger der MAGA-Bewegung hingegen schrieben, wie sehr sie »diesen Meme-Account mögen« und dass es »der beste Meme-Account auf Instagram« sei. Sie schätzen es gerade, dass sich die Accounts des Weißen Hauses und der wichtigsten Repräsentanten der US-Regierung in der zweiten Amtszeit von Trump kaum von Accounts beliebiger Shitposter unterscheiden, die trashige Anti-Ästhetik von Memes also zum offiziellen Stil einer globalen Großmacht geworden ist.

In der ersten Amtszeit war das noch nicht so ausgeprägt. Damals beherrschte Donald Trump die Weltöffentlichkeit vor allem mithilfe seines Twitter-Accounts – mit Tweets, die mal kryptisch, mal großspurig und eigentlich immer völlig undiplomatisch – anti-staatsmännisch – waren. Sie boten fortwährend Anlass für unterschiedlichste Interpretationen und Reaktionen und fungierten als beliebte Grundlage für Memes, ja waren vom Medienprofi Trump mutmaßlich mit dem Kalkül formuliert, dass die »Meme Warriors« daraus möglichst viele lustige, absurde, fiese, in jedem Fall aber unterstützende Postings entwickelten. Manchmal illustrierte Trump auch selbst eine aktuelle Fehde oder ein Ereignis in Form eines Memes, aber wenn er von einem seiner Anhänger schon damals vollmundig als »Gottkönig der Memelords« bezeichnet wurde, dann bezog sich das noch eher auf seine Fähigkeit, Impulse für Memes zu geben als sie selbst zu posten. [...]

So wie man in früheren Politikergenerationen darauf achtete, dass ein Auftritt foto- oder telegen war oder dass eine politische Entscheidung mit passenden Vergleichen oder Bildern anschaulich, symbolhaft vermittelt wurde, so orientieren sich neben Trump weitere wichtige Mitglieder seiner Regierung – von Vizepräsident J. D. Vance über Kriegsminister Pete Hegseth bis hin zu Heimatschutzministerin Kristi Noem – vornehmlich an Memes. Sie sind ihr Leitmedium. Ihre Handlungen und Entscheidungen richten sie daher so aus, dass sie möglichst gut memifizierbar sind.

Politische Maßnahmen sind damit aber schnell genauso pointenfixiert, grell und derb wie ein Meme, sie werden auf ein plakatives Motiv verkürzt, ausgelöst und grundiert von Zynismus, Häme, Rachsucht oder einer verwandten memegemäßen Emotion. Memes werden schließlich zum Treiber der Gewalt, die sie zum Gegenstand haben.

Ein Beispiel: Im Juni 2025 wurden Pläne für ein Lager in Florida bekannt, gedacht zur Internierung von Migrant:innen, die im Verdacht stehen, illegal in den USA zu sein. Gleich doppelt sprechend ist dabei der Name des Lagers: Alligator Alcatraz. So war Alcatraz bis in die 1960er Jahre eine berüchtigte Gefängnisinsel in Kalifornien, mit Hochsicherheitstrakt für Schwerkriminelle, später beliebtes Motiv in der Popkultur, zum Beispiel in Filmen wie »The Rock« (1996) mit Sean Connery und Nicolas Cage. Suggeriert der Name für das neue Internierungslager also, die dort Einsitzenden seien ihrerseits gefährliche Schwerverbrecher (in Wirklichkeit wurden sie oft ohne rechtsstaatliche Grundlage verhaftet), so verheißt er zugleich, dass eine Flucht aus dem Lager nahezu unmöglich sei. Nur dass das diesmal nicht an der Insellage, sondern an den Alligatoren liegen soll, die in der sumpfigen Umgebung des Lagers leben. Dass diese – neben dort ebenfalls ansässigen Krokodilen und Pythons – als gleichsam naturgegebene Aufseher fungierten, hob der Generalstaatsanwalt bei der Vorstellung des Projekts ausdrücklich hervor.

Damit war genug Stoff geboten, um die sadistische Phantasie von MAGA-Anhängern anzustacheln, die ohnehin von keinem anderen Thema so affiziert sind wie von (illegaler) Immigration. Innerhalb weniger Tage zirkulierten, von ihnen in Umlauf gebracht, zahlreiche KI-generierte Memes mit Alligatoren als Gefängnispersonal, meist ergänzt um anthropomorphisierende Elemente wie Sonnenbrillen oder Uniformen, die lustig und damit mindestens verharmlosend wirken sollen. Nachdem das Thema bereits viel Fan-Fiction stimuliert hatte, die Anhänger sich Alligator Alcatraz also in immer neuen Varianten ausgemalt hatten, verbreitete auch das für die Ergreifung und Deportation von Immigranten verantwortliche Heimatschutzministerium bei Instagram und X ein Alligator-Alcatraz-Meme. Genauer: Man repostete das Still eines KI-generierten Videos, das ein MAGA-Fan einen Tag zuvor auf TikTok und X veröffentlicht hatte und das vier Alligatoren vor einem stacheldrahtbewehrten hohen Zaun und Wachturm zeigt, zudem durch Baseballkappen als Angehörige von ICE, der für die Festnahme von ›Verdächtigen‹ zuständigen Behörde, gekennzeichnet. Drei Tage später stattete Trump der Lager-Baustelle einen Besuch ab und machte dabei ebenfalls Witze über die Wachfunktion der Alligatoren (»This is what you need, […] a lot of cops in the form of alligators«). Begleitend wurde auf den Accounts von Trump sowie vom Weißen Haus eine weitere Meme-Variation gepostet. Darauf zu sehen: Trump neben drei ICE-Alligatoren, diesmal allerdings eher Dinosauriern oder Echsen aus einem Horrorfilm ähnlich und umso gruseliger, als die gesamte Szenerie in nächtliche Dunkelheit getaucht ist. Im Stil eines Kinoplakats steht auf dem Bild der Name des Lagers sowie der Slogan »Make America Safe Again«.

Das Meme fiktionalisiert das Lager und die Schicksale von Tausenden Betroffenen also zu einem Unterhaltungsspektakel mit hohem Action-Faktor und Donald Trump als Held. In seinem Stil surreal-absurder Verfremdung lenkt das Meme einerseits von der unmenschlichen Härte der Deportationspolitik der US-Regierung ab; alle, die es sehen, sollen dazu gebracht werden, über etwas Grausames sogar noch zu lachen. Andererseits soll es zu weiteren Varianten, zu noch mehr Fan-Fiction, noch mehr Gags und noch mehr KI-generierten Bildern animieren. Zwar wurden in Reaktion auf die Memes der offiziellen Regierungs-Accounts ebenso kritische, empörte Kommentare und Gegen-Memes gepostet, die das neue Lager meist mit Auschwitz oder allgemein mit Nazi-Konzentrationslagern assoziierten, doch überwiegend gab es zustimmende Äußerungen – und tatsächlich noch tagelang viele weitere Memes mit Alligatoren. Mal ist daraus das Filmplakat für einen noch brutaleren Film geworden (»No Escape, No Mercy«), mal reitet Trump wie ein Feldherr auf einem Alligator. Oder er tanzt mit einer ganzen Mannschaft aus Alligatoren, hat selbst eine Alligatormaske auf, füttert die hungrigen Tiere. Bei anderen Varianten frisst ein Alligator einen Migranten (das gibt es zudem als Videoclip sowie als animiertes GIF), oder man sieht eine Armee von Alligatoren vor der Freiheitsstatue.

Bei einigen dieser Varianten dürfte – bewusst oder unbewusst – ein Topos der US-Geschichte fortleben: das im 19. und noch im 20. Jahrhundert auf Postkarten und Illustrationen weit verbreitete Motiv »Alligator bait«, das darin besteht, dass Schwarze Kinder als Köder für Alligatoren verwendet oder zumindest so bezeichnet werden. Alligatoren helfen bei der Reinhaltung der ›weißen Rasse‹, People of Color sind nicht mehr wert als Tierfutter, dies also ist die rassistische Botschaft, die mit dem Namen »Alligator Alcatraz« ebenfalls verbunden werden kann. Auf die Spitze trieb diese Assoziation die rechtsextreme Aktivistin Laura Loomer, als sie in einem Tweet nicht nur den zynischen Satz »Alligator lives matter« schrieb (nachdem sie zuvor die Berechtigung des Satzes »Black lives matter« immer energisch bestritten hatte), sondern noch hinzufügte, die »gute Nachricht« sei, dass dank des Lagers nun »zumindest 65 Millionen Mahlzeiten für Alligatoren gesichert« seien. Damit nahm sie auf die Anzahl von Hispanics in den USA Bezug, plädierte also für nicht weniger als die Vernichtung einer kompletten ethnischen Gruppe, die rund 20 Prozent der US-Bevölkerung ausmacht.

Die Fürsorge für Tiere im Kontrast zur Entwürdigung nicht-weißer Menschen war früher bereits wiederholt ein Motiv memifizierter Politik. Als Donald Trump im Fernsehduell mit Kamala Harris im September 2024 davon sprach, illegale Immigranten aus Haiti würden in Springfield die Hunde und Katzen der Einwohner essen (dies ein Gerücht, das nicht zuletzt Laura Loomer verbreitet hatte), dürfte er schon fest damit gerechnet haben, dass diese Worte von seinen Anhängern wie eine Anleitung zum Prompten aufgenommen wurden: um Memes zu erzeugen, die entweder grausame Haitianer oder niedliche Haustiere zeigen – und Trump als denjenigen, der die Tiere vor den Migranten beschützt. Schon damals war der Großteil der daraufhin in Umlauf gebrachten Meme-Varianten den Tieren gewidmet, so wie später im Fall von »Alligator Alcatraz«, als die Alligatoren zum neckischen, in seiner banalisierenden Wirkung besonders bösartigen Sujet wurden.

Wenn vermenschlichte Tiere ein beliebteres Motiv sind als entmenschlichte Menschen, gerät das, was Menschen tatsächlich angetan wird, umso mehr aus dem Blick. Jedes Meme mit einem süßen Haustier oder einem wachsamen Alligator leistet somit einen Beitrag dazu, die Agenda der US-Regierung unter Trump gleichzeitig zu feiern und zu bagatellisieren. Bewusst werden politische Maßnahmen daher von Anfang an so kommuniziert, dass daraus doof-derber Content für die Sozialen Medien wird. Er hält die eigenen Leute bei Laune und ermöglicht ihnen, Gefühle wie Empörung und Schadenfreude auszuleben.

Einer Regierung, die ihre Politik derart memifiziert, vermittelt das Geschehen auf ihren Accounts zugleich ein gutes Stimmungsbild. An den Reaktionen auf ein Meme lässt sich besser als in Kommentaren zu einer Verlautbarung erkennen, was die Leute umtreibt. Wie interpretieren sie das Meme, in welche Richtung verstärken sie seine Botschaft, wann zögern sie? Darauf können die politisch Verantwortlichen ihrerseits wieder reagieren, ihr Handeln also moderieren oder noch härtere Fakten schaffen.

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