Tage wie dieser

Leseprobe "Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb. Er wurde von einem staatlichen Mordkommando erschossen, und der Tod dieses Mannes war mir herzlich egal."
Tage wie dieser

Foto: Alan Lewis/AFP via Getty Images

EINS

Der Tag, an dem Irgendwer McIrgendwas mir eine Waffe auf die Brust setzte, mich ein Flittchen nannte und drohte, mich zu erschießen, war auch der Tag, an dem der Milchmann starb. Er wurde von einem staatlichen Mordkommando erschossen, und der Tod dieses Mannes war mir herzlich egal. Anderen hingegen war er nicht egal, und manche von denen kannten mich »vom Sehen«, wie man so sagt, und es gab Gerede über mich, weil jemand, höchstwahrscheinlich Schwager Eins, das Gerücht in die Welt gesetzt hatte, ich hätte eine Affäre mit diesem Milchmann, und dabei sei ich erst achtzehn und er einundvierzig. Wie alt er war, wusste ich nicht nur, weil über seinen Tod in der Presse berichtet worden war, sondern weil es schon Monate zuvor Gerede von diesen Leuten gegeben hatte, einundvierzig und achtzehn sei doch widerlich, dreiundzwanzig Jahre Altersunterschied seien widerlich, er sei verheiratet, und er solle sich bloß nicht von mir um den Finger wickeln lassen, denn es gebe jede Menge stiller, unauffälliger Leute, die Augen und Ohren offen hielten. Und anscheinend war sie auch noch meine Schuld gewesen, diese Affäre mit dem Milchmann. Dabei hatte ich gar keine Affäre mit dem Milchmann. Ich mochte ihn nicht mal, seine Annäherungsversuche machten mir Angst und verwirrten mich. Schwager Eins mochte ich genauso wenig. Der dachte sich zwanghaft Lügen über das Liebesleben anderer Leute aus. Über mein Liebesleben. Als ich noch jünger war, nämlich zwölf, als meine älteste Schwester ihren langjährigen Freund verließ, weil der sie betrogen hatte, da stand plötzlich dieser Mann als ihr Trostpflaster auf der Matte, schwängerte sie, und die beiden heirateten auf der Stelle. Vom ersten Moment an machte er in meiner Gegenwart anzügliche Bemerkungen – über mein Schmuckkästchen, mein Kätzchen, meine Schatulle, meinen Honigtopf, meine Brosche, meinen Blütenkelch, meine Blöße – , er benutzte Wörter, sexuelle Wörter, die ich nicht verstand. Und er wusste genau, dass ich sie nicht verstand, aber schon irgendwie ahnte, dass es um Sex ging. Das kostete er voll aus. Er war fünfunddreißig. Zwölf und fünfunddreißig. Das waren auch dreiundzwanzig Jahre Altersunterschied.

Schwager machte also seine Bemerkungen und empfand das als sein gutes Recht, und ich schwieg, weil ich nicht wusste, wie ich mit diesem Menschen umgehen sollte. Er machte solche Bemerkungen nie, wenn meine Schwester dabei war. Aber sobald sie den Raum verließ, legte er los. Das Gute war: Ich fühlte mich nicht körperlich bedroht. Damals, dort, an diesem Ort, maß jeder alle anderen vor allem an der Gewaltbereitschaft, und ich erkannte sofort, dass er keine hatte, dass er so nicht tickte. Trotzdem ließ mich seine raubtierhafte Art jedes Mal vor Angst erstarren. Schwager Eins war also ein Stück Dreck und meine Schwester übel dran, weil sie schwanger von ihm war, weil sie ihren früheren Mann noch immer liebte und nicht fassen konnte, was er ihr angetan hatte, nicht glauben konnte, dass er sie nicht vermisste, denn das tat er nicht. Er vergnügte sich mit einer anderen. Diesen Mann hier sah sie gar nicht richtig, diesen älteren Mann, den sie geheiratet hatte, als sie viel zu jung und zu unglücklich und zu verliebt gewesen war – nur eben nicht in ihn – , als dass sie sich wirklich auf ihn hätte einlassen können. Ich hörte auf, sie zu besuchen, obwohl sie so traurig war, weil ich seine Anzüglichkeiten und Grimassen nicht mehr ertrug. Sechs Jahre später, als er versuchte, sich an mich und meine übrigen älteren Schwestern ranzumachen, und wir drei ihn – auf direkte, indirekte, höfliche, Jetzt-verpiss-dich-Art – abwiesen, trat aus dem Nichts genauso unerwünscht, allerdings viel bedrohlicher, viel gefährlicher, der Milchmann auf den Plan.

Ich wusste nicht, wessen Milchmann er war. Unserer jedenfalls nicht. Ich glaube, er war niemandes Milchmann. Er nahm keine Bestellungen auf. Hatte nie Milch dabei, lieferte keine Milch aus. Er fuhr nicht mal einen Milchwagen. Stattdessen fuhr er Autos, verschiedene Autos, oft rasante Autos, obwohl er selbst gar kein rasanter Typ war. Und trotzdem bemerkte ich ihn und seine Autos erst, als er auf einmal vor meiner Nase darin herumsaß. Dann gab es noch den Lieferwagen – klein, weiß, unscheinbar, nicht zu greifen. Auch am Steuer dieses Lieferwagens wurde er hin und wieder gesehen.

Eines Tages war er da, kam plötzlich mit einem seiner Autos angefahren, als ich im Gehen Ivanhoe las. Ich las oft im Gehen. Das war für mich nichts Ungewöhnliches, und doch sollte es ein weiteres Indiz zu meinen Lasten werden. Lesen im Gehen war eindeutig verdächtig.

»Du bist doch eine von den Dingsda-Schwestern, oder? Der-und-der war dein Vater. Deine Brüder Dings, Dings, Dings und Dings waren doch im Hurling-Team. Spring rein. Ich nehm dich mit.«

Das sagte er ganz beiläufig und öffnete schon die Beifahrertür. Ich schreckte von meinem Buch hoch. Ich hatte das Auto gar nicht kommen hören. Hatte auch den Mann am Steuer vorher noch nie gesehen. Er beugte sich vor, schaute zu mir heraus, lächelte und gab sich ganz freundlich und zuvorkommend. Aber mittlerweile, im Alter von achtzehn Jahren, war ich bei lächelnd, freundlich und zuvorkommend schon halb auf den Bäumen. Nicht wegen der Mitfahrgelegenheit. Die Leute hier, die ein Auto hatten, hielten oft und boten an, einen mitzunehmen. Damals gab es noch keinen solchen Überfluss an Autos, und der öffentliche Verkehr war wegen Bombendrohungen und Fahrzeugentführungen häufig vorübergehend ausgesetzt. Und den Begriff »Autostrich« hatten vielleicht manche schon mal gehört, aber so was gab es hier nicht. Ich zumindest hatte ganz sicher noch nie davon gehört. So oder so wollte ich nicht mitgenommen werden. Ganz grundsätzlich. Ich ging gern spazieren – ich spazierte und las, spazierte und dachte nach. Und auch im konkreten Fall wollte ich nicht zu diesem Mann ins Auto steigen. Ich wusste nur nicht, wie ich ihm das klarmachen sollte, denn er war ja nicht unhöflich, und er kannte meine Familie, er hatte schließlich die wichtigsten Daten genannt: die Namen der männlichen Familienmitglieder, und ich konnte schlecht unhöflich sein, wenn er nicht unhöflich war. Deshalb geriet ich ins Stocken, erstarrte förmlich, was ziemlich unhöflich war. »Ich gehe zu Fuß«, sagte ich, »ich lese«, und dabei hielt ich das Buch hoch, als könnte Ivanhoe das Gehen erklären, die Notwendigkeit des Gehens. »Du kannst doch auch im Auto lesen«, sagte er, und was ich darauf entgegnete, weiß ich nicht mehr. Schließlich lachte er und sagte: »Dann eben nicht. Macht nichts. Viel Spaß noch mit deinem Buch da«, und damit zog er die Tür zu und fuhr weiter.

Beim ersten Mal passierte nichts weiter – und trotzdem machte schon da ein Gerücht die Runde. Älteste Schwester kam zu uns, weil ihr Mann, mein einundvierzigjähriger Schwager, sie geschickt hatte. Sie sollte mich in Kenntnis setzen und ermahnen. Ich sei gesehen worden, wie ich mit dem Mann sprach.

»Ach, halt’s Maul!«, rief ich. »Was soll das denn heißen: gesehen worden? Wer will mich denn bitte gesehen haben? Dein Mann?«

»Jetzt hör mir mal gut zu«, sagte sie. Aber ich hörte nicht zu, wegen ihm und seiner Doppelmoral, und weil sie die einfach so hinnahm. Mir war vorher nicht klar gewesen, dass ich ihr die Schuld gab, ihr schon lange die Schuld gab für seine ständigen Anzüglichkeiten mir gegenüber. Dass ich ihr die Schuld dafür gab, ihn geheiratet zu haben, obwohl sie genau wusste, dass sie ihn nicht liebte und auch nicht achten konnte, denn sie musste doch gewusst haben, anders konnte es gar nicht sein, was für Spielchen er spielte.

Sie versuchte weiterhin hartnäckig, mich zur Vernunft zu bringen. Ich täte mir selbst keinen Gefallen; von allen Männern, mit denen ich mich hätte einlassen können … Aber mir reichte es. Ich war sauer und fluchte noch ein bisschen mehr, weil sie das nicht ausstehen und man sie nur so vertreiben konnte. Aus dem Fenster schrie ich ihr hinterher, der miese Feigling solle selbst vorbeikommen, wenn er mir was zu sagen habe. Das war ein Fehler: Gefühlsregungen gezeigt zu haben, dabei gesehen und gehört worden zu sein, wie ich aus dem Fenster schrie, über die Straße, wie ich mich gehen ließ. Normalerweise konnte ich mich zusammenreißen. Aber ich war wütend. Ich hatte so viel Wut in mir – auf sie, weil sie die brave Hausfrau gab, weil sie seinen Anweisungen immer wieder aufs Wort folgte, und auf ihn, weil er mir seine eigene Verachtungswürdigkeit andichten wollte. Mein Trotz war geweckt, mein »Geht dich einen Dreck an«. Dummerweise bedeuteten diese Gefühle jedes Mal, dass ich total durchdrehte, nicht aus Erfahrung lernte und mir ins eigene Fleisch schnitt. Die Gerüchte über den Milchmann und mich tat ich also als Unsinn ab, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden. Gesteigerte Neugierde hatte es in der Gegend schon immer gegeben. Tratsch wurde angespült, weggeschwemmt, kam, ging, fand sein nächstes Opfer. Darum schenkte ich meiner angeblichen Liebesaffäre mit dem Milchmann keine Beachtung. Doch dann tauchte er wieder auf, diesmal zu Fuß, als ich in dem Park mit den beiden Stauteichen joggte.

Ich war allein, und diesmal las ich nicht, denn beim Joggen las ich nie. Und da war er plötzlich, wieder wie aus dem Nichts, aber diesmal passte er sich meinem Schritt an, direkt neben mir, wo er noch nie gewesen war. Auf einmal joggten wir zusammen, und es sah aus, als würden wir schon immer zusammen joggen, und wieder erschrak ich, so wie ich bei jeder Begegnung mit diesem Mann erschrecken sollte, bis auf die letzte. Zuerst schwieg er, und mir hatte es die Sprache verschlagen. Dann sprach er, und zwar, als wären wir mitten im Gespräch, als wären wir immer mitten im Gespräch. Seine Worte waren knapp und etwas gepresst, weil ich so schnell lief, und es war meine Arbeit, von der er sprach. Er kannte meinen Arbeitsplatz, wusste, was ich dort zu welchen Zeiten an welchen Tagen machte und dass ich, wenn er nicht gerade wieder entführt wurde, jeden Morgen den Bus um zwanzig nach acht nahm, der mich ins Zentrum brachte. Außerdem sagte er, dass ich auf dem Heimweg nie den Bus nähme. Das stimmte. Jeden Tag, bei jedem Wetter, trotz aller Waffengefechte und Bombenanschläge, Konflikte und Krawalle, spazierte ich mit einem Buch in der Hand nach Hause. Immer nur mit Büchern aus dem neunzehnten Jahrhundert, Bücher aus dem zwanzigsten Jahrhundert mochte ich nicht, weil ich das zwanzigste Jahrhundert nicht mochte. Rückblickend betrachtet wusste der Milchmann wahrscheinlich auch das alles.

Er sprach also, während wir am oberen Stauteich entlang liefen. Es gab noch einen kleineren unten am Spielplatz. Er schaute geradeaus, der Mann, während er mit mir sprach, wandte mir den Blick nicht zu. Er stellte mir keine einzige Frage bei dieser zweiten Begegnung. Auch schien er keinerlei Reaktion von mir zu erwarten. Nicht, dass ich hätte reagieren können. Ich war immer noch bei »Wo kommt der denn plötzlich her?«. Und warum tat er so, als würde er mich kennen, als würden wir einander kennen, wo wir einander doch kein bisschen kannten? Warum ging er davon aus, dass es mir nichts ausmachte, wenn er neben mir herlief, wo es mir sehr wohl etwas ausmachte? Warum konnte ich nicht einfach stehen bleiben und dem Mann sagen, er solle mich in Ruhe lassen? Aber bis auf »Wo kommt der denn plötzlich her?« kam mir das alles erst später in den Sinn, und damit meine ich nicht eine Stunde später. Ich meine zwanzig Jahre später. Damals, als ich achtzehn war, lauteten die Grundregeln in der permanent alarmbereiten Gesellschaft, in der ich aufgewachsen war: Wenn keine körperliche Gewalt ausgeübt und man nicht direkt verbal beleidigt worden war und keiner in der Nähe blöd guckte, dann war auch nichts passiert. Wie also konnte man Opfer von etwas sein, das es gar nicht gab? Mit achtzehn wusste ich noch nicht, was unerwünschte Annäherung war. Ich hatte ein Gefühl, eine Intuition, eine unwillkürliche Abneigung gegen manche Situationen und Menschen, aber mir war nicht klar, dass Intuition und Abneigung zählten, dass es mein gutes Recht war, nicht jeden Dahergelaufenen zu mögen, dass es mein gutes Recht war, nicht auf ihn einzugehen, wenn er sich mir näherte. Damals konnte ich höchstens darauf hoffen, dass der oder die Betreffende möglichst schnell ausspuckte, was er oder sie nun gerade für freundlich und zuvorkommend hielt, und sich dann wieder aus dem Staub machte; oder ich selbst machte mich, sobald es eben ging, höflich, aber zügig aus dem Staub.

Bei dieser zweiten Begegnung war bereits klar, dass der Milchmann sich zu mir hingezogen fühlte, dass er etwas im Schilde führte. Klar war auch, dass mir das nicht gefiel und es mir andersrum keineswegs so ging. Aber er brachte seine Hingezogenheit nicht mit Worten zum Ausdruck. Und noch immer verlangte er nichts von mir. Auch körperlich kam er mir nicht zu nahe. Bislang hatte er mich ja bei dieser zweiten Begegnung nicht mal angesehen. Außerdem war er älter als ich, viel älter. Konnte es also sein, fragte ich mich, dass ich ihn missverstand, dass ich die ganze Situation falsch deutete? Was das Joggen anging, waren wir immerhin an einem öffentlichen Ort. Der Park bestand aus zwei großen aneinander angrenzenden Parks, nachts eine finstere Ecke, wobei es hier eigentlich auch tagsüber ziemlich finster war. Die Leute gestanden sich nicht gern ein, dass es hier immer finster war, weil es doch wenigstens einen Ort geben musste, an dem man sich noch aufhalten konnte. Es war nicht mein Privatpark, er durfte hier also genauso laufen wie ich, so wie die Kinder in den Siebzigern meinten, hier ihren Alkohol trinken zu dürfen, wie die etwas älteren Kinder später in den Achtzigern meinten, hier ihren Kleber schnüffeln zu müssen, wie sich wieder Ältere in den Neunzigern hier Heroin spritzen würden und sich momentan staatliche Sicherheitskräfte darin versteckten, um Staatsverweigerer zu fotografieren. Sie fotografierten auch bekannte und unbekannte Kontakte dieser Verweigerer, und genau das passierte in diesem Augenblick. Ein unüberhörbares »Klick« ertönte, als der Milchmann und ich an einem Busch vorbeiliefen, und an diesem Busch war ich schon tausendmal vorbeigelaufen, ohne dass er geklickt hatte. Das lag natürlich am Milchmann und an seinen Verwicklungen, und mit »Verwicklungen« meine ich seine Verbindungen, und mit »Verbindungen« meine ich den aktiven Widerstand, und mit »aktivem Widerstand« meine ich staatsfeindlicher Verweigerer aufgrund der politischen Probleme, die wir hier hatten. Jetzt würde ich also in irgendeiner Akte landen, auf irgendeinem Foto, als ehemals unbekannter, nun aber sehr wohl bekannter Kontakt. Der Milchmann selbst zeigte keine erkennbare Reaktion auf das Klicken, obwohl er es unmöglich überhört haben konnte. Ich reagierte, indem ich das Tempo anzog, um den Lauf endlich hinter mich zu bringen, und ebenfalls so tat, als hätte ich das Klicken nicht gehört.

Er aber bremste den Lauf, bremste mich aus, bis wir schließlich nur noch gingen. Nicht, weil er generell unsportlich gewesen wäre, sondern weil er kein Läufer war. Er hatte kein Interesse am Laufen. Bei seiner Lauferei an den Stauteichen, wo ich ihn noch nie hatte laufen sehen, war es ihm gar nicht ums Laufen gegangen. Das, so viel war klar, hatte er nur meinetwegen gemacht. Er tat so, als ginge es ihm um die richtige Tempoeinteilung, aber ich wusste, wie man sich sein Tempo einteilt, und Gehen beim Laufen gehörte für mich nicht dazu. Aber das konnte ich nicht sagen, denn ich durfte nicht sportlicher sein als dieser Mann, durfte nicht mehr von meinem eigenen Training verstehen als dieser Mann, denn das war hier im Verhältnis zwischen Männern und Frauen nicht vorgesehen. Hier war »Ich Mann, du Frau«-Gebiet. Hier war festgelegt, was man als Mädchen zu einem Jungen, als Frau zu einem Mann oder als Mädchen zu einem Mann sagen durfte und was nicht – zumindest nicht offiziell, zumindest nicht in der Öffentlichkeit, zumindest nicht oft. Hier wurden Mädchen nicht geduldet, die sich Männern nicht unterordneten, die männliche Überlegenheit nicht anerkannten, eventuell sogar beinahe so weit gingen, Männern Widerworte zu geben; das waren im Grunde die Missratenen, eine unverschämte und ekelhaft selbstsichere Gattung. Aber nicht alle Jungen und Männer waren so. Manche lachten auch und amüsierten sich über ihre beleidigten Geschlechtsgenossen. Die mochte ich, und zu denen gehörte Vielleicht-Freund. »Du veräppelst mich doch. So schlimm kann es ja gar nicht sein, wirklich so schlimm?«, sagte er lachend, wenn ich von den Jungs erzählte, die einander zwar hassten, aber geeint waren in ihrem Hass auf die laute Barbra Streisand; Jungs, die erbost waren, dass in dem neuen Film Sigourney Weaver das Monster zur Strecke brachte, was keinem der Männer vor ihr gelungen war; Jungs, die Kate Bush nicht ausstehen konnten, weil sie so katzengleich war, und die Katzen nicht mochten, weil sie so frauengleich waren. Worüber ich lieber schwieg, waren die Katzen, die in letzter Zeit so oft tot und verstümmelt in Hauseingängen lagen, dass es in meiner Gegend kaum noch lebendige gab. Stattdessen schloss ich mit Freddie Mercury, den man noch bewundern durfte, aber nur, solange irgendwie geleugnet werden konnte, dass er auch nur ansatzweise vom anderen Ufer war, woraufhin Vielleicht-Freund seine Kaffeetasse abstellte – von allen Leuten, die ich kannte, hatten nur er und sein Freund Chefkoch Kaffeetassen – , sich hinsetzte und erneut aus vollem Halse lachte.

Er war mein Vielleicht-Freund-seit-fast-einem-Jahr, mit dem ich mich dienstagabends traf, hin und wieder auch donnerstagabends, meistens von Freitagabend auf Samstag und immer Samstagabend auf Sonntag. Manchmal wirkte es, als wären wir fest zusammen. Und manchmal überhaupt nicht. Manche Leute aus seinem Umfeld hielten uns für ein richtiges Liebespaar. Aber die meisten sahen uns als eins von diesen losen Paaren, die sich zwar regelmäßig trafen, aber deswegen noch lange nicht als richtiges Pärchen durchgingen. Ich wäre gern ein richtiges Pärchen gewesen und offiziell mit ihm gegangen und ließ das auch irgendwann fallen, aber da sagte Vielleicht-Freund nur: Nein, das könne nicht sein, ich hätte wohl alles vergessen, er werde mich also erinnern. Er sagte, einmal hätten wir es versucht – er als mein fester Freund, ich als seine feste Freundin – , wir hätten uns getroffen und verabredet und uns, wie ein richtiges Paar eben, scheinbar auf ein gemeinsames Ziel zubewegt. Da sei ich ganz seltsam geworden, sagte er. Er sei auch seltsam geworden, aber mich habe er vorher noch nie so ängstlich gesehen. Dunkel dämmerte es mir bei seinen Worten. Zugleich regte sich eine Stimme in mir, die fragte: Denkt er sich das vielleicht nur aus? Er sagte, er habe zum Wohle dessen, was zwischen uns war, schließlich vorgeschlagen, dass wir als festes Paar getrennte Wege gingen, was ohnehin nur dazu geführt habe, dass ich »über Gefühle reden« wollte, was angesichts meiner Panikreaktion, als es eben dazu kam, und angesichts der Tatsache, dass ich normalerweise noch weniger über Gefühle redete als er, nie wirklich mein Ziel gewesen sein könne. Stattdessen habe er vorgeschlagen, sich wieder auf das schwammige Terrain der Ungewissheit zu begeben. Was wir getan hätten, und daraufhin hätte ich mich wieder eingekriegt und er sich auch.

Wegen dem offiziellen Mann-Frau-Gebiet und dem, was Frauen sagen und was sie auf gar keinen Fall sagen durften, schwieg ich, als der Milchmann meinen Lauf erst vereinnahmte, dann bremste und schließlich ganz beendete. Auch diesmal war er nicht unhöflich, zumindest nicht mit erkennbarer Absicht, also konnte auch ich nicht unhöflich sein und einfach weiterlaufen. Stattdessen ließ ich ihn, diesen Mann, den ich nicht um mich haben wollte, mein Tempo drosseln, und da fing er an, von wegen: ich ginge ja immer zu Fuß, wenn ich nicht gerade joggte, und ich wünschte, er hätte diese Worte nie gesagt oder ich sie wenigstens nie gehört. Er sagte, er mache sich Sorgen, man wisse ja nicht, und die ganze Zeit schaute er mich nicht an. »Man weiß ja nicht«, sagte er, »was diese ganze Joggerei und Spaziererei soll. Zu viel Joggerei und Spaziererei.« Und dann bog er plötzlich ohne ein weiteres Wort um eine Ecke am Parkrand und war verschwunden. Wie beim letzten Mal mit dem rasanten Auto war ich auch diesmal – nach dem plötzlichen Auftauchen, der Kontaktaufnahme, der Anmaßung, dem Kameraklicken, der Bewertung meines Joggens und Spazierens und dem erneuten abrupten Verschwinden – verwirrt, der Schreck saß mir in den Knochen. Wie ein Schock, ja, aber ein Schock über etwas, das zu banal, zu unwichtig, zu alltäglich war, als dass man wirklich mit Recht hätte schockiert sein können. Und wegen dieses Schocks registrierte ich erst zu Hause, Stunden später, dass er wusste, wo ich arbeitete. Ich erinnerte mich auch nicht daran, wie ich nach Hause gekommen war, denn hinterher hatte ich erst weiterlaufen wollen, mein Trainingsprogramm weiter abspulen, so tun, als wäre nichts gewesen oder als spiele es zumindest keine Rolle. Und weil ich unkonzentriert war, weil ich verwirrt und nicht ehrlich war, rutschte ich auf einer Seite aus, die sich aus einem weggeworfenen Hochglanzmagazin gelöst hatte. Es war eine Doppelseite, auf der eine Frau mit langem, dunklem, wirrem Haar zu sehen war, sie hatte Strümpfe an und Strapse und irgendwas Schwarzes mit viel Spitze. Sie lächelte zu mir herauf, lehnte sich zurück und spreizte die Beine für mich, und plötzlich rutschte ich weg, verlor das Gleichgewicht, und im Fallen hatte ich freie Sicht auf ihre Blöße.

12:25 27.02.2020

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