Plädoyer für den Umweltschutz

Leseprobe Experten, prominente Publizisten, Mitbegründer und Aktivisten kommen im MagBook „MUT. Wie Greenpeace die Welt verändert hat.“ zum Jubiläum zu Wort und erklären, wie Greenpeace die Welt in den letzten vier Jahrzehnten bewusster und grüner gemacht hat
Plädoyer für den Umweltschutz
Seit Jahrzehnten setzt sich Greenpeace gegen die Industrialisierung der Arktis ein, u.a. dafür, dass Ölkonzerne wie Shell nicht mehr vor der Küste Alaskas bohren dürfen

Foto: Greenpeace Deutschland

Mut macht glücklich

Greenpeace Deutschland wird 40 Jahre alt und hat in dieser Zeit die Gesellschaft verändert, wie es zuvor nur die Weltreligionen getan haben. Walfang, Luftund Gewässerverschmutzung, Robbenschlachten, Atomkraft, Waldzerstörung, Klimawandel – die starken Kampagnen der wichtigsten Umweltschutzorganisation auf dem Globus haben eine ökologische Wende eingeleitet, die die Welt bewusster und grüner gemacht hat.

Dies ist das Buch zum Jubiläum. Es heißt Mut, weil »Mut« am besten beschreibt, was Greenpeace ausmacht. Der Mut, klar zu benennen, was falsch läuft in unserer Welt. Und der Mut, zu handeln. Sich zwischen Wal und Harpune zu werfen. Sich an Bäume zu ketten. Sich mit einem Schlauchboot Tankschiffen entgegenzustellen. Die Aktivist*innen von Greenpeace haben ihr Leben riskiert, um unsere Welt zu retten.

Dass dabei dramatische Bilder entstanden sind, die in diesem Buch zu sehen sind, war nicht Absicht, sondern Folge dieser Aktionen. Sie haben die Brutalität der Robbenschlächter*innen, der Walfänger*innen, der Meeresvergifter*innen, der Waldzerstörer*innen ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gebracht und es dadurch verändert. Die Umweltbewegung ist so mächtig wie nie zuvor. Die Bilder, die Greenpeace geschaffen hat, sind zu stark, um vergessen zu werden. Greenpeace ist auch eine Organisation der Bilder.

Aber so, wie die Welt sich verändert, hat auch Greenpeace sich verändert, denn die derzeitigen Bedrohungen sind dramatischer als je zuvor. Es geht nicht mehr »nur« um den Schutz der Lebensgrundlagen, sondern buchstäblich um das Überleben auf dem Planeten Erde. Greenpeace entwickelte deshalb zusätzliche Aktionsformen, darunter Bildungsinitiativen und Lobbyarbeit, und ging neue Allianzen ein – mit allen, die sich im Kampf für die Umwelt und eine bessere, gerechtere Welt engagieren.

Mut ist also weiterhin mehr als erforderlich, um die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen durch Industrie, Verkehr, Landwirtschaft und das Nicht-Reagieren der Politiker*innen zu verhindern. Es ist noch immer ein Kampf David gegen Goliath.

Davon handelt dieses Buch. Es ist nach der griechischen Elementenlehre in die vier Kapitel Wasser, Feuer, Erde und Luft eingeteilt – als Symbol für den umfassenden Ansatz im Umweltschutz, den Greenpeace verfolgt. Außerdem war Mut schon in der Antike ein großes Thema. Der Staatsmann Perikles sagte: »Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.« Und der Philosoph Demokrit erklärte vor über 2.000 Jahren: »Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.«

Ein schöner Gedanke: Mut macht glücklich.

Bilder schaffen

Warum Greenpeace heute noch so modern ist

von: Harald Welzer

Fangen wir mal pathetisch an, wie es sich bei einem Jubiläum gehört: Ohne Greenpeace hätte die internationale Ökologieund Klima- schutzbewegung erheblich weniger Erfolge zu verzeichnen, als es in den vergangenen vier, fünf Jahrzehnten der Fall war. Fahren wir etwas prosaischer fort, wie es sich vielleicht gerade bei einem Greenpeace-Jubiläum gehört: Schade, dass die von Greenpeace begründete Tradition der Schaffung von Bildern des Engagements in der Umweltbewegung so wenig Nachahmungen gefunden hat und dass weite Teile, insbesondere der wissenschaftlich Engagierten, sich irrigerweise darauf verlassen, dass das permanente Mahnen und Warnen, gestützt durch abstrakte Diagramme und abgenutzte Illustrationen, irgendeinen Effekt auf das Handeln von Menschen hätte. Hat es nicht.

Greenpeace dagegen hat Bilder geschaffen. Schlauchboote gegen Walfangschiffe. Menschen auf himmelhohen Schornsteinen. Riesige Transparente an Denkmälern. Schiffe namens Rainbow Warrior oder Beluga in Action. Kurz: Bildikonen des Widerstands gegen die Zerstörung der Grundlagen des menschlichen Überlebens. Der Erfolg von Greenpeace geht genau darauf zurück – auf die Kraft, Bilder zu schaffen. Und indem diese Bilder nicht die Zerstörung von Ökosystemen, Lebensräumen, Landschaften dokumentierten, sondern den fantasievollen und riskanten Kampf gegen genau diese Zerstörung, hatten sie Aufforderungswert: Schaut her, man kann etwas machen, selbst wenn man zu klein ist, keine Mehrheiten hat, die Gegner übermächtig sind und die Allgemeinheit gleichgültig.

Politischer Kampf, das liegt in der DNA von Greenpeace, braucht nicht nur richtige Argumente. Er braucht auch Gewinne in der Ökonomie der Aufmerksamkeit, gerade in modernen Mediengesellschaften. Diese Gewinne erzielt man durch punktgenau kalkulierte und bildmächtige Regelverletzungen. Und das Publikum, das vielleicht die politische Absicht noch nicht einmal verstanden hat, denkt: Cool! Da wäre ich auch gern dabei (wenn ich nur mutig genug wäre).

Was für ein Unterschied zur rein kognitiv operierenden unermüdlichen Bewusstseinsmassierungsanstrengung der Mahnenden und Warnenden, wo leider niemand denkt: Cool! Da möchte ich mitmachen! Sondern allenfalls: Stimmt (na ja, aber was folgt daraus für mich?).

Die Geschichte von Greenpeace ist von der intuitiven Überzeugung geprägt, dass eine Bewegung nur dann machtvoll sein kann, wenn sie nicht nur argumentiert, sondern selbst schon Bewegendes verkörpert – also ein Erleben von Konflikt und Widerstand, von Sieg und Niederlage, von Veränderung des eigenen Lebens, von Mitmachen, von Dabeisein. Und Greenpeace war klug genug, seinen Aktionismus wissenschaftlich zu hinterlegen, also die Widerstandsakte und Regelbrüche zu legitimieren.

Greenpeace ist so gesehen, besonders in den Anfängen, keine kognitiv, sondern eine ästhetisch arbeitende Umweltschutzorganisation. Sie ist attraktiv – nicht nur, weil sie Bilder schafft, sondern weil diese Bilder Assoziationen wecken. An das mythologische Motiv David gegen Goliath, forever eine starke und wirkmächtige Erzählung darüber, dass man aus der Schwäche heraus siegen kann. An das Abenteurertum: Besonders die Aktionen auf See triggern das Geschichten-Gedächtnis, von Joseph Conrad bis Pirates of the Caribbean. An die Aufrechten, Gerechten, Autonomen mit der eigenen Urteilskraft, von den sieben Samurai bis – ja, bis Greta Thunberg.

Denn natürlich wäre Greta mit ihrem Plakat und ihrem zivilen Ungehorsam gegen die Schulpflicht ohne die Bild- und Widerstandsgeschichte von Greenpeace nicht zu denken, und dass sie selbst das womöglich gar nicht weiß, macht den Erfolg von Greenpeace nur noch deutlicher: Keiner anderen Umweltschutzorganisation ist es gelungen, so klar zu definieren, wie Widerstand geht. Und wie er aussehen muss, damit er Zustimmung erzeugt.

Aus meiner Sicht ist – neben den faktischen Erfolgen – dies das bleibende und vor allem auch das vitale Verdienst von Greenpeace: Das Streiten für eine intaktere Ökosphäre und eine gerechtere soziale Welt nicht als Projekt staubtrockener Überzeugungsarbeit zu verstehen, sondern buchstäblich als Engagement, also als Einsatz ganzer Menschen, mit Körpern und Gefühlen, Angst, Mut und Willen.

Und darum herum einen professionellen Rahmen zu bauen, weil Aktion allein, ohne legitimierendes Hinterland, nicht reicht. So wie Greenpeace auch eine Entwicklungsgeschichte der Professionalisierung hat, die nicht ohne Konflikte und Opfer verlaufen ist, hat sich in den 40 Jahren seit der Gründung von Greenpeace Deutschland auch die übrige Umwelt-und Klimaschutzbewegung kommunikativ entwickelt – einerseits in der beharrlichen Arbeit in den Institutionen und Administrationen (was Greenpeace auch macht), andererseits in der Verlagerung von der Aktion auf die Argumentation. Das läuft leider nicht selten auf eine Kommunikation in Insiderwelten hinaus, deren Mitglieder schon damit zufrieden sind, dieselben Besorgnisse zu teilen. Die Tradition des kreativen, unerwartbaren, irritierenden Protests, wie Greenpeace ihn geprägt hat, ist vor allem in zwei Gruppierungen eingewandert: In die, die sich künstlerischen Aktionen mit politischem Anspruch widmen (wie etwa das Peng! Kollektiv oder, mit längerer Tradition, die US-amerikanischen Yes Men), und in die europäischen Seenotretter*innen, die im Zuge des Anwachsens der Flüchtlingszahlen und der Abschottungspolitik der EU immer wichtiger und sichtbarer geworden sind. Hier tauchen ja die von Greenpeace geprägten Elemente der gezielten Regelverletzung, des Einsatzes von Booten und das Schaffen von Bildern genauso wieder auf wie der bewunderungswürdige persönliche Einsatz. Übrigens von Menschen, die heute so jung sind, wie die Leute von Greenpeace es damals waren.

Und damit wären wir wieder bei der heutigen Protestgeneration, der Generation Greta. Dazu habe ich zwei Hypothesen: Erstens wird sich diese Generation weiter politisieren, weil das 21. Jahrhundert ihr Jahrhundert ist und sie alles Recht der Welt hat, es sich nicht von ihren Vorgängergenerationen zerstören zu lassen.

Zweitens wird diese politische Generation nur dann wirkmächtig werden können, wenn sie Bilder schafft und kreative, neue Formen des zivilen Widerstands und Protests entwickelt.

Einstweilen beschränkt sie sich ja auf wissenschaftlich begründetes Argumentieren. Um eine Bewegung zu werden, die auch diejenigen fasziniert und motiviert, die zunächst noch gar nicht dazugehören, muss sie sich an den ästhetischen Strategien von Greenpeace orientieren und diese für ihre Generation weiterdenken. So betrachtet, ist Greenpeace einstweilen immer noch moderner als die Protestbewegungen der Gegenwart. Kann man zu einem Jubiläum eigentlich Besseres sagen?

16:04 18.11.2020

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