Heute/Morgen

Leseprobe "Oder anders ausgedrückt: Beijing ist die Stadt der Vergangenheit, Shanghai die Stadt der Gegenwart, aber Shenzhen ist die Stadt der Zukunft. Eben Weltwirtschaft von morgen – heute schon zu besichtigen. Live oder in diesem Buch."
Heute/Morgen

Foto: Kevin Frayer/Getty Images

Einleitung

Das Silicon Valley in Kalifornien hat für viele Politiker, Manager und Unternehmer, aber auch für Medienleute immer noch eine magische Anziehungskraft. Dort vermuten sie Antworten auf die Frage zu finden, wie die Welt von morgen aussehen wird. Silicon Valley gilt als avantgardistisch, als hipp, als Laboratorium der Welt. Dort sind Apple, Facebook, und Google zu Hause, aber auch viele unbekannte Start-up-Unternehmen, die so groß werden wollen wie die eben genannten. Dort kann man – so glauben viele – in die Glaskugel schauen, denn dort sei man der Zeit immer ein paar Jahre voraus.

Deshalb muss man dorthin, das muss man gesehen haben. Deshalb die vielen Pilgerreisen in das gelobte Land südlich von San Francisco. Einst trieb sich dort der damalige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann ein ganzes Jahr herum und kam mit Bart und ganz großen Augen zurück. Dann folgte ihm Springer-Vorstand Christoph Keese und erzählte uns in seinem Buch – so der Untertitel – »was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt«.

Unzählige Politikerdelegationen tourten eilig durch das Silicon Valley, um danach den Daheimgebliebenen mit leuchtenden Augen zu erzählen, was dort alles abgeht.

Die Damen und Herren sollten mal die Richtung wechseln. Statt in den Westen sollten sie in den Osten, den Fernen Osten, nach China fliegen. Zwar reisen viele Delegationen inzwischen auch dorthin, aber meist nur nach Beijing und Shanghai. Shenzhen liegt meist nicht auf ihrer Route.

Shenzhen? Wo liegt das denn?

Shenzhen liegt direkt gegenüber von Hongkong, von diesem – inzwischen muss man ja leider sagen – Unruheherd nur durch eine ziemlich poröse Grenze getrennt.

Immerhin war Bundeskanzlerin Angela Merkel auf ihrer elften China-Reise im Mai 2018 für ein paar Stunden in Shenzhen. Sie resümierte, nachdem sie das vernetzte Shenzhen mit eigenen Augen gesehen hatte, »dass wir uns ganz strategisch mit der Digitalisierung befassen müssen.« Was aber – und das sei nur am Rande vermerkt – bislang nicht passiert ist.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier war noch nicht in Shenzhen. Er flog im Juli 2019 – noch ganz alte Schule – nach San Francisco. Doch immerhin verkündete er ausgerechnet dort seine neue Sicht der Dinge: »Wir müssen auch den Blick darauf lenken, dass das Silicon Valley nur ein Ort ist, wo die Zukunft gestaltet wird«, sagte er etwas verquer, »heute gibt es auch in vielen Städten wie in Shenzhen oder Shanghai sehr viel Innovation, sehr viel Zukunft, sehr viel Offenheit.«

Einer seiner Vorgänger als Bundeswirtschaftsminister, Karl-Theodor zu Guttenberg, ist da gedanklich schon etwas weiter. In der Frankfurter Alten Oper appellierte er bei einem Unternehmerkongress an die versammelte Managerschar: »Schicken Sie Ihre Mitarbeiter zum Lernen nicht ins Silicon Valley, sondern nach Shenzhen. Dann spüren Sie die globalen Machtverschiebungen.«

Und diesmal stimmt das Zitat von ihm.

Wer wissen will, wie – im Guten wie im Bösen – die Welt von morgen aussehen könnte, der muss nach Shenzhen fahren. Er wird dann sehen, wie man den Nahverkehr einer Millionenstadt auf Elektro umrüstet, wie Roboter zunehmend den Alltag beherrschen, wo man per Gesichtserkennung schon überall Zutritt hat, wie Drohnen Verkehrssünder verfolgen, wie zwei ortsansässige Konzerne das Gesundheitswesen revolutionieren oder – ganz bodenständig – Mülleimer sich via Sensoren melden, wenn sie voll sind.

Shenzhen ist eine Modellstadt, ein großes Reformlabor. Für das restliche China war Shenzhen schon immer das Vorbild, seit die Stadt 1979, die damals noch eine Ansammlung von Dörfern war, von Chinas oberstem Reformer Deng Xiaoping zur Sonderwirtschaftszone auserkoren wurde. In Shenzhen durfte immer mehr experimentiert werden als anderswo in China. Und hier gibt es seit eh und je eine Stadtregierung, die stets offen für neue Ideen war und Entrepreneurship gefördert hat.

Deshalb ist man hier auf dem Weg vom Made in China zum Created in China schon am weitesten vorangeschritten. In Shenzhen wird längst nicht mehr nur kopiert, sondern innoviert. An keinem Ort in China wird der von der Führung vorgegebene Masterplan Made in China 2025 schon so konsequent umgesetzt wie in Shenzhen.

Hier herrscht ein sehr innovatives Klima. Nach Shenzhen kommen viele junge Menschen aus China – aber auch zunehmend aus dem Ausland – mit unternehmerischen Träumen und Wünschen, die sie hier realisieren wollen und häufig auch können. Das Faszinosum Shenzhens erinnert mich ein bisschen an das frühere Amerika, das einst das gelobte Land für Leute mit Ideen war.

Viele vergleichen Shenzhen mit dem Silicon Valley in Kalifor- nien. Doch es gibt nach meiner Meinung einen großen Unterschied. Anders als das auf IT und Software basierende Silicon Valley hat Shenzhen eine viel breitere industrielle Basis und deshalb auch die nötige Hardware. Anders ausgedrückt: In Shenzhen kannst du sozusagen morgens eine Idee haben und am Abend schon den Prototypen in der Hand. Shenzhen profitiert immer noch sehr davon, dass in seinem Umland die größte Fabrikdichte der Welt herrscht.

Wie diese entstanden ist, konnte ich mit eigenen Augen verfolgen, als ich Anfang der 1990er Jahre zum ersten Mal nach Shenzhen reiste. Ich besorgte mir in einer der vielen kleinen Reisebüros in Hongkong ein Visum, das man damals problemlos und fix bekam. Zwei Tage später stieg ich in Hongkong in die Metro und fuhr nach Lo Wu, der Endstation der MTR aus Hongkong.

Ich trug meinen Koffer über eine Brücke, die über einen kleinen Fluss, der eigentlich eher ein Rinnsal war, führte, und passierte die Grenzkontrolle. Draußen lungerten schon die Taxifahrer und in den Hotels die Prostituierten. Es war keine schöne Stadt, aber es war schon damals eine pulsierende Stadt, eine geschäftige Stadt.

Immer wieder fuhr ich in den folgenden Jahren und Jahrzehnten nach Shenzhen und konnte so den Aufstieg dieser Stadt authentisch verfolgen. Jedes Mal musste ich mich neu orientieren, weil sich die Geometrie der Stadt schon wieder einmal verscho- ben hatte. Jedes Mal staunte ich, welche neuen architektonischen Wunderbauten binnen kurzer Zeit aus dem Boden gestampft worden waren.

Im Sommer 2019 verbrachte ich dann zur finalen Recherche dieses Buches mehrere Wochen in der Stadt. Anfangs war es für mich ein nur schwer durchschaubarer Moloch. Gigantisch in seinen Ausmaßen. Von Ost nach West sind es rund 40 Kilometer. Offiziell wohnen 12 Millionen Menschen dort. Aber fast jeder sagte mir, es seien wohl mindestens 20 Millionen. Keine Stadt der Welt ist so schnell gewachsen.

Und trotzdem: Es ist kein monotones Häusermeer wie viele vermuten würden. Shenzhen ist eine sehr grüne Stadt. Es ist eine supermoderne Stadt, wo sich Architekten aus aller Welt austoben dürfen. Und Shenzhen ist zunehmend eine lebenswerte Stadt mit Bars, Galerien, Malls und Restaurants.

Dieses Buch versucht, allen Facetten dieser Metropole gerecht zu werden. Es ist in zehn Kapitel unterteilt. Jedes Kapitel steht für sich, kann also separat gelesen werden. Wen zum Beispiel die Geschichte vom märchenhaften Aufstieg Shenzhens und seiner Um- gebung nicht interessiert, kann die ersten beiden Kapitel auslassen. Wer wissen will, wie die Start-up-Szene tickt, kann das im dritten Kapitel erfahren. Im vierten Kapitel beschreibe ich die Strategien der beiden Giganten Tencent und Ping An, die um ihr ursprüngliches Kerngeschäft herum weltweit einzigartige Ecosysteme geschaf- fen haben. Im fünften Kapitel versuche ich zu erläutern, wie sich all die neuen Technologien in Shenzhen zu einer Smart City fügen.

Das sechste Kapitel ist dem Thema Verkehr gewidmet und hat natürlich zum Schwerpunkt, wie es Shenzhen als erste Stadt der Welt geschafft hat, alle Busse und Taxen auf Elektro umzurüsten. Im siebten Kapitel folgt eine Übersicht über die wissenschaftliche Basis dieser Stadt. Das achte Kapitel zeigt das etwas andere Gesicht Shenzhens, nämlich das von Architektur, Design und Kultur. Die beiden letzten Kapitel widmen sich dem geografischen Umfeld Shenzhens. Das neunte Kapitel beschreibt das – nicht ganz einfache – Verhältnis zum Nachbarn Hongkong. Und im Kapitel zehn wird das Mammutprojekt Greater Bay Area (GBA) vorgestellt, das den größten Wirtschaftsraum der Welt kreieren soll.

Die anhaltenden Unruhen in Hongkong werden die Rolle Shenzhens verändern. Je schwächer Hongkong wird, desto stärker wird Shenzhen. Dieser Prozess wird auch bewusst von der Regierung in Beijing unterstützt, in dem sie Shenzhen immer mehr aufwertet.

Im August 2019 wurde Shenzhen vom Staatsrat und dem Zentralkomitee – höher geht es nicht mehr – in einem viel beachteten Dokument zur Modellstadt für die nächsten Jahrzehnte erklärt. Nicht Beijing, nicht Shanghai, sondern Shenzhen. Damit steht Shenzhen über diesen Städten. Das bedeutet eine enorme Aufwertung, aber auch die Anerkennung des bislang Geleisteten.

Shenzhen wird also politisch, wirtschaftlich und technologisch eine neue Macht werden. Doch Shenzhen wird anders sein als die anderen chinesischen Metropolen. Beijing ist die Stadt der Bürokraten und der Staatskonzerne. Shanghai ist die Stadt der interna- tionalen Multis, des Kapitals und der neureichen Schickeria. Shenzhen dagegen ist die Stadt der Ideen, der Innovationen, der Jungen.

Oder anders ausgedrückt: Beijing ist die Stadt der Vergangenheit, Shanghai die Stadt der Gegenwart, aber Shenzhen ist die Stadt der Zukunft. Eben Weltwirtschaft von morgen – heute schon zu besichtigen. Live oder in diesem Buch.

Wolfgang Hirn, Berlin

12:48 12.03.2020

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