Mit „Fokus Ost“ und „Positions“ führt Intendantin Ola Staszel eine neue Sektion ein, die ostdeutsche Perspektiven im Dokumentarfilm stärkt. „Die Stimmen aus dem Osten unseres Landes werden nicht immer gehört. Ihnen an einem Ort wie Leipzig und bei einem Festival mit einer solch bewegten und von tiefgreifenden politischen Umbrüchen geprägten Geschichte mehr Raum zu geben, sollte selbstverständlich sein,“ sagt Staszel. „Der Ausgangspunkt der gezeigten Filme ist hier; ihre Relevanz geht darüber hinaus. Wir hoffen, dass sie gerade im Austausch mit unserem internationalen Publikum ihre diskursive Kraft entfalten.“
Kuratorin Grit Lemke, Filmemacherin, Autorin und ehemalige Programmleiterin bei DOK Leipzig, ergänzt: „Es geht darum, einen Leerraum zu füllen, um Korrektive und Gegennarrative. Zu fragen, warum ostdeutsche Vielfalt nicht gesehen und erzählt wird – und wer darüber entscheidet. Es geht um Selbstbefragungen – angesichts tiefgreifendster Veränderungen.“
Die Langfilme erzählen u.a. vom Protest Rostocker Studierender gegen die Abwicklung der Außenstelle der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in der Wendezeit („Die Klasse von 1990“), von der Biographie zweier ehemaliger DDR-Vertragsarbeitender aus Vietnam („Onkel Thuận“) und von einem Garten, der inmitten einer Schweriner Plattenbausiedlung zu einem leuchtenden Ort wird („Garten der Hoffnung“). Während einer der Kurzfilme mit gleichnamigem Titel ins „Silicon Saxony“ führt, ist „10 bis 20 Halden“ eine filmisch-assoziative Recherche, die Landschaft, Geschichte, Mythos und Identität im Mansfelder Land miteinander verbindet.
Eröffnungsfilm „Guten Abend, du Schöne“ bringt Klassiker der feministischen DDR-Literatur in die Gegenwart. Vier weitere Filme der Sektion sind Teil des Deutschen Wettbewerbs Dokumentarfilm und werden am 8.10. veröffentlicht. Acht der insgesamt zehn Dokumentarfilme feiern im Rahmen der 69. Festivalausgabe ihre Weltpremiere, darunter der diesjährige Eröffnungsfilm, der die Sektion vervollständigt: Ina Borrmanns „Guten Abend, du Schöne“. Die in Sachsen geborene Regisseurin hat Protagonistinnen des 1977 erschienenen, titelgebenden Protokollbands „Guten Morgen, du Schöne“ von Maxie Wander getroffen und erneut zu ihrem Leben befragt. Das Buch hatte Generationen geprägt und ist eines der wirkmächtigsten der deutschen Literaturgeschichte. Damals wie heute reflektieren die Frauen — einst anonym, nun unter echtem Namen — mit großer Offenheit über Lebensentwürfe, Arbeit, Partnerschaft, DDR-Vergangenheit und Gegenwart, Familie, Sexualität, Alter und ihren Platz in der Gesellschaft.
Durch das radikal offene Sprechen über das vermeintlich Private stellt „Guten Abend, du Schöne“ erneut wichtige Fragen über das Leben im Patriarchat, die seit Erscheinen des Buches nichts an Aktualität verloren haben. Parallel zur feierlichen Eröffnung am 26.10. im Schauspiel Leipzig wird es um 20:30 Uhr in der Osthalle des Leipziger Hauptbahnhofs ein öffentliches Screening von „Guten Abend, du Schöne“ geben. Der Eintritt ist frei.
Teil der Sektion ist außerdem der DOK Talk „Ostdeutsche Perspektiven im Dokumentarfilm“, der am 30.10. um 16 Uhr in der Volkshochschule Leipzig stattfindet und in Kooperation mit der Wochenzeitung „der Freitag“ organisiert wird. Wie werden Ostdeutschland und ostdeutsche Lebensrealitäten im Dokumentarfilm repräsentiert? Mit welchen Hürden sind Filmschaffende konfrontiert? Und welche Filme finden ihren Weg auf die Kinoleinwand, in Fernsehprogramme, Mediatheken oder Streamingdienste?
Im Gespräch mit Gäst*innen der diesjährigen Festivalausgabe möchte DOK Leipzig eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation vornehmen und diese zur Debatte stellen. Moderiert wird der Talk von Barbara Schweizerhof, Filmredakteurin bei „der Freitag“. Auch diese Veranstaltung ist öffentlich und kostenfrei. „Guten Abend, du Schöne“ startet am 14.1. in den deutschen Kinos.
Teil der Sektion sind in Kooperation mit der Woche der Kritik außerdem zwei Debattenformate, die etablierte Gesprächsstrukturen zwischen Publikum, Filmschaffenden und Kritiker*innen aufbrechen und im Anschluss an zwei Screenings stattfinden werden. Die Woche der Kritik wird vom Verband der deutschen Filmkritik ausgerichtet und erprobt seit 2015 parallel zur Berlinale verschiedene Formen des Sprechens über Film. Ergänzend zu den gemeinsam entwickelten Diskussionsabenden wird es nach weiteren Filmvorführungen der Reihe Extended Q&As mit Filmschaffenden und eingeladenen Expert*innen geben.
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