Artist in Focus

Schwerpunkt Ab dieser Ausgabe des Festivals widmen wir uns jedes Jahr einer bedeutenden Figur des internationalen Theaters. Den Anfang wird dabei 2021 die spanische Regisseurin und Dramatikerin Angélica Liddell machen
Artist in Focus
Liebestod von Angélica Liddell

Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Es ist uns eine besondere Freude, dass mit Angélica Liddell eine Künstlerin, die das zeitgenössische Theater wie wenige andere geprägt hat, zugesagt hat, als Auftakt dieser Reihe zwei ihrer neuesten Inszenierungen in deutscher Erstaufführung zu präsentieren. Dazu gibt es eine besondere Aktion mit Angelica Liddell in Kooperation mit den Staatlichen Museen zu Berlin. Außerdem zeigen wir im Netz über die gesamte Dauer des Festivals bislang in Berlin noch nicht aufgeführte Inszenierungen der Künstlerin.

Im Frühjahr 2022 – wieder zu den angestammten Festivaldaten im April – wird FIND dann in einem Schwerpunkt das Werk des kanadischen Autors, Regisseurs, Schauspielers und Filmemachers Robert Lepage beleuchten.

Die spanische Autorin, Regisseurin und Performerin Angélica Liddell, die im Fokus der diesjährigen Festivalausgabe steht, ist der Schaubühne und FIND seit vielen Jahren verbunden. Mit ihrer Gruppe Atra Bilis Teatro hat sie bei zurückliegenden Festivaleditionen mehrere ihrer wegweisenden Arbeiten gezeigt: 2014 ihre unter dem Eindruck des von Anders Breivik in Utøya verübten Massakers entstandene Peter-Pan-Fortschreibung Todo el cielo sobre la tierra (El sindrome de Wendy). 2018 ihre Inszenierung ¿Qué haré yo con esta espada?, in der sie bildgewaltig die Geschichte eines berüchtigten japanischen Kannibalen verknüpft mit dem Terrorismus in unserer vermeintlich hochzivilisierten Gesellschaft. Mit Toter Hund in der Chemi­ schen Reinigung: die Starken, der Eröffnung von FIND 2017, hat sie eine Inszenierung mit dem Ensemble der Schaubühne erarbeitet. Unter Berufung auf Diderot und Foucault entwirft sie ein dystopisches Europa der totalen Kontrolle über das Individuum.

Gewalt, Überwachung und Grausamkeit und ihr Widerspruch zu einer Zivilisation, die in zynischer Doppelmoral den gutgemeinten Humanismus zur alternativlosen Staatsreligion erklärt hat, sind auch die Leitmotive zweier von Angélica Liddells neuesten Inszenierungen. Im Zentrum steht dabei die Rolle der Künstlerin in der Gesellschaft: ihrer Marginalisierung, ja, moralisierenden Stigmatisierung.

Das zentrale Thema ihrer Arbeit The Scarlet Letter von 2019, in der der scharlachrote Buchstabe »A« gleichermaßen die Ehebrecherin (»Adulteress«) wie die Künstlerin (»Artist«) brandmarkt, führt Angélica Liddell in ihrer während der Pandemie entstandenen Inszenierung Liebestod in konsequenter Weise fort. In Auseinandersetzung mit den »großen Meistern«, die ihr Werk geprägt haben, allen voran Antonin Artaud, hinterfragt sie schonungslos ihre eigene Relevanz als Künstlerin. Zugleich stellt sie sich in die Tradition des legendären Torero Juan Belmonte. Seine Kampfkunst, die den Stierkampf zur spirituellen Disziplin fortentwickelt, und sein tragischer Selbstmord im Jahr 1962, den sie mit dem Denken Emil Ciorans in Verbindung setzt, wird zum Ausgangspunkt einer obsessiven Reflexion über den Tod. Schon drei Monate nach der Uraufführung während des Festivals von Avignon im Juli 2021 wird »Liebestod« nun zum ersten Mal als Gastspiel zu sehen sein.

Parallel zu den beiden Aufführungen auf der Bühne hat Angélica Liddell selbst zwei Aufzeichnungen ihrer früheren Inszenierungen ausgewählt, die während des gesamten Festivalzeitraums auf unserer Website online zu sehen sind: Todo el cielo sobre la tierra (El síndrome de Wendy), ihre vielleicht emblematischste Arbeit; und You are my destiny (Lo stupro di Lucrezia), uraufgeführt 2015 bei der Biennale von Venedig, in der der antike römische Missbrauchsfall der Lucretia einer verstörenden Neulektüre unterzogen wird. Online wird dazu auch der Dokumentarfilm Angélica (Una tragedia) von Manuel Fernández-Valdés für die Dauer des Festivals verfügbar sein, der Angélica Liddell bei den Proben von »Todo el cielo sobre la tierra (El sindrome de Wendy)« begleitet.

Ein weiterer Höhepunkt der Werkschau ist eine persönliche Führung in den Staatlichen Museen zu Berlin, in der Angélica Liddell den Zuschauer_innen Werke der Kunstgeschichte vorstellen wird, die sie in ihrer Arbeit in besonderer Weise beeinflusst haben.

10:30 24.08.2021

Event: Weitere Artikel


„Gegenbild und Gegenmacht“

„Gegenbild und Gegenmacht“

Zum Festival Wir begrüßen Sie herzlich zum 20. Festival Internationale Neue Dramatik und laden Sie ein, herausragende neue Arbeiten des Autor_innentheaters – in diesem Jahr aus fünf Ländern und zwei Kontinenten – zum ersten Mal in Berlin zu erleben
Eine Erfolgsgeschichte

Eine Erfolgsgeschichte

Historie Seit 2000 bietet die Schaubühne am Lehniner Platz als Ort für zeitgenössisches, experimentelles Sprechtheater beim Festival für Internationale Neue Dramatik internationalen Theatermacher*innen die Möglichkeit, ihre Arbeiten in Berlin zu inszenieren
Herausragende Inszenierungen

Herausragende Inszenierungen

Netzschau „Durch die Perspektiven von Klasse, Patriarchat und Kolonialismus erkundet »Kein Weltuntergang« von Chris Bush die Klimakrise, die doch mit nahezu jedem Aspekt unseres Lebens verflochten ist“

FIND 2021 | Trailer

Video Das FIND findet vom 29. September bis 10. Oktober an der Schaubühne statt. Anne Arnz, Produktionsleiterin des FIND, sowie Festivaldramaturg Florian Borchmeyer und Dramaturg Christian Tschirner geben Ihnen in unserem FIND-Trailer einen Einblick


FIND 2021 | Outside von Kirill Serebrennikov

Video Kirill Serebrennikov ist seit 2012 Intendant des Gogol Center in Moskau. »Outside« ist seine dritte Arbeit, die beim FIND gezeigt wird


FIND 2021 | Love von Alexander Zeldin

Video Eine Notunterkunft des Sozialamts an den Weihnachtstagen. Im Aufenthaltsbereich mit Küchenzeile, von dem aus man zum Bad und den Schlafzimmern gelangt. Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten finden hier eine Bleibe und treffen aufeinander


FIND 2021 | THIS IS HOW WE DIE

Video Aus dem Setting einer szenischen Lesung heraus, an einem Tisch sitzend und mit seinem Textbuch vor sich liegend, entwickelt der junge kanadisch-amerikanische Performer Christopher Brett Bailey in »THIS IS HOW WE DIE« eine rasante Beat-Poetry-Collage