Neue Klänge

Klassik Mit der Isarphilharmonie bekommt München ab Oktober 2021 eine moderne Spielstätte mit Platz für rund 1.900 Besucher*innen. Sie soll nicht nur das klassische Konzertpublikum ansprechen, sondern als Experimentier- und Werkstattraum dienen
Neue Klänge
Blick auf die Bühne der Isarphilharmonie

Foto: HGEsch/gmp Architekten

Für die Konzeption wurde ein hochrangiges Team verpflichtet: die international renommierten Architekten von Gerkan, Marg und Partner (gmp) sowie mit Yasuhisa Toyota einen der besten Akustiker der Welt.

Die Raumdimensionen, die Anordnung der Ränge und die Position der Bühne sorgen für eine hervorragende Akustik und eine intime Atmosphäre. Dunkel lasiertes Holz, vereinzelte, dimmbare Spots auf die Bühne – die Atmosphäre soll konzentriert und mystisch werden. Die Bestuhlung aus dunklem Holz und Textil unterstreicht die intime Grundstimmung zusätzlich. Einen scharfen Kontrast bildet der Bühnenboden, der aus hellem Holz gestaltet ist. Den Architekten war es außerdem wichtig, einen starken, räumlichen Bezug zwischen Publikum und Künstler*innen herzustellen – ein Effekt, der durch die Ausformung des Saals und den Einsatz durchlässiger Elemente, wie z. B. die Stahlnetzbespannung der Brüstung, gelungen ist.

Das Foyer der Isarphilharmonie bildet die markante Halle E, eine ehemalige Lagerhalle für Strom-Trafos aus den 1920er Jahren. Sie ist von Grund auf saniert, hat aber ihren einzigartigen Industrie-Charme bewahrt. Außen Backstein, innen weitläufig und hell mit einem großen Glasdach. Sogar der alte Lastenkran hängt noch unter der Decke. Im Erdgeschoss ist sie ein lebendiges Foyer mit dem Lesecafé »GAiA Deli & News«, der »GAiA Bar«, Info- und Ticketschalter und dem Saal »Projektor«.

Das Akustikdesign der Philharmonie

Das Akustikbüro Nagata hat schon mehr als fünfzig Konzertsäle klanglich optimiert. Trotzdem ist das Philharmonie-Projekt für das Ausweichquartier des Gasteig in Sendling einzigartig. Was Sitzbezüge mit exzellenter Akustik zu tun haben und welcher entscheidende Moment schon lange vor der feierlichen Eröffnung stattfindet.

Der Kran bewegt sich in eleganter Umsicht wie ein Dirigent. Metallische Hammerschläge geben den Takt, ein Bohrer hebt zum spontanen Solo an, die Dieselmotoren wummern tief, eine Säge kreischt auf: In der entstehenden Philharmonie des Gasteig Sendling gibt es schon jetzt Einiges zu hören. Doch die Kakophonie wird bald deutlich filigraneren Tönen weichen. Denn der Klang des Konzertsaals wird durch das weltweit renommierte Akustikbüro Nagata unter der Leitung von Yasuhisa Toyota konzipiert.

Wenn das Publikum die neue Philharmonie im Oktober das erste Mal erleben darf, sind zuvor jede Menge Entscheidungen gefallen, die ihre Akustik beeinflussen. Die Raumdimensionen, die Anordnung der Ränge, die Position der Bühne, das alles prägt das Konzerterlebnis – und ist sorgfältig nach klanglichen Gesichtspunkten austariert. Sogar die Oberflächen der Sitze, die man selbst doch eher nach ihrer Bequemlichkeit beurteilt, werden aufwändig nach ihren Schalleigenschaften ausgesucht. Und wenn die 1.800 Gäste den Raum füllen, dann sind sie für das Akustik-Team nicht nur als Musikliebhaber*innen, sondern auch wegen ihrer eigenen schallabsorbierenden Funktion interessant.

Die Ansprüche der Menschen an Livemusik sind nicht zuletzt durch die gehobene Qualität der Tonaufnahmen gestiegen. »Das Ziel ist es, extreme Klarheit mit einem satten vollen Ton zu balancieren «, erklärt Marc Quiquerez, Senior Consultant bei Nagata. Doch in einem Live-Konzert wolle das Publikum auch den Raum hören. Früher sei man davon ausgegangen, dass klangliche Klarheit reduzierten Nachhall mit sich bringe. Jüngste Erfahrungen hätten jedoch gezeigt, dass man beides bis zu einem gewissen Grad maximieren könne.

Auf dem Weg zum exzellenten Klang für die Philharmonie in Sendling steht Nagata Acoustics im engen Austausch mit dem Architekturbüro gmp – Gerkan, Marg und Partner, das den Bau entworfen hat. Der Generalunternehmer NÜSSLI baut die Konzerthalle mit einem Raumvolumen von fast 60.000 Kubikmetern aus. Dazu wird ein Konzertsaal für 1.800 Gäste aus vorgefertigten Vollholz-Elementen in die Konstruktion eingepasst. Das Besondere am Projekt war, dass es von vornherein als temporäre Struktur mit begrenztem Budget konzipiert wurde: Die Bauweise ist auf schnellen Auf- und möglichen Abbau ausgelegt.

Das wirkt sich auch auf den architektonischen Ausdruck aus. Ebene, gerade Linien prägen den Bau anstatt kurviger Formen. Aus akustischer Sicht sind die Raumform sowie die Position und Orientation der reflektierenden Oberflächen entscheidende Faktoren. Deshalb ist die Zusammenarbeit mit den Architekt*innen so wichtig. Erst muss ausgehend von den Dimensionen der Bühne die passende Geometrie gefunden werden. Auch die Decke benötigt eine bestimmte Höhe. Dann entspinnt sich ein Wechselspiel daraus, wie sich die Sitze verteilen und wie die akustischen Oberflächen ausgerichtet werden müssen.

In Debatten um Konzertsäle wird oft der rechteckige Schuhschachtel-Stil der Arena-ähnlichen Weinberg-Bauweise entgegengestellt. Solche Unterscheidungen hält Star-Akustiker Yasuhisa Toyota für überbewertet. Stattdessen verfolgt sein Büro einen flexiblen Ansatz, um die Anforderungen gemeinsam mit den Architekten bestmöglich zu erfüllen. Auch wenn die Grundfläche der Interimsphilharmonie rechteckig ist, wirkt die gefundene Konstellation nicht konfrontativ. Abschrägungen und Chorsitze hinter der Bühne sorgen im Zusammenspiel mit seitwärts erhobenen Sitzen für eine intime Atmosphäre und eine starke Verbindung zwischen Ensemble und Publikum. Facettierte Seitenwände und Deckenelemente werden dem Anspruch gerecht, einerseits große flache Ebenen zu bieten und andererseits die nachteiligen Effekte paralleler Oberflächen zu vermeiden. Um auf jedem Sitz ein balanciertes Klangerlebnis zu garantieren, müssen die Materialien den Klang nicht nur in hohen, sondern auch tiefen Frequenzen reflektieren. Durch ihre große Masse bleibt die Schallenergie im Raum.

13:58 07.10.2021

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