Eine wahre Geschichte

Leseprobe „Jeder stirbt für sich allein“ sollte Hans Falladas letzter Roman sein. Selber war der Schriftsteller nie im Widerstand. Doch die Geschichte der Quangels packte ihn und lies ihn fast manisch sein letztes Manuskript verfassen
Eine wahre Geschichte
Angeregt durch die Prozessakten der Familie Hampel schrieb Fallada seinen Roman

Foto: Ilja Mess/Theater Konstanz

Falladas Roman geht auf die wahre Geschichte des Berliner Arbeiterehepaars Otto und Elise Hampel zurück, das 1943 von den Nazis hingerichtet wurde und dessen Karten bis heute überliefert sind. 1945 soll der Schriftsteller anhand der Prozessakten darüber schreiben. Fallada zögert, er selbst war nicht im Widerstand und will jetzt nicht besser erscheinen, al er gewesen ist. Dann aber verfasst er manisch 899 Manuskriptseiten in kaum vier Wochen; drei Monate später stirbt er an Herzversagen. Eine Leseprobe des Aufbau Verlags

1. Kapitel

Die Post bringt eine schlimme Nachricht

Die Briefträgerin Eva Kluge steigt langsam die Stufen im Treppenhaus Jablonskistraße 55 hoch. Sie ist nicht etwa deshalb so langsam, weil sie ihr Bestellgang so sehr ermüdet hat, sondern weil einer jener Briefe in ihrer Tasche steckt, die abzugeben sie hasst, und jetzt gleich, zwei Treppen höher, muss sie ihn bei Quangels abgeben. Die Frau lauert sicher schon auf sie, seit über zwei Wochen schon lauert sie der Bestellerin auf, ob denn kein Feldpostbrief für sie dabei sei.

Ehe die Briefträgerin Kluge den Feldpostbrief in Schreibmaschinenschrift abgibt, hat sie noch den Persickes in der Etage den »Völkischen Beobachter« auszuhändigen. Persicke ist Amtswalter oder Politischer Leiter oder sonst was in der Partei – obwohl Eva Kluge, seit sie bei der Post arbeitet, auch Parteimitglied ist, bringt sie alle diese Ämter doch immer durcheinander. Jedenfalls muss man bei Persickes »Heil Hitler« grüßen und sich gut vorsehen mit dem, was man sagt.

Das muss man freilich eigentlich überall, selten mal ein Mensch, dem Eva Kluge sagen kann, was sie wirklich denkt. Sie ist gar nicht politisch interessiert, sie ist einfach eine Frau, und als Frau findet sie, dass man Kinder nicht darum in die Welt gesetzt hat, dass sie totgeschossen werden. Auch ein Haushalt ohne Mann ist nichts wert, vorläufig hat sie gar nichts mehr, weder die beiden Jungen noch den Mann, noch den Haushalt. Stattdessen hat sie den Mund zu halten, sehr vorsichtig zu sein und ekelhafte Feldpostbriefe auszutragen, die nicht mit der Hand, sondern mit der Maschine geschrieben sind und als Absender den Regimentsadjutanten nennen.

Sie klingelt bei Persickes, sagt »Heil Hitler!« und gibt dem alten Saufkopp seinen »Völkischen«. Er hat auf dem Rockaufschlag schon das Partei- und das Hoheitsabzeichen sitzen – sie vergisst ewig, ihr Parteiabzeichen anzustecken – und fragt: »Wat jibt’s denn Neuet?« Sie antworte vorsichtig: »Ich weiß doch nicht. Ich glaube, Frankreich hat kapituliert.« Und sie setzt rasch die Frage hinzu: »Ob bei den Quangels wohl einer zu Hause ist?« Persicke achtet gar nicht auf ihre Frage. Er reißt die Zeitung auseinander. »Da steht’s ja: Frankreich kapituliert. Mensch, Frollein, und det saren Se eenem so, als ob Se Schrippen vakoofen! Det müssen Se zackig herausbringen! Det müssen Se jedem saren, bei dem Se kommen, det überzeugt noch die letzten Meckerköppe! Der zweite Blitzkrieg, hätten wa ooch geschafft, und nu ab Trumeau nach England! In ’nem Vierteljahr sind die Tommys erledigt, und denn sollste ma sehen, wie unser Führer uns leben lässt! Denn können die andern bluten, und wir sind die Herren der Welt! Komm rin, Mächen, trink ’nen Schnaps mit! Amalie, Erna, August, Adolf, Baldur – alle ran! Heute wird blaugemacht, heut wird keene Arbeet anjefasst! Heute begießen wir uns mal die Neese, heute hat Frankreich kapituliert, und heut Nachmittag gehen wa valleicht bei de olle Jüdsche in de vierte Etage, und det Aas muss uns Kaffee und Kuchen jeben! Ick sare euch, die Olle muss jetzt, wo Frankreich ooch am Boden liegt, jetzt kenne ick keen Abarmen mehr! Jetzt sind wa die Herren der Welt, und alle müssen kuschen vor uns!«

Während Herr Persicke, von seiner Familie umstanden, sich in immer aufgeregteren Ausführungen ergeht und die ersten Schnäpse schon hinter die Binde zu gießen beginnt, ist die Briefträgerin längst in die Etage darüber hinaufgestiegen und hat bei den Quangels geklingelt. Sie hält den Brief schon in der Hand, ist bereit, sofort weiterzulaufen. Aber sie hat Glück; nicht die Frau, die meist ein paar freundliche Worte mit ihr wechselt, sondern der Mann mit dem scharfen, vogelähnlichen Gesicht, dem dünnlippigen Mund und den kalten Augen öffnet ihr. Er nimmt wortlos den Brief aus ihrer Hand und zieht ihr die Tür vor der Nase zu, als sei sie eine Diebin, vor der man sich vorzusehen hat.

Aber Eva Kluge zuckt zu so was nur die Achseln und geht wieder die Treppen hinunter. Manche Menschen sind eben so; solange sie die Post in der Jablonskistraße austrägt, hat dieser Mann noch nie ein einziges Wort zu ihr gesagt, nicht einmal »Heil Hitler« oder »Guten Tag«, trotzdem auch er, wie sie weiß, einen Posten in der Arbeitsfront hat. Nun, lass ihn, sie kann ihn nicht ändern, hat sie doch nicht einmal den eigenen Mann ändern können, der mit Kneipensitzen und mit Rennwetten sein Geld vertut und der zu Haus nur dann auftaucht, wenn er ganz abgebrannt ist.

Bei den Persickes haben sie in ihrer Aufregung die Flurtür offen gelassen, aus der Wohnung klingt Gläsergeklirr und das Lärmen der Siegesfeier. Die Briefträgerin zieht die Flurtür sachte ins Schloss und steigt weiter hinab. Dabei denkt sie, dass dies eigentlich eine gute Nachricht ist, denn durch diesen raschen Sieg über Frankreich wird der Friede näher gerückt. Dann kommen die beiden Jungen zurück, und sie kann ihnen wieder ein Heim schaffen.

Bei diesen Hoffnungen stört sie aber das ungemütliche Gefühl, dass dann solche Leute wie die Persickes ganz obenauf sein werden. Solche zu Herren haben und immer den Mund halten müssen und nie sagen dürfen, wie einem ums Herz ist, das scheint ihr auch nicht das Richtige. Flüchtig denkt sie auch an den Mann mit dem kalten Geiergesicht, dem sie eben den Feldpostbrief ausgehändigt hat und der dann wohl auch einen höheren Posten in der Partei bekommen wird, und sie denkt an die alte Jüdin Rosenthal, oben im vierten Stock, der die Gestapo vor zwei Wochen den Mann weggeholt hat. Die kann einem leidtun, die Frau. Rosenthals haben früher ein Wäschegeschäft an der Prenzlauer Allee gehabt.

Das ist dann arisiert worden, und nun haben sie den Mann weggeholt, der nicht weit von siebzig ab sein kann. Was Böses getan haben die beiden alten Leute sicher nie jemandem, aber immer angeschrieben, auch für die Eva Kluge, wenn mal kein Geld für Kinderwäsche da war, und schlechter oder teurer als in andern Geschäften war die Ware bei Rosenthals auch nicht. Nein, es will nicht in den Kopf von Frau Eva Kluge, dass so ein Mann wie der Rosenthal schlechter sein soll als die Persickes, bloß weil er ein Jude ist. Und nun sitzt die alte Frau da oben in der Wohnung mutterseelenallein und traut sich nicht mehr auf die Straße. Erst wenn es dunkel geworden ist, macht sie mit dem Judenstern ihre Einkäufe, wahrscheinlich hungert sie. Nein, denkt Eva Kluge, und wenn wir zehnmal über Frankreich gesiegt haben, gerecht geht es nicht bei uns zu …

Damit ist sie in das nächste Haus gekommen und setzt dort ihren Bestellgang fort. Der Werkmeister Otto Quangel ist unterdes mit dem Feldpostbrief in die Stube gekommen und hat ihn auf die Nähmaschine gelegt. »Da!«, sagt er nur. Er lässt ihr stets das Vorrecht, diese Briefe zu öffnen, weiß er doch, wie sehr sie an ihrem einzigen Sohne Otto hängt. Nun steht er ihr gegenüber; er hat die dünne Unterlippe zwischen die Zähne gezogen und wartet auf das freudige Erglänzen ihres Gesichtes. Er liebt in seiner wortkargen, stillen, ganz unzärtlichen Art diese Frau sehr. Sie hat den Brief aufgerissen, einen Augenblick leuchtete ihr Gesicht wirklich, dann erlosch das, als sie die Schreibmaschinenschrift sah. Ihre Miene wurde ängstlich, sie las langsamer und langsamer, als scheute sie sich vor jedem kommenden Wort. Der Mann hat sich vorgebeugt und die Hände aus den Taschen genommen. Die Zähne sitzen jetzt fest auf der Unterlippe, er ahnt Unheil. Es ist ganz still in der Stube. Nun fängt der Atem der Frau an, keuchend zu werden …

14:23 25.09.2020

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