Argwohn und Angst

Zum Stück Falladas Roman geht auf die wahre Geschichte des Berliner Arbeiterehepaars Otto und Elise Hampel zurück, das 1943 von den Nazis hingerichtet wurde und dessen Karten bis heute überliefert sind
Argwohn und Angst
Die Protagonisten versuchen in einer Gesellschaft zu überleben, in der Argwohn und Angst vorherrscht

Foto: Ilja Mess/Theater Konstanz

Aufgerüttelt durch den Fronttod ihres Sohnes „für Führer und Vaterland“ schreibt das Ehepaar Quangel einfache Botschaften auf Postkarten, mit denen sie zum Widerstand aufrufen. Die Karten verteilen sie auf Treppen und Hausfluren überall in der Stadt. Damit riskieren sie ihr Leben. Schon bald geraten sie ins Visier des Kriminalkommissars Escherich, der unter dem Druck seiner Vorgesetzten in Zugzwang gerät.

Denn, so Fallada: „Das Groteske geschieht: Der Elefant fühlt sich von der Maus bedroht.“ Falladas Roman geht auf die wahre Geschichte des Berliner Arbeiterehepaars Otto und Elise Hampel zurück, das 1943 von den Nazis hingerichtet wurde und dessen Karten bis heute überliefert sind. 1945 soll der Schriftsteller anhand der Prozessakten darüber schreiben. Fallada zögert, er selbst war nicht im Widerstand und will jetzt nicht besser erscheinen, al er gewesen ist. Dann aber verfasst er manisch 899 Manuskriptseiten in kaum vier Wochen; drei Monate später stirbt er an Herzversagen.

Die kraftvoll gezeichneten Figuren versuchen in einer Gesellschaft zu überleben, in der Argwohn und Angst jedwede sozialen Beziehungen bestimmen. Viele als Mitläufer*innen oder als Täter*innen. Einige beweisen, dass man sogar in diesem System seine Freiheiten behaupten und seinem Gewissen folgen kann. Für uns Nachgeborene stellt sich die Frage: Wie weit reicht der eigene Mut, sich gegen Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit zu stellen? Wann genügt es nicht mehr, im privaten Umfeld „anständig“ zu bleiben? Wann ist Zeit für tätigen Widerstand?

13:58 24.09.2020

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