Jenseits der Grenzen

Programm Jetzt wo Ländergrenzen geschlossen sind, ist es wichtiger denn je, Gegenwartsbeschreibungen aus Osteuropa in Deutschland vorzustellen. Das Publikum verzichtet weder auf Entdeckungen noch auf geteilte Zeit, nur der gemeinsame Raum ist ein digitaler
Jenseits der Grenzen
„Eine alltägliche Geschichte“ von Kirill Serebrennikov (Gogol-Center aus Moskau)

Foto: Ira Polyarnaya

Eine alltägliche Geschichte

von Iwan Gontscharow
Regie: Kirill Serebrennikov

Der junge Alexander Adujew kommt voller Begeisterung aus der Provinz in die Hauptstadt, bereit, die Welt zu erobern. Doch sehr bald sieht er all seine Ideale vernichtet und erleidet das gleiche Schicksal wie sein pragmatischer und leidenschaftsloser Onkel Peter. "Die klassische russische Literatur trägt eine schwere Last: Sie wird zur Schullektüre und zur bevorzugten Vorlage für das Jugendtheater. Aber als Eine alltägliche Geschichte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erschien, galt der Roman als überaus kontrovers und lebendig, wurde viel diskutiert und stieß die gleichen hitzigen Debatten an wie jetzt die Bücher von Vladimir Sorokin oder Sachar Prilepin – kurz gesagt, die Literatur hatte starke Auswirkungen. Wir möchten sie hier mit der gleichen Schärfe und Polemik erklingen lassen." (Kirill Serebrennikov, Regisseur)

Kirill Serebrennikov, gefeierter Theater- und Filmregisseur, Leiter des Moskauer Gogol-Center, ist mit dem Deutschen Theater in besonderer Weise verbunden: Seine Inszenierungen Kafka und Müllermaschine waren als Gastspiele hier zu sehen und Who is Happy in Russia eröffnete im vergangenen Jahr das Festival Radar Ost. In dieser Spielzeit feierte Decamerone, Serebrennikovs erste Schauspielarbeit am Deutschen Theater Premiere – entwickelt mit einem gemischten Ensemble und künstlerischen Team. In dieser Koproduktion ist auch der junge Star des Gogol-Center Filipp Avdeev beteiligt, der die Hauptrolle in Eine alltägliche Geschichte spielt. Der Videokünstler Ilya Shagalov, ebenfalls im künstlerischen Team beider Arbeiten, realisierte für Radar Ost Digital eine weitere Zusammenarbeit zwischen den Theatern in Berlin und Moskau: Kleines Requiem, zu sehen im Rangfoyer des digitalen DT.

Im Herzen der Gewalt

von Édouard Louis
freie Adaption nach Jan Czapliński

Mit seinem autobiographischer Debütroman Das Ende von Eddy wurde Édouard Louis zum literarischen Shootingstar weit über Frankreich hinaus. Sein zweiter Roman Im Herzen der Gewalt erschien 2016 und wird in Polen wahrscheinlich anders als in Frankreich rezipiert, wo die zufälligen Begegnung zwischen Édouard, der sein Dorf verlässt, um in Paris ein neues Leben zu beginnen, und Reda, dem Sohn eines Flüchtlings algerischer Herkunft, andere historische und politischen Konnotationen besitzt. Die Wege, die zu dieser Begegnung sind lang: es sind die des Kolonialismus, eines brutalen Krieges, des Ghettos, des erfolglosen Assimilationsprozesses, der schreienden Chancenungleichheit. Es sind verminte Wege, leicht entzündbar – und so geschieht es auch. Aber es geht um mehr. Louis verweigert sich aller trennenden Zuschreibungen und sucht verzweifelt nach einem Weg, seine "wahre" Geschichte zu erzählen. Er ringt darum, jenseits von vereinfachenden sozio-politischen Kategorien die Deutungshoheit über sie zu behalten. Dazu muss er sich jedoch dem Kampf mit sich selbst stellen – die Geschichte der Gewalt ist das Protokoll dieser Auseinandersetzung. Es ist der zerrissene, chaotische Versuch, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben, auch wenn dies bedeutet, Zeugnis abzulegen gegen die eigenen Gefühle und Verletzungen. Es ist ein schwieriger (und beeindruckender) Kampf um eine faire Geschichte. Ausgangspunkt für dieses narrative Universum ist jedoch etwas, das in Polen emotional und politisch hoch brisant besetzt ist: homosexuelle Romantik. Und Vergewaltigung.

Und vielleicht ist es unmöglich die Geschichte von Ludwig in Polen zu erzählen – und deshalb sollte sie erzählt werden. In einem Land, das an einem Punkt angelangt ist, an dem jede Abweichung von der strengen Identitätsnorm mit staatlich sanktionierter Stigmatisierung verbunden ist. Wie zeigt sich das? Umfragen zu sozialen Ängsten belegen, dass jeder dritte Mann in der Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen vor allem Angst vor "Gender-Ideologie" hat – mehr als vor einer Klimakatastrophe (sic!), einer ineffizienten Gesundheitsversorgung oder einem wachsenden Nationalismus. In Frankreich hingegen, so Louis, sei die sexuelle Orientierung kein Grund mehr für Anfeindungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Hass verschwunden sei – er richtet sich jetzt gegen Migranten. Das Frankreich aus dem Roman ist also ein Land, das einerseits sehr weit entfernt von Polen ist und andererseits zu nahe.

Onegin

nach dem Roman von Eugen Onegin
Regie: Alexander Pushkin

Diese Figuren sind heute hier, sie sind unter uns. Diese Geschichte handelt von unserer Generation. Sie erzählt von unserer Leidenschaft, von unserer Verwirrung und Verzweiflung.

Alexander Puschkins Roman in Versen Eugen Onegin (1823-1831) ist eines der bedeutendsten Werke der russischen Literatur und als Nationalepos integraler Bestandteil der russischen Kultur. Er erzählt die Lebens- und Liebesgeschichte und von der moralischen Verwahrlosung des Titelhelden: Ein junger Aristokrat verlässt mit den Erbe des verstorbenen Onkels das lärmende, ihn langweilende St. Petersburg und geht in die Provinz. Dort lernt er den Dichter Wladimir Lenskij kennen, den er im Duell tötet, und er begegnet einem jungen Mädchen, Tatjana Larina, das sich unglücklich in ihn verliebt.

Im Kanon der Schulliteratur wird die Handlung als "Enzyklopädie des russischen Lebens" bezeichnet. Timofej Kuljabin aber bricht in seiner Inszenierung mit allen Traditionen. Er beginnt ein freies Spiel mit Text und Rezeptionsgeschichte, wobei er konventionelle Lesarten links liegen lässt und dabei überraschende Bedeutungsebenen freilegt. Indem er die Figuren des Romans in eine Art historisches Vakuum versetzt, entdeckt er für den heutigen Zuschauer Zeitgenossen und Antihelden.

18:35 11.06.2020

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