Alles wiederholt sich tausendmal

Interview Die Reihe „Trauma: rechte Gewalt / deutsche Geschichte(n)“ verknüpft künstlerische und diskursive Positionen zur (Nicht-)Aufarbeitung der Nazi-Diktatur. Ein Gespräch mit Elisa Müller aus dem Festivalteam
Elisa Müller bei ihrer Performance Böse Dejà-Vus.
Elisa Müller bei ihrer Performance Böse Dejà-Vus.

Foto: Michaela Muchina

Was war für Sie der Anlass, sich diesem Thema zu widmen?

Spätestens als die AfD in die Landesparlamente und den Bundestag einzog, bekam ich das Gefühl eines bösen Déjà-vus. Bei einem künstlerischen Bürger:innenprojekt zu AfD-Tendenzen in Mecklenburg-Vorpommern habe ich in Gesprächen begriffen, wie gegenwärtig die Vergangenheit ist und wie sie unser Jetzt prägt. Ich habe mich vertiefend mit der Aufarbeitung der Nazi-Diktatur beschäftigt und bin erschrocken darüber, wie Schuldabwehr und Täter:innen-Opfer-Verkehrungen noch heute den Diskurs bestimmen. Die Frage danach, was aktuelle rechte Bewegungen mit unsere Vergangenheit zu tun haben, ist letztendlich auch ein Versuch, Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Damit sich Geschichte eben nicht wiederholt.

Die Reihe streckt sich über drei Wochen und beschäftigt sich an jedem Wochenende mit einem anderen Schwerpunkt. Womit?

Alle drei Wochenende beinhalten Performances, Gespräche, Lesungen, Filmsichtungen und Workshops: Am ersten Wochenende geht es um rechte Gewalt aus der Perspektive der von Rassismus und Diskriminierung negativ Betroffenen. Unter anderem wird es einen Workshop zu antirassistischen Praktiken und critical whiteness geben. Die Sound-Installation Traumascape beschäftigt sich mit der Heilung von Traumata. Der zweite Block behandelt die Kontinuitäten nach 1945 bis heute und zwar institutionell, ökonomisch, soziologisch, politisch und psychologisch. Wir fokussieren die mangelhafte Aufarbeitung und ihre Folgen. Noch heute stehen beispielsweise Werke von Nazi-Künstler:innen im öffentlichen Raum. Am letzten Wochenende führen wir die verschiedenen Stränge zusammen. Dabei wird es auch um die spezifische Geschichte der DDR und um lokale Bewegungen am Kottbusser Tor gehen. Nicht zuletzt ist es uns ein Anliegen die Überwindung von Rassismus in Kulturinstitutionen wie der unseren zu besprechen. Also letztlich die Frage: In was für einem Land wollen wir leben?!

Zum Auftakt ist eine Intervention im öffentlichen Raum geplant. Was wird passieren?

Es geht um Sichtbarkeit und Sichtbarmachung. Ausgehend von den Debatten der letzten Jahre um Denkmäler des Kolonialismus und Spuren von Rassismus im öffentlichen Raum tauchen rund um den Kotti anti-rassistische und dekoloniale Fragestellungen auf, und fragen danach, ob und wie man Plätze symbolisch in Besitz nehmen kann.

Wie kann die Kunst auf diese Themen zugreifen?

Mit „Trauma - rechte Zukunft/deutsche Geschichte(n)“ steigen wir in ein dunkles Kapitel hinab, nicht nur das der (deutschen) Geschichte, sondern auch in die unmittelbaren Ängste unserer Gegenwart. Wenn man anfängt sich mit strukturellen Eigenheiten von Traumata oder unbewussten Gefühlserbschaften auseinanderzusetzen, stößt man auf unsichtbare, unfassbare Bereiche und Mechanismen der Wiederholung. All das sind Kategorien, auf die künstlerische Ausdrucksweisen durch einen ästhetischen Erfahrungsraum unmittelbar Zugriff haben.

11:35 19.04.2022

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