Tiefe Verbundenheit

Im Gespräch Kristen Stewart hat ihre enorme schauspielerische Wandlungsfähigkeit in unzähligen Produktionen bereits unter Beweis gestellt, nun spielt sie die Leinwandlegende Jean Seberg. Im Interview äußert erzählt sie, wie es war, diese Ikone zu verkörpern
Tiefe Verbundenheit
Kristen Stewart und Regisseur Benedict Andrews

Foto: 2019 PROKINO Filmverleih GmbH

Warum wollten Sie die Rolle der Jean Seberg spielen?

Ich hatte den Eindruck, dass der Regisseur Benedict Andrews sich wirklich für ihre Geschichte interessiert und dass ich mich sicher dabei fühlen könnte, für ihn vor der Kamera zu spielen. Dabei ging es Benedict und mir keinesfalls darum, keine Risiken einzugehen – aber es war wichtig, dafür das richtige Umfeld zu schaffen. Ich habe sicherlich nicht mein ganzes Leben davon geträumt, Jean Seberg zu spielen.

Wie sind Sie erstmals mit Jean Seberg in Berührung gekommen?

Ich hatte natürlich „Außer Atem“ gesehen. Als ich wusste, dass ich Jean Seberg in Benedicts Film spielen würde, habe ich mir auch ihre anderen Filme angesehen. Gerade ihre Auftritte in ihren frühen Filmen mag ich besonders. Damals haben Schauspieler noch ganz anders gespielt. Es war alles viel formelhafter, klarer, man rief das, was man gelernt hatte, auf kunstvolle Art und Weise ab. Jean war anders, als andere Schauspielerinnen: Sie hatte diese wahnsinnige Energie, mit der sie die Leinwand ausfüllte. In unserem Film erzählen wir einen Ausschnitt aus ihrem Leben, der auf diese Weise noch nie erzählt wurde. Ich hatte den Eindruck, als müsste ich mich schützend vor sie stellen, weil sie so verfügbar erschien. Sie hat viel durchgemacht, was wir in unserem Film so gut wie möglich zu zeigen versuchen.

Sie haben als einzige amerikanische Schauspielerin einen César in Frankreich gewonnen! Aber in diesem Film gehen Sie einen Schritt weiter. Sie spielen Jean Seberg nicht nur, sie verschmelzen förmlich mit dieser Rolle. Was hat dieses Bewusstsein in Ihnen ausgelöst?

Es hat mir auf jeden Fall Angst gemacht. Aber vom ersten Treffen mit Benedict an herrschte eine stillschweigende Übereinkunft zwischen uns beiden, dass wir Jean wie einen Schatz hüten müssen. Es ging mir beim Dreh nicht darum, die perfekte Jean Seberg zu verkörpern, sondern ihr emotional nahezukommen.

Was hat Ihnen dabei geholfen, „Ihre“ Jean Seberg zu finden?

Die Arbeit am Set war in diesem Zusammenhang sehr wichtig für mich. Wenn Jean einen Raum betrat, nahm sie diesen Raum auf eine ganz andere Weise ein, als ich das tue. Jean ist schwer zu greifen: Der Mensch, der „Außer Atem“ gemacht hat, scheint ein völlig anderer zu sein als der, der vier Jahre später in „Lilith“ (1964) vor der Kamera stand. Zu diesem Zeitpunkt schien sie sich schon vollkommen auf sich selbst zurückzuziehen. Sie war gerade einmal 40 Jahre alt, als sie starb. Wir beleuchten in unserem Film nur drei Jahre ihres Lebens von 1968 bis 1971 - auch wenn „Jean Seberg – Against All Enemies“ streng genommen ein Biopic ist, war es mir vor allem wichtig, Jeans Persönlichkeitswandel in dieser kurzen Zeit zu zeigen.

In dem Film geht es um den Preis, den man für Berühmtheit bezahlt, und um den Verlust der Privatsphäre. Aber auch darum, dass man nicht aufhört, nach der Antwort auf die vielen Fragen des Lebens zu suchen, nur weil man berühmt ist. Konnten Sie sich damit identifizieren?

Jean und mich eint, dass wir nicht übermäßig zu kontrollieren versuchen, wie die Öffentlichkeit über uns denkt. Wenn jemand etwas über mich denkt, dann kann ich das nicht ändern. Entscheidend ist, dass man sich am Ende des Tages im Spiegel betrachten kann. Ich kann nur ich selbst sein. Und dazu stehe ich. Frustrierend ist es, wenn man den Eindruck hat, dass man bestohlen wird. Wenn man diese Plattform, die es einem erlaubt, sich zu öffnen, verwendet, um gegen einen zu hetzen, dann ist das erschütternd. Die sozialen Medien erlauben es uns heute, unser Image in der Öffentlichkeit viel besser zu steuern. Denn wir können direkt mit anderen Menschen kommunizieren. Jean hatte diese Möglichkeit nicht. Sie war davon abhängig, wie die Presse über sie berichtete.

17:45 07.09.2020

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