Reflexion einer Tragödie

Kommentar Regisseur Benedict Andrews über die Beweggründe einen Film über Jean Seberg zu drehen, deren kurzes Leben und die Hintergründe ihres frühen Todes, ganz unmittelbar unsere gegenwärtige Realität widerspiegeln. Eine Liebeserklärung an eine mutige Frau
Reflexion einer Tragödie
Dorothy Jamal (Zazie Beetz) bei einer Black-Power-Veranstaltung

Foto: 2019 PROKINO Filmverleih GmbH

Eine Kamera nimmt einen gefangen, das wahre Ich – nicht eine verzerrte Reflektion im Spiegel, sondern eine rein kritische Reproduktion unter einem Vergrößerungsglas. – Jean Seberg

Ich bin erstmals auf Jean Seberg aufmerksam geworden, als uns mein Französischlehrer an der Highschool im Unterricht „Außer Atem“ zeigte. Ich war hin und weg von dieser Schauspielerin. Sie definierte für mich neu, was Präsenz und Wahrheit auf der Leinwand bedeuten. Erst später erfuhr ich mehr über die Hintergründe ihres außergewöhnlichen, kurzen Lebens und wie sie zum hilflosen Spielball in einem geheimen Krieg des FBI gegen die Bürgerrechtsbewegung in den USA wurde. Wie Johanna von Orleans, die sie für Otto Preminger in ihrem ersten Filmauftritt gespielt hatte, wurde Jean ins Fegefeuer geschickt.

Gerade in der heutigen Zeit besteht für mich die Notwendigkeit, von der höchst illegalen COINTELPRO-Operation des FBI gegen Jean Seberg, den Aktivisten Hakim Jamal und die Black-Power-Bewegung zu erzählen. Fünfzig Jahre später reflektiert Jeans Tragödie ganz unmittelbar unsere gegenwärtige Realität: Der erschütternde Rassismus innerhalb der amerikanischen Politik, die Herausforderung, in Zeiten von Fake News die Wahrheit von der Lüge zu trennen und die Kultur der Massenüberwachung.

Ich hatte nicht das geringste Interesse daran, ein konventionelles Biopic über Jeans Leben zu machen. Ebenso wenig wollte ich einen nostalgischen Lobgesang auf die Sechzigerjahre und Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts anstimmen. Ich wollte so nah wie möglich an Jean herankommen und untersuchen, was tatsächlich mit ihr in den Jahren zwischen 1968 und 1971 geschah. „Jean Seberg – Against All Enemies“ verdichtet Fakten und tatsächliche FBI-Dokumente zu einer fiktiven Geschichte, die Jeans subjektives Erleben nachzuempfinden versucht. Ihr politisches Engagement erlaubt einen Einblick in den Kampf um die Bürgerrechte im Amerika der späten Sechzigerjahre, während Hakims Ehefrau Dorothy anmerkt, dass Jean nicht mehr ist als „eine Touristin“ in ihrer Welt. Ihr Aktivismus ist eine heikle Angelegenheit und wird verkompliziert durch die Tatsache, dass sie eine außereheliche Affäre mit einem schwarzen Aktivisten hatte. Jeans tatsächlicher Beitrag zur Bürgerrechtsbewegung in den USA war eher bescheiden: Sie spendete vor allem Geld und rief andere zur finanziellen Unterstützung der Bewegung auf. Anders als andere berühmte Persönlichkeiten brüstete sich Jean Seberg nicht mit ihrem politischen Engagement und machte daher kaum Schlagzeilen. Sie wollte etwas bewirken und bewegte sich dazu aus ihrem goldenen Käfig, der von der Filmindustrie definiert wurde, heraus. Für ihre Entscheidung, eine klare politische Haltung einzunehmen, wurde sie rücksichtslos und unfair bestraft. Jean war bei weitem nicht das größte Opfer der COINTELPRO-Kampagne des FBI, die sich durch systematische Belästigung und Verfolgung auszeichnete. Und doch ist Jeans Schicksal eine amerikanische Tragödie: Ihr strahlendes Leben wurde durch die Maschinerie der Staatsüberwachung zerstört.

Am Set von „Jean Seberg – Against All Enemies“ wurde mir bewusst, dass jeder Filmdreh auch immer etwas mit Überwachung zu tun hat: Man denke an die vielen Kameras, Mikrophone, Bildschirme, die jede noch so kleine Einzelheit um sie herum einfangen. Das Kino als Kunstform lädt uns dazu ein, tief in eine Materie einzutauchen und nah heranzugehen. Wir werden zu Voyeuren - in Jeans Fall findet sogar eine doppelte Beobachtung seitens der Zuschauer statt, weil wir einer Schauspielerin dabei zusehen, wie sie eine andere Schauspielerin verkörpert. Ein Mensch, der sein Leben ohnehin schon in der Öffentlichkeit führt und nun noch einmal von einer weiteren Kamera eingefangen wird.

In meiner Karriere als Regisseur hatte ich das Privileg, mit außergewöhnlichen Schauspielern zusammenarbeiten zu dürfen. Ich habe aus nächster Nähe mitverfolgt, wie sie ihr Leben für das Publikum ausstellen. Ihre Aufgabe ist es, aus sich selbst heraus das Rohmaterial zu schaffen, mit dem sie auf der Bühne oder auf der Leinwand Wahrheit erschaffen können. Ich bin fasziniert von dem Mut und der Verletzlichkeit, die nötig ist, um an dieser fragilen Grenzstelle zwischen Rolle und Leben zu existieren. Jeans Privatsphäre, entblößt auf der Leinwand und rücksichtslos missachtet vom FBI, ist das Zentrum meines Films.

Die grundlegende Idee der Drehbuchautoren Joe Shrapnel und Anna Waterhouse war es, Jean an der Seite des fiktionalen FBI-Agenten Jack Solomon zu folgen. Woraus der Film seine Spannung erzeugt, ist der Punkt, an dem sich das Leben der beiden Figuren überschneidet. Im Verlauf der Handlung bewegen sie sich Seite an Seite. Sie wissen nichts über die Existenz des jeweils anderen, aber spüren, dass sie nicht allein sind. In dem Augenblick, als ihre schicksalshaften Wege aufeinandertreffen, wird Jack zum Stellvertreter der Zuschauer, durch dessen Augen er erlebt, wie Jean den Boden unter den Füßen verliert. Jack zwingt uns dazu, unsere eigene Rolle als Voyeuristen zu hinterfragen und über die Grenze zwischen Beobachtung, Voyeurismus und Besessenheit nachzudenken, die in „Jean Seberg – Against All Enemies“ immer mehr verschwimmt.

Ich habe in meinem Film versucht, die epische Erzählweise eines Verschwörungsthrillers mit der Verfilmung einer intensiven Liebesgeschichte in Einklang zu bringen. Die Bildsprache von „Against All Enemies“ ist beeinflusst von den Meisterwerken der 1970er Jahre, insbesondere Coppolas Meisterwerk „The Conversation“ („Der Dialog“, 1974) und Alan J. Pakulas Paranoia-Trilogie „Klute“ („Klute“, 1971), „Parallex View“ („Zeuge einer Verschwörung“, 1974) und „All the president's men“ („Die Unbestechlichen“, 1976). Diese Filme entstanden in einer Zeit politischer Unruhen und Veränderung, die wir heute in einer ähnlichen Art und Weise wieder erleben.

Rachel Morrisons Kamera, Jahmin Assas‘ elegante Räume, Michael Wilkins‘ auserlesene Kostüme und die Raffinesse von Pamela Martins Schnitt verleihen meinem Film einen luxuriösen, romantischen Touch, der Jean Sebergs tatsächlichem Charme und Zauber entsprach. Die besondere L.A.-Einsamkeit in Joan Didions großartigem Roman „Play It As It Lays“ war ein wichtiger Referenzpunkt für mich, wie auch Gena Rowlands ungeschminktes Porträt einer Schauspielerin am Rande des Zusammenbruchs in Cassavetes‘ „Opening Night“ (1977).

Ich wollte keine Schauspielerin für meinen Film, die Jean Seberg einfach nachspielt. Ich brauchte jemanden, der sie verkörpert und gleichzeitig selbst ein Risiko eingeht. Kristen Stewarts Jean ist das Zentrum meines Films und gleichzeitig gefangen im Auge des Sturms. Die Parallelelen zwischen dem Leben von Jean und Kristen sind verblüffend. Beide rückten in sehr jungen Jahren ins Auge der Öffentlichkeit und beiden ist es gelungen, trotz der enormen medialen Aufmerksamkeit zu einer selbstbewussten Persönlichkeit zu werden. Beide Frauen setzen immer alles auf eine Karte, sind gesegnet mit einem strahlenden Anderssein auf der Leinwand und beide gelten als Stilikonen. Wie Jean hat auch Kristen eindrucksvolle Rollen im französischen Kino gespielt und bot damit der Kritik in ihrer Heimat die Stirn. Das Wichtigste für mich ist aber, dass sowohl Kristen, als auch Jean zwei sehr instinktiv handelnde Schauspielerinnen sind. Sie verstecken sich nicht hinter einer Maske, wollen nichts vortäuschen. Und zwingen uns als Betrachter daher dazu, sich mit ihrem wahren Ich auseinanderzusetzen.

„Jean Seberg – Against All Enemies“ ist eine Liebeserklärung an Jean Seberg.

Benedict Andrews, Reykjavik, August 2019

17:45 07.09.2020

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