Film der Zeit

Kommentar Der Regisseur Radu Jude über die Entstehung der Idee hinter „Bad Luck Banging or Loony Porn“, seine Entscheidung einen Film während der Corona-Pandemie im Sommer 2020 zu drehen und die Konsequenzen für die Dreharbeiten, die sich hieraus ergeben haben
Film der Zeit
Bad Luck Banging or Loony Porn | Filmstill

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Die Idee

Die Idee zum Film entwickelte sich zunächst aus langen Gesprächen mit Freunden. Wir diskutierten einige Male über Geschichten, die wir aus Rumänien oder auch anderen Ländern hörten, in denen Lehrer, wegen ihres Privatlebens von der Schule verwiesen wurden. Es ging um Live-Cam-Sex-Chats oder das Posten von Amateur-Pornoaufnahmen im Internet. Die Diskussionen waren so hitzig, dass ich merkte, hinter diesem eher trivial oder oberflächlich erscheinenden Thema muss mehr stecken. Daraufhin beschloss ich, einen Film zu machen – so habe ich gleichzeitig auch das letzte Wort in der Diskussion mit meinen Freunden.

Der Film besteht aus drei Teilen, die auf poetische Weise ineinandergreifen – wobei „poetisch“ im Sinne von André Malraux‘ Definition zu verstehen ist: „Zweifellos ist alle wahre Poesie insofern irrational, als sie an die Stelle der ‚etablierten‘ Beziehung der Dinge ein neues System von Beziehungen setzt.“

Während der Filmtitel größtenteils selbsterklärend ist, könnte es bei seinem Untertitel, „eine Skizze für einen populären Film“, Erklärungsbedarf geben. Malraux bemerkte einmal, dass der Maler Eugène Delacroix, „obwohl er die Überlegenheit des fertigen Gemäldes gegenüber dem Entwurf bejahte, viele seiner Skizzen aufbewahrte, deren Qualität er ebenso als Kunstwerke betrachtete wie seine besten Gemälde.“ Dieser Gedanke erschien mir wichtig. Ich beschloss, ihn auf das Filmemachen zu beziehen und zu schauen, wie ein Film aussehen würde, wenn seine Form offen, unvollendet, wie eine Skizze belassen bliebe. Und ja, „populär“, weil ich glaube, der Film ist leicht wie eine Sommerbrise, auch wegen seines boulevardesken Themas. Aber es ist kein echter populärer Film. Nur eine Skizze zu einem möglichen.

Dreharbeiten im Sommer 2020

Der erste Lockdown in Rumänien endete Ende Mai und wir planten für Oktober und November die Dreharbeiten. Als wir sahen, dass die zweite Covid-Welle kommen würde (Anfang Juli), mussten Ada Solomon, die Produzentin, und ich eine Entscheidung treffen: Entweder halten wir am Drehplan fest (was auch bedeutete, zusätzliche Mittel zu beantragen), mit dem Risiko verschieben zu müssen, wenn die Krise sich verschlimmert, oder wir drehen früher mit dem Geld, was wir zur Verfügung haben. Wir entschieden uns für Letzteres und begannen im Sommer mit den Vorbereitungen. Die Zahl der Krankheitsfälle stieg, also musste ich auch entscheiden, wie ich mit Cast und Crew umgehe.

Als ich jung war, bewunderte ich alle verrückten Dreharbeiten, über die ich las: Way Down East (1920), Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Apocalypse Now (1979) usw. Ich bewundere sie auch heute noch, bin aber zu schwach: Wenn es um Dreharbeiten geht, versuche ich nicht das Leben oder die Gesundheit von irgendjemandem zu riskieren. Kein Film der Welt ist es wert, dass sich jemand auch nur eine Erkältung zuzieht – und meine schlechten Filme noch weniger. Deshalb habe ich das gesamte Casting und alle Proben über Zoom durchgeführt und beschlossen, alle Masken tragen zu lassen. Auch, weil der Film zeitgenössisch sein sollte und die Masken Teil unseres Alltags wurden. Ich wollte diesen Moment einfangen, um den anthropologischen Aspekt des Maskentragens auf den Grund zu gehen. Außerdem sorgte ich mich um die Gesundheit aller Beteiligten. Viele von ihnen sind nur meiner Einladung gefolgt und deshalb im Film zu sehen. Ich war der Gastgeber und ich fühlte mich verantwortlich. Die meisten waren mit diesen Sicherheitsvorschriften auch einverstanden. Einige stimmten dem Film nur zu, weil ich ihnen versprach, dass die Distanz- und Schutzegeln streng eingehalten werden. Wir wurden alle vor den Dreharbeiten auf Covid-19 getestet und währenddessen noch zwei weitere Male.

Als man in dieser Zeit auf die Straße ging, waren die übriggebliebenen Zeichen – Plakate von Konzerten, leere Restaurants und so weiter – bereits Zeichen einer nicht existierenden Realität. Das Kino besitzt die Möglichkeit, die Dinge einzufangen, die Anzeichen einer vergehenden Zeit festzuhalten, also in vielerlei Hinsicht eine Kapsel des Moments herzustellen.

Die Themen

Was ist obszön und wie definieren wir es? Wir sind an Handlungen gewöhnt, die in gewisser Weise viel anstößiger sind als die, die den Aufruhr im Film auslöst. Meine Idee war, die beiden Arten von Obszönität miteinander zu konfrontieren und zu beobachten, dass die eine sogenannte Obszönität in dem Pornovideo nichts im Vergleich zu dem ist, was um uns herum geschieht, dem wir aber keine solche Aufmerksamkeit schenken. Der Film erzählt eine Zeitgeschichte, nur eine kleine Story. Wenn Politik und Geschichte in den Film fließen, dann deshalb, weil das Thema selbst eine tiefere Bedeutung bekommt, wenn wir es in einem historischen, gesellschaftlichen und politischen Kontext betrachten. Obszönität ist das Thema dieses Films. Und die Zuschauer werden ständig aufgefordert, die sogenannte Obszönität eines banalen Amateur-Pornovideos mit der Obszönität um uns herum und derer, die wir in der jüngeren Geschichte finden können, deren Spuren man überall findet, zu vergleichen. Der Betrachter muss diese Montagearbeit leisten. Der Kunsthistoriker Georges Didi Huberman hat etwas sehr wichtiges über die Montage geschrieben und das könnte auch auf den Film zutreffen:

„Die Montage wird zu einer der grundlegenden Antworten auf das Problem der Konstruktion von Geschichtlichkeit. Weil sie nicht auf Einfachheit ausgerichtet ist, entzieht sich die Montage Theologien und besitzt die Kraft, die Hinterlassenschaften, Anachronismen, widersprüchlichen Überschneidungen von Zeitlichkeit, die jedes Objekt, jedes Ereignis, jede Person, jede Bewegung betreffen, zu bündeln. So verzichtet der Historiker darauf, ‚eine Geschichte‘ zu erzählen, es gelingt ihm dabei zu zeigen, dass Geschichte ohne all die Komplexität der Zeit, all die archäologischen Schichten, all die durchlöcherten Fragmente des Schicksals nicht sein kann.“

12:13 06.07.2021

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