Zutiefst überwältigend

Inhalt Haifaa al Mansours Signatur ist ein weiblicher Blick, der seine Perspektive immer mitzudenken versteht. Ihr Film ist eine Verneigung vor der Unbezähmbarkeit weiblicher Souveränität, ein scharfsichtig nachgezeichnetes Porträt einer Emanzipation
Zutiefst überwältigend
Maryam (Mila Al Zahrani) möchte die Wahl zur neuen Gemeinderätin für sich entscheiden. Es gibt so viel, was getan werden muss.

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Maryam lebt zusammen mit ihrem verwitweten Vater Abdulaziz und ihren beiden Schwestern Selma und Sara in einer kleinen Stadt in Saudi-Arabien. Als moderne junge Frau, die einer aufgeschlosseneren Generation angehört, möchte sie ihr Leben selbst gestalten und nutzt die ihr gebotenen neuen Möglichkeiten. Sie arbeitet als Ärztin im örtlichen Krankenhaus und ist stolz darauf, ihr eigenes Auto zu besitzen. Eine Freiheit, die lange undenkbar war. Sie liebt ihren Beruf, auch wenn sie sich als Frau in einer bis dato nur für Männer vorgesehenen Tätigkeit immer noch täglich den Respekt der Kollegen und Patienten sehr hart erkämpfen muss. Besonders gegenüber den männlichen Patienten hat sie es schwer, ihre fachliche Kompetenz zu beweisen. Der Gedanke, dass Männer und Frauen Seite an Seite zusammenarbeiten ist für viele noch sehr gewöhnungsbedürftig. Aber Maryam versucht, sich nicht entmutigen zu lassen. Sie begegnet den Zweiflern mit Stärke und selbstbewusster Souveränität.

Zu Hause ist das Familienleben harmonisch. Zwar werden die bestehenden Traditionen respektiert und gepflegt, dennoch herrscht eine sehr offene Atmosphäre. Maryams Vater ist nach dem Gesetz das Familienoberhaupt und solange seine Töchter nicht verheiratet sind, der rechtliche Vormund. Er bemüht sich aber, seine Kinder bei ihren Plänen für die Zukunft zu unterstützen. Er weiß als Musiker selbst am besten, wie schwierig es ist, mit ständigen Restriktionen zu leben. Lange Zeit war das kulturelle Leben im Land extrem eingeschränkt. Und nicht selten wurde die Familie verspottet, weil er und seine Frau von einer musikalischen Karriere träumten, die sich aufgrund der Gegebenheiten leider nur auf Hochzeitsauftritte beschränkte. Abdulaziz ist seinem Traum treu geblieben und probt mit seiner traditionellen Musikgruppe weiterhin für den Durchbruch. Auch Maryams ältere Schwester Selma hat sich als erfolgreiche Hochzeitsfilmerin ein eigenes unabhängiges Geschäft aufgebaut. Und kann sich an den Wochenend-Events auch jederzeit auf die Mithilfe und Unterstützung ihrer beiden Schwestern verlassen.

Im Krankenhaus stößt Maryam immer häufiger an ihre Grenzen. Nicht nur, weil sie sich als Frau immer wieder durchsetzen muss, sondern scheinbar ist sie auch die Einzige, die der marode Zustand der Klinik wütend macht. Besonders die unbefestigte und schwer überwindbare Zufahrtsstraße stellt für die Sanitäter eine extreme Herausforderung dar. Und gerade in Notfallsituationen zählt jede Minute. Maryam möchte dringend Verbesserungen, aber ihre fortwährenden Bemühungen, beim amtierenden Gemeinderat Dr. Tarek finanzielle Mittel zu erbitten, werden immer wieder abgelehnt. Daher beschließt die junge Ärztin, an einer Fachkonferenz in Dubai teilzunehmen. Sie möchte sich dort für eine bessere Stelle bewerben.

Gleichzeitig verkündet Abdulaziz seinen Töchtern, dass er mit seiner Musikgruppe auf eine dreiwöchige Tournee geht. Eine Chance, auf die er über 20 Jahre gewartet hat. Endlich kann er als echter Musiker vor einem echten Publikum spielen. Vor seiner Abreise händigt er Maryam ihre Reiseerlaubnis aus. Am Flughafen angekommen, wird diese aber wegen einer banalen Formalität abgelehnt: Maryam darf nicht fliegen. Sie versucht erfolglos, ihren Vater zu erreichen, denn nur ein Vormund kann die Papiere bekräftigen. Frustriert und verzweifelt versucht sie alles, um doch noch nach Dubai fliegen zu können. Da fällt ihr plötzlich der Cousin ihrer Mutter ein. Rashid ist ein Verwaltungsbeamter und kann vielleicht helfen. Schnell fährt sie zu seinem Büro. Aber auch hier wird sie zunächst abgewiesen, da Herr Rashid heute nur Bewerber für den Gemeinderat empfängt. Verärgert lässt sich Maryam kurzerhand einen Antrag aushändigen. Mit Smartphones, ein bisschen Videotechnik und dem nötigen Selbstvertrauen ist ihre Kampagne schnell zum Laufen gebracht. Und weil sich Maryam an ein für lokale Verhältnisse doch recht ungewöhnliches Unternehmen gewagt hat, ist Aufmerksamkeit quasi garantiert.

Doch nun stellen sich plötzlich ein paar ganz praktische Fragen: wer als politische Kraft in Erscheinung treten möchte, sollte eventuell keinen Schleier vor dem Gesicht tragen? Wie lässt sich eine männliche Wählerschaft adressieren, wenn man sich nicht im selben Raum aufhalten darf? Vor dem Hintergrund einer sehr speziellen Situation offenbaren sich plötzlich ganz fundamentale Mechanismen des politischen Austauschs: Politik ist nur möglich, wenn man denselben Raum gleichberechtigt teilt, im selben Raum anwesend ist, auf derselben Bühne sprechen kann wie die männlichen Kandidaten. Gleichheit und Politik sind nicht voneinander zu trennen. Im Laufe der Zeit rüttelt die junge Frau die Menschen in der Stadt immer mehr auf, gewinnt die Anerkennung und die Stimmen der Kolleginnen. Maryam schafft es, in den Umfragen zu einer veritablen Konkurrentin Dr. Tareks aufzusteigen. Und der reagiert: Maryams wichtigstes Ziel, die Asphaltierung der Klinikzufahrt, steht plötzlich auf seiner Agenda. Zur Wahl bleiben nur noch wenige Tage ...

15:24 03.03.2020

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