Ein emotionaler Roadtrip durch Deutschland

Zum Film Grump wollte schon Schluss machen, doch die Schwangerschaft seiner Enkelin haucht ihm Lebensmut ein. Jetzt ist er auf der Suche nach einem 72'er Ford Escort, denn seinen alten hat er zu Schrott gefahren. Für den muss er allerdings nach Deutschland
Filmstill aus „Grump“
Filmstill aus „Grump“

Foto: Christine Schroeder

Grump lebt in der Vergangenheit. Alles war früher besser. Alles, was nach 1953 kam, hat Grumps Leben verkompliziert. Er musste seinen Söhnen beibringen, liebevolle Väter zu sein, was er selbst nie war. Und dann hatte seine Frau noch Alzheimer und starb, obwohl er sie pflegte und liebte wie er nur konnte. Grump bereitete sich auf den Tod vor – alles war erledigt. Er zimmerte seinen eigenen Sarg, als das Leben plötzlich wieder hereinkam: Seine Enkelin brauchte die Sturheit und Weisheit ihres Großvaters. Im Gegenzug bekam Grump wieder einen Sinn für sein Leben ...

Grumps Leben ist business as usual: Der Frühling ist da und die ersten Kartoffeln des Jahres werden reif für die Ernte. Trotzdem ist Grump mit den Gedanken woanders: Die Erinnerungen an seinen älteren Bruder Tarmo verfolgen ihn. Tarmo ist vor einigen Jahrzehnten nach Deutschland gezogen. Die Brüder waren beste Freunde und Tarmo sollte die Familienfarm und die Felder übernehmen, während Grump vorhatte zu studieren und die Welt zu bereisen. Aber die Rollen wurden vertauscht als Tarmo Finnland verließ, ohne dass er irgendjemandem seinen Aufenthaltsort oder die Gründe für seine Abreise verriet. Die Brüder haben seitdem kein Wort mehr miteinander gesprochen.

Zwei Brüder: Unterschiedlich wie Tag und Nacht

Grump zerstört bei einem Unfall seinen geliebten Ford Escort 1972 und der das Wrack kommt auf den Schrottplatz. Ein moderner Wagen kommt überhaupt nicht in Frage und der nächste 1972er Ford Escort befindet sich in Deutschland. Als die beiden Söhne von Grump, Pekka und Hessu, sich weigern dem Alten dabei zu helfen, muss Grump selbst nach Deutschland reisen. In Hamburg biegt er einmal falsch ab und verliert sich in der Stadt auf der Reeperbahn. Grump wird überfallen und wacht in einem Krankenhaus auf. Er hat fast sein gesamtes Bargeld für den geplanten Autokauf in Hamburg verloren (nur Bares ist Wahres), das Auto ist weg – und was noch schlimmer ist: sein Bruder Tarmo wurde von den Beamten kontaktiert und sitzt nun neben Grump. Tarmo ist das komplette Gegenteil von Grump: Er ist ein Nomade. Ein echter Vagabund, der ein abenteuerliches Leben geführt und die Welt bereist hat. Er lebt in seinem Wohnmobil und sein Zuhause ist dort, wo er parkt. Grump hat Angst vor dem Lebensstil seines Bruders: Er hat noch nicht mal eine ordentliche Wohnung oder ein Haus, in dem Alter! Grump wird in Tarmos Welt eingeführt: ein Camp voller junger Leute, die beschlossen haben, außerhalb der Gesellschaft zu leben. Tarmo scheint eine sorglose Lebenseinstellung zu haben, aber Grump stellt bald fest, dass darunter eine tiefe Traurigkeit liegt. Tarmo hat seine Familie vor Jahren verlassen und konnte seitdem nichts mehr mit seiner einzigen Tochter Maria in Ordnung bringen. Außerdem ist er schwer an Krebs erkrankt. Als Grump ihn mit der überlebensnotwendigen Behandlung konfrontiert, sagt Tarmo ihm, dass er sich dagegen entschieden habe. Es ist OK für ihn zu sterben. Es ist Zeit, dass Grump die Dinge in die Hand nimmt, aber zuerst muss er das kriegen, wofür er nach Deutschland gekommen ist: den Ford Escort Modell 1972.

Viel mehr als nur die Suche nach einem Auto

Tarmo verspricht, Grump in die Nähe von Bonn zu bringen, wo er doch noch so einen Ford Escort Modell 1972 gefunden hat. Die Brüder sind mit Tarmos‘ Wohnmobil unterwegs. Es gibt nur ein Problem: Geld. Tarmo nimmt das Wenige, das übrig ist, und verspricht Grump, dass er es vermehren könne. Im Casino bringt Tarmo Grump das Spielen bei. Grump gewinnt. Er feiert, mit einem Glas Milch – aber Tarmo trinkt zu viele Cocktails und wird in seinem Wohnmobil ohnmächtig. Jetzt liegt es an Grump: Er hat Marias‘ Adresse in Tarmos Sachen gefunden und zu seinem Schock wacht Tarmo am nächsten Morgen vor Marias Haus auf.

Trotz Grumps guter Absicht verläuft ihr Besuch bei Maria schlecht. Maria ist nicht bereit, ihrem Vater Tarmo zu vergeben. Mit ihr hat es das Leben gut gemeint und Tarmo ist froh zu erfahren, dass er einen Enkel hat. Aber Maria möchte nicht, dass Tarmo wieder ein Teil ihres Lebens oder ihres Sohnes wird und bittet ihn zu gehen. Tarmo ist am Boden zerstört und beschuldigt Grump, sich in sein Leben eingemischt zu haben. Die Brüder streiten sich und Grump kann es kaum erwarten, seinen Escort zu bekommen und von Tarmo wegzukommen.
Aber der Preis für das Auto ist gestiegen und Grump ist wieder knapp bei Kasse. Er verspricht, Geld aus Finnland zu schicken, aber Tarmo muss sein Wohnmobil als Pfand hinterlassen. Die Brüder sind wieder unterwegs, zusammengepfercht im Ford Escort. Alte Wunden öffnen sich und die beiden prallen mit voller Wucht aufeinander. Grump glaubt, dass Tarmo im Leben alle Möglichkeiten offenstanden, während Tarmo glaubt, dass es Grump leicht hatte: Eine perfekte Ehe, liebevolle Söhne und ein eigenes Stück Land, ein Zuhause. Mit erhitztem Gemüt biegt Grump falsch ab und befindet sich als Geisterfahrer auf der Autobahn: Die Autos kommen auf ihn zu!

Alles sinnlos?

Grump und Tarmo verbringen die Nacht im Gefängnis. Hier, am tiefsten Punkt, finden sich die beiden Brüder wieder. Nachdem Tarmo sie aus dem größten Ärger herausholt, geht der Roadtrip weiter. Aber diesmal zählt die Reise, nicht das Ziel. Grump merkt bald, dass er diesmal nicht bereit ist, Tarmo loszulassen. Er muss seinen Bruder dazu bringen, zu sehen, dass es sich lohnt, für das Leben zu kämpfen. Während Grump Deutschland im Sturm erobert, stehen seine Söhne Pekka und Hessu in Finnland mitten in ihrer eigenen Mid-Life-Crisis. Pekka hat all seine Investitionen verloren und seine Ehe steht kurz vor dem Zusammenbruch. Hessu stellt seine Fähigkeiten als Vater in Frage, während er erfährt, dass er mit über 50 ein viertes Kind bekommen wird. Beide Söhne ziehen sich auf die Familienfarm zurück. Da keiner von ihnen zu sich nach Hause zurück möchte, erledigen sie die Aufgaben von Grump auf der Farm. Kartoffeln ernten, Brennholz hacken und Zeit miteinander verbringen; das hilft den Brüdern, ihre eigenen persönlichen Knoten zu lösen. Und als die Söhne etwas über die Vergangenheit von Grump und Tarmo erfahren, beginnen sie zum ersten Mal in ihrem Leben, ihren Vater zu verstehen.

Grump ist ein Film über die Heilung von seelischen Wunden, die sich über Generationen vertieft haben. Es ist eine Geschichte über Versöhnung und Vergebung. Mit bittersüßem Humor!

23.11.2022, 23:01

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