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Director’s Note: Volker Schlöndorff

Ein Haus am See, fast ein Jahrhundert wie im Zeitraffer: Volker Schlöndorff erzählt, warum „Heimsuchung“ für ihn ein Film über Augenblicke ist, welche Bedeutung die Musik hat und was Heimat für ihn bedeutet.

Porträt von Regisseur Volker Schlöndorff.
Volker Schlöndorff.

Foto: Studiocanal/Ziegler Film/Anne Wilk

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Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte

Heimsuchung - Eine Jahrhundertgeschichte

Volker Schlöndorff

Drama

Deutschland 2026

118 Minuten

Ab 15.10.2026 im Kino!

Volker Schlöndorff:

Chronik eines Hauses

Die Geschichte eines Hauses am See, vor den Toren von Berlin, alles an einem Schauplatz: Dieser Ansatz ist schlicht, einfach und eine Herausforderung. Als Regisseur habe ich immer davon geträumt einen Film zu machen, der sich nicht einer Story unterwirft, sondern sich den Augenblicken und Menschen widmet, um einfach nur Leben einzufangen.

Einerseits geschieht nichts, nur eine Reihe intensiver Augenblicke, andererseits vergeht fast ein Jahrhundert wie im Zeitraffer. Die Menschen träumen, planen, bauen, lieben, kommen, gehen, werden vertrieben, ermordet oder überleben und altern, wie die Natur, die sich zwischen Wald und See in stetigem Wechsel verändert. Alle hoffen auf einen glücklichen Sommer am See, doch der Lauf der Geschichte macht an ihrem Ufer nicht halt. Kein Leben verläuft so, wie es der Einzelne sich vorgestellt, geplant oder gewünscht hat. Immer verändert der Lauf der Geschichte jedes einzelne Leben. Bewusst habe ich auf Jahreszahlen und Daten verzichtet.

Was man oft Schicksal nennt, ist aber Politik, Krieg und Kampf um Macht, die keinen Bewohner des Hauses zur Ruhe kommen lässt. Nur der Gärtner scheint außerhalb der Zeit zu stehen. Auch das Haus, unser Motiv, die Location, hat eine starke Geschichte: Es war das Sommerhaus Albert Einsteins, das er mit der Machtergreifung der Nazis verlassen musste.

Literatur und Film

Was mich an dem Roman fasziniert hat und was mir heute besonders aktuell erscheint, ist, dass niemand mehr das Gefühl hat, die Kontrolle über sein Leben zu haben. In Deutschland speziell zeigt „Heimsuchung“, welche Ideale im Osten das Leben geprägt haben und wie groß die Verluste bei der Wiedervereinigung waren.

Bei „Heimsuchung“ denkt man sofort an Heimat. Ich kann mit Heimat wenig anfangen. Ich habe eine Vorstellung von einem Wald und einem Tal im Taunus, wo ich aufgewachsen bin. Das hat meine Kindheit und Jugend geprägt, aber ich habe kein Bedürfnis wieder dahin zu fahren. Die Heimat ist in meinem Kopf. Ich fühle mich überall und sehr schnell auf der ganzen Welt wohl.

Das Drehbuch konnte sich nicht an der Struktur der Vorlage orientieren. Eine andere einheitliche Erzählperspektive musste an Stelle der Vielstimmigkeit von Jenny Erpenbeck treten. Die Autorin selbst hat dabei in Gesprächen und durch konkrete Vorschläge geholfen. Obwohl die Vorlage mehr Autofiktion als Roman ist, habe ich mich, um frei zu sein und keinen Schlüsselroman zu verfilmen, an das Fiktive mehr als an die Vorbilder gehalten.

Cast

Die meisten Darsteller kenne ich seit Jahren, wir haben oft zusammengearbeitet und sind eigentlich eine große Familie. Beim Schreiben dachte ich früh an Lars Eidinger für die Rolle des Architekten, weil ich ihn seit 20 Jahren kenne und wir schon immer gerne einmal miteinander arbeiten wollten. Martina sollte schon in „Die Stille nach dem Schuss“ die Hauptrolle spielen. Angela Winkler kenne ich aus der „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (vor 50 Jahren!), Uli Matthes aus „Der neunte Tag“, David Bennent aus „Die Blechtrommel“, Susanne Wolff war Partnerin von Stellan Skarsgard in „Rückkehr nach Montauk.“

Mit den Laien und Kindern haben wir lange vor Drehbeginn eine Art Sommerlager gemacht, haben im Frühjahr die Baumblüte gefilmt, im Sommer Kirschen geerntet, sodass sie miteinander vertraut wurden und beim Drehen nichts erzwungen werden musste.

Musik

Die Musik ist lyrisch, fast pastoral, um die Harmonie der Landschaft und des Hauses zu unterstreichen. Sie setzt aber auch verstörend dramatische Akzente, denn die Weltgeschichte zerstört die Leben fast aller Bewohner.

Schnitt

Mir wird jetzt erst klar, dass der Film eigentlich am Schneidetisch entstanden ist wie eine musikalische Komposition, da es ja keinen Handlungsstrang gab, dafür wie in der Musik Stimmungen, adagio, presto, usw., aus denen man eine Folge komponieren musste, die nur durch die Noten, nicht durch ein dramaturgisches Gerüst zusammengehalten wurden, oft ganz gegen die Szenenfolge, die das Drehbuch vorgab…

Ausstattung und Kamera

Für den Ausstatter Sebastian Soukup galt es jeweils dem Geist der Zeit, 30er-Jahre Bauhaus, dann Naziarchitektur, Verwahrlosung nach dem Krieg, Wiederaufbau unter DDR-Prämissen zu entsprechen. Stimmige Details, auch im Kostüm und Maske, helfen die Szenen präzise zu datieren, ohne Daten einfügen zu müssen.

Kurzbiografie: Preisgekrönt und Oscar-prämiert. Volker Schlöndorff zählt zu den renommierten Filmemachern Deutschlands und gilt als Mitbegründer des Neuen Deutschen Films – ein Filmstil der 1960er und 1970er Jahre, beeinflusst von der französischen Nouvelle Vague und der 1968er-Protestbewegung sowie eine Gegenbewegung zum westdeutschen Nachkriegskino. Volker Schlöndorff arbeitet als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent und wird u.a. geschätzt für seine eindrücklichen Literaturverfilmungen. Mit seiner Adaption von „Die Blechtrommel“ (1979, Autor: Günter Grass) feierte er enorme Erfolge und gewann u.a. als erster deutscher Film die Goldene Palme in Cannes und ebenfalls als erster deutscher Film seit 1927 den Oscar für den Besten Fremdsprachigen Film.

Außerdem prägte er den deutschen Film durch preisgekrönte Werke wie u.a. „Der junge Törless“ (1966) und Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975) gemeinsam mit Margarethe von Trotta. Zu seinen aktuellen Projekten gehören neben der neuen Literaturverfilmung „Heimsuchung“ (2026) u.a. auch der Dokumentarfilm „Der Waldmacher“ (2021), „Der Namenlose Tag“ (2017), „Rückkehr nach Montauk“ (2017), „Diplomatie“ (2014) und „Das Meer am Morgen“ (2011).

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