Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Gedanken, als Sie von der Filmadaption erfuhren?
Jenny Erpenbeck: Schlöndorff und ich trafen uns zunächst aus einem völlig anderen Grund, aber ich hatte höflichkeitshalber ein Buch von mir mitgebracht – das war „Heimsuchung“. Beim nächsten Treffen hatte er das Buch schon gelesen und meinte zu meiner großen Überraschung, dass er Lust hätte, einen Film daraus zu machen. Mit dieser ersten Überlegung im Kopf setzten wir uns dann ein paarmal zusammen, um darüber nachzudenken, wie das gehen könnte.
Zunächst also begann alles ganz inoffiziell, einfach nur aus Freude an der Arbeit als solcher. Wir redeten darüber, wie das Drehbuch aussehen könnte, welche Szenen man gern drin hätte, welche Figuren man unbedingt bräuchte. Es war so schön, weil es so beiläufig seinen Anfang nahm. Einfach zwei Leute an einem Tisch. Es kommt ja gar nicht mehr so häufig vor, dass ein solches Projekt ohne den ganzen Apparat begonnen wird, ohne einen Gedanken an Finanzierbarkeit, ohne Vertragswerk, Absicherung der Rechte und so weiter, stattdessen ganz spielerisch. Zwei Jahre später erst wurde es dann ein offizielles Projekt.
Wie war es für Sie, die eigene Geschichte in fremde Hände zu geben?
Ich hatte Vertrauen zu Volker. Er ist sehr offen, immer positiv und ein guter Zuhörer. Und Vertrauen zum Regisseur ist das Wichtigste.Natürlich war es für mich auch eine große Ehre. Volker zählt zu den deutschen Regie-Legenden, und ich war neugierig, wie die Zusammenarbeit sein würde. Und dann hat es so viel Freude gemacht!war noch immer mein Ureigenes, aber zugleich auch das Ureigene von Volker und das Ureigene der Darsteller. Das war seltsam. Seltsam und schön.
Das Haus ist ja ein Hauptakteur der Geschichte. War es so, wie Sie es sich vorstellten?
Die Idee und dann auch die Möglichkeit, im Einsteinhaus in Caputh zu drehen, war eine großartige Sache. Dieses Haus ist in einer ähnlichen Zeit entstanden wie das Haus in meinem Buch und strahlt eine ähnliche Wärme aus. Der Architekt und die Schriftstellerin arbeiten buchstäblich im Arbeitszimmer von Einstein, also dort, wo Einstein vor seiner Vertreibung aus Deutschland zu Hause war. Das Haus ist also nicht nur eine Kulisse, sondern auch selbst Zeuge der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Martina Gedeck spielt die Schriftstellerin. Sie haben sich im Vorfeld mit ihr besprochen. Wie war die Zusammenarbeit?
Vorab muss man vielleicht sagen, dass ein Drehbuch immer in Bewegung ist. Es fallen plötzlich Szenen heraus, die zu lang sind oder technisch nicht funktionieren, anderes kommt hinzu. Immer wieder muss man schauen, dass die Anschlüsse noch passen, dass der Erzählfluss stimmt und die Genauigkeit trotzdem erhalten bleibt. Martina Gedeck und ich sind vor Drehbeginn den Text noch einmal gemeinsam durchgegangen, sie hat sehr gute, kluge Anmerkungen gemacht. Ich wiederum habe ihr Hintergrundmaterial gegeben, damit sie sich besser auf die Rolle vorbereiten kann.
Sie ist jemand, der sich sehr tiefgründig mit einer Geschichte beschäftigt und dabei nicht nur an ihre eigene Rolle, sondern an die Erzählung im Ganzen denkt. Ich formuliere ja manchmal sehr knapp, aber sie hat immer sofort verstanden, was unter den paar Zeilen liegt und welche Sätze besonderes Gewicht haben. Die Schriftstellerin, die sie spielt, ist eine zerrissene Figur, dafür muss man ein Gefühl haben, und das hat sie.
Warum haben Sie sich im Roman gegen Figurennamen entschieden? Ein Erzählelement, das auch in den Film übertragen wurde.
Ausgangspunkt für das Buch war zwar eine persönliche Geschichte – unsere Familie hatte tatsächlich ein Sommerhaus, das meine Großeltern durch die Rückgabe an die Alteigentümer infolge der Wiedervereinigung verloren. Aber es ist vor allem eine exemplarische Geschichte für viele ähnliche Geschichten, die im Osten der Nachwendezeit passierten. Darüber hinaus ist es, ganz grundsätzlich, eine Geschichte über Vergänglichkeit. Vergänglichkeit der Hoffnungen der Menschen, aber auch Vergänglichkeit der Menschen selbst.
Die Figuren, die auftreten, sind immer konkret, aber sie sind zugleich bestimmte Charaktere, die es überall und quer durch die Zeiten gibt – deswegen, fand ich, brauchen sie keine Namen. Ein Architekt ist immer Erbauer eines Hauses. Er denkt immer konzeptionell darüber nach, was es heißt, zu bleiben, zu Hause zu sein. Oder auch die Besucherin, die im Garten anderer Leute sitzt, nachdem sie ihre eigene Heimat verloren hat. Besucher, Gäste gibt es ja in jedem Garten. Und Besitzer natürlich. Auch deren Kinder. Oder Pächter. Besatzer. Nachbarn. Dorfleute. Und, ganz klar: kein Garten ohne Gärtner. Er ist für mich so etwas wie der wahre Besitzer des Gartens, weil er mit dem Grundstück durch seine Arbeit verbunden ist, nicht durch Geld. Wenn man ihm bei der Arbeit zuschaut, werden Vertragswerke, mit denen Menschen ihren Anspruch auf ein Stück Erde festschreiben wollen, ziemlich fragwürdig. Er verbindet die Menschenwelt auch mit der Natur, mit dem Naturkreislauf, und hat seine eigene Ewigkeit durch die verschiedenen Zeiten hindurch, ist beinahe eine mythische Figur. Da muss er nicht Fritze Müller heißen.
Wie würden Sie die Filmgeschichte in kurzen Worten zusammenfassen?
Es geht um ein Haus und ein Grundstück am See in der Nähe von Berlin und um all seine Bewohner, quer durchs 20. Jahrhundert. Menschen, die über einen kurzen oder längeren Zeitraum bleiben, die in dieses Gehäuse hinein- und irgendwann auch wieder hinausgeschwemmt werden. Ein Ort als17 Kreuzungspunkt verschiedener Lebenswege. Eine Wellenbewegung von Kommen und Gehen. Und es geht um Wünsche und Zwänge.
Worin liegt der Grundgedanke der Geschichte?
Ausgangspunkt war mein Nachdenken darüber, was es heißt, einen Lebensort zu verlieren, und wie man mit diesem Verlust umgehen kann. Bei meinen Recherchen stieß ich auf die Geschichten etlicher Menschen, die an so einem idyllischen Ort gern für immer geblieben wären und dann aber – aus unterschiedlichen Gründen – gezwungen waren, zu gehen. Manche mussten fliehen oder kamen sogar ums Leben, wie Doris Kaplan, das jüdische Mädchen, dessen Spur sich im Warschauer Ghetto verliert. Ihre Geschichte hat mich besonders bewegt, deshalb war es mir wichtig, dass sie mit ihrem realen Namen im Buch vorkommt: Damit die Erinnerung an sie nicht verlorengeht. Bei den Recherchen habe ich Briefe von ihr gefunden, die auch im Film eine wichtige Rolle spielen.
Andere Dinge wiederum habe ich für den Roman frei erfunden, dabei ging es mir immer um die Frage danach, was Heimat eigentlich für so unterschiedliche Menschen bedeutet. Der Architekt zimmert sich seine Heimat nach Konzept zusammen, leider hat er die vierte Dimension dabei vergessen: Die Zeit. Die Besucherin, im Film die Haushälterin, ist Flüchtling. Sie weiß, dass man, wenn man die Heimat verliert, für den Rest seines Lebens in der Fremde ist. Auch der Rotarmist hat eine Heimat, die abgebrannt ist. Sein Haus wurde von den Deutschen verwüstet, die Familie umgebracht. Das Kriegführen ist seine Antwort auf die Entwurzelung. Die kommunistischen Emigranten wiederum kommen in ein Land zurück, das sie nach zwölf Jahren mörderischer Naziherrschaft kaum noch Heimat nennen wollen. Für den Dorffreund der Schriftsteller-Enkelin dagegen ist seine unerfüllte Liebe zur Kindheitsfreundin die verlorene Heimat. Es gibt also verschiedene Arten von Wünschen, die sich auf diesen Ort beziehen. Und verschiedene Arten des Fortgehens.
Wieso der Roman-Titel „Heimsuchung“?
Das Wort „Heimsuchung“ hat in sich eine Gegenläufigkeit. Seit dem 30-jährigen Krieg ist damit eigentlich die Verheerung gemeint. Soldaten, die plündern und verwüsten. Unglücke, die über die Menschen hereinbrechen. Auch von Plagen wird man „heimgesucht“. Zugleich klingt in dem Wort aber auch die Suche nach Heimat mit an, obgleich das nicht die offizielle Bedeutung des Wortes ist. Die meisten Menschen wünschen sich Dauer, Sicherheit, Schönheit, Frieden. Aber was sie erfahren – oder selbst anrichten – sind Lebensumbrüche, Verluste und Gewalt. Es gibt also zwei unterschiedliche Bewegungen in diesem Begriff, und das ist für einen Titel immer gut.
Was bedeutet Heimat für Sie?
Im Konkreten ist das tatsächlich die Landschaft rund um Berlin, der Geruch nach Kiefernwald, der helle Sand unter den Füßen, die vielen Seen. Aber im Immateriellen auch die Sprache. Insbesondere in meinem Beruf ist Sprache natürlich immer Heimat.
Finden Sie, die Geschichte hat auch heute noch einen aktuellen Bezug?
Ja, ich glaube, sie hat leider große Aktualität. Wie man sieht, gibt es auch heute politische Entwicklungen, die den jungen Leuten Probleme bereiten werden. International vor allem, aber auch im Innern unseres geistig noch immer gespaltenen Landes. Ich glaube, es ist wichtig, von dem zu erzählen, was unsere Eltern und Großeltern geprägt hat. Woher vielleicht manche Vorbehalte auf beiden Seiten kommen. Ich hoffe auch, dass der Film und das Buch eine Anregung für junge Leute sind, sich selbst auf die Suche zu begeben, danach zu fragen: Wer hat eigentlich hier in dieser Wohnung, diesem Haus, dieser Straße vor fünfzig oder vor hundert Jahren gelebt? Überhaupt, das Fragen lernen, und das Selbstverständliche verlernen. Es kommen erstaunliche Geschichten zutage, wenn man fragt.
Und nicht zuletzt hat Schreiben auch immer mit Bewahren zu tun. Diejenigen, die jetzt Abitur machen, sind vielleicht die Autoren von morgen. Und erinnern sich womöglich an Kindheiten anderswo. An Krieg, an Vertreibung, an Flucht. Das, was uns Menschen gemeinsam ist, ist wohl die Sehnsucht danach, Brüche im Leben zu überstehen und nicht zuletzt durch Erinnerung unsere Identität zu bewahren.