Intensiver Arbeitsprozess

Interview Luna Wedler und Jannis Niewöhner äußern sich im Gespräch zu den intensiven Vorbereitungen im Vorfeld von „Je Suis Karl“, den Dreharbeiten mit Regisseur Christian Schwochow und beantworten die Frage, ob es in der momentanen Gesellschaft zu leise ist
Intensiver Arbeitsprozess
Jannis Niewöhner als Karl.

Foto: Tom Trombow

Zwischen Rollenanfrage und Kinostart liegen jetzt mehrere Jahre. Wie präsent ist Ihnen die Arbeit an Je Suis Karl?

LUNA WEDLER: Bei mir ist es irgendwie eine Mischung aus gegenwärtig und vernebelt. Die Arbeit an Je Suis Karl war mit vielen Emotionen verbunden. Ich war in dieser Zeit extrem aufgewühlt und mich packt es noch heute, wenn ich ihn sehe oder darüber spreche. Es ist für mich einfach ein krasser und intensiver Film.

JANNIS NIEWÖHNER: Ich habe Je Suis Karl gerade erst wieder angeschaut, mit drei Ü60-Jährigen aus meiner Familie. Es war total spannend, denn seitdem ist der Film noch einmal ganz anders präsent für mich. Eines war diesmal beim gemeinsamen Ansehen aber anders als bei meinen anderen Filmen: Wir konnten uns in der Runde nicht auf eine knappe Einschätzung einigen. Wir saßen zwei Stunden zusammen und es gab total verschiedene Wahrnehmungen, ein völlig unterschiedliches Verständnis von dem, was im Film passiert.

Es ging also weit über eine Wertung hinaus?

JANNIS NIEWÖHNER: Ja! Da war auch nicht, wie manchmal üblich, die schlichte Freude, dass ich diese Arbeit machen konnte oder ein „Gut, Jannis!“ Es ging vor allem um Gefühle, die Je Suis Karl ausgelöst hat oder die Wut und den Schock, die er auslösen kann.

Christian Schwochow und Thomas Wendrich sagen im Interview, dass Je Suis Karl beim Sehen weh tun sollte, er hätte auch schon in der Recherche weh getan. Wie sehr hat er Sie persönlich beim Drehen geschmerzt?

LUNA WEDLER: Sehr! Denn die Thematik ist so nah, so greifbar. Es ist ja kein historischer Stoff von irgendwann. Es passiert jetzt und heute und es geht alles so extrem schnell.

JANNIS NIEWÖHNER: Es war sogar paradox. Denn dieser Film, der weh tun soll, ist mit einem Team entstanden, das sehr gut funktioniert, Halt bietet, fast familiäre Gefühle erzeugt. Und das ist umso wichtiger, wenn es auch beim Dreh weh tun muss. Es war eine erfüllende Arbeit.

Woran machen Sie diese Erfüllung fest?

JANNIS NIEWÖHNER: Das sollte ich wirklich näher erklären. Wenn du die Produktionsräume betreten hast, ganz gleich, wo du warst, ob bei der Ausstattungsabteilung oder das erste Mal in der Maske, hast du sofort gemerkt, wie tief alle Beteiligten im Thema des Films drin sind. Keiner hat nur einen Job gemacht. Es war ganz klar, dass es einem um mehr gehen muss, wenn man dabei ist. Man kam da hin und war überwältigt. Gleichzeitig hat es einen angespornt, die gleiche Intensität zu geben.

Frau Wedler, der Regisseur nennt den Weg zu Ihnen als Hauptdarstellerin eine Reise. Beschreiben Sie bitte diesen Weg. Warum wollten Sie die Rolle anfangs nicht?

LUNA WEDLER: Darüber habe ich im Nachhinein oft nachgedacht. Ich glaube, es war Angst. Ich war ja noch jünger damals, als ich das Drehbuch bekam, das darf man nicht vergessen. Es war Angst, der Rolle nicht gerecht zu werden. Meine Zusage war für mich der Beginn dieser Reise mit Christian Schwochow. Das hat er übrigens wirklich sehr poetisch gesagt ...

Was ist das Besondere an Christian Schwochow?

LUNA WEDLER: Du kannst bei ihm nichts falsch machen. Im Grunde kannst du machen, was du willst, er ist da total ehrlich, aber falsch ist es nicht. Natürlich bemerkt er deine Unsicherheiten und er benutzt sie, aber auf eine Weise, die das Spiel echt macht und nah ans wahre Leben holt.

JANNIS NIEWÖHNER: Das ist spannend, denn es macht eine im Grunde geprobte Szene trotzdem irgendwie ungeplant und lebendig. Es funktioniert bei mir manchmal besser, manchmal schlechter, weil man immer auch in so einen Kontrollmechanismus hineinfallen kann. Christians Offenheit aber, dass sich ein Drehbuch in der Vorbereitungszeit entwickeln darf, ist großartig. Auch er bringt einen Schauspieler dazu, noch intensiver über die Figuren nachzudenken. Für die Entwicklung zwischen Maxi und Karl war das wunderschön.

LUNA WEDLER: Ja, die Probewoche war wirklich krass.

JANNIS NIEWÖHNER: Das war sie! Und übrigens, die Angst, einer Rolle nicht gerecht werden zu können, habe ich auch. Doch gerade Christian ist einer, der dich dazu ermuntert, Ängste anzugehen und sie willkommen zu heißen.

LUNA WEDLER: Durch ihn habe ich gelernt, mich mehr zu trauen.

Kehren wir das Übliche um: Beschreiben Sie beide bitte die Rolle des jeweils anderen.

JANNIS NIEWÖHNER: Maxi ist ein junges Berliner Mädchen, das aus einem behüteten Umfeld stammt mit einer Familie, die viel Liebe und Sicherheit gegeben hat. Doch das Allgegenwärtige dieser Liebe und Sicherheit muss plötzlich infrage gestellt werden. Maxi macht sich auf die Suche nach Antworten. Sie trifft Karl, der ...

LUNA WEDLER: ... eine wunderschöne Erscheinung ist, aber eben auch ein sehr manipulativer und besessener Mensch. Er kann gut reden und besitzt, wie die ganze Gruppe, in der er agiert, eine krasse Wucht. Ich glaube aber auch, dass hinter diesem Karl ein sehr sensibler Mensch steckt, der Nähe sucht.

JANNIS NIEWÖHNER: Beide sind innerlich zerrissen, irgendwie verlorene Seelen.

LUNA WEDLER: ... die sich dann finden.

JANNIS NIEWÖHNER: Zu einem Großteil auf ehrliche Weise, so unterschiedlich ihre Welten auch sein mögen.

LUNA WEDLER: Obwohl es ja zunächst eine geplante Begegnung ist, die dann für beide ebenfalls zu einer Reise wird.

Maxi ist 18. Da genügt eigentlich schon heftiges Verlieben, um einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Es braucht die politische Dimension oder den Schock eines privaten Unglücks gar nicht.

LUNA WEDLER: Nein, aber bei Maxi ist es eben komplexer. Da ist die Nähe zu Karl, der sie ihr eigenes Ich wiederfinden lässt. Da ist aber auch die Tatsache, dass er ihren Schmerz und ihre Trauer ausnutzt.

Spannung zwischen Maxi und Karl entsteht durch Worte und Wortlosigkeit. Fragen werden gestellt und Antworten gegeben, manchmal verbal, oft nur durch Gesten und die Augen. Herr Niewöhner, wie war es, sich in die Mehrsprachigkeit „hineinzugraben“?

JANNIS NIEWÖHNER: Auch hierbei ging es vor allem darum, mir mehr zuzutrauen. Das ist eine von so vielen Erfahrungen, die ich vom Je-Suis-Karl-Dreh mitnehme und es geht weit über das Beherrschen internationaler Sprachen hinaus. Es betrifft auch unsere eigene Sprache, den Ausdruck, der nichts mit Worten zu tun hat. Dabei war es spannend, ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Möglichkeiten der Sprache und ihrer Umgestaltung die neuen Rechten für sich nutzen.

Zur politischen Dimension von Je Suis Karl: Waren Sie beide überrascht vom Ergebnis der Recherchen fürs Drehbuch, schockiert vielleicht vom Ausmaß der neuen rechten Bewegungen in Europa?

JANNIS NIEWÖHNER: Auf jeden Fall! Und es ist ja nur ein Zeichen, wie gut das System der neuen Rechten funktioniert, denn nicht wenige Zuschauer werden vermutlich meinen, das Gezeigte sei zu spekulativ, zu sehr drüber. Ist es aber nicht. Weil man sich selbst vielleicht zugestehen muss, dass man es bislang unterschätzt hat, wehrt man es ab.

LUNA WEDLER: Ich war sehr geschockt. Auch in meinem Umfeld haben viele Menschen nicht geglaubt, dass es das, worüber ich gerade drehe, wirklich gibt. Deshalb ist Je Suis Karl so wichtig.

Haben Sie noch zusätzlich recherchiert oder ein- fach darauf vertraut, was Thomas Wendrich und Christian Schwochow gesammelt haben?

LUNA WEDLER: Wir haben noch Sachbücher bekommen und Dokumentarfilme angesehen. Mir war es aber wichtig, nicht zu viel zu wissen, denn Maxi wird ja erst von außen in die Szene hineingeholt.

JANNIS NIEWÖHNER: Um für mich die Form zu finden, wie Karl im Umgang mit Menschen ist, habe ich noch viel recherchiert. Mich hat völlig verblüfft, wie offen rechte Parteien oder Bewegungen und metapolitische Gruppierungen über ihre Strategien und Vorgehensweisen reden. Es ist komisch, denn irgendwie werden sie so auch durchschaubar.

Eine der Säulen von Je Suis Karl ist Verführung und Verführtwerden, das große alte Thema der Kulturgeschichte, aber eben auch in der Gesellschaft. Was glauben Sie, die Sie nicht weit entfernt vom Alter Ihrer Figuren sind: Wie schützt man sich am besten gegen Verführung von rechts?

LUNA WEDLER: Das ist eine schwierige Frage. Weil Verführung ja auch etwas so Schönes ist und man nur verführt werden kann, wenn man nicht alles hinterfragt.

JANNIS NIEWÖHNER: Oder wenn man glaubt, alles hinterfragt zu haben. Bei schönen Dingen gestehen wir es uns gern ein, verführbar zu sein. Aber Menschen gehen ständig über Grenzen, brechen ihre eigenen Prinzipien und merken erst spät, wenn es passiert ist. Manipulation will ja auch stattfinden, ohne dass es der Manipulierte spürt.

Film kann das ebenfalls sehr gut ...

JANNIS NIEWÖHNER: Das ist der schmale Grat dabei. Filme geben, wenn sie gut sind, Einblicke in Welten, ohne dabei in Schemen von Gut und Böse zu verfallen. Im Leben ist es natürlich gefährlicher als im Film. Im Kino nimmt man das, was einem auch im Leben vor Augen ist, oftmals konzentrierter wahr.

LUNA WEDLER: Es ist extrem spannend, weil man diesen Karl eigentlich auch mag, obwohl wir Maxi im Wissen immer voraus sind.

Was glauben Sie, wie wichtig ist Erziehung?

LUNA WEDLER: Ich glaube, sie ist das Allerwichtigste. Gleichzeitig weiß ich, dass eine behütete Kindheit keine Garantie gibt, später nicht in gefährliche Tendenzen abzukippen. Denn auch politische Gruppen bieten zunächst einmal das Gefühl der Zusammengehörigkeit.

JANNIS NIEWÖHNER: Ich denke, die Frage zielt auf die elterliche Erziehung ab und da ist es wohl das Wichtigste vorzuleben, anstatt nur zu erklären. Den Jugendlichen in seiner offenen Haltung der Welt gegenüber zu stärken. Die Umgebung erzieht ebenfalls und vorgelebt wird auch dort. Am Ende aber geht es im Grunde nur um die Suche nach Liebe. Immer!

Beantworten Sie bitte als junge Frau und junger Mann abschließend dieselbe Frage, die auch schon Regisseur und Drehbuchautor beantwortet haben: Ist es Ihnen zu leise in der Gesellschaft?

LUNA WEDLER: Ich glaube, dass meine Generation enorme Stärke und Wucht entwickelt hat. Vielleicht bin ich da etwas naiv oder weiß zu wenig, aber wir sind auf einem guten Weg. Wir müssen diese Stärke und Kraft nur viel intensiver benutzen.

JANNIS NIEWÖHNER: Ich glaube, wir sind stärker als vor Jahren. Trotzdem: Ich selbst bin zu oft auch nur empört über meine eigenen kleinen Probleme. Ich habe es noch nicht herausgefunden, was mich dauerhaft dazu bringt, nicht loszulassen. Die Arbeit daran fängt bei mir selbst an. Empathie zu fördern, Mitgefühl zuzulassen, Räume zu schaffen für die Stimme anderer Menschen, zum Beispiel für Opfer und Angehörige von Terroranschlägen.

LUNA WEDLER: Es geht, glaube ich, auch hierbei darum, sich mehr zu trauen.

JANNIS NIEWÖHNER: ... keine Angst davor zu haben, missverstanden zu werden. Vielleicht macht diese Angst unsere Gesellschaft zu leise.

14:03 08.09.2021

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