»Let's Talk About Brasch«

Produktion Die Produzenten Michael Souvignier und Till Derenbach über ein Traumprojekt und den Anspruch, einen Film zu drehen, in dem die Zuschauenden der Ausnahmeerscheinung Brasch ganz nahe kommen können und der damit mehr ist als ein konventionelles Biopic
»Let's Talk About Brasch«
Thomas Brasch (Albrecht Schuch) liebt die Frauen und das Schreiben.

Foto: Peter Hartwig

Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“ (Auszug aus „Der Papiertiger“ von Thomas Brasch)

So lautet einer der berühmtesten Sätze von Thomas Brasch. Er steht sinnbildlich für den Menschen im Mittelpunkt unseres Filmes. Brasch war ein Suchender und ein Entschiedener zur gleichen Zeit. Schon als Junge legte er fest, dass er Schriftsteller werden wolle. Davon ließ er sich nicht abbringen. Damit beginnen auch die Konflikte in seiner Familie, insbesondere mit seinem Vater. Was Brasch als Lebensmodell in sich geboren hat, ist Ausdruck seines ganz eigenen Muts. Eines Mutes, dem man nicht so oft begegnet. Er ging seinen eigenen Weg, ohne jemals angekommen zu sein. Denn da, wo er war, wollte er wieder weg, wie er es selbst im Stück „Der Papiertiger“ beschreibt:

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber / wo ich bin will ich nicht bleiben, aber / die ich liebe will ich nicht verlassen, aber / die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber / wo ich lebe, da will ich nicht sterben, aber / wo ich sterbe, da will ich nicht hin: / Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“

Thomas Braschs Geschichte ist auch eine deutsche Geschichte. Aufgewachsen in der DDR, mit der elterlichen und der staatlichen Autorität in einem ständigen Konflikt, vom eigenen Vater verraten, inhaftiert. Dann übergesiedelt in den Westen, wie so viele. Aber auf seine sehr eigene Weise. Und auch im Westen ist er nicht heimisch geworden. Seine Power war so überwältigend, dass die Menschen in seiner Nähe auch schon mal in Deckung gehen mussten. Nie hat er sich einkaufen lassen. Nicht vom Literaturbetrieb, nicht von der Filmindustrie, nicht von den Medien. Wahrscheinlich noch nicht mal von sich selbst.

Seinen Weg ging er konsequent bis zur Selbstzerstörung. Er war eine Kerze, die an beiden Enden gebrannt hat. Seine Energie war wie ein Kraftfeld, das anziehend wirkte. Am Ende hat es ihn selbst verschlungen. Alle Menschen, die mit Thomas Brasch zu tun hatten, bekommen leuchtende Augen, wenn sie von ihm sprechen. Trotzdem droht er, leider, in Vergessenheit zu geraten.

Uns ist es wichtig, dem Menschen Brasch auf die Spur zu kommen, wir folgen ihm von seiner Kindheit bis zu den letzten Tagen. Man soll sehen, was für ein außergewöhnlicher Mensch und Künstler er war. Gleichwohl ist unser Film voller Lust am Leben. Wenn der Film zu Ende ist, soll man das Kino verlassen und selbst bereit sein, die Welt zu erobern.

Unser Anspruch ist hoch. Sonst müsste man einen solchen Film gar nicht erst anpacken. Wir wollten kein konventionelles Biopic machen. Braschs Zerrissenheit kommt aus der Zerrissenheit der ganzen Familie, aus dem Konflikt mit seinem Vater. Das zieht sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben und findet keinen Abschluss. Wenn man einen Film über Brasch macht, kann man also nicht einfach biographische Eckdaten abhaken. Wir wollten Brasch und seinem Leben und seiner Erfahrungswelt so nahe kommen wie möglich und soweit sie noch existieren, an Originalschauplätzen drehen. Eine wichtige Entscheidung von Andreas Kleinert war es dabei, in Schwarzweiß zu drehen Das verleiht dem Film eine ganz unverkennbare Eigenheit.

Mit der Fertigstellung des Films geht eine neunjährige Reise zu Ende, bei der Zeitsprung Pictures von Anfang an mit dabei war. Zunächst mit Christian Granderath, der den Film initiiert und gemeinsam mit seinen Kollegen vom BR, ARTE und WDR koproduziert, dann mit Regisseur Andreas Kleinert, der zur Treatmentphase zu uns kam und schließlich mit Autor Thomas Wendrich, der das originelle Drehbuch verfasst hat. Im Anschluss begannen gemeinsam die Überlegungen zur Besetzung. Albrecht Schuch war unsere erste und einzige Wahl. Wir konnten uns keinen anderen Schauspieler für die Hauptrolle vorstellen. Aber auch die anderen Darsteller waren Wunschkandidaten: Jella Haase. Jörg Schüttauf. Anja Schneider. Ioana Iacob. Joel Basman. Emma Bading. Peter Kremer. Mit diesem Team, diesem Ensemble, ging für uns ein Traum in Erfüllung!

Wenn man einen Film über einen Ausnahmekünstler wie Thomas Brasch macht, wird man zwangsläufig kritisch beäugt. Das war uns klar. Bestimmt wird nicht jeder, nicht jede, „seinen“ oder „ihren“ Thomas Brasch wiederfinden. Aber unsere Aufgabe war auch nie den einen, den ultimativen Brasch-Film zu machen. „Von mir aus soll es ganz viele tolle Filme über Thomas geben“, hat uns seine Schwester Marion Brasch, die letzte Überlebende einer faszinierenden Familie, ganz beeindruckt gesagt, als wir ihr im Spätherbst 2020 als Erste unseren fertigen Film gezeigt haben. Sie hatte auch schon die Dreharbeiten besucht.

Besser als Marion kann man es kaum sagen. Es sollen möglichst viele Thomas Brasch wiederentdecken. Im Kino! Auf der Leinwand! Mit seinen Büchern in der Hand!

Denn wo wir jetzt sind, wollen wir nicht bleiben.

08:55 11.11.2021

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