Waise der Wahrheit

Interview Die Regisseurin Juliana Fanjul über ihre Verbindung zu Carmen Aristegui weit über die Landesgrenzen hinweg und die Bedeutung, die sie der Radiomoderatorin in Mexiko beimisst. Einem Land, in dem kritische Stimmen einfach zum Schweigen gebracht werden
Waise der Wahrheit
Die Regisseurin Juliana Fanjul

Foto: jip Film

Was hat Sie dazu bewegt, diesen Film zu drehen?

Seit meiner Teenagerzeit hörte ich Carmen Aristegui im Radio. Sie war meine Hauptnachrichtenquelle und half mir, meine Augen für die soziale und politische Realität meines Landes zu öffnen. Nachdem ich als Erwachsene in die Schweiz gezogen bin, war ihre Stimme nicht nur ein unverzichtbares Mittel, um mich über die aktuellen Ereignisse in Mexiko zu informieren, sondern auch um zu entschlüsseln, was 2015 vor sich ging in dem Klima der Gewalt, die in dem Land herrschte. Als ihre Stimme im selben Jahr mittels Zensur zum Schweigen gebracht wurde, überkam mich (und ihre Millionen von Zuhörern*innen) ein Gefühl der Hilflosigkeit. Ich war empört. Ich fragte mich, wenn das Carmen geschehen konnte, einer der wichtigsten und renommiertesten Journalistinnen Mexikos, wie erging es den Hunderten weniger sichtbaren Journalisten? Nachdem ich von den schlimmsten Gräueltaten gehört hatte, die in diesem Jahr im Land stattgefunden hatten, war ich zutiefst sprachlos, und Carmens plötzliche Funkstille fühlte sich wie eine doppelte Amputation an. Unsicher, was als nächstes passieren würde, begann ich an SILENCE RADIO zu arbeiten, um auf irgendeine Weise meine Stimme zurückzuholen. Ich beschloss, meine Wut, meine Frustration und mein Gefühl der Hilflosigkeit durch die Herstellung eines Dokumentarfilms zu kanalisieren, der Carmens Stimme in gewisser Weise wiederherstellen könnte; ich hatte das Gefühl, das könnte mein Beitrag sein. Ich wollte mich nicht mitschuldig machen, indem ich schwieg.

War es schwierig, unter den gegebenen Umständen Kontakt zu Carmen Aristegui aufzunehmen?

Ich kannte Carmen nicht, bevor ich diesen Film drehte. Ich wollte versuchen sie zu finden, und das war anfangs gar nicht so einfach, weil sie und ihr Team einige Vorsichtsmaßnahmen trafen, nachdem sie gefeuert worden waren. Es gelang mir, einen Brief an jemanden weiterzugeben, der in Kontakt zu ihrem Team stand. Tatsächlich erhielt ich daraufhin eine E-Mail von Carmens Assistentin. Ich hatte das Glück, einen Termin mit Carmen zu bekommen, an einem Nachmittag in der Lobby eines Hotels in Mexiko-Stadt. Ganz wie in einem Krimi. Von diesem Treffen an war es mein Ziel, ihr Vertrauen zu gewinnen, und das dauerte etwas länger.

Welchen Herausforderungen sahen Sie sich beim Dreh unter diesen politisch prekären Umständen konfrontiert?

Während der Zeit, in der wir den Film drehten, war das soziale und politische Klima in Mexiko sehr angespannt, das war deutlich spürbar. Es war bekannt, dass Carmen durch eine Malware namens Pegasus überwacht wurde, und in ihrer Nähe zu sein bedeutete automatisch, dass auch wir zur Zielscheibe wurden. Die Crew und ich konnten ein Gefühl der Unruhe nicht abschütteln. Wir hatten uns noch nie so paranoid gefühlt wie in diesen Monaten, die wir in ihrer Nähe verbrachten. In Codes zu sprechen und alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, wurde für uns zur Normalität.

Wie würden Sie das narrative Format Ihres Films beschreiben und was waren die Gründe für diese Wahl?

Meine größte Herausforderung beim Schreiben des Films war es, einerseits dem mexikanischen Publikum die Geschichte einer Frau zu erzählen, die sie so gut kannten und sie andererseits für das internationale Publikum universell zugänglich zu machen, das wahrscheinlich noch nie von Carmen gehört hatte.

Inwiefern ist der Film auch im Jahr 2021 politisch noch relevant?

Abgesehen von der Tatsache, dass Mexiko die Regierung gewechselt hat, ist es noch immer eines der beiden gefährlichsten Länder der Welt für den Journalismus (zusammen mit Indien, laut dem Jahresbericht der Press Emblem Campaign in Genf). Die Meinungsfreiheit ist weiterhin ein großes mexikanisches Problem.Weltweit sind wir alle von „Fake News“ bedroht, und selbst in den Industrieländern ist die Unabhängigkeit der Medien eine enorme Herausforderung. Ich glaube, dass SILENCE RADIO eine Debatte eröffnen kann, die über die mexikanische Realität hinausgeht.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihres Landes?

Gerechtigkeit.

20:28 15.04.2021

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