Claudia Schaefer: Nach „Naomis Reise” wollte ich erneut einen Blick auf den strukturellen Rassismus in der Justiz werfen, diesmal mit Blick auf die Staatsanwaltschaft. Während ich mit „Naomi“ den Kampf einer Nebenklägerin gegen das System erzählte, sollte sich „Staatsschutz“ von innen heraus entwickeln. Eine Protagonistin innerhalb eines Systems, dem ich selbst kritisch gegenüberstehe. Was sollte das für eine „Heldin“ sein? Ich fragte meine Mitbewohnerin und später auch Co-Autorin Jee-Un Kim, die ein Referendariat bei der Staatsanwaltschaft Berlin absolvierte, ob sie nie daran gedacht habe dort zu bleiben — anstatt wie alle anderen, die sie kannte, Anwältin zu werden. Sie schaute mich ungläubig an. Nicht mal für eine Sekunde war ihr dieser Gedanke gekommen.
Warum diese Abwehr, warum diese Vehemenz? Könnte eine linke, selbst von Rassismus betroffene Staatsanwältin in dieser hierarchischen Institution überhaupt Einfluss nehmen? Ist die deutsche Justiz denn so angelegt, dass sie Opfern rassistischer Gewalt gerecht werden kann? Und gerecht werden will? Was hat sich verändert, seit Generalstaatsanwalt Fritz Bauer in den 60ern skandierte: „Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland?“ Hat sich etwas verändert? Ist ein Gericht, besetzt mit drei Schwarzen Richter*innen, in Deutschland überhaupt denkbar? In dem wir Jee-Uns inneren Widerständen folgten, spannen wir dieses Szenario weiter. Was wäre passiert, wenn sie doch diesen Weg eingeschlagen hätte? Wir holten Sun-Ju Choi als Co-Autorin mit ins Boot und schickten „Seyo Kim“ als Jee-Uns Alter Ego auf eine Reise in eine weiße Gegend Deutschlands - in eine Institution, in der sie nicht mal ihre besten Freund*innen verorten können.
Parallel zu Seyos fiktiver Reise startete ich meine persönliche Reise in die deutsche Justiz. Mit einem Staatsanwalt aus einer Wirtschaftsabteilung diskutierte ich engagiert über rechtsphilosophische Fragen. Er glaubte an die Neutralität seiner Kolleg*innen, auch an die aus der AfD. Der Leiter einer Staatsschutzabteilung in einem anderen Ort sprach mit mir über seine „SPD-nahen“ Kolleg*innen so, als müssten sie auf Grund ihrer politischen Gesinnung im Zaum gehalten werden. Er machte keinen Hehl daraus, dass „Sozialromantiker“ in seiner Abteilung nichts verloren hätten. Stolz präsentierte er mir seine Ermittlungserfolge gegen die linke Szene und musterte mich misstrauisch als ich ihn nach rechtsextremen Straftaten fragte. Als leitender Staatsanwaltschaft konnte er den Kolleg*innen Akten zuweisen und falls ihm deren Ermittlung nicht passten, auch wieder entziehen.
Wieder an einem anderen Ort wunderte ich mich über die Verfahrensweise eines Richters, der eine Nebenklagevertreterin nicht über die anstehende Verhandlung unterrichtet hatte, obwohl sie als Verfahrensbeteiligte eingeladen werden muss. Er erklärte mir in einem Interview gerne seine Abneigung gegen die Nebenklage generell, drängte mich mit rassistischen und frauenfeindlichen Aussagen in die Ecke und erfreute sich daran, dass ich mich einschüchtern ließ. Er gab unumwunden zu, dass er von Akten nur die Zusammenfassung lese und meinte, dass Anzeigen wegen Vergewaltigung zum größten Teil Falschanzeigen seien. Als ich ihn fragte, ob er keine Angst habe, dass ich seine Aussagen öffentlich mache, meinte er lapidar, dann würde er das einfach dementieren.
Um so tiefer ich in die Recherche einstieg, um so mehr Fragen stellten sich uns und damit auch für die Figur Seyo. Am Anfang wussten wir nicht, wo ihre Reise hinführt. Sie sollte nur eine junge Staatsanwältin sein, die ihren Beruf liebt und Ermittlungserfolge erzielen will. Sie will Teil des Systems sein, aber gerät immer wieder in Konflikte. Ist sie zu nah an den Opfern, wie ihr vorgeworfen wird? Oder sind die Kolleg*innen zu nah an den Tätern? Je mehr sie die viel beschworene Objektivität und angebliche Neutralität in Frage stellt, umso so mehr wird sie zum Fremdkörper in ihrer eigenen Behörde. Schließlich nimmt sie ihre subjektive Erfahrung als Maßstab und wird so zu einer Staatsanwältin, die einen einsamen, gefährlichen Weg geht, der ihr aber zunehmend notwendig erscheint.
An dieser Stelle möchte ich mich noch bei den linken Anwält*innen bedanken, die mir von ihren Fällen erzählten und von ihrem fortdauernden Kampf gegen rechtskonservative und misogyne Gerichte. Genauso bedanken möchte ich mich bei der Rechtsanwaltsfachangestellten, die so wichtig für unser Projekt wurde. Sie teilte mit uns ihre Erfahrungen in der Geschäftsstelle einer Staatsanwaltschaft, die sie nach einem Jahr wegen rassistischen Anfeindungen verließ.