Faraz Shariat (geb. 1994) ist ein iranisch-deutscher Filmemacher. Sein Coming-of-Age- Spielfilmdebüt „Futur Drei“ feierte 2020 auf der Berlinale Premiere und wurde unter anderem mit zwei Teddy Awards sowie zwei First Steps Awards ausgezeichnet.
Herr Shariat, anders als Ihr Debütfilm „Futur Drei“ vor sechs Jahren basiert „Staatsschutz“ nun nicht auf Ihrer eigenen Idee. Wie nahm das Projekt Gestalt an?
Faraz Shariat: „Futur Drei“ war für mich, aus der kritischen Kulturwissenschaft kommend, damals ein bisschen wie ein Quereinstieg ins Filmemachen. Das war mein Weg, in diesem Beruf anzukommen und die Mittel des Filmemachens zu nutzen, um Geschichten aus emotionalen, familiären oder politischen Beweggründen heraus zu erzählen. Aber das nächste Projekt zu finden, stellte sich als ziemlich schwierig heraus. Ich schrieb relativ viel, es gab diverse Ideen in unterschiedlichen Stadien. Doch kein Projekt fühlte sich dringlich genug an, alle Ressourcen und Energien da rein zu investieren. Was auch daran lag, dass sich nach der „Willkommenskultur" von 2015 die politische Lage und das gesellschaftliche Klima in Deutschland und Europa längst wieder verschärften.
Sie hatten das Gefühl, auf diese Entwicklung als Künstler reagieren zu müssen?
Der Zeitgeist war ein anderer als während der Arbeit an „Futur Drei“, es machte sich ein Gefühl von Ohnmacht breit und natürlich spürten meine Familie, meine Freunde und ich auch eine zunehmende Bedrohung. Alles, was ich schrieb, fühlte sich unter diesen Umständen nicht scharf genug an. Außerdem war ich nicht sicher, ob Filmemachen der richtige Weg war, auf diese Entwicklung zu reagieren. Doch dann lernte ich glücklicherweise über Aslı Özarslan die Drehbuchautorin Claudia Schaefer kennen, mit der sie zusammen „Ellbogen“ geschrieben hatte. Und damit trat dann auch Seyo Kim in mein Leben, die Protagonistin unseres Films.
Hatte Claudia Schaefer also das Drehbuch zu „Staatsschutz“ bereits geschrieben?
Sie hatte zu jenem Zeitpunkt das Projekt schon drei Jahre lang entwickelt, recherchiert und geschrieben, zusammen mit Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim. Das war ein fertiges Drehbuch, damals noch umfangreiche 170 Seiten lang. Ich las es in einer Nacht und hatte zum ersten Mal wieder das Gefühl, dass ich mit einem Stoff die nächsten Jahre meines Lebens verbringen muss. Es fühlte sich richtig und wichtig an, mich in den Dienst dieser Geschichte zu stellen. Gerade auch, weil Filmemachen für uns bei Jünglinge Film ja von Anfang an als kollektiver Prozess gedacht war, in dem individuelle künstlerische Perspektiven und Zeitgeschehen aufeinandertreffen, um Gedanken zu formulieren, mit denen man auf die Gegenwart reagiert. Insofern hat mir Claudia mit dem Drehbuch wirklich ein Geschenk gemacht.
Am Ende ging die Umsetzung des Projekts richtig schnell, nicht wahr?
In der Tat. Claudia und ich entwickelten „Staatsschutz“ noch anderthalb Jahre weiter, einfach um das Projekt ein wenig mehr an mich heranzuholen. Gleichzeitig begannen Paulina Lorenz, Jorgo Narjes und ich direkt mit der Finanzierung. Bei „Futur Drei“ bekamen wir damals (bis auf die nordmedia) nur Absagen, aber dieses Mal lief diesbezüglich und auch seitens Sender und Verleih alles bemerkenswert glatt. Es war für mich als Regisseur und Jünglinge als Produktionsfirma wirklich eine ungewohnte Erfahrung und eine krasse Möglichkeit, mit einem robusten Arthouse-Budget einen politischen Kinofilm machen zu können.
Das Stichwort Recherche fiel eben schon. Basiert die Geschichte in „Staatsschutz“ denn auf einem konkreten Fall oder einer realen Person?
Nicht unmittelbar, aber sie ist fest verwurzelt in der Realität. Der NSU und die Untersuchungsausschüsse, das Staatsversagen in Hanau oder Halle, der Neukölln-Komplex und die damit verbundenen Befangenheitsvorwürfe gegen den ermittelnden Oberstaatsanwalt – all diese Fälle waren, neben vielen weiteren, Inspiration für diesen Film. Claudia hat auch selbst an unterschiedlichen Stellen hospitiert, zum Beispiel bei der Staatsanwaltschaft, die unter anderem für die Einstellung des Falls von Oury Jalloh verantwortlich war.
Und ich habe im Zuge der Recherche Menschen getroffen wie Franziska Nedelmann, die zum Beispiel die Nebenklage übernommen hat im Fall vom Brandanschlag auf Ferat Koçak und auch sonst in ganz vielen Prozessen Opfer rassistischer Gewalt vertritt, oder Sebastian Scharmer, der Nebenklage-Anwalt im NSU-Prozess.
Was waren bei all dem die Kernthemen und -fragen, um die es ging?
Der Ausgangspunkt für Claudias Schaefers Schreiben war die Überlegung, warum antifaschistische oder politisch linke Menschen meistens ihren Weg eigentlich nicht in staatlichen Institutionen sehen. Denn dadurch überlässt man ja zum Beispiel die Exekutive letztlich jenen Menschen, die man tagtäglich kritisiert. Also ging es hier darum, sich die Perspektive von jemandem anzugucken, der in das System hineingeht und versucht, von innen heraus etwas zu verändern.
Die Frage, ob Widerstand aus dem Inneren überhaupt möglich ist oder der staatliche Apparat doch in erster Linie eher sich selbst als die Bürger*innen schützt, ist im Film sicherlich eine zentrale. Aber es geht eben auch darum, wo genau und warum immer diese Vertrauensbrüche, Verharmlosungen und Momente der Frustration passieren, von denen Opfer rechter und rassistischer Gewalt berichten. Auch da muss der Blick natürlich auf die Strukturen und das System selbst gerichtet werden. Die Staatsanwaltschaft in Deutschland nennt sich selbst die objektivste Behörde der Welt. Aber was heißt Objektivität in diesem Fall eigentlich? Oder führt Neutralität gegenüber Nazis nicht am Ende zur Parteinahme?
Diese Fragen gehören zu den wichtigsten, die man dieser Tage stellen kann...
Und ich bin dankbar, dass dieses Projekt mir die Chance gegeben hat, mich mit ihnen als Filmemacher beschäftigen zu können. Unsere Protagonistin Seyo Kim war diesbezüglich eine wahnsinnig inspirierende Figur, mit der Zeit zu verbringen ein Privileg war. Gesellschaftlicher Widerstand muss möglichst viele verschiedene Formen annehmen, und ich denke nicht, dass man die Frage danach mit einem „entweder/oder“ beantworten kann.
Einen antifaschistischen Kampf innerhalb staatlicher Institutionen zu perspektivieren zählt für mich ebenso zu radikalen Strategien politischen Widerstands wie ziviler Ungehorsam, Intervention und Protest. Auch wenn ich jede verstehen kann, die sagt, sie wolle nicht für den Staat arbeiten. Doch wir alle haben ein Recht darauf, uns in diesen Institutionen breit zu machen und in einen aktiven Austausch mit dem Prozess zu treten. Das fängt schon an bei den Schöffen, oder mit der Präsenz im Publikum vor Gericht. Auch da gilt es, nicht nur den anderen das Feld zu überlassen, sondern zu zeigen: wir sind auch das Volk.
Sind Wut und Widerstand eigentlich gute Motivatoren fürs Filmemachen?
Ich denke schon. Wut oder überhaupt starke emotionale Reaktionen auf Dinge, die in der Welt passieren, sind ja per se erst einmal gute Katalysatoren für das künstlerische Schaffen. Wut birgt so viel Reibung und Konflikt, starke Antagonismen, ein Streben nach Gerechtigkeit, das sind doch alles gute Ausgangspunkte, um ins Schreiben zu kommen. Außerdem kann Wut Handlungen hervorbringen, die Hoffnung machen. Wobei dann natürlich im weiteren Verlauf des Prozesses auch bestimmte andere Mechanismen mit ins Spiel kommen müssen.
Damit am Ende eben nicht nur ein Thesenfilm dabei herauskommt und der Film mehr zu bieten hat als eine Botschaft?
Auf jeden Fall. „Staatsschutz“ zum Beispiel sollte auch als Thriller funktionieren. Wir haben uns bis zum Schluss immer wieder damit beschäftigt, wie etwa die Antagonist*innen innerhalb der Behörde aussehen bzw. wie sichtbar sie überhaupt sein sollen. Oder wie wir durch Besetzung und Spielhaltung oder auch das Streichen bestimmter Szenen verhindern können, dass die Geschichte zu offensichtlich und erwartbar wird. Sowohl Claudia beim Schreiben als auch mich beim Inszenieren hat nicht zuletzt das Unsichtbarmachen interessiert. Die Gewalt, die schwer zu greifen ist, und die Zeugenschaft, die irgendwo in den Archiven liegt.
Wir wollten den Thrill mehr in einem Unbehagen verorten als in einem konkreten Kampf gegen einen Antagonisten. Manchmal stand die Frage im Raum, ob Seyo mehr Gewalt und Konfrontationen erfahren muss, um das Publikum wirklich zu packen. Dabei stirbt sie fast, viel mehr geht also nicht. Aber ich fand es eben auch reizvoll, einen Erzählton anzuschlagen, der nicht auf den maximalen Empathie-Effekt setzt, sondern bei dem das Publikum erst im Zuge des Films immer näher an diese Figur herankommt.
Seyo Kim ist – zumal im Kontext des deutschen Kinos – eine ungewöhnliche Protagonistin...
Das stimmt, schon allein deshalb, weil sie sich nicht wirklich in die Karten schauen lässt, kaum jemanden an sich heranlässt und einen krassen Monofokus hat. Außerdem ist sie Deutsch- Koreanerin, was nicht zuletzt den Ko-Autorinnen wichtig war, schließlich gibt es diese spezifische Repräsentation eigentlich kaum. Für mich variiert es von Projekt zu Projekt, welche Repräsentationen von Queerness und postmigrantischen Erfahrungen in Deutschland ich erzählen will. Hier fand ich es zum Beispiel total wichtig, wie Sexismus und Rassismus dabei eine Rolle spielen, wie Seyo welche Gewalt erfährt, während es auf der Hauptebene der Geschichte vor allem darum geht, dass sie Staatsanwältin ist, was mit ihrer koreanischen Herkunft nichts zu tun hat.
Wie seid ihr im Casting vorgegangen?
Zunächst einmal muss ich sagen, was für eine fantastische Arbeit unsere Casting-Direktorin Andrea Rodríguez gemacht hat. Das war eine lange Reise und eine echte Challenge, denn der Cast ist für mein Verhältnis wirklich groß. Ich bin nun sehr verliebt in das ganze Ensemble! Nach unserer Seyo haben wir ein halbes Jahr intensiv gesucht, auch mit Unterstützung durch unsere Casting Associate Vân Anh Bach, die uns gerade bei der Suche in asiatisch-deutschen Communities geholfen hat. Obwohl von Anfang an klar war, dass die Hauptrolle eine dezidiert deutsch-koreanische Perspektive hat, gibt es strukturell, denke ich, ähnliche Herausforderungen und Limitierungen innerhalb der asiatisch-deutschen Community.
Wenn es um Besetzungspolitik geht, ist die relevante Frage für mich in dieser Hinsicht immer, ob und welche Zugänge geschaffen werden für Schauspieler*innen, die negativ von Rassismus oder Diskriminierung betroffen sind. Entsprechend wäre es in unserem Fall keine Option gewesen, Seyo mit einer White-Passing-Person zu besetzen. Aber wir haben uns das künstlerische Recht herausgenommen, asiatisch-deutsche gelesene, und nicht nur koreanisch- deutsche, Schauspielerinnen für die Rolle vorsprechen zu lassen. Dadurch, dass wir auf Skript- Ebene so spezifisch waren, konnten wir uns bei der Besetzung für die Besetzung entscheiden, die uns schauspielerisch am meisten überzeugte, auch wenn sie nicht den gleichen Migrationsbezug hat wie Seyo Kim.
Und das war Chen Emilie Yan!
Sie hat mich von Anfang an überzeugt und berührt. Seyo ist als sehr selbstverständlich starke und coole Figur geschrieben, und Chens Verständnis von Coolness und Heldenhaftigkeit war eher understated. Gerade im Kontrast zum Bild einer breitbeinigen, lauten und offensiven Kämpferin entwickelte ihre Figur diesen Realismus und eine große Kraft. In ihren leisen, ruhigen Momenten liegt die Stärke, denn auch so sieht Widerstand aus, zumal im großen, gesichtslosen Getriebe des Staatsapparates. Schon als ich das erste Casting-Tape von ihr sah, wusste ich eigentlich, dass Chen die Richtige ist.
Wir haben dann trotzdem noch weiter gesucht, schließlich sollte die Schauspielerin in jeder Szene des Films zu sehen sein. Aber Chen hat sich durchgesetzt und am Ende etwas aus dieser Rolle gemacht, was ich niemals erwartet hätte. Ihre Spielentscheidungen haben mich immer wieder überrascht, was meiner Meinung nach ein totales Geschenk ist. Und dass sie gerade erst ihre Ausbildung in Graz abgeschlossen hatte, vom Theater Ingolstadt kam und noch nie vor der Kamera gespielt hatte, machte die Sache nur noch eindrucksvoller.
Welchen Stellenwert hat das Projekt „Staatsschutz“ nun für Ihre Firma Jünglinge Film?
Nach dem Startschuss mit „Futur Drei“ haben wir auch Auftragsarbeiten übernommen und als Firma viel in Ko-Produktionen agiert. Für Paulina und mich war „Staatsschutz“ eine wahnsinnig ermutigende und sinnstiftende Erfahrung mit Blick auf neue, eigene Projekte, weil wir gemerkt haben, dass wir aus uns heraus — natürlich mit der Unterstützung wahnsinnig toller Partner*innen — einen solchen Film mit diesem Budget machen können. Zumal wir gleichzeitig so viele Freiheiten hatten wie bei keinem anderen Projekt. Innerhalb einer Struktur, die wir uns selbst aufgebaut haben, so klar Haltung zu beziehen und auch eine politische Aussage zu treffen, war eine besondere Erfahrung. Gerade mit Blick darauf, was in Deutschland, aber auch weltweit aktuell im Kulturbereich passiert, gibt uns das Hoffnung und eine Perspektive für die Zukunft.
Biografie Faraz Shariat: Seit seinem Spielfilmdebüt 2020 führte Shariat Regie bei Episoden der Serienadaption „Druck“ sowie der britischen Horrorkomödie „The Baby“ (HBO/Sky). Darüber hinaus produzierte er die ARD-Dramedy „Schwarze Früchte“, die im Juni 2024 beim Tribeca Film Festival Premiere feierte und später im selben Jahr in Deutschland ausgestrahlt wurde. Seine jüngste Fernseharbeit, „ZEIT Verbrechen: Love by Proxy“, wurde 2024 im Panorama der Berlinale präsentiert.
2026 kehrte Shariat mit seinem zweiten Kinofilm, dem Politthriller „Staatsschutz“, zur Berlinale zurück. Der Film wurde dort mit dem Panorama-Publikumspreis, dem CICAE Art Cinema Award sowie dem Heiner-Carow-Preis ausgezeichnet. Staatsschutz, kommt im Herbst 2026 international in die Kinos. Shariat ist Stipendiat der Villa Aurora in Los Angeles und schreibt derzeit gemeinsam mit Ottessa Moshfegh an seinem englischsprachigen Debüt „The Beach Boy“.