Mit Humor gegen Rassismus

Interview Der Regisseur Florian Dietrich im Gespräch über den Ursprung seines Films „Toubab“, den er in den Begegnungen mit jungen Gefangenen während seiner Arbeit im Gefängnis sieht, sowie das Ziel, einen Film zu drehen, der möglichst viele Menschen anspricht
Mit Humor gegen Rassismus
Party Nacht 1.: Vlnr: Yara (Seyneb Saleh), Babtou (Farba Dieng), Denis (Julius Nitschkoff), Simon (Gerdy Zint), Habib (Mehmet Ateşçi), Kätz (Altine Emini).

Foto: Camino Filmverleih 2021

Wie ist die Idee zu Toubab entstanden?

Zusammen mit Co-Autor Arne Dechow habe ich in der JVA in Wiesbaden immer wieder Theater- und Kunstprojekte gemacht. Die Idee zu Toubab ist aus den Begegnungen mit den jungen Gefangenen im Vollzug entstanden, mit denen wir an den Projekten zusammengearbeitet haben. Viele von ihnen sind schon mit 15 – 16 auffällig geworden und dadurch im Jugendgefängnis gelandet. Einige hatten ein Abschiebeverfahren am Hals, und das, obwohl sie in Deutschland geboren sind. Es gab Teilnehmer, die wurden nach der Haft tatsächlich in die Länder abgeschoben, aus denen sie ihren Pass haben. Sie haben 16 Jahre ihres Lebens in Deutschland als Deutsche verbracht von Duldung zu Duldung zu Duldung. Und dann wurden sie abgeschoben nach Angola oder in die Türkei... Länder, die sie vielleicht aus ihrem Sommerurlaub kannten, wo sie ihre Familie besucht haben, aber die sie eben nicht als Heimat sahen. Diese unfassbare Ungerechtigkeit war für uns der erste Anstoß, sich dieses Thema vorzuknöpfen.

Wie haben Sie den Cast zusammengestellt?

Begonnen haben wir mit der Suche nach Babtou. In einem sehr langen Casting haben wir mehr als 200 Darsteller getroffen. Irgendwann ist mir in den Sinn gekommen, dass ich Farba über eine Ecke aus meiner Heimat Rhein-Main kenne. Ich habe ihn gefragt, ob er zum Casting kommen möchte. Als er da war und die Casting-Szene gespielt hat, war für mich plötzlich alles klar. Das war der wichtigste Schritt für den Film. Dann haben wir Konstellations-Castings für die Figur von Dennis gemacht. Dabei hat uns Julius durch seine Natürlichkeit und seine Präsenz überzeugt. Die beiden waren sofort wie eine Einheit, wie ein Team.

Wie kamen Sie auf Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet als Drehorte?

Ich komme aus dem Rhein-Main-Gebiet, aus Wiesbaden und kenne auch Frankfurt seit meiner Kindheit. Da die Geschichte von Toubab durch die Gefängnisprojekte in Wiesbaden entstanden ist, fühlte es sich für mich immer konsequent an, den Film auch dort zu erzählen. Dazu kommt noch, dass man in Frankfurt wirklich starke Kontraste beobachten kann. Da ist viel Geld und Kapital, aber Toubab gibt auch wahnsinnig große soziale Gräben. Dieser Struggle ist auch für die Protagonist*innen von Toubab sehr real.

Die Kameraperson Max Preiss und ich haben sehr früh eine erste Location-Tour gemacht und sind auf Kranichstein in Darmstadt gestoßen, das dann zum Hauptmotiv der Siedlung geworden ist. Kranichstein hat etwas von einem Mikrokosmos und funktioniert visuell als Parabel. Genau danach haben wir gesucht. Es ist ein in sich geschlossener Satellit, wo vieles möglich ist. Es ist sehr schön dort, trotzdem ist natürlich auch die Brutalität der Architektur deutlich spürbar. Für uns war das der ideale Hauptdrehort.

Die Protagonist*innen im Film Toubab erleben verschiedene Formen von Diskriminierung. Wie positionieren Sie sich dazu?

Als weißer Regisseur und Cis-Mann bin ich nicht von struktureller Diskriminierung betroffen und teile viele Erfahrungen der Figuren in Toubab nicht. Umso wichtiger ist es für mich, radikal zuzuhören. Und immer wieder den Versuch zu machen, meine eigenen Film- und Sehgewohnheiten zu dekonstruieren. Ich greife bestehende Bilder, Klischees und Fantasien auf, in der Absicht, mit ihnen umzugehen und um Zwischentöne und heftige Brüche zu erzählen. Diesen Ansatz verstehe ich als große Herausforderung und ganz sicher auch als Wagnis. Denn Kino und Filme sind sehr machtvolle Orte. Hier werden seit Jahrhunderten verletzende Narrative vor großem Publikum fortgeschrieben, aber eben auch transformative und widerständige Gegenentwürfe gezeichnet. Das alles ist für mich ein sehr wichtiger Teil von Arbeitsprozessen und auch eine persönliche Reise und Entwicklung, die ich mit diesem Film machen durfte und wofür ich sehr dankbar bin. Ich wollte einen Film machen, der sich seinen sehr ernsten Themen auf eine Art und Weise widmet, die die jungen Menschen, die ja gleichzeitig auch die Protagonist*innen sind, dazu einlädt, Teil des Publikums zu sein. Ein Sozialdrama über eine Abschiebung zu drehen, ist absolut legitim, aber das war nicht der Weg, den ich einschlagen wollte. Ich liebe Arthouse-Filme, aber ich finde gerade im Arthouse-Kino ist Klassismus tatsächlich ein Problem: Wen lade ich als Publikum ein? Mit wem trete ich als Autor*in oder Regisseur*in in Kommunikation und wen schließe ich aus? Und so ist Toubab zu einer unterhaltsamen Komödie geworden über sehr tapfere Figuren, die den Kampf mit einem rassistischen Staat und einer rassistischen Gesellschaft aufnehmen. Ich hoffe, dass möglichst viele verschiedene Menschen Zugang zu diesem Film finden.

Wie stark beeinflusst die Pandemie nun die Auswertung des Films?

Die Pandemie-Lage und die Schließung von allen kulturellen Institutionen war schrecklich. Für mich ganz persönlich auch deswegen, weil ich gerade einen Film abgeschlossen habe, an dem ich jahrelang gearbeitet habe und den ich für ein Kinopublikum gemacht habe. Ich ersehne mir so sehr den Moment herbei, wenn ich mit 200, 300, 500 Menschen vor einer Leinwand sitzen kann und sehen kann, wie Toubab wirklich zum Leben erwacht. Das ist eine ganz, ganz große Sehnsucht von mir und ich hoffe, dass das jetzt bald passiert.

16:19 20.09.2021

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