Der deutsche Schriftsteller Thomas Mann zählt zu den bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist bekannt für intellektuelle Tiefe, psychologische Scharfsinnigkeit und die Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Themen wie Kunst, Politik und Reichtum.
Thomas Mann gelingt es, komplexe politische und gesellschaftliche Themen auf eine sehr zugängliche Weise zu beschreiben, erklärt Hanns Zischler: „Ich würde sagen, dass Thomas Mann einer der einflussreichsten deutschen Schriftsteller war, der über vielfältige Themen wie die Krise des Bürgertums, Politik, Sexualität und Familie schrieb. All dies sind gewissermaßen Grundpfeiler der modernen Gesellschaft. Er hatte ein feines und ausgeprägtes Gespür und beschrieb diese Krisen auf vielfältige Weise. Er konnte etwas als politisches Problem, aber auch als Konflikt zwischen Männern und Frauen darstellen.“
Vom erzkonservativen Literaten zum Mann ohne Wurzeln
Mann wurde zu einem entschiedenen Kritiker des Nazi-Regimes und setzte sich für Demokratie und gegen Faschismus ein, was dazu führte, dass er ausgewiesen wurde, als die Nationalsozialisten die Macht übernahmen. Hanns Zischler dazu: „Thomas Mann versuchte, eine öffentliche Persönlichkeit zu sein und sich zu Wort zu melden, manchmal auf sehr seltsame Weise. Aufgrund seiner politischen Ansichten könnte man ihn bis zum Ersten Weltkrieg als erzkonservativen Literaten bezeichnen. Dann hatte er Einsicht und begann, seine Meinung zu ändern und die Gesellschaft und Politik jener Zeit anders zu betrachten. Der Wendepunkt kam für ihn, als er nicht nach Deutschland zurückkehren konnte, also schrieb er in den Vereinigten Staaten weiter. Als er dann schließlich zurück kam, sah er ein gespaltenes Land vor sich, was zwangsläufig zu einer Identitätskrise führen musste. Er war ein Mann, dessen Wurzeln gekappt wurden.“
Vier Jahre nach Kriegsende kehrte Thomas Mann zum ersten Mal nach 16 Jahren im Exil nach Deutschland zurück, um den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt entgegenzunehmen. Diese Reise war die Inspiration für „Vaterland“. Wie Zischler ausdrückt: „Der Film ist keine biografische Erzählung seiner Rückkehr nach Deutschland, sondern beleuchtet, wie Mann mit mindestens zwei sehr einschneidenden Erlebnissen konfrontiert wird: Das eine ist der Tod seines Sohnes Klaus. Das andere ist die Heimkehr in ein gespaltenes Land. Als er zur Verleihung des Goethe-Preises reiste, geschah das in einer sehr kritischen Zeit für ihn persönlich und für das politische Leben in Deutschland.“
Sandra Hüller: „Thomas Mann war eine interessante Persönlichkeit“
Sandra Hüller hatte Thomas Mann in der Schule gelesen und behielt in Erinnerung, dass er sowohl in seinem Leben als auch in seinem Schreiben eine sehr rätselhafte Gestalt war: „Ich erinnere mich, dass ich seine Werke gelesen und verstanden habe, dass er eine interessante Persönlichkeit war – nicht nur in der Literatur, sondern auch in seinem Leben. Seine Reden an die Deutschen, die er in Los Angeles aufgenommen hatte, wurden in Deutschland neu veröffentlicht, was ihn mir noch näher brachte, denn ich fand es großartig, wie er versuchte, die deutsche Öffentlichkeit zum Kampf gegen den Faschismus zu motivieren. Er ist jedoch auch ziemlich widersprüchlich, denn als Mensch war er meiner Meinung nach sehr unnahbar. Man konnte nie wissen, was er gerade dachte und bekam nie Gesten der Zuneigung von ihm. Seine Liebe für andere drückte er auf sehr spezielle Weise aus.“
Zwei von Manns Kindern, Erika und Klaus, waren selbst berühmte kulturelle Persönlichkeiten. Erika Mann war Schauspielerin, Schriftstellerin, Rallyefahrerin und politische Aktivistin. Klaus Mann war Romanautor und Essayist. Wie ihr Vater gingen beide während der Zeit des Nationalsozialismus ins Exil und engagierten sich im intellektuellen Widerstand gegen den Faschismus.
August Diehl hält die Beziehung zwischen Vater und Sohn – in ihren Texten und in ihrem Leben – für sehr interessant und dynamisch: „In ihren Texten gibt es Unterschiede. Klaus suchte nach etwas, das sich nicht erklären und nicht beschreiben lässt. Ich habe Klaus immer als jemanden gesehen, dem es an Vollkommenheit mangelte. Es gibt viele ähnliche Familien, in denen es ebenfalls darum geht, aus dem großen Schatten des Vaters herauszutreten.“
Die schöne und tragische Beziehung zwischen den Geschwistern Erika und Klaus Mann
Für Sandra Hüller ist die Beziehung zwischen Erika und Klaus gleichzeitig schön und tragisch, wenn man berücksichtigt, wie eng sie als Geschwister beieinander waren: „Erika und Klaus bezeichneten sich selbst als Zwillinge. Sie machten alles gemeinsam. Sie reisten zusammen. Sie machten Kabarett zusammen. Sie schrieben zusammen. In den Jahren vor Klaus’ Tod wurde es für Erika immer schwieriger, mit ihm zusammen zu sein. Denn man weiß ja, dass Menschen, die an einer Depression leiden, selbst wenn man sie sehr liebt, dazu tendieren, einen mit in ihre eigene Dunkelheit zu ziehen. Erika weigerte sich, ihm dorthin zu folgen, deshalb ging sie auf Abstand.“
Eines der Themen, die Paweł Pawlikowski in diesem Film und anhand der Familie Mann im Exil beleuchten wollte, war der Gedanke von Heimat und Zugehörigkeit. Er beschreibt es folgendermaßen: „Ich musste mein Land verlassen, als ich jung war. Ich lebte in Deutschland, Frankreich und für eine lange Zeit in England. Vor dreizehn Jahren ging ich zurück nach Polen, um dort zu leben, was natürlich ein ganz anderes Polen war, als das, was ich vor vielen Jahrzehnten verlassen hatte. Deshalb kenne ich das Gefühl der Heimatlosigkeit, das Thomas Mann und seine Kinder im Film erleben, und ihre Suche nach einer ‚Heimat‘ sehr gut.“
Paweł Pawlikowski: „Bei Sandras Darstellung der Erika bekam ich Gänsehaut“
Sandra Hüller und August Diehl gingen zusammen auf die Schauspielschule, daher freute sie sich sehr, dass er im Film ihren Bruder spielen würde: „August und ich kennen uns jetzt schon seit dreißig Jahren und wir haben fast nie zusammen gespielt. Niemand ist auf die Idee gekommen, uns gemeinsam in einem Film zu casten. Er ist sehr besonders und ich finde, dass er die perfekte Besetzung für Klaus Mann ist, weil sie eine sehr ähnliche Energie besitzen.“
Paweł Pawlikowski erinnert sich daran, wie fasziniert er bisweilen von Sandras Darstellung der Erika war: „Sie ist intelligent und sehr intuitiv, und sie hat diesen zusätzlichen Gang, den sie noch einlegen kann. Es gab einige Takes, bei denen ich eine Gänsehaut bekam, nicht weil sie Emotionen schau- spielerisch darstellte – was sie niemals tut –, sondern weil sie so treffend, so echt waren. Man konnte ihre Intentionen überhaupt nicht spüren, es ist einfach geschehen. Später habe ich mir Sandra hunderte Male angesehen, wie man das in der Postproduktion tut, und da hatte ich wieder Gänsehaut. Sogar während der Farbkorrektur, als ich mir ihr Gesicht ohne Ton ansah.“
Hanns Zischler war beeindruckt von Sandras Bescheidenheit und der Beständigkeit ihrer Leistung: „Ihre Darstellung strahlt in jedem Film, in dem sie mitspielt, eine intuitive Brillanz aus. Sie hat diese anziehende Ausstrahlung – ohne jeglichen Glamour. Sie ist sehr selbstbewusst und auch sehr ausgeglichen.“
August Diehl erinnerte sich daran, dass Hanns Zischler auch in seinem ersten Film seinen Vater gespielt hatte, und freute sich darauf, die Beziehung in diesem Film neu zu interpretieren: „Hanns Zischler war mein Vater in meinem allerersten Film, ein Vater, den ich nicht mochte und der streng war. Jetzt ist es genauso. Aber Hanns ist ein Gentleman. Ich erinnere mich immer an ihn als einen ruhigen, freundlichen und höflichen Menschen, mit dem ich gute Gespräche geführt habe. Er denkt nach, bevor er spricht.“