Paweł Pawlikowski: Wie meine früheren Filme beschäftigt sich auch „Vaterland“ mit den Wirren der Geschichte, mit dem Exil und mit unserem tiefen Bedürfnis nach Heimat und Zugehörigkeit. Außerdem verbindet der Film einen dramatischen historischen Moment mit einer ganz besonderen persönlichen Geschichte. Doch während die Figuren in „Ida“ und „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ fiktiv waren, stehen im Mittelpunkt von „Vaterland“ die historischen Persönlichkeiten Thomas Mann und seine eigensinnigen ältesten Kinder Erika und Klaus, die in ein komplexes, familiäres Dreiecksdrama verstrickt sind.
Um das Persönliche und das Historische auf ergreifende und sich gegenseitig bereichernde Weise miteinander zu verbinden, haben wir uns einige Freiheiten hinsichtlich der historischen Fakten und ihrer Chronologie genommen. Dabei haben wir uns bemüht, der emotionalen und intellektuellen Wahrheit der Geschichte treu zu bleiben.
Manns Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1949 und sein Versuch, die Teilung und die zunehmende ideologische Polarisierung seines Landes zu überwinden, haben offensichtliche Parallelen zur heutigen Zeit. Das alte Paradigma ist tot, die alten Regeln gelten nicht mehr, und an deren Stelle entstehen zwei krude, sich gegenseitig ausschließende Narrative. Narrative, die alles verallgemeinern, die den Sauerstoff aus der Luft ziehen, die einen in die Ecke drängen und dazu nötigen, Partei zu ergreifen und es langsam unmöglich machen, klar zu sehen und frei zu sprechen. Die einzige Abwehr gegen diese ideologische Reduktion war für Mann die Kunst – der „poetische Blick“, den er in einer seiner Reden erwähnt, das offene Auge für die Komplexität und die Paradoxien des Lebens.
„Vaterland“ vereint viele Elemente, erzählt dabei mit einer einfachen und verdichteten Filmsprache, entfaltet sich in eindringlichen Bildern und prägnanten Szenen und lässt dem Publikum Raum zum Fühlen und Nachdenken.
Biografie: Paweł Pawlikowski ist ein polnischer Filmemacher, der seine Karriere als Regisseur von preisgekrönten Dokumentarfilmen in Großbritannien begann, bevor er sich mit „Last Resort“ (2000) und „My Summer of Love“ (2004) dem Spielfilm widmete. Beide Filme wurden mit dem BAFTA ausgezeichnet. Sein Film „Ida“ (2013) gewann als erster polnischer Film den Oscar als Bester Fremdsprachiger Film und wurde zudem mit fünf European Film Awards geehrt, u.a. für den Besten Film, die Beste Regie und das Beste Drehbuch. „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ (2018) feierte seine Premiere im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes, wo Pawlikowski mit dem Preis für die Beste Regie ausgezeichnet wurde. Der Film erhielt danach drei Oscar-Nominierungen, darunter für die Beste Regie, und gewann 2018 fünf European Film Awards, u.a. in der Kategorie Bester Film, Beste Regie und Bestes Drehbuch.
Filmografie (Auswahl)
2026 „Vaterland“
2018 „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“
2013 „Ida“
2011 „Die geheimnisvolle Fremde“
2004 „My Summer of Love“
2000 „Last Resort“
1998 „Twockers“
1994 „Tripping with Zhirinovsky“
1992 „Serbian Epics“
1991 „Dostoevsky’s Travels“
1990 „From Moscow to Pietushki“