Zwischen Wahrheit und Lüge

Interview Die Schauspielerin Juliette Binoche erzählt von den Dreharbeiten zu „Wie im echten Leben“: Im Film spielt sie eine renommierte Schriftstellerin, die für eine investigative Recherche eintaucht in die gnadenlose Welt von Frauen im Niedriglohnsektor
Anlass zum Feiern finden die Putzfrauen von Caen immer: Christéle (Hélène Lambert), Marianne (Juliette Binouche) und Marilou (Léa Carne) genießen die fröhlichen Stunden.
Anlass zum Feiern finden die Putzfrauen von Caen immer: Christéle (Hélène Lambert), Marianne (Juliette Binouche) und Marilou (Léa Carne) genießen die fröhlichen Stunden.

Foto: Neue Visionen Filmverleih

Sie haben zu diesem Filmprojekt eine besondere Beziehung.

Ich bin ziemlich hartnäckig, wenn mir ein Projekt am Herzen liegt. Also habe ich die Autorin der Buchvorlage immer wieder angesprochen. Für sie gehörte das Buch der Vergangenheit an. Irgendwann sagte sie mir, dass sie nur unter der Bedingung zusagen würde, wenn Emmanuel Carrère das Drehbuch schreibt. Aber Emmanuel war zu diesem Zeitpunkt nicht verfügbar; er arbeitete an seinem Roman „Das Reich Gottes“. Um den Deal zu versüßen, schlug ich vor, dass Emmanuel nicht nur die Adaption schreibt, sondern auch Regie führen könnte. Nach mehreren Abendessen mit Emmanuel und mir stimmte sie schließlich zu. Ich traf einen Produzenten, der zufällig auch an einer Adaption des Buches arbeitete. Das Projekt nahm allmählich Gestalt an, aber ich wollte nicht nur in dem Film mitspielen, sondern ihn auch produzieren, was mir aus verschiedenen Gründen verweigert wurde. Ich empfand diese Rückweisung als ungerecht und demütigend. Da das zentrale Thema von Wie im echten Leben die Erniedrigung von Frauen ist, war mir diese Ablehnung am Ende irgendwie dienlich.

Als Juliette Binoche sind Sie eine bekannte und angeseheneSchauspielerin. Wie haben Sie es geschafft, von nicht-professionellen Schauspielerinnen (die im Grunde sich selbst als Haushälterin spielen) akzeptiert zu werden?

Mein Vater lag im Sterben. Ich kam gebrochen und erschöpft am Set an, was bedeutete, dass ich sofort körperlich und geistig auf das eingestimmt war, was ich in dem Film erleben musste. Und die Frauen, die neben mir in dem Film spielten, haben das sofort gespürt. Ich wollte schon immer eine Haushälterin spielen und im Grunde in ein anderes Universum eintauchen. Als meine polnische Großmutter während des Zweiten Weltkriegs nach Frankreich kam, musste sie Gelegenheitsjobs wie das Putzen des Hauses machen, um zu überleben. Als meine Mutter Studentin war, hat sie auch im Haushalt gejobbt. Und auch ich habe als Studentin verschiedene Gelegenheitsjobs gemacht. In gewisser Weise ist das also schon lange Teil meiner Familiengeschichte, und es ist immer noch Teil von mir – es geht darum, einfallsreich zu sein und zurechtzukommen

Haben Sie spezielle Nachforschungen über diese Frauen angestellt, die auf Fähren schuften?

Bei den Vorbereitungen zu den Dreharbeiten von Die Liebenden von Pont-Neuf von Leos Carax habe ich einige Zeit inkognito auf der Straße und im Nachtasyl von Nanterre verbracht, das Obdachlose in Not aufnimmt. Am Ende einer dieser Nächte fuhr ich mit dem Bus nach Paris zurück, zusammen mit einem aus Indien stammenden Herren, der nicht wusste, dass ich eine Schauspielerin auf Recherchetour war. Er holte 500 France aus seiner Tasche und sagte zu mir: „Wenn du willst, können wir das Geld zusammen ausgeben“. Ich war sehr gerührt, aber das hat meinen Wunsch und mein Recht nicht in Frage gestellt, die Rolle eines Mädchens zu spielen, das auf der Straße lebt. Das Gleiche gilt für meine Rolle in Wie im echten Leben. Es gibt keine Schuldgefühle. Das Ziel ist es, das Leben dieser Quasi-Haussklaven zu verstehen und, wenn möglich, das Bewusstsein für ihre miserablen Lebensbedingungen zu verändern.

Die meisten anderen Rollen in dem Film werden nicht von professionellen Schauspielerinnen gespielt, sondern von Frauen, die ihr tägliches Leben nachspielen...

Ich habe viel Zeit damit verbracht, mit meinen Filmkolleginnen zu sprechen. Vor allem mit Hélène Lambert, die zweifelsohne das unsicherste Temperament der Gruppe hatte.Sie baute eine sehr starke Mauer um sich herum auf, bevor sie sich entschied, ob sie diese Rolle (die eigentlich keine Rolle war) spielen wollte und vor allem, ob sie mich akzeptieren würde. Es dauerte die nötige Zeit, und dann plötzlich, zwischen zwei Aufnahmen, öffnete sie sich und erzählte mir von ihrem Leben als alleinerziehende Mutter, die drei kleine Kinder großzieht, von ihren verschiedenen Entbehrungen, ihre kilometerlangen Fußmärsche am frühen Morgen, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen, von ihren familiären Beziehungen...

Bevor ich die Rolle übernahm, bestand meine Aufgabe darin, mit den Frauen zu sprechen, sie zu beruhigen und sie davon zu überzeugen, dass sie durchaus in der Lage sind, die Verantwortung zu übernehmen, die verborgene Welt ihrer Berufe zu zeigen. Sie sind alle fantastisch: Hélène Lambert, Léa Carne, Emily Madeleine, Evelyne Porée usw.

Was haben Sie von ihnen gelernt?

Ich war für sie da und sie waren für mich da. Ich weiß, wie Arbeit ist, aber ich hatte mir nicht vorstellen können, wie es sich anfühlt, zu arbeiten und so wenig zu verdienen – praktisch nichts – die Hände dabei buchstäblich in der Scheiße.Das Gleiche gilt für die Kilometer, die man jeden Morgen in der Morgendämmerung oder am späten Abend, wenn die meisten Menschen zu Hause sind, zurücklegen muss. Vor allem aber haben mich diese Frauen gelehrt, dass es auch im tiefsten Elend ein Bedürfnis nach Freundschaft, Spaß und Freude gibt. Wir haben viel zusammen gelacht.

In diesem Film, in dem sich alles um Frauen dreht, gibt es einige Männer, darunter eine sehr liebenswerte Figur, die ziemlich kokett ist...

Das ist Didier Pupin, und er spielt diese Rolle mit großer Herzlichkeit. Damals arbeitete er bei Saint-Maclou (eine französische Ladenkette, die sich auf Fußböden, Wände und Fenster spezialisierte) und erklärte mir, wie man Teppich verlegt! Es gibt auch die beiden schwarzen Arbeiter, die nicht nur körperlich schön sind. Auf der Fähre oder in den Pausen gaben sie sich trotz allem der Lebensfreude hin, lachten und sangen manchmal.

Wie im echten Leben ist auch eine Geschichte über Verrat und Lügen...

Das ist ein wesentlicher Aspekt des Films. Meine Figur, Marianne, ist eine renommierte Schriftstellerin, die beschließt, das Elend in ihrer kleinen Ecke zu erleben und versucht, unbemerkt zu bleiben. Natürlich hat sie etwas an sich, das an eine Spionin oder besser gesagt an eine Detektivin erinnert, aber in der spezifischen Art und Weise, wie eine Schauspielerin eine Figur recherchiert, um den entscheidenden Moment zu erreichen, in dem die Gefühle wahr werden.Marianne ist mitten unter den anderen, sie ist bei ihnen, mit Aufrichtigkeit, aber sie ist auch auf Distanz, sie macht sich Notizen. Wo ist die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge? Ist die Lüge zulässig, die die Wahrheit erfasst ? Wie fängt man in der Szene, in der Christèle Marianne entlarvt, diese Mischung aus Verblüffung und Enttäuschung ein?

18:29 28.06.2022

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