Alltag

Mitbestimmung | 13.08.2009 13:15 | Steffen Kraft

Seid Internet zueinander

Hell, hübsch, halb offen: Der Bundestag hat eine neue Internet-Präsenz. Blöd nur, dass der Parlamentspräsident Demokratie im Netz eher nicht so toll findet

Irgendwie hat Norbert Lammert ja recht. Aber eben nur irgendwie. Und darin liegt für alle, die das Internet als Chance für mehr Demokratie begreifen, ein Grund zum Aufhorchen. Bei der Präsentation des neuen Web-Auftritts des Deutschen Bundestags sagte der Parlamentspräsident: "Ich finde es problematisch zu meinen, man könne an den elektronischen Petitionen erkennen, welche Themen in der deutschen Öffentlichkeit die größte Aufmerksamkeit finden."

Es stimmt: Noch gibt es nicht allzu viele Omas, die sich regelmäßig per Maus-Klick für die Abschaffung der Kaffeesteuer oder gegen das Verbot von Killerspielen aussprechen. Selbst erfolgreiche Online-Petitionen werden von den meisten Bürgern nur dann wahrgenommen, wenn sie den Sprung aus dem Netz heraus schaffen – in die Zeitungen, ins Radio, ins Fernsehen. Dennoch zeigt Lammerts Aussage auch, dass er sich offenbar schon in einem Rückzugsgefecht wähnt.

Denn dass der Inhalt einer Petition repräsentativ für die Meinung der deutschen Bevölkerung sein könnte, hat bisher selbst im heißesten Zensursula-Gefecht niemand ernsthaft behauptet - auch deshalb, weil Petitionen das gar nicht müssen, um ernst genommen zu werden. Wenn Lammert nun sagt, im Netz ließe sich Zustimmung ja "mit einem schlichten Klick" signalisieren, offenbart der Parlamentspräsident nicht nur mangelnde Sachkenntnis über das Petitions-Prozedere. Er zeigt auch, dass ihm die Einmischung der Bürger übers Netz langsam nicht mehr ganz geheuer erscheint.

Gut möglich, dass der neue Internet-Auftritt des Bundestags Lammerts Unbehagen noch verstärkt. Zu wünschen wäre es. Von nun an sind jedenfalls die aktuellen Online-Petitionen direkt auf der Start-Seite sicht- und anklickbar – was sowohl die Zahl der Petitionen als auch die der Mitzeichner erhöhen dürfte. Seit dem Relaunch präsentiert sich das Parlament online in einem gedeckten Weiß/Grau. Weniger erhaben soll die neue Seite so wirken, offener, aber genauso seriös wie der vormals blau gefärbte Auftritt. Ein blaues Wunder für die Verärchter der Netzdemokraten ist dennoch nicht ausgeschlossen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Volksentscheider schrieb am 13.08.2009 um 16:52
So richtig Mitleid mag man Norbert Lammert nicht haben. Da bringt der Bundestag das mit Abstand zahnloseste Instrument der politischen Mitbestimmung, die Bittschrift - eigentlich ein Relikt aus aristokratischen Zeiten - auf den aktuellen Stand der medialen Entwicklung, und gleich rennt das Volk ihnen die Bude ein.

Nein, mal im Ernst: Natürlich zieht die Online-Petition zunächst mal internetaffine Menschen an, die das Medium kennen und sich souverän darin bewegen. Aber das ist nicht der Grund warum die Bürger sie nutzen - allenfalls warum genau diese Bürger sie nutzen. Abseits des ganzen "online" und "e-irgendwas"-Hypes, senkt das Internet Zugangshürden.

Bürger wollen sich in die Politik einbringen, wollen ihr Gemeinwesen mitgestalten und mitentscheiden. Mit der Online-Petition leben Bürger diesen Wunsch, jenseits von jahrelangen Ochsentouren durch Parteigremien, aus - und sei mit dem zahnlosesten aller politischen Instrumente.

Aber die Ernüchterung wird folgen, wenn die hoffnungsfrohen Bürger in den nächsten Jahren merken, dass praktisch alle Petitionen wegdiskutiert, abgelehnt und im Sand verlaufen wurden. Der Wunsch nach demokratischer Teilhabe und Mitbestimmung aber bleibt. Statt also diesen einer Demokratie unwürdigen Zirkus mit den Petitionen zu veranstalten, sollte sich die CDU (da liegt nämlich der Hase im Pfeffer) endlich ein Herz fassen, und den Weg für bundesweite Volksentscheide frei machen.

Vielleicht beruhigt es ja Herrn Lammert, wenn man verspricht, die erstmal nur offline unterzeichnen zu lassen.
Neustart schrieb am 14.08.2009 um 00:38
Stimmt, die Petitionen entwickeln sich langsam zu einem Instrument, wie vormals die Eingaben in der DDR. Warum sollten auch die direkten Möglichkeiten zur Einflussnahme und Themen selbst zu setzen, durch die Bürger nicht genutzt werden? Schließlich glauben nur noch fünf Prozent der Deutschen, dass sie Politik durch Wahlen maßgeblich mitbestimmen können! Und wie sollte man die Parlamentarier sonst darauf aufmerksam zu machen, dass ihr Vorgehen NICHT alternativlos ist - und zum Beispiel die Probleme der Banken nach erfolgreichem historischen Vorbild wirklich lösbar sind, siehe die Petition: Bankenwesen - Trennung in Investment- und Geschäftsbanken.
https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=3145

Mitzeichnen ist übrigens bis 18. August 2009 möglich. ;-)


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