Alltag

Porträt | 08.10.2009 15:30 | Susanne Lang

"Wir sind so geschwätzig geworden"

Beate Wedekind, langjährige Gesellschaftsreporterin und Ex-Bunte-Chefredakteurin, räumt mit einem Vorurteil auf: Die Blogosphäre gehört nur den jungen Nerds? Von wegen

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Ein Altbau, Berlin-Kreuzberg, oberstes Stockwerk, kein Lift. Die Tür zu Beate Wedekinds Wohnung steht angelehnt, drinnen im Flur liegt ein aufgeklappter, fast fertig gepackter Koffer. Gleich geht es nach Wien. Wedekind sitzt im Herzstück ihrer Berliner Wohnung: dem Büro. Überall Magazine, Fotos, Bücher. In Stapeln auf einem riesigen Tisch. In Regalen. Die ehemalige Bunte-Chefredakteurin und Organisatorin der Goldenen Kamera bringt Wasser. Kaffee trinkt sie nicht mehr. Ihren letzten Facebook-Eintrag hat sie kurz nach Mitternacht geschrieben. Jetzt ist es vormittags. Und der tägliche Blog ist bereits fertiggestellt.

Der Freitag: Frau Wedekind, wie wird man Ihr Facebook-Freund?

Beate Wedekind: Na, wie man das so macht, man muss bei mir anfragen.

Wonach entscheiden Sie dann?

In der Anfangszeit habe ich auch Leuten zugesagt, die ich nicht richtig kannte, weil ich total happy war, dass so viele Anfragen kamen. Mittlerweile bin ich selektiver geworden. Unbekannte Leute müssen mir schon was über sich erzählen, mich neugierig machen. Viele ignoriere ich; und ich achte darauf, wer die Freundschaft überhaupt ernst nimmt.

Und ernst nehmen bedeutet?

Kommunikation. Eine Facebook-Freundschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man die Einträge nicht nur liest, sondern auch qualifiziert kommentiert.

Auf Ihrem Blog, einer persönlichen Medienlese, haben Sie die Kommentarfunktion umgestaltet: Sie schalten nur noch ausgewählte Beiträge frei. Weshalb?

Das Problem war: Einige Kommentatoren musste ich der rechten Szene zuordnen, oder sie waren Trolls. Einer nannte sich Oliv, ein anderer Claude, die beiden haben sich Gefechte geliefert...! Oliv wurde im Laufe des Tages immer aggressiver, hat mich und meine Blogfreunde aufs Vulgärste beschimpft. Diese Atmosphäre will ich nicht auf meinem Blog.

Bei welchen Leuten werden Sie auf Facebook neugierig?

Mich interessiert, was meine Freunde und Kollegen gerade machen. Wenn etwa der Chefredakteur von theeuropean.de, dem neuen Online-Magazin, den Eintrag schreibt: „Geiler Tag gewesen, in fünf Stunden ist das nächste Meeting“, dann weiß ich Bescheid, wie es in der Redaktion gelaufen ist. Ich schreibe auch, wie mein Tag war, bis hin zu: ‚Gehe jetzt ins Bett‘.

Und das ist interessant?

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Ja, so banal es klingt: Aber ich möchte meine Freunde an meinem Alltag teilhaben lassen. Wenn ich das gegen ein Uhr nachts poste, ist es auch okay. Aber wenn es drei Uhr morgens ist, dann wissen die Leute: Mensch, die Wedekind ist auch noch im Netz. Die Uhrzeit von Posts verrät ja sehr viel Persönliches. Ich überdenke da gerade meine Habits. Aber ich geh nun mal gern vorm Schlafengehen noch mal online...

Sie schreiben täglich. Hat Sie schon mal jemand gefragt, ob Sie nichts anderes zu tun haben?

Zum Beispiel Frank Plasberg bei „Hart, aber Fair“. Welch dumme Frage: Journalisten haben ja geradezu die Pflicht, zu kommunizieren. Wer, wenn nicht wir? Ich tue das mit modernen Mitteln über Facebook und Blogs. In letzter Zeit leider nicht täglich, habe einfach zu viel zu tun.

Wie haben Sie zuvor mit so vielen Leuten Kontakt gehalten?

Na, mit meinem roten Adressbuch – Moment, ich hole es mal...

Sie haben es aufgehoben? Es ist ja riesig!

Toll, nicht wahr, sechs Zentimeter, rotes Leder. Legendäres Relikt der Reporterin Wedekind.

Und das hatten Sie immer in der Handtasche dabei?

Wie heute meinen Blackberry. Gekauft habe ich mein rotes Buch 1981 in Los Angeles auf der Melrose Avenue: Mein erster Eintrag war die Telefonnummer von Julio Iglesias. Ab und zu gucke ich noch mal rein. Zum Beispiel gerade, als ich nach der Nummer von Kameramann Michael Ballhaus suchte. Er hat tatsächlich noch dieselbe Nummer wie damals. Leider gibt es auch etliche Kreuze auf den Seiten – viele sind gestorben. Und schauen Sie: nur Festnetznummern, kaum Faxe, keine Mobiltelefone, keine E-Mail-Adressen. Irre, heute unvorstellbar.

Kommen heute andere Leute in Ihren Blackberry?

Nein, eigentlich waren es auch früher schon immer nur die Leute, mit denen ich wirklich was zu tun habe. Aber zusätzlich habe ich natürlich eine richtige Datenbank mit allem drum und dran für Einladungsmanagement und so. Aber ich kennzeichne privat und Geschäft.

Bei Facebook sind alle Freunde. Wird der Freundschaftsbegriff dadurch nicht entwertet?

Freundschaft auf Facebook bedeutet für mich überhaupt nicht Freundschaft. Ich finde den Begriff absolut falsch. Für mich ist das ein Kontakt. Und zu meinen Facebook-Kontakten zählen auch Menschen, mit denen ich befreundet bin.

Zu der Zeit Ihres roten Notizbuches waren Sie Gesellschaftsreporterin, auf Ihrem Blog heute führen Sie die Rubrik Klatsch. Haben Sie den Eindruck, wir alle sind geschwätziger geworden?

Die Rubrik Klatsch in meiner Medienlese fülle ich meistens mit Artikeln aus der FAZ oder der Süddeutschen. Mich interessiert nur noch der so genannte educated gossip, Klatsch also, der in schöner Sprache intelligent aufgeschrieben ist. Ich schreibe seit kurzem übrigens auch wieder eine Gesellschaftskolumne, montags auf theeuropean.de. Aber ich würde zustimmen, wir sind durch die schnelle Kommunikation unglaublich geschwätzig geworden!

Auch gerüchtesüchtiger?

Aber ja. Selbstkritisch muss ich sagen, wenn ich erfahren würde, dass eine bestimmte Schauspielerin jetzt schwanger ist, dann wäre ich wahrscheinlich so geschwätzig und würde sie auf Facebook fragen, ob das stimmt. Aber als Nachricht an sie allein, nicht als Eintrag auf der Pinnwand. Diese Geschwätzigkeit hat mit der Boulevardisierung der Feuilletons Ende der 80er begonnen. Plötzlich schrieb Johannes Willms in der Süddeutschen über Latin Lover und auch in den Politik- und Wirtschaftsteilen tauchten plötzlich Personalien auf, die nichts anderes waren als Klatsch. Für mich entstand damals eine Verwechselbarkeit der Medien, die mich bis heute ärgert.

Was genau ärgert sie daran?

Wie oft zum Beispiel die Süddeutsche und die FAZ oder die Welt und die Taz dieselben Meldungen abdrucken, das ärgert mich. Mich interessieren die Unterschiede in deren publizistischer Haltung. Die aber sind mir nicht mehr klar genug definiert.

Sind nicht einfach ideologische Positionen in den Hintergrund getreten?

Mag sein: Ich glaube, es liegt aber vor allem an der leichten Verfügbarkeit von Nachrichten. Früher – nun muss ich aufpassen, dass ich nicht früher alles besser fand – aber früher war man gezwungen, viel sorgfältiger zu recherchieren. Heute kann man alles aus dem Internet ziehen, oft wird nicht mal der Wahrheitsgehalt überprüft. Selbst die großen Verlage haben keine Archive mehr, der Journalist hat keinen Dokumentar mehr als sein Rückgrat, gefährlich!

Wir werden auch vergesslicher?

Würde ich schon sagen, ja. Die Halbwertszeit von Information in unserem Kopf ist kürzer geworden. Aber wir reden als Journalisten, ich weiß nicht, wie es anderen geht.

Für die ist der Informationszugang zunächst offener geworden.

Ja, aber die Qualität von Information im Internet hängt davon ab, wie geschickt man beim Recherchieren ist. Die Verfügbarkeit korrumpiert. Ich recherchiere gerne im Internet, aber Wikipedia zum Beispiel nutze ich kaum.

Sie halten das nicht für ein demokratisches Wissens-Prinzip?

Doch, irgendwie schon, aber ein sorgfältig gepflegtes Facebook-Netzwerk ist authentischer, Facebook als Recherchetool ist viel konkreter als Wikipedia. Als ich jetzt für Waffenstillstand, den Debutfilm von Lancelot von Naso, arbeitete, der im Irak spielt, habe ich direkt mit dem Sohn einer Freundin aus Texas kommuniziert, der Agraringenieur im Irak ist. Was ich durch seine Facebook-Einträge über den Alltag eines 26-jährigen Amerikaners im Irak weiß, ist der Wahnsinn!

Bringt das Netz die Menschen doch näher zusammen?

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Artikelaktionen
Kommentare
Columbus schrieb am 08.10.2009 um 18:29
Wunderbares Interview, Frau Lang. - Beate Wedekind hat ja soooo....Recht. Das dokumentieren sie durch die weitgehende Selbstrede.
Dazu passt Ihr Mitschreiben am soooo...schick gestalteten neuen Eurozine, dessen Main-Page einen mit INSM-Link und Andreotti, dem Totengräber der DC, direkt neben Amos Oz, begrüßt. Sogar das Impressum ist chic designt.

Ich habe mir währenddessen überlegt, wirklich eine Weile lang im WWW den Schnabel zu halten und auch beim "Der Freitag" nicht mehr zu schreiben. Eine Überflussgesellschaft kann auf Überflüssiges weiträumig verzichten. Daran halte ich mich, jedenfalls in der Zukunft.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
derDonnerstag schrieb am 11.10.2009 um 00:23
Ja, ist schon lustig. Da beschwert sich ausgerechnet eine "langjährige Gesellschaftsreporterin" darüber, dass "wir" (!) "so geschwätzig" geworden seien.
Sie selbst war ja offenbar schon immer geschwätzig. Und ist es noch immer, wie ihr inhaltsleeres Gewäsch in diesem Interview beweist. Schön sind auch ihre Beiträge im "European". "Blitzlicht, Fotos, Küsschen hier, Umarmung da ..." LOL Auf dem Zürcher Filmfest treffen sich die Schönen und Reichen. Die Frauen sind schön, die Männer reich und Til Schweiger hat die Grippe. Und Peter Fonda macht ein bisschen "Charity".
So wie die Autorin, die wohl gerne dazu gehören möchte, zum Club der Schönen und Reichen. Herzlichen Glückwunsch, scheint ja geklappt zu haben. Hilfreich bei ihrer ach so großartigen journalistischen Karriere - "die erste Frau an der Spitze eines der großen deutschen (Klatsch-)Magazine" - dürfte wohl der Umstand gewesen sein, dass sie selbst offenbar genauso oberflächlich tickt wie die Texte, die sie absondert.
Schön, dass wir dank dieses Interviews erfahren haben, dass Beate Wedekind nun auch die große, weite Welt des Internet für sich entdeckt hat. Auch dort ist sie also voll dabei. Nur in der Welt des seriösen Journalismus ist sie noch nicht so richtig angekommen. Das scheint an ihr zu nagen.
oranier schrieb am 12.10.2009 um 04:09
Das Schlimme ist doch nicht die Geschwätzigkeit einer Beate Wedekind, von der ich zuvor noch nie etwas gehört habe, von der mich allerdings brennend interessiert, wann sie ins Bett geht, das Schlimme ist doch, dass wir hier einen solchen Mist vom Freitag serviert bekommen.
klara schrieb am 13.10.2009 um 09:17
Hallo Susanne Lang,

den Text hatte ich mir ausgedruckt, um ihn in Ruhe lesen zu können - doch mir scheint, das hätte ich mir sparen sollen.

Ich verstehe dieses Interview verstehe ich nicht.
Wird da tatsächlich gar nichts gesagt oder bin ich blind und taub?

Ich verstehe nicht, warum dieses Interview hier steht.

Warum gibt man einer Frau, die so offensichtlich nichts zu sagen hat, so viel Raum im Freitag? Oder, wenn man sie schon interviewen will: Warum nicht mit schärferen Fragen? Themen wären womöglich ergiebiger gewesen als das Zur-Verfügung-Stellen einer Eitelkeitsplattform.

Das Gespräch ist nicht nur langweilig, sondern leer, und wenn man es gelesen hat, ist die Leerstelle noch größer, die man hätte benennen sollen, statt drüber weg zu schwatzen.

Nichts für ungut.

Herzlich
klara
mh schrieb am 13.10.2009 um 10:49
das dürfte ansichtssache sein, klara. das gespräch ist insofern interessant, als dass eine medienkompetenz in bezug auf neue medien vermittelt, nur von jemandem von dem man es eben nicht gerade erwartet.

auf der anderen seite stellt sich über das interview wunderbar dar, was man von den inhalten der gesellschaftsreporter halten kann, zu halten hat und worum es schlussendlich geht ... das rumbringen von zeit mit absoluten banalitäten. und dabei kann man dann dieses kleine zynische "potrait" bemerken, welches statt des sonstigen "interview" da rumsteht.

richtig spannend könnte es werden, wenn man weiterdenkt und feststellt, dass ein großteil der jungen nerds, unter die sie sich einreiht, nichts anderes tut .. nur wird der bogen allein durch die überschrift gesponnen.

auch sonst ist da ne menge subtext drin .. nicht gänzlich zum vorteil der befragten.

braucht man das alles? nein
kann man es haben? ja
gehört es in den alltag? ja, wenn man es mit einem entsprechendem artikel begleitet.

es ist übrigens bei den wenigsten interviews der fall, dass sie einen mehrwert bieten .. das format an sich ermöglicht tiefgehendes nur bedingt, außer man weitet es ins unendliche aus. daher mag ich gesprächsbände.
dvg schrieb am 13.10.2009 um 10:32
Hier übrigens der Link zur von Frau Wedekind angesprochenen jetzt.de-Geschichte, die auf Kevin Kelly zurück geht:

jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/483211


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