Alltag

Koch | 22.05.2010 11:30 | Jörn Kabisch

Eine edle Französin

Warum zuzelt der Bayer an der Weißwurst? Weil sie gar nicht von dort stammt, sagt der Koch und erklärt, warum eine eigene Kultur entstand, sie sich einzuverleiben

Es ist auch in meinen Augen die unappetitlichste Art, eine Weißwurst zu essen. Sie geht so: Sie nehmen die Wurst in die Hand, beißen sie an einem Ende auf, tunken sie in süßen Senf, nehmen sie in den Mund, schließen die Lippen fest um sie, die Zähne dafür umso gefühlvoller und ziehen die Wurst wieder aus dem Mund. Zuzeln nennt das der Bayer und grinst, wenn nach solchem Verzehr die leere Wurstpelle mit einem benutzten Kondom verglichen wird.

Nördlich des Weißwurst-Äquators können sich wenige ekelhafteres Verhalten am Tisch vorstellen – außer vielleicht spuckende Chinesen. Südlich davon gilt das Zuzeln, eine Saugtechnik, die sonst nur für Knutschflecken zum Einsatz kommt, dagegen als das Non-plus-Ultra. Warum, möchte ich Ihnen erklären: Die Sitte, eine Weißwurst mit den Fingern zu essen, hebt nicht den Genuss, sondern geht auf die vergessene Geschichte dieses Gerichtes zurück.

Die offizielle besagt, dass die Weißwurst im Jahr 1857 von dem Metzger Sepp Moser in der Gaststätte „Zum Ewigen Licht“ am Münchener Marienplatz per Zufall erfunden wurde. Am Rosen­montag, dem 22. Februar 1857, ­sollen ihm die Schafsdärme ausgegangen sein, während die Faschingsgäste hungrig warteten. Er hatte nur Schweinsdärme auf ­Lager, die zu zäh und zu groß für Bratwürste sind. Moser hatte keine Wahl, briet die Würste jedoch nicht, sondern brühte sie in ­heißem Wasser, weil er glaubte, dass die Schweinedärme beim ­Braten platzen könnten.

Ungereimtheiten in der Herkunftslinie

Diese Geschichte soll einige Dinge belegen, nämlich die Münchner Herkunft der Weißwurst, außerdem ihre Volkstümlichkeit, denn die Gaststätte „Zum ewigen Licht“ war ein Lokal, das von kleinen Droschkenkutschern und Tagelöhnern besucht wurde. Sie liefert auch die Begründung, warum der Wurst vor dem Verzehr die Haut abgezogen gehört. Doch daran sind Zweifel angebracht, wie der Weißwurst-Historiker Peter M. Lill herausgefunden hat. Erstmal ist die Geschichte vom Mosersepp erst um 1930 rum entstanden, und ein Blick ins Müncher Stadtarchiv zeigt, dass er im Jahr 1857 mitnichten Pächter der Spelunke war.

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Es sind solche Ungereimtheiten, die die andere Herkunftslinie der Weißwurst viel plausibler machen. Die führt nach Frankreich, dort hat eine ganz ähnliche Brühwurst, die Boudin blanc eine noch längere Geschichte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Franzosen – Bayern war Anfang des 19. Jahrhunderts ein enger Verbündeter Napoleons – sie an die Isar brachten. Sieht man sich die Rezepte an, kommt man nicht umhin zu sagen: Die Weißwurst ist eine Französin. Und nicht nur das – sie muss ein Luxusprodukt gewesen sein, das damals nur bestimmten Ständen vorbehalten war. Die Weißwurst war edel, teuer und rar.

Ein Indiz ist ihre Farbe: Weiß zu essen, war seinerzeit ein Spleen gehobener Adelskreise. Blanquette de Veau, ein weißes Kalbsragout, wie auch Blancmanger, ein Pudding aus Hühnerfarce und Mandeln, sind typische Rezepte dieser alten Tradition, in der, wie heute bei der Molekularküche, mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln versucht wurde, Essen so aussehen zu lassen, als sei es kein Essen.

Keineswegs ein Alltagsgericht

Teuer und rar! Dafür spricht, dass das Rezept selbst nicht ohne ist. Die Wurstmasse enthält nicht Hirn wie viele denken, sondern zum großen Teil bestes Kalbfleisch, außerdem Muskat und Zitronenschale, seinerzeit so exotische Gewürze wie heute vielleicht schwarzes Hawaii-Salz. Für die Lockerheit wird bei der Zubereitung auch noch gestoßenes Eis mit in die Masse gerührt. Wie aufwändig! Und dann: Die Weißwurst ist schnell verderblich. In Zeiten ohne Kühlschrank musste sie vor dem 12-Uhr-Läuten gegessen werden. Da fällt mir als Vergleich nur Sushi ein, heute bekanntlich auch ein absolutes Alltagsgericht. Nein, Weißwurst war immer etwas besonderes. Wussten Sie, dass sie in vielen bayrischen Haushalten bis heute ein Weihnachtsessen ist?

Einzig mögliches Fazit also: Vergessen Sie die Moser-Geschichte, die Weißwurst brauchte lange um in die bayerische Küche Eingang zu finden. Die Fasson der Großkopfeten, die sie manieriert mit Messer und Gabel entkleideten, wollte der Bayer nicht auch noch übernehmen. Eine Wurst hatte man mit den Fingern zu essen. Basta! Die Weißwurst auszuzuzeln, war eine besonders schöne Form, die Obrigkeit zu derblecken. Und heute die Preißen. So siehts aus.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Jörn Kabisch schrieb am 22.05.2010 um 12:17
Danke an dame.von.welt und goedzak. Ohne Euren kleinen Austausch über die Weißwurst im Text über die Grüne Sauce wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, mich mal ernsthaft zu fragen, wie das Wurstlutschen sich entwickelt hat.

Grüße, JK
goedzak schrieb am 22.05.2010 um 12:38
Nichts zu danken, jedenfalls mir nicht. Den Artikel habe ich heute am Vormittag bei einem ovo-lakto-vegetarischen Frühstück in kühler Luft und Sonnenschein in der Printausgabe gelesen. War sehr lehrreich, und da ich nicht so eine Mimose bin, wurde mein Frühstücksappetit auch nicht beeinträchtigt.

'Wurstlutschen' ist ein phonetisch höchst leckeres Wort. Ich habe es gleich mal mehrfach halblaut und genüsslich vor mich hin gesprochen. Gut aber, dass es im Drucktext nicht vorkommt, sonst hätte ich vorhin im Café wahrscheinlich irritierte Blicke geerntet.

Schöne Pfingstfeiertage!
Rahab schrieb am 22.05.2010 um 13:26
phonetisch lecker, das stimmt.
aber manchmal sieht's schon greißlich aus!
dame.von.welt schrieb am 23.05.2010 um 00:47
Wurstlutschen! ...;-)...

Lieber Jörn Kabisch,
in Ihrem Artikel zur grünen Sauce beschäftigten Sie sich aber damit:
'Ganz so wie man in Bayern lange darüber reden kann, wie man Münchner Weißwürste zu essen hat: Mit oder ohne Pelle? Wobei man sich doch immer einigt: Wer auch den Darm isst, sollte der bajuwarischen Nationalität verlustig gehen. Und zwar sofort.'

Darüber kann man nicht reden! Auch nicht lange! Wenigstens nicht in München oder südlich davon - Pelleessen ist nicht diskussions- oder satisfaktionsfähig. Wobei ich kleiner Recherche entnahm, daß sie in nicht oberbairischen Gegenden tatsächlich mitgegessen wird.

Was nun Wurstlutschen vs elegante Chirurgie angeht - ich kenne Bayern von jahrhundertealtem Geblüt, die meine Vorliebe für die Chirurgie teilen - ich halte das für eine Stilfrage und nicht für eine nach der Geburt nördlich oder südlich des Weißwurstäquators. Und ich esse sonst wirklich liebend gern mit den Fingern - hier aber ist mir die bereits erwähnte Assoziation des Lutschens an einem Kondom in benutzt mit nicht mehr ganz prallem Inhalt übermächtig. Habe ich's schon erwähnt? Ich esse ausgesprochen gern Weißwürste.

Und frage noch mal in die Runde: weiß jemand eine gute Quelle für Münchner Weißwürste in Berlin?

Es gibt übrigens in Andalusien ein sehr feines weißes Essen: Ajo Blanco. Eine gekühlte Suppe, gekocht aus u.a. Kalbsknochen, weswegen sie kalt etwas geliert, zusätzlich angedickt mit geschälten gemahlenen Mandeln und in Sherry eingeweichtem Weißbrot ohne Rinde. Abgeschmeckt mit reichlich Knoblauch, Olivenöl und etwas Sherryessig. Wird serviert mit Muskatellertrauben, was auch zunächst an etwas Süßes denken läßt. Auch die stammt, wie Blancmanger, ursprünglich aus dem arabischen Raum.

Ajo Blanco ist neben Gazpacho in Andalusien DAS Essen im August, wenn es sogar Hitze-Rabatt für Mord am zänkischen Ehegespons gibt - daran wäre nämlich in Wirklichkeit die Hitze und der fiese heiße Wind in der Nacht direkt aus der Sahara schuld.
Jörn Kabisch schrieb am 23.05.2010 um 10:18
Liebe Dame von Welt,
um endlich ihre Frage zu beantworten: Münchner Weißwürste esse ich in Berlin selten, halte mich dann aber immer an die Firma Schlemmermayer. Die kann man auch mit Haut essen, was ich sehr gerne mache.
Grüße, JK
B.V. schrieb am 23.05.2010 um 13:15
"phonetisch lecker, das stimmt.
aber manchmal sieht's schon greißlich aus!"

Muss man eben die Augen zu machen. ;-)
Rahab schrieb am 22.05.2010 um 12:50
aaah - boudin!
Muschelschloss schrieb am 22.05.2010 um 13:15
Nun hab ich mich extra registriert, um Euch mitzuteilen wie man denn eine Weißwurst überhaupt isst ;-)

Viel Spass > twitpic.com/1pz21l
Heidewitzka schrieb am 22.05.2010 um 13:48
Jaja, die ekelhaften spuckenden. Chinesen. Schön, dass in der Küche auch immer der Rassismus mitkocht. Sarotti-Mohr, Negerkuß, Amerikaner, Ching-Chang-Chung-Chinesen, die für asiatische Wochen bei McDo werben usw. Willkommen im Club.

"Nördlich des Weißwurst-Äquators können sich wenige ekelhafteres Verhalten am Tisch vorstellen – außer vielleicht spuckende Chinesen."
goedzak schrieb am 22.05.2010 um 14:11
Mach halblang.
Ekelgefühle sind Teil des historisch veränderlichen alltagskulturellen Verhaltens und Empfindens. In hiesigen Breiten war Spucken, Räuspern, Schlürfen, Schmatzen usw. auch normal bei Tisch, bis es über Generationen mittels Sanktionsandrohung und Distinktionsverheißung unseren Vorfahren allmählich ausgetrieben und verleidet wurde.
Auf 'nem anderen Gebiet hinken die Europäer den Asiaten dafür hinterher: Wir essen immer noch 'mit Schwertern'!
Jörn Kabisch schrieb am 22.05.2010 um 14:25
Lieber Heidewitzka,
Danke für die Bemerkung. Das Spucken gehört in China zum Alltag, man will sich von ungesunden Säften befreien. Keine Kampagne der KP, diese Sitte in der Volksrepublik abzuschaffen, weder seinerzeit die von Mao, noch jüngst vor den Olympischen Spielen hat gefruchtet. Naja, ein bisschen vielleicht schon. Ein Taxifahrer, der mich morgens um sechs an den Flughafen von Wuhan brachte und sich dabei von einem sehr dicken Klos im Hals befreien musste - durchs offene Fenster - erklärte mir, dass er nicht mehr ins Auto spucke, sei eine Freundlichkeit gegenüber dem Ausländer. Ich fand das sehr höflich.

Aber was ich mit Ersterem eigentlich sagen wollte: Sie können auch das Spucken als eine Art von subtiler Renitenz betrachten, also das asiatische Pendant zum Wustzuzeln. Deswegen habe ich es in den Text aufgenommen.

Schöne Grüße, JK
Harald Schmitt schrieb am 22.05.2010 um 19:53
"Der Bayer" zuzelt nicht an der Weisswurst nicht.

Vereinzelt trifft man zwar in der Tat auf Leute, die das tun, aber das sind Leute, die generell keine Tischmanieren haben.
Hat man nur a bisserl Stil - und nach meinen Beobachtungen ist das die Mehrheit - schneidet man sie der Länge nach an, zieht in einem die Haut ab und verzehrt die Wurst, und dabei verwendet man zwar mit Messer und Gabel.
Nebelmännchen schrieb am 23.05.2010 um 20:28
Ich habe ehrlich gesagt auch noch nie jemanden Würste zuzeln sehen, obwohl ich in Bayern aufwachsen musste. Keine Ahnung, wo die Preißn sich die schlimmen Bayern anschaun. Ist wahrscheinlich auch ein wenig so eine "wir sind besser, weil wir Messer und Gabeln haben"-Sache.

Na ja, Hauptsach' 's schmeckt!
claudia schrieb am 28.05.2010 um 20:18
Obwohl ich die Methode "Haut längs anritzen und abziehen" bevorzuge, hab ich die Weisswürscht auch schon auszuzelt.
Es hängt nämlich vom Messer ab, welche Methode die bessere ist... :-)
ed2murrow schrieb am 23.05.2010 um 21:55
Lieber Jörn Kabisch,

nachdem der Franzos‘ in Bayern so prägnantes wie das Potschamperl (pot à chambre) oder die Schäslong (chaise longue) sowie im Geiste des vierzehnten Ludwig die Versailleskopie auf Herrenchiemsee hinterlassen hat, warum nicht auch die Weißwurst. Immerhin haben wir hier dazu eine Grenze erfunden, den Weißwurschtäquator, den uns so manche neiden, und das passende Getränk. Der Hopfen dafür kommt immer noch aus der Hallertau, da kann der Napoleon noch so sehr in seinem Invalidendom rotieren.

Aber eines will ich dann doch richtig stellen. Heute ist in der Wurstproduktion, nicht nur bei dem edlen Produkt aus Kalbfleisch, Eis immer Bestandteil. Würde es nicht zugegeben, würde das Brät im Cutter aufgrund der Reibungswärme praktisch vorgekocht und damit ungenießbar. Nicht umsonst wird deswegen den Metzgern nachgesagt, sie würden mit Salz und Wasser ihr Geld verdienen.

Ihr e2m
iPeter schrieb am 26.05.2010 um 23:14
Lieber e2m,
so, da sind die Franzosen wieder einmal der Ursprung der Eßkultur, auch der bayrischen.
Gott sei Dank gibt es da diese Grenze.
Hat mir gut gefallen, Ihr Kommentar.

Schade, dass man hier im Freitag nicht flattr(n) kann, oder habe ich da etwas übersehen ?
wwalkie schrieb am 24.05.2010 um 13:20
Ich habe mich über Ihren gastrohistorischen Text sehr gefreut, Herr Kabisch. Sans mentir, vous êtes le Siebeck de ces bois (nach La Fontaine). In einer dieser binnennormannischen Kleinstädte, wo der Arzt zweifellos Bovary heißt, habe ich mal eine getrüffelte boudin blanc auf Blätterteig in Cidresauce essen dürfen. Einfach und göttlich!

Darum: Ouiiii - boudin! Rahab. Auch wenn da eine misogyne Note mitschwingt. "Petit boudin" ist ein etwas veralteter Ausdruck für ein etwas zu dickes Mädchen (es gibt da ein Chanson von Gainsbourg). Heute sagt man - angeblich und warum auch immer - "thon" (Thunfisch). Auch ein interessantes Thema.
Rahab schrieb am 24.05.2010 um 13:51
wenn das dicke mädchen mal alles wäre!
trotzdem - ich mag boudin!


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