Alltag

Alltagskino | 25.02.2011 15:20 | Mikael Krogerus

Vorbote eines Endzeitkapitalismus

Unser Kolumnist Mikael Krogerus schaut den Dystopie-Klassiker "Soylent Green" aus dem Jahr 1973 – und ist beeindruckt, welche Relevanz der Film gerade heute wieder hat

Was habe ich gesehen?
Soylent Green – Jahr 2022… die überleben wollen (1973), Laufzeit: 97 Minunten. Regie: Richard Fletscher.

Worum geht es?
Wir schreiben das Jahr 2022 (ist, nur am Rande, gar nicht mehr so lange hin). 40 Millionen Menschen oder mehr leben in New York City. Lebensmittel, Wohnraum, Wasser sind knapp geworden, die Reichen schotten sich ab, die Armen bekämpfen sich (ist, nur am Rande, gar nicht mehr so unvorstellbar). Unser Protagonist, der coole Thorn (crazy: Charles Heston), ermittelt: Joseph Cotton, CEO der dubiosen Firma Soylent, so etwas wie das Google der Lebensmittelversorgung, wurde ermordet. Soylent (Soy=Soja, Lent=Linsen) vertreibt das angeblich auf Plankton-Basis hergestellte Nahrungsmittel Soylent Green. Ein Produkt wie Tamiflu – das einzige, das die Menschen retten kann. Ähnlich hart geht es zu. Wenn Soylent Green verteilt wird, kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Situationen. Weil Cotton erfuhr, dass Soylent Green nicht mehr aus Plankton hergestellt werden kann, weil die Meere tot sind – musste er sterben. Der spannende Krimi-Plot entwickelt sich temporeich und verworren; es geht um Affären, Priester, Ozeanographie und schließlich um Euthanasie. Alles klar?!

Warum habe ich ihn gesehen?
Ein Vorschlag des Bloggers Ed2murrow.

Was bleibt?
Eine ganze Menge. Klar, Hestons Interpretation des Superbullens mit dem grünen Gewissen hat etwas Comic-haftes. Und natürlich wirkt Soylent Green wie ein sehr aufwändiger B-Film. Der Look erinnert an The Sorcerer. Aber wer daran mäkelt, denkt zu kurz. Denn wie man sich 1973 die Welt 2022 vorgestellt hatte, ist natürlich genauso bescheuert, wie wir uns die Welt 2061 vorstellen. Aber die Idee! Die Weitsicht! Das Thema! Aktuell wie die Plagiatsdebatte. Bloß tausendmal relevanter. Der Einfall übrigens, dass wir 2022 aus Rohstoffknappheit zu barbarischen Kannibalen werden könnten, ist nur eine Lesart. Der Film kann auch als Parabel verstanden werden, als Vorbote eines Endzeitkapitalismus, in der wir unser eigenes Opfer werden. Auch toll: dass er nicht so lang ist! Sehenswert!

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Diese Person wäre ich gern:
Roth, Thorns nostalgischer Sidekick.

Was gibt es als nächstes?
Den großen Jahresrückblick.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Kunibert Hurtig schrieb am 25.02.2011 um 23:42
Soyland Green …
Ich habe diesen Film bestimmt schon 8 Mal gesehen. Er ist gleichermaßen erschreckend wie realitätsnah. Es gibt andere SF mit den Merkmalen dieser Separation der Gesellschaft, aber meistens wird kein derart eklatanter Mangel verwaltet sondern ein soziologische stabil gehaltenes System stellt den Spannungsrahmen.
Auch wenn New York nicht der richtige Ort ist, tragen doch die Megastädte in Asien, Afrika, Süd- Mittelamerika durchaus die Merkmale solcher Szenarien. Der Tatbestand, dass aus den Meeren nicht mehr allzu viel heraus zu fischen ist, lässt jeden Alptraum wahrscheinlich erscheinen. Die Zensur, das Bücherverbot waren die sichtbaren Zeichen einer Tabudiktatur, deren pädagogische Konzepte in den Realityshows der Privatsender schon heute sichtbar werden.
Die Negierung Kritikfähigkeit und die Vermittlung simplifizierter Weltbilder hinterfragen die Legitimierung des Individuums, indem ihm wenige Alternativen die Freiheit seiner Wahl vorgaukeln, dieweil ein kreativer Individualansatz als System bedrohend denunziert wird.
In Karatschi, in Mumbai, in Neu Delhi werden nachts die namenlosen Toten von den Straßen aufgesammelt und hinterlassen keine Spuren. In China irren 200 Mio. Wanderarbeiter durchs Land, ohne Hoffnung, ohne Zukunft, ohne Reis … meistens.
Die Schaufellastwagen im Film symbolisieren diese Hoffnungslosigkeit, aus der heraus die namenlose Masse abfällig entsorgt wird … gespenstig
Conny von Striesen schrieb am 28.02.2011 um 00:52
Ich sah den Film nur einmal -
aber er hat sich eingeprägt, wie auch "Briefe eines Toten (Mannes)" des Tarkowsky Schülers Lopuschanski aus den achtziger Jahren.

Die Wahrheit ist grausamer als die Wirklichkeit.
Und unsere grausame Wahrheit ist, das wir gefangen zwischen Abhängigkeiten und Bequemlichkeiten mit genügend Naivität uns noch der Illusion hingeben: Alles wird gut. Aber wenn wir diesen Irrtum nicht nur erkennen, sondern erleben müssen, wird es unumkehrbar zu spät sein...

www.youtube.com/watch?v=fqqcdWuj4bQ

und über die schon längst vergessnen gräber
unser kühnen träume weht nur der wind
das lange gras in böen wellig nieder
und wir, die an gebrochnen herzen starben,
erkennen uns im spiegel dunkler weiher wieder.

vergeblich raunt die hoffnung uns von
einer zukunft hellem schein,
zu lang sind unsre wachen nächte uns geworden,
zu düster ist uns unser letztes sein.

CvS
Ehemaliger Nutzer schrieb am 03.03.2011 um 10:57
5 Sterne für: "Aktuell wie die Plagiatsdebatte. Bloß tausendmal relevanter."


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