Vorbote eines Endzeitkapitalismus

Alltagskino Unser Kolumnist Mikael Krogerus schaut den Dystopie-Klassiker "Soylent Green" aus dem Jahr 1973 – und ist beeindruckt, welche Relevanz der Film gerade heute wieder hat

Was habe ich gesehen?
Soylent Green – Jahr 2022… die überleben wollen (1973), Laufzeit: 97 Minunten. Regie: Richard Fletscher.

Worum geht es?
Wir schreiben das Jahr 2022 (ist, nur am Rande, gar nicht mehr so lange hin). 40 Millionen Menschen oder mehr leben in New York City. Lebensmittel, Wohnraum, Wasser sind knapp geworden, die Reichen schotten sich ab, die Armen bekämpfen sich (ist, nur am Rande, gar nicht mehr so unvorstellbar). Unser Protagonist, der coole Thorn (crazy: Charles Heston), ermittelt: Joseph Cotton, CEO der dubiosen Firma Soylent, so etwas wie das Google der Lebensmittelversorgung, wurde ermordet. Soylent (Soy=Soja, Lent=Linsen) vertreibt das angeblich auf Plankton-Basis hergestellte Nahrungsmittel Soylent Green. Ein Produkt wie Tamiflu – das einzige, das die Menschen retten kann. Ähnlich hart geht es zu. Wenn Soylent Green verteilt wird, kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Situationen. Weil Cotton erfuhr, dass Soylent Green nicht mehr aus Plankton hergestellt werden kann, weil die Meere tot sind – musste er sterben. Der spannende Krimi-Plot entwickelt sich temporeich und verworren; es geht um Affären, Priester, Ozeanographie und schließlich um Euthanasie. Alles klar?!

Warum habe ich ihn gesehen?
Ein Vorschlag des Bloggers Ed2murrow.

Was bleibt?
Eine ganze Menge. Klar, Hestons Interpretation des Superbullens mit dem grünen Gewissen hat etwas Comic-haftes. Und natürlich wirkt Soylent Green wie ein sehr aufwändiger B-Film. Der Look erinnert an The Sorcerer. Aber wer daran mäkelt, denkt zu kurz. Denn wie man sich 1973 die Welt 2022 vorgestellt hatte, ist natürlich genauso bescheuert, wie wir uns die Welt 2061 vorstellen. Aber die Idee! Die Weitsicht! Das Thema! Aktuell wie die Plagiatsdebatte. Bloß tausendmal relevanter. Der Einfall übrigens, dass wir 2022 aus Rohstoffknappheit zu barbarischen Kannibalen werden könnten, ist nur eine Lesart. Der Film kann auch als Parabel verstanden werden, als Vorbote eines Endzeitkapitalismus, in der wir unser eigenes Opfer werden. Auch toll: dass er nicht so lang ist! Sehenswert!

Diese Person wäre ich gern:
Roth, Thorns nostalgischer Sidekick.

Was gibt es als nächstes?
Den großen Jahresrückblick.

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15:20 25.02.2011
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Ausgabe 39/2020

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