Corina Wagner
30.12.2012 | 12:57 27

Weltweite Empörung

Vergewaltigungen Es gibt brutale Ereignisse, die möchte man sofort wieder verdrängen. Vielen gelingt dies, weil sie in der Lage sind, solche Szenen auszublenden. Und dann?

 

 

Das Jahr geht zu Ende. Viele Menschen freuen sich auf die morgigen Silvester-Partys. Heute wird bereits fleißig dafür vorbereitet. Die meisten lassen sich die gute Laune nicht verderben, warum auch?

Täglich sterben auf der Welt Menschen zum Beispiel durch verschmutztes Wasser, sie verhungern, stecken sich mit AIDS an oder werden durch Terror und Krieg umgebracht. Frauen wurden schon immer als Kriegswaffe benutzt und deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass immer noch Frauen gefoltert und vergewaltigt werden. Es gibt etliche brutale Beispiele, die absolut real sind. Die Kriegswaffe Vergewaltigung ist für einen Mann, der sich im Bürgerkrieg befindet, anscheinend die schönste Nebensache in seiner brutalsten Form. Der bewaffnete Täter befriedigt seinen Sexualtrieb und zeigt zugleich den militärischen Sieg über den Feind. Er „erobert“ die Frau des Gegners. Darüber gibt es stets Meldungen. Ich erinnere hier z.B. an systematische Vergewaltigungen von Tutsi-Frauen in Ruanda. Ich könnte jedes Mal „kotzen“, wenn ich darüber lese. Allerdings auch, wenn ich daran denke, dass die häusliche Gewalt stets gerne ausgeblendet wird. Frauen erhalten meist kaum Unterstützung, wenn sie von Männern aus dem privaten Umfeld, also von Verwandten oder Freunden vergewaltigt werden.

Und nun ganz aktuell: „Schock in Indien!“  Eine 23-jährige Medizinstudentin wird in einem Bus mehrfach brutal vergewaltigt. Sechs Männer beteiligen sich an der Tat, darunter auch der Busfahrer. Unvorstellbar! Zumal das Opfer nicht alleine unterwegs war. Sie stieg mit einem Freund in den Bus, der sie leider nicht beschützen konnte, da er von den Tätern zusammengeschlagen wurde. Andere Passagiere waren zum Tatzeitpunkt nicht im Bus. Das Opfer wird nach dem brutalen Vorfall aus dem Bus geworfen. Nach Bekanntgabe des entsetzlichen Übergriffs auf die junge Frau kommt es zu Protesten in Indien.

Inzwischen starb die junge Frau an den Folgen ihrer Verletzungen. Sechs Inder wurden nun wegen Mordes angeklagt.

Weltweit ist der Blick im Moment auf Indien gerichtet. Medien berichten, dass es laut offiziellen Angaben im vergangenen Jahr in der Metropole Neu Delhi 572 Vergewaltigungen gab. Eine erschreckende Bilanz, da vermutlich die Dunkelziffer höher ist. Ich könnte „kotzen“, wenn man bedenkt, dass sich diese Daten nur auf Neu Delhi beziehen.

Die Welt dreht kurz vor der Jahreswende kräftig am „Vergewaltigerrädchen“.

Weltweite Empörung!

Auch in Deutschland. Sicherlich!

Hoffnung macht mir dies für das Jahr 2013 absolut nicht. Es wird nun darüber geredet, geschrieben und im Internet gepostet. Und dann? Männer werden es wieder tun, wenn sich die Gelegenheit bietet …

… auch hier in Deutschland.

Die nächsten Opfer gibt es spätestens in der Silvesternacht, quasi in Sektlaune.

Eine Studie belegt, dass jede vierte Frau in Deutschland sexuelle oder körperliche Gewalt durch ihren Partner erlebt. Dieses Ergebnis ist blamabel.
Ich hatte in meinem Leben bislang großes Glück und erfuhr keinerlei Gewalt.

Frauen werden auch im kommenden Jahr wieder weltweit Opfer von brutalen Vergewaltigungen werden. Ich könnte „kotzen“, wenn ich daran denke.

Empört Euch!

Wie lange?

Ich sehe angewidert auf die Uhr.

Kommentare (27)

janto ban 30.12.2012 | 15:24

| Die Kriegswaffe Vergewaltigung ist für einen Mann, der sich im Bürgerkrieg befindet, anscheinend die schönste Nebensache |

"Für einen Mann", nun gut. Das Wort Krieg sagt eigentlich schon alles. Es ist immer ein schmaler Grat zwischen Hass und Gewalt.

| Es wird nun darüber geredet, geschrieben und im Internet gepostet. Und dann? Männer werden es wieder tun, wenn sich die Gelegenheit bietet … |

So wird es vermutlich sein. Es wäre schön, wenn - wenigstens in solchen Sätzen - anstelle des Wortes "Männer" mal "Sexualstraftäter" stehen könnte. Die Frage "Und dann?" ist gut. Genau, was tun wir dagegen? An wen richtet sich dieser Text?

| Frauen werden auch im kommenden Jahr wieder weltweit Opfer von brutalen Vergewaltigungen werden. |

Männer auch. Nur nicht so zahlreich. Es gibt keine unbrutalen Vergewaltigungen. Und Morde sind immer tödlich. Solche Vokabeln auszuschmücken, verharmlost sie auf Dauer nur.

| Eine Studie belegt, dass jede vierte Frau in Deutschland sexuelle oder körperliche Gewalt durch ihren Partner erlebt. Dieses Ergebnis ist blamabel. |

So ist es.

Corina Wagner 30.12.2012 | 16:04

 

Stimmt! Es wäre „schön“ gewesen, wenn ich das Wort: Männer durch das Wort: Sexualstraftäter ersetzt hätte. Aber wirklich schöner wird dieser Text dadurch auch nicht, weil es explizit um Straftaten geht, die Männer begehen.

„An wen richtet sich dieser Text?“

An wen genau? An Sexualstraftäter? Etwa an Menschen, die stets wegsehen? Oder an Menschen, die eh nie Gewalt anwenden würden?

Muss ich Ihnen die Frage beantworten? Nein! Und doch könnte ich da stundenlang nun formulieren und ellenlange Kommentare posten.

Vielen Dank für Ihre Infos bezüglich männlicher Opfer. Es ist mir bekannt, dass Männer auch vergewaltigt werden. Ich habe übrigens vor Jahren schon Zeilen über dieses Tabuthema verfasst, auch über häusliche Gewalt, wenn die Frau z.B. ihren Partner misshandelt.

„Es gibt keine unbrutalen Vergewaltigungen. Und Morde sind immer tödlich. Solche Vokabeln auszuschmücken, verharmlost sie auf Dauer nur.“

Und doch gebe ich zu bedenken, dass es in der Vorgehensweise einer Vergewaltigung durch den oder die Straftäter massive Unterschiede gibt. Ich würde zum aktuellen Fall in Indien das Wort brutal nicht als „Ausschmückung“ und Verharmlosung sehen. Ich wollte zunächst sogar das Wort: bestialisch benutzen.

Vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar.
C.W.

Magda 30.12.2012 | 17:44

Hallo Corina, 

danke für diese Reflektionen zum Thema. Über die Situation der Frauen Indiens gibt es immer mal wieder Berichte und Reportagen. Und da stellt sich heraus, dass sich sehr wenig geändert hat, obwohl die große Indira Gandhi das Land jahrzehntelang geprägt hat. Jetzt hat die Schwiegertochter Worte der Bestürzung geäußert. Aber das ändert wenig. Es ist ein gesellschaftliches und strukturelles Problem. 

Vergewaltigung als Kriegswaffe - dazu ist viel geforscht worden.  

Vergewaltigungen passieren auch in der Nähe, da haben Sie völlig Recht. In Wien sind mehrere Frauen in der U-Bahn vergewaltigt worden.  Eine auch mitten in der Hauptverkehrszeit. 

Es ist empörend, das stimmt. 

Gruß Magda

 

 

Corina Wagner 30.12.2012 | 19:30

Liebe Magda,

vielen Dank für Ihre Worte.  Man kann heute als Frau sehr dankbar sein, wenn man nicht zum Opfer wird.

1,2,3,4

Eine Freundin meint, dass man die Typen kastrieren sollte.  Würde die Angst vor einer eventuellen Kastration die Straftäter vor einer Vergewaltigung bzw. vor Vergewaltigungen abhalten?

Wir empören uns. Es bleibt ein Funken Hoffnung auf ein Umdenken in den Köpfen von Männern, in denen das Potenzial eines Sexualstraftäters steckt.

Liebe Grüße
Corina

janto ban 30.12.2012 | 23:10

| Eine Freundin meint, dass man die Typen kastrieren sollte. |

Wie ich schon sagte: Es ist immer ein schmaler Grat zwischen Hass und Gewalt. Eine ellenlange Antwort auf meine Frage, an wen sich solch ein Text richtet, hätte mir gut gefallen. Dass du deine Freundin als potentielle Sexualstraftäterin outest, gefällt mir weniger. Du schreibst:

| Es bleibt ein Funken Hoffnung auf ein Umdenken in den Köpfen von Männern, in denen das Potenzial eines Sexualstraftäters steckt. |

Auf die Frage, an wen sich der Text richtet, fragst du:

| An wen genau? An Sexualstraftäter? Etwa an Menschen, die stets wegsehen? Oder an Menschen, die eh nie Gewalt anwenden würden? |

Die Botschaft, dass Gewalt mit Gewalt beantwortet werden müsste/sollte, kannst du an die besagten Gruppen aber doch nicht richten wollen. Wen du mit "Menschen, die eh nie Gewalt anwenden würden" meinst, weiß ich nicht. Es klingt sehr zynisch.

Man hütet sich am besten vor Menschen, die behaupten, kein Potential für Böses in sich zu tragen. Wer sich selbst nicht kennt, sollte nicht über sich reden. Wer Gedanken unterdrückt, bringt sie früher oder später zum explodieren. Das ist meine Meinung. Wer dominant veranlagt ist, sollte sich einen devoten Partner suchen. Das ist ein Lösungsvorschlag. Dazu muss man sich und seine Vorlieben allerdings kennen. Was zu tun ist, wenn abgrundtief Abartiges dabei ist? Eine prophylaktische Maßnahme, die mir einfiele, darf ich nicht aufschreiben, denn solcherlei Aufrufe sind unter Strafe verboten. Darüber sprechen könnte helfen. Mit einem Fachmann vielleicht. (Such ihr doch mal einen raus.)

Du schreibst:

| Es wäre „schön“ gewesen, wenn ich das Wort: Männer durch das Wort: Sexualstraftäter ersetzt hätte. Aber wirklich schöner wird dieser Text dadurch auch nicht, weil es explizit um Straftaten geht, die Männer begehen. |

Nein, das Thema ist nicht schön - aber der Text ist es für mich auch nicht. Texte sind immer zunächst an jene gerichtet, die sie lesen. Ich habe ihn gelesen. Deine Kommentare auch. Und fühle mich hochheiligst inquisitiert. Als Mann. Aber ich muss hier nicht hinschreiben, dass ich mich für Geschlechtsgenossen schäme, die keine Achtung vor sich selbst und ihren Nächsten haben. Muss ich nicht. Warum? Wegen Sätzen wie:

| Man kann heute als Frau sehr dankbar sein, wenn man nicht zum Opfer wird. |  ???

Entschuldigung, nein.

janto ban 30.12.2012 | 23:40

Ich frage mich eigentlich nur, ob es zwischen dem Kotzen nicht vielleicht auch ein bisschen Spaß macht, auf der Spezies Mann herumzuhacken. Diesem Eindruck kann ich mich leider nicht erwehren. Würde es aber gerne können. Ganz ehrlich.

Vielleicht will deine Freundin niemandem die Eier abschneiden, sondern das sauber per Gerichtsbeschluss von einem Chirurgen unter Narkose erledigen lassen. Darüber könnte man sprechen. Das steht da nur nicht, das ist das Problem. Das ist bei all diesen Texten das Problem für mich. Ich lese da immer: Sei einmal ein Mann und sieh endlich ein, dass du Abschaum bist! Trotz Wörtern wie "Umdenken" und so.

Liegt das eigentlich an mir oder an den Texten?

janto ban 31.12.2012 | 00:31

So, ich habe nochmal alles gelesen und es ist gut möglich, dass es an mir liegt. So geht das. Da liest man Texte und denkt: Man kann heute als Mann sehr dankbar sein, wenn Frauen ein gutes Haar an einem lassen. (So ungefähr.) Und vor lauter Opferrolle gucke ich nicht richtig hin. Aber dann ist es eben so. Tut mir leid. Die Spitzen nehme ich zurück.

Anchesa 31.12.2012 | 02:38

Fast genauso schlimm wie die Vergewaltigungen finde ich ja den Umgang mit den Opfern und den Taten.

Die Opfer werden ausgegrenzt, sind noch weniger wert als Mädchen eh schon in Indien "wert" sind. Es werden sogar die Täter geschützt und gedeckt. Die Untersuchungen werden behindert oder einfach ad acta gelegt... Und das teilweise von höchster Ebene angewiesen...

Es gibt Vergewaltigungen von Frauen ganzer Dörfer...

Es fehlen mir die Worte, "vernünftig" zu sagen, was ich davon halte.

snow_in_june 31.12.2012 | 09:06

Was mir manchmal nicht behagt ist, dass nach so schrecklichen Ereignissen allzu schnell in den konstruktiven Problemlösungsmodus umgeschaltet wird, anstatt in einem ersten Schritt einfach mal wütend, traurig, verzweifelt zu sein. An deinem Beitrag gefällt mir, dass er die Wut, die Verzweiflung in den Vordergrund stellt.

Und wenn wir dann nach vorne schauen, so ist es schon meine Wahrnehmung, dass sich in Indien was ändert. Die Menschen wollen es nicht mehr akzeptieren. Und bei dem Protest sieht man ganz selbstverständlich auch Männer, denn das hier ist kein Mann-Frau-Ding, sondern ein Menschlichkeit-Unmenschlichkeit-Ding.

Ja, und auch in Deutschland, z.B. hinten den Türen der Familien-Wohnungen und -Häuser haben wir noch einen weiten Weg vor uns, leider!

Die Justiz spielt oft keine glückliche Rolle, es gibt meist keine Zeugen, nur das Opfer, grausam!

Corina Wagner 31.12.2012 | 18:22

Es ist ein sehr sensibles Thema, da wir Frauen darauf vermutlich noch emotionaler reagieren.

Tragisch genug, wenn man Opfer wird, aber das "Prozedere" danach ist in der Regel für die Frauen unerträglich, selten gibt es Gerechtigkeit.
Und wenn wir unseren Blick nach Deutschland richten, dann gibt es beispielsweise im Bezug auf häusliche Gewalt zu gut besuchte Frauenhäuser und bietet die Gelegenheit zum Fremdschämen, quasi vor der Haustüre des "lieben" Nachbarn.

Liebe Anchesa,

gestern Abend war ich gegen 21.30 Uhr  in der  Klosterkirche Roggenburg zum Taizé-Singen. Die barocke Klosterkirche mit ihren vielen Lichtern, die dann dort an jenem Abend brennen, mag für viele Menschen der pure Kitsch darstellen. Es macht jedes Jahr aufs Neue große Freude in der unbeheizten Kirche vorne im Chorraum zu sitzen (Wolldeckenpflicht) und vom Alltag eine Auszeit zu nehmen.  Es ist immer eine besondere Atmosphäre, man kann es nicht beschreiben. Hier nun das letzte Lied, dass ich gestern mit den anderen Besuchen zum Abschluss sang: von  Dietrich Bonhoeffer

http://www.youtube.com/watch?v=aN7dGz6NH5M

Alles Gute im Neuen Jahr
Corina

 

Corina Wagner 02.01.2013 | 21:55

Lieber JANTO BAN,

musste gerade absolut schmunzeln.  In den  Kommentaren war absolut nichts Schlimmes zu lesen, was mich nun geschockt oder geärgert hätte.  Im Bezug auf "Klappe halten" habe ich ein super schönes Lied. Es passt eigentlich genau auf mich, aber vielleicht nun auch auf JANTO BAN im Jahre 2013:

http://www.youtube.com/watch?v=uaSVla9ZsHk
Viele Grüße und Willkommen im Jahr 2013
C.W.

eldorado 03.01.2013 | 02:24

Ich war selbst schon Opfer. Es gibt einen längeren Text.

Ich war 20 Jahre alt. Seither sind 45 Jahre vergangen. Ich war mit dem Zug von den Ferien unterwegs nach hause. Da hatte die Loki eine Panne. Das dauerte lange. Endlich ging die Fahrt weiter. Ca. 12 km von zuhause weg musste ich aussteigen. Netterweise nahm mich ein Zugführer eines Güterzuges im Führerstand mit bis zum Nachbarstädtchen, etwa 2 km von mir zuhause. Leider hatte ich das Velo an einem anderen Bahnhof.  Ich machte mich mit meiner schweren Reisetasche auf die Socken. Schon bald kam ich an den Garagen und einem grossen Parkplatz davor von einer Fabrik vorbei. Da hielt ein Auto und der Fahrer rief mir etwas zu. Ich trat näher, weil ich ihn nicht verstand. Da redete er nicht mehr sondern packte mich und zerrte mich zu sich und begann an meinen Kleidern herumzuzerren. Ich wussste gleich was los war, obwohl ich sehr vermurckst erzogen wurde. Einen kurzen Moment liess er ein wenig locker. Ich holte mit einem Bein aus und traf ihn voll zwischen die Beine. (Diesen Tip hörte ich kurz vorher, als einmal ein paar junge Frauen über dieses Problem sprachen.) Es hat ungeheuerlich gewirkt. Er wand sich vor Schmerzen und schrie und fiel zu Boden. Ich packte meine Tasche und rannte zum Bahnhof zurück. Die ganze Zeit hörte ich den Mann schreien. Er tat mir ungeheuerlich leid. Ein paarmal war ich drauf und dran zurückzurennnen, um zu schauen, ob ich ihm helfen kann. Das könnt Ihr Euch wahrscheinlich schlecht vorstellen. Mein Mitgefühl ist einfach extrem gut ausgebildet. Ich hab's dann doch nicht gemacht. Der Bahnhofvorstand war gerade im Begriff nach hause zu gehen. Ich konnte ihm dann noch die Tasche abgeben. Vor lauter Aufregung vergass ich ihm zu sagen, dass da vermutlich ein Mann in Not ist. Dann rannte ich nach hause, auf einem anderen Weg. Das war die Hero Fabrik in der Schweiz, wo's passierte. Ich ging rannte dann mitten durch die Trübelifelder der Hero nach hause. Dort konnte mir sicher kein Auto begegnen.

Ich wusste keinen Menschen, dem ich das erzählen konnte und keinen Menschen dem ich das zu erzählen getraute. Ich war ganz allein damit. Mein zuhause war sehr traumatisierend. Dort erlebte ich schon tagtäglich seelische Uebergriffe. Wenn ich das erzählt hätte, da war ich mir gewiss, wäre ich mehr oder weniger zuhause eingesperrt worden. Ich hatte dann noch etwa dreimal solche Probleme. Da ich aber sehr extrem reagierte, ist es bei den folgenden Malen nie mehr so weit gekommen.

Später lernte ich einen Mann kennen und heiratete ihn. Ich fragte mich immer warum ich so empfindlich bei ihm war. Verständnis hatte der auch nicht. Aus der Erinnerung muss ich sagen, dass ich dieses Erlebnis offenbar mit Erfolg verdrängt habe. Aber eben, auch wenn es aus den Gedanken ist, die Folgen davon sind trotzdem da.

Vor ein paar Jahren, bei einem Therapeuten, bei einem Menschen zu dem ich endlich vertrauen gefunden habe, kam mir die Sache während eines Gespräches wieder hoch. Ich begann zu erzählen. Nun bin ich dran das aufzuarbeiten. Das tut sehr gut.

Ich bin eigentlich überzeugt, dass Verdrängen keine Heilung bringt. Es bringt einfach Ruhe vor dem Schlimmen. Aufarbeiten ist möglich aber sehr schwer. Geholfen hat mir, dass ich sehr stark und zäh bin.

Schon mit ca. 14 Jahren hat mich mein Mathiklehrer sexuell missbraucht. Während der Schulstunde hat er an mir herumgeknutscht. Das habe ich zuhause erzählt. Ich wurde ausgelacht. Dann, ich vertrug das immer weniger. Und einmla bei einer Geometrieprüfung kam er wieder. Ich hatte gerade mein Lineal in den Händen. Ich stiess nach hinten. Ein unterdrückter Schrei seiten des Lehrers folgte. Von da an liess er mich, was das betraf, in Ruhe. In den Mathikfächern war ich sehr gut und hatte Bestnoten. Ab diesem Moment bekam ich aber nur noch schlechte Noten. Die Begründung des Lehrers: Ich schreibe von der Nachbarin ab. Da wurde ich zuhause bestraft wegen der schlechten Noten. Das Leben war für mich nicht einfach.

Ich habe mich im Verlaufe meines Lebens viel beschäftigt mit den Männern, die mit ihren Trieben nicht zurechtkommen.

Das hört man ja immer wieder, dass sexuell gewalttätige Männer oft selbst missbraucht und/oder vergewaltigt wurden als Kind. Also müssen darunter viele Männer sein, die mit diesen Erlebnissen, die sie als Kind hatten, auch nicht zurechtkamen.

In diesem Sinn sind sie auch Opfer und brauchen im Grunde genommen Hilfe. Das rechtfertigt aber in keiner Weise die Tat.

Demütigungen und Traumata kann man nach innen wenden. Dann bekommt man Depressionen. Wendet man sie nach aussen, generiert das Opfer als Täter weitere Opfer. Beides ist ungesund. Aber wirklich Heilung erfahren, ist sehr schwierig.

Corina Wagner 03.01.2013 | 11:51

Hallo Eldorado,

herzlichen Dank für die offenen Worte bezüglich Ihrer Vergangenheit. Ihr Kommentar zeigt ganz deutlich wie schwierig es ist, wenn man zum Opfer wird. Viele traumatisierte Menschen können zunächst nicht über die Tat sprechen und schweigen. Und wenn sie nicht schweigen, dann werden sie vielleicht z.B. in der Familie nicht ernst genommen, weil man angeblich „Lügengeschichten“ auftischt und wie in Ihrem Fall auch noch ausgelacht wird. Man wird als Opfer nicht wahr genommen und dies finde ich absolut schlimm.

Ich muss gestehen, dass mir Ihre Lebensgeschichte sehr nah geht. Da Sie mehrmals in ihrem Leben mit Männern konfrontiert wurden, die massive Probleme mit ihrem Sexualtrieb hatten. Welches Leid sie als Schülerin bereits durchleben mussten.

Ich bin auch der festen Überzeugung, dass es sehr hilfreich ist, wenn man sich einen guten Therapeuten bzw. eine gute Therapeutin sucht und mit professioneller Hilfe das Erlebte aufarbeitet.

Ich wünsche Ihnen für das neue Jahr alles erdenklich Gute!

Corina Wagner

eldorado 04.01.2013 | 03:20

Hoi Corinna

Ich bin froh, dass es gut angekommen ist. Der Mensch, der mir hilft ist nicht irgendein, auch guter Therapeut. Das geht viel weiter. Es geht da vor allem um das Verstehen, einen Schritt neben sich zu treten und alles wie eine aussenstehende Person anzuschauen, also auf das Persönliche zu verzichten. Also mich, wie den anderen Menschen von aussen anzuschauen. So kann man immer mehr auf Wut, Hass und Opfergefühle zu verzichten. Je mehr das gelingt, je besser kann man verzeihen.

Der Lehrer da, der mich mit 13, 14 Jahren sexuell missbrauchte, hatte auch kein einfaches Leben. Das sah ich damals schon. Er wohnte zeitlebens bei seiner Mutter, die früh Wittfrau wurde. Als sie gestorben war, wurde das schlimmer. Dann hatte er dann auch noch einen Unfall mit dem Velo. Er fiel auf den Kopf. Er war mehrere Monate arbeitsunfähig. Als er zurückkam, war das noch schlimmer. Er muss da einen Dachschaden bekommen haben. Es hat mich trotdem nicht gereut, dass ich mich gewehrt hatte, weil Mitleid haben gegenüber einem Menschen, heisst noch lange nicht, dass man deswegen alles hinnehmen soll.

 

Ein gewisses Verständnis habe ich auch deswegen für Gewaltmenschen, weil ich auch einmal in dieser Rolle war, und deswegen weiss, wie viel Kraft und Ueberwindung es braucht, darauf zu verzichten. Das ist fast übernemschlich.

Ich bin als schwarzes Schaf in meine Ursprungsfamilie geboren. Meine knapp zwei Jahre jüngere Schwester, war der absolute Liebling meiner Mutter. Ich sollte immer wie meine Schwester sein. Ich durfte nicht "Ich" sein. Und ich war sicher, dass ich eine sehr gut ausgebildete Moral hatte, mehr als meine Schwester. Irgendwann geschah es dann. Es war wie ein Riss. Etwas Fremdes in mir bewirkte, dass ich auf meine Schwester losstürmte und auf sie losdrosch. Wie das vorbei war, hatte ich ein sehr schlechtes Gewissen. Ich verkroch mich und heulte, was ich nur konnte und hatte ein schlechtes Gewissen. Es verging wieder eine Zeit dann passierte es wieder. Ich war da nicht mehr ich selbst. Etwa beim vierten Mal, als ich auf meine Schwester losstürzte, stoppte mich irgendetwas und ich konnte nicht schlagen. Stattdessen erzählte ich ihr, warum ich das machte. Sie verstand nicht. Nachher war ich nie mehr zu irgend sowas fähig.

Das tönt vielleicht komisch in vieler Augen. Aber ich bin sicher, dass mir da der Herrgot und/oder Jesus Christus geholfen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich selbst allein diese Kraft hatte zu widerstehen. Beim Schlagen war es der Versucher, der von mir Besitz ergriffen hatte. Da drauf bin ich ganz alleine gekommen.

Das war und ist immer noch ein grosses Geschenk. Dieses Angebot haben eigentlich alle. Man muss es nur merken, wenn die Hilfe kommt. Und das ist das allerschwerste.

Corina Wagner 04.01.2013 | 21:51

Hallo Eldorado,

man muss tatsächlich nicht alles hinnehmen, zumal wenn es um sexuelle Übergriffe von Pädagogen auf Schüler/innen geht. Man kann die schwierige Lebenssituation eines Lehrers nachvollziehen und doch berechtigt dies nicht dazu, dass sich ein Pädagoge an Schutzbefohlenen vergehen will. Ich hätte auch nicht still gehalten.

 

Es ist auf Dauer eine große psychische Belastung, wenn man als junger Mensch bemerkt, dass z.B. die eigene Schwester ständig bevorzugt wird. Dies bietet Gelegenheit zur Eifersucht und schürt Wut, die sich durch Gewalt entladen kann, muss aber nicht.

Meiner Ansicht nach ist man immer das „Produkt“ der Eltern bzw. der Erziehungsberechtigten, die für das Heranwachsen eines Menschen verantwortlich sind. Gene spielen natürlich auch eine Rolle. Und wenn der Opa z.B. Massenmörder war, dann muss man ja nicht später auch deshalb alle abmurksen. Es werden keine schwierigen Kinder geboren, sondern das persönliche Umfeld und negative Erlebnisse formt sie.

Gewalt löst keine Probleme und dies haben Sie dann vielleicht mit Gottes Hilfe bemerkt und ihren Zorn gegen ihre Schwester unter Kontrolle bekommen. Das Gute hat über das Böse in ihrem Körper gesiegt und Ihnen ist dies mit dem Glauben an Gott gelungen.

 Gruß
C.W.