Dirk Baecker
18.11.2012 | 09:00 34

Angst vor der Macht

Piraten Die Partei steckt in der Krise. Wer sie mit dem kühlen Blick der Systemtheorie beobachtet, erkennt ihre große Schwäche

In der Bundesrepublik ist nun schon zum dritten Mal eine neue Partei gegründet worden. Bündnis 90/Die Grünen entstand aus einer Protestbewegung gegen die Vernachlässigung des Umweltschutzes durch die etablierten Parteien. Die Linke entstand aus einer dreifachen Protestbewegung gegen das Verschwinden einer staatstragenden Partei in der alten DDR, gegen den Abbau der Gewerkschaftsmacht durch die Sozialdemokratie und gegen die mangelnde Gerechtigkeit im Umgang mit den historischen Erfahrungen Ostdeutschlands. Und der deutsche Ableger der Piratenpartei entstand aus einer Protestbewegung gegen ein Urheberschutzgesetz, das die Entfaltung der „Informationsgesellschaft“ behindert, und gegen die Vernachlässigung neuer Kommunikationsmedien durch die etablierten Parteien.

Jede dieser Neugründungen ist ein gelungenes Beispiel für die Fähigkeit der Bundesrepublik, Protestbewegungen aufzufangen und ihren Anliegen ein politisch geordnetes Gehör zu verschaffen. Für die etablierten Parteien sind diese Neugründungen eine notgeborene Gelegenheit, ihre Themen und Personen neu zu sortieren. Für die Wähler sind sie eine Gelegenheit, die eigenen Präferenzen neu zu sichten, aber auch die Verteilung politischer Kräfte neu einzuschätzen. Und für die neuen Parteien selbst sind sie eine Lehrstunde in Sachen Demokratie.

Jede dieser Neugründungen ist für die alten wie für die neuen Parteien eine Gelegenheit, sich einer institutionellen Wirklichkeit zu vergewissern, die im semantischen Überschwang der Parteiprogramme und Wahlkampfreden nur allzu leicht aus dem Blick gerät. Im Fall des überraschenden Erfolges der Piratenpartei verläuft diese Lehrstunde in Sachen Demokratie für die Öffentlichkeit besonders unterhaltsam, für die Beteiligten aber besonders mühsam, weil nicht nur Themen und Leute, sondern zugleich auch Kommunikationsgewohnheiten zur Diskussion stehen.

Das Missverständnis

Das war bei den Grünen und der Linken ähnlich, weil im ersten Fall die Kritik der Autoritäten (zugunsten einer neuen Rolle des nicht professionell orientierten, sondern laienhaften Experten) und im zweiten Fall die Kritik des „Systems“ (zugunsten einer Stärkung der Rolle des Staats) in eine Politik eingespeist werden musste, die ohne die Autorität institutionalisierter Verfahren und ohne ein System, das den Staat ebenso sehr einzudämmen wie zu stärken versucht, nicht auskommt. Bei den Piraten ist diese Problematik zwar nicht unbedingt stärker, aber zumindest sichtbarer vorhanden, weil sie im Medium der Verbreitung und Vernetzung der Kommunikation durch Computer stattfindet. Anders als Wahlzettel, Parteiprogramme und ausgezählte Stimmenmehrheiten verändern Bildschirme, Tastaturen, Verknüpfungsmöglichkeiten und Rechenverfahren die Art und Weise, wie Politik gemacht wird.

Ebenso wie seinerzeit die Grünen und die Linke stehen die Piraten vor der Aufklärung eines Missverständnisses. Es existiert, seit man vergessen hat, warum schon die alten Griechen zwischen demos und ethnos unterschieden haben, zwischen einem Staatsvolk und einem Stammesvolk. Ein Stammesvolk definiert seine Zugehörigkeit durch Herkunft und Geburt. Zu einem Staatsvolk hingegen gehören nur die, die sich einen Staat gegeben haben und von ihm in schönster Zirkularität als Zugehörige definiert werden. Deswegen herrscht in einer Demokratie nicht einfach das Volk, vielmehr herrscht das Volk über sich. Es kommt zweimal vor. Es herrscht. Und es wird beherrscht. Das Missverständnis, das mit jeder Parteigründung neu aufgeklärt werden muss, besteht darin, dass es eine Herrschaft des Volks ohne seine Beherrschung geben kann. Möglicherweise ist dieses Missverständnis in den Prozess der Umwandlung einer Protestbewegung in eine Partei bereits eingebaut. Hat eine Protestbewegung ihre Gegner, gegen die sie wegen der Vernachlässigung eines Themas protestiert, nur allzu klar vor Augen, kommt sie nicht auf die Idee, dass diese Gegner beherrscht werden müssten, käme die Protestbewegung als Partei an die Macht. Vielmehr setzt sie die Eroberung der Macht mit der Möglichkeit der Durchsetzung des Themas gleich. Aber die Macht garantiert die Durchsetzung des Themas nicht, ermöglicht nur ihre Ausübung über diejenigen, die sie jetzt nicht mehr haben. Wer jetzt keine Macht mehr hat, ist aber nicht einfach verschwunden, in einer Demokratie befindet er sich in der Opposition und will die Macht zurückgewinnen.

Man kann den nun etwas abflauenden Überraschungserfolg der Piratenpartei als einen Beleg dafür werten, dass sich alle Beteiligten noch einmal mit Lust vorgestellt haben, man könne Macht ausüben, ohne über jemanden zu herrschen. Das ist eine der großen Illusionen der Moderne schlechthin: dass sich immer dann, wenn die Vernunft einer Sache deutlich wird, wie zum Beispiel der ökologische Umbau der Gesellschaft oder die Reform des Urheberrechts, der Widerstand gegen sie von selbst erledigt. Letztlich läuft diese Illusion auf die nicht zufällig in Deutschland besonders verbreitete Meinung hinaus, Machtausübung sei an sich eher böse und könne mit hinreichendem Sachverstand erübrigt werden. Man braucht die Macht nur für jenen Augenblick, in dem die Unbelehrbaren von ihren Posten vertrieben werden müssen. Danach setzt sich in einer Art Objektokratie die Einsicht in die Vernunft wie von selbst durch, und die Politik kann sich darauf beschränken, zu ihrer Durchsetzung geordnete Verfahren bereitzustellen.

Die Utopie der Piratenpartei, die viele Beobachter nur allzu gerne geteilt haben, lautet, dass sich über basisdemokratische Partizipation im Netz, über liquid democracy, ein solches Verfahren bildet. Dass also die verteilte und am Computer zusammengeführte Arbeit an Textvorschlägen der Widerstand derjenigen Parteimitglieder, deren Ideen in dieser Arbeit keine Verstärkung finden, wie auch der Widerstand derer, die keine Textvorschläge einbringen und sich an der Arbeit nicht beteiligen, von selbst erledigt, weil die Initiativen aller anderen nicht nur sichtbar, sondern auch transparent, das heißt überprüfbar sind.

Aber diese Utopie stürzt die Piratenpartei gegenwärtig nur immer tiefer in die Krise. Mit jedem neuen Thema, das sie aufzugreifen versucht, um der Erwartung gerecht werden zu können, zu jedem politischen Thema eine eigene Meinung zu haben, entdeckt sie, dass diese Themen keine natürlichen Konsensthemen, sondern gesellschaftliche Dissensthemen sind. Sie entdecken, dass sie angefangen beim ureigenen Thema des Urheberrechtsschutzes nur politikfähig werden, wenn sie nicht etwa ihren Konsens verallgemeinern und vertreten, sondern den Dissens selber organisieren. Das haben auch die Christ-, Sozial- und Freidemokraten mühsam lernen müssen. Demokratische Politik entsteht daraus, nicht nur dem herrschenden, sondern auch dem beherrschten Volk eine Stimme, nein: viele Stimmen zu geben. Die beiden Völker sind nicht miteinander identisch. Das indirekt regierende und das direkt repräsentierte (oder war es umgekehrt?) können nicht einfach übereinander geblendet werden. Sie befinden sich in einer unauflöslichen Spannung, die ihren Ausdruck in einer Demokratie darin findet, dass es zu jeder Macht auch eine Opposition gibt, die schon bei der nächsten Wahl die Macht erobern kann.

Das intelligenteste System

Die Zumutung der Demokratie besteht nun darin, dass sich politische Parteien jederzeit als Regierung und in der Opposition denken müssen. Es ist in der Tat das intelligenteste System, das wir haben. Denn nur so zwingt sich die Politik und mit ihr jede Partei, das gesellschaftliche Umfeld im Blick zu behalten, das Anlass hat, mal dieser und mal jener Partei ihre Stimmen zu geben. Und wenn das Volk einmal gelernt hat, sich zu beherrschen, ist es zur Einsicht, dass die Gesellschaft für die Politik einen Unterschied macht und nicht etwa deren Gegenstand ist, nicht mehr weit. Man wird sehen, ob Piraten ein Schiff nicht nur zu entern verstehen, sondern auch lernen, Respekt vor Mannschaft und Ladung zu haben. Wie Hedgefonds neigen auch Piraten dazu, sich die Rosinen herauszupicken und sich für alles Weitere auf die Fluidität zwar nicht des Geldes und auch nicht des Wassers, aber doch der elektronischen Medien zu verlassen. Das wird in einer Demokratie, die ihre Politik für eine vielfältige Gesellschaft organisieren muss, nicht genügen.

Kommentare (34)

Rudi K. Sander 16.11.2012 | 21:18

Donnerwetter, jetzt bin ich aber doch überrascht. Eben erst habe ich von diesem Manne seinen Text "Form und Krise der Demokratie" geradezu "gelernt" und inhaliert (als gestandner Luhmannianer), und nun erscheint er hier - als Nachfolger des immer auch politisch kämpfenden Jürgen Habermas, nur, dass er den spielend überrundet - als ein politisch im Klartext operierender Mann und Zeitungsaustor, der sich nicht hinter seiner Professoralität versteckt. Aber das hat er ja in der taz auch schon immer getan, das hatte ich bloss vergessen, weil ich keine Tageszeitungen mehr lese.

Und zur Sache: Diese Piraten (ich gehöre auch zu denen, die von ihrem Erscheinen auf der politischen Bühne begeistert waren), diese Piraten sollen sich diesen Text bloss nicht nur hinter den Spiegel stecke. Wenn sie das, was Baecker hier schreibt und in seinem oben erwähnten Ausgangstext gründlich analysiert hat, wenn sie das nicht begreifen und verinnerliche, dann werden sie sanglos und klanglos untergehen und von der politischen Bühne verschwinden.

Rudi K. Sander alias dieterbohrer aka @rudolfanders

 

Dirk Baecker 17.11.2012 | 16:22

Die Kulturredaktion hat sich um die Lesbarkeit dieses Textes sehr verdient gemacht, indem sie einige meiner Satzungetüme in lesbare Sätze auseinandergenommen hat. In den drittletzten Absatz hat sich dadurch jedoch eine grammatikalische Ungenauigkeit eingeschlichen, die ich hier gerne korrigiere. Der Satz zur Erläuterung der liquid democracy muss heißen: <<Dass also die verteilte und am Computer zusammengeführte Arbeit an Textvorschlägen deN Widerstand derjenigen Parteimitglieder, deren Ideen in dieser Arbeit keine Verstärkung finden, wie auch deN Widerstand derer, die keine Textvorschläge einbringen und sich an der Arbeit nicht beteiligen, von selbst erledigt, weil die Initiativen aller anderen nicht nur sichtbar, sondern auch transparent, das heißt überprüfbar sind.>>

Oberham 18.11.2012 | 12:54

Der Text ist ein Musterbeispiel für die elegante Kollaboration der konditionierten Bezahltdenker in unserer Gesellschaft.

Kein Wort davon, dass die "proffesionellen" "Experten" die menschlichen Gruppen sowohl regional als auch global in rhytmischen Abständenden holpernd - mal mehr oder weniger grausam traktieren, dass das soziale Schisma zelebiriert wird bis zum letzten Atemzug, dass aus der grünen Protestbewegung eine angepasste, bürgerliche Interessenvertretung für kaufkraftunterlegte Partikularinteressen degenerierte, die exakt dem gleichen Muster folgt, als jene der etablierten, hier so vorzüglich beschriebenen, und für gut befundenen Altparteien.

Ein Paradigmenwechsel wird gar nicht in Erwägung gewzogen, nein, man hat sich in das "intelligente" System zu integrieren, man muss die Schwingung aufnehmen und - darf als neue Gruppe - in ihm aufgehen.

Nun ja, solange diese Redakteure in ihrer etablierten Welt, weiter glauben, ja wahrscheinlich sogar fühlen, in irgend einer Weise mit solchen Ratschlägen und Analysen ihre laufenden Einnahmen hedgen zu können, solange dürfte von dieser Seite die leidende Bevölkerung keinerlei Hilfe zu erwarten haben.

Sich anbiederndes grammatikalisch korrektes - emsig - korrigiertes  Formalgebären ungeistiger Provinienz schlägt dem Laien zwar kühl den Hammer auf den Kopf, doch letztlich nutzt sich auch Hammer und Amboß ab, so dass am Ende die völlige Bedeutungslosigkeit auch noch so hochmütiger Geister im Nichts verfliegt.

Die Piraten lösen sich schlicht auf, weil man sich zu sehr um die Kohle streitet, - bei den Grünen gingen die wahren Fundis einfach zurück auf die Gleise, die Realos haben die Partei gekapert und flanieren durch die Drehtüren der Amts- und Postenboutique.

Die Demokratie ist nichts weiter als eine plutokratisch beherrschte Farce die ich Politokratie nenne!

Die soziale Spaltung ist leider ein inzwischen Jahrtausende altes Prinzip.

Da wir sie nicht überwinden, da Leute wie der Autor emsig darauf hinweisen, ja nicht aus diesem Schema ausbrechen zu wollen, dürfen wir auch nicht auf eine Zukunft hoffen, da die intellektuelle Monstranz nichts weiter ist, als ein hochkonditionierter Soldatenhaufen, der die Arbeitsbienen antreibt.

Natürlich ist es angenehmer von Parolen und Propaganda in die Schranken gewiesen zu werden, als von Peitschen und Spießen.

Der Text ist fast schon als Gebrauchsanleitung zu interpretieren - meine Vorkommentatoren haben dies ja auch teilweise so aufgenommen - einige davon sind wohl in den entsprächenden Sälen der Vollalimentation ohne Reflektion auf das Daußen vor der Tür - ohne Fenster, ohne Türen, verortet. 

Nun denn!

Fühlt Euch wohl in Euren Säälen, es sei Euch vergönnt - ach - habt ihr Kinder? Enkel? Wisst Ihr was Liebe ist, wisst ihr was Trauer bedeutet, was fühlt ihr, wenn ihr die Zahl von 58.000 Verhungerter pro Tag lest?

Glaubt ihr wirklich, man könne sich bestmöglich in einem kleinen Tal ansiedeln und den Rest der Welt schlicht als gegebene Konstante akzeptieren?

Gerade der Mensch, der kraft seiner Positon als Multiplikator gelten kann, sollte in seiner Gleichung solche Konstanten zur Hölle schicken und anfangen Variable zu platzieren und diese zu Reflektieren, sie zu fördern, sich ihnen zu öffnen und endlich neue Wege zu wagen!

Das System heute ist nicht intelligent, es ist katastrophal - einfach nur dämlich, es sei den, die Arroganz hat das Hirn in einen wabbernden Nachfragegenerator mit Bedürfnissrezptoren und diesbezüglichen Lösungsparmetern deformiert.

Sorry!

Pinto 18.11.2012 | 12:55

Das ist so gut geschrieben und so nachvollziehbar, daß man glett vergisst, daß die Grundprämissse falsch ist: Wo genau haben die Piraten denn Macht? Wo genau sind sie an der Regierung beteiligt?
Tatsächlich sind die Piraten überall in der Opposition. Daß sie in (wenigen) Parlamenten vertreten sind, macht sie ja nicht automatisch zur herrschenden Partei.
Insofern beschreibt der Text eine Problematik, die eventuell irgendwann eintreten kann - aber nicht muss. Damit ist der aktuelle Zustand der Partei aber leider nicht annähernd erklärt.
Mein Eindruck von der Kieler Piraten-Fraktion ist übrigens, daß die fleissig und unspektakulär einfach ihren Job als Abgeordnete erledigen und Partei und Wähler gut vertreten. Dumm nur, daß das keine Schlagzeile ergibt.

wwalkie 18.11.2012 | 14:41

Der kühle Blick des Systemtheoretikers spiegelt affirmativ die kalte Wirklichkeit wider, deren System er beschreiben, aber nicht erklären will.

So auch hier. Der historische Blick fehlt, auch wenn auf Geschichte rekurriert wird. Es wird generös übersehen, dass die Kratie des Demos in den griechischen Poleis quasi natürlich Mehrheiten von dersselben ausschloss und  auch heute in den westlichen Demokratien breite Bevölkerungsschichten exkludiert werden. Auch dass das "System", genauer die "Systemträger" knallhart verbieten konnte, liest man nicht. Der KPD wurde in der BRD kein politisches Gehör verschafft. Bei der vom Autor nicht erwähnten NPD hat "es" juristische Skrupel. Die Grünen entstanden nicht nur wegen der - wie niedlich formuliert - Vernachlässigung des Umweltschutzes, die Linken nicht nur wegen Abbau der Gewerkschaftsmacht. Gewerkschaftsmacht? Und die Piraten haben nicht nur "Urheberschutz"-Motive.

Wie gehabt. Bei der Wirklichkeitsbeschreibung sucht sich die Systemtheorie (also die Theoretiker) die Rosinen aus, wie die Hedgefonds - oder das, was sie für Rosinen hält. Dass zum Beispiel die BRD (wer ist das?)  das "Anliegen" (ist das Jargonwort wieder angesagt?) der Protestbewegungen "auffängt" und ihm ein politisch geordnetes Gehör (verschaffen) kann, ist so richtig wie falsch. Es gilt für die nur historisch und soziologisch (à la Bourdieu) erklärbare politische Integration (für mich der bessere Begriff) der Grünen und wohl auch für die Piraten (was nicht wundern sollte).

Aber im Ernst: Welchen Forderungen der Linken wurde denn ein "politisch geordnetes Gehör" verschafft? Oder habe ich die Abschaffung von Hartz IV,  die Institutionalisierung eines Mindestlohns, von dem man menschenwürdig  leben kann, den Schuldenschnitt für Griechenland und die Legalisierung des politischen Generalstreiks verschlafen? Natürlich gibt es integrative Tendenzen auch bei der Linken. Die Wirklichkeit ist halt komplexer, als die Reduktionen, die sie  beschreiben.

Aber das System ist nun einmal nicht zu transzendieren, denn, so erklärt Baecker ironisch hegelnd: ...in einer Objektokratie (setzt sich) die Einsicht in die Vernunft wie von selbst durch. An dieser Stelle musste ich an eine Passage Adornos denken (den man nach dem Butlerhype wieder im System verschwinden ließ):

Das Medium, in dem das Schlechte um seiner Objektivität willen recht behält und den Schein des Guten sich erborgt, ist in weitem Maße das der Legalität, welches zwar positiv die Reproduktion des Lebens schützt, aber, in seinen bestehenden Formen, dank des zerstörenden Prinzips von Gewalt, sein Zerstörendes ungemindert hervorkehrt (Negative Dialektik). Und zwar mit System.

Wolfgang Ksoll 18.11.2012 | 15:20

Ich glaube, aus systemischer Sicht ist die Analyse unterkomplex. Natürlich sind die Machtdiskurse richtig und die Selbstbeherrschung der beiden Völker.

Aber es gibt fundamentale Unterschiede: die Grünen hatten ihre Autopoiese mittels Umwelt, im wahrsten Sinne des Wortes (also aussserhalb des Systems) . Aber die Piraten gründeten sich über Kummunikation und deren Behinderung durch ein entartetes Urheberrecht (also innerhalb des Systems - links von ). (Schön dazu auch die 180-Grad-Drehung der US-"Republikaner" http://www.heise.de/newsticker/meldung/US-Republikaner-fordern-umfangreiche-Copyright-Reform-1751998.html).

Das aber geht an den Hauptkonstituenden von Gesellschaft nach Luhman: Kommunikation (und nicht Macht). Das Schielen nach Liquid Democracy ist old school Command-and-Control (siehe Habermas-Einwurf oben :-) Mit elektronischer Kommunikation kann man nicht nur old school Ansätze verbreitern, sondern auch neue Ansätze sehen. Wenn die Grünen in Hannover ihren Parteitag feiern (und Frau Roth dort ganz andere Rückendeckung bekommt als bei der Basis, wobei die meisten Parteien ja keine Urwahl haben sondern nur Filz), dann bekommen sie in Echtzeit Kommentare auch von Parteifremden. Das hat es früher nicht gegeben.

Wenn bei einer Podiumsdiskussion, die im Internet gestreamt wird, der Moderater auf seinem iPhone Tweets beobachtet und die selbst in die Diskussion einbringt, dann ist das eine ganz andere Kommunikation als früher und hat nichts damit zu tun, ob ich meine Stimme per Urne oder Liquid Democracy abgebe.

Wenn nun die Piraten die Kommunikation von Hemmnissen, wie dem Kulturhemmenden Urheberrecht befreien wollen, dann wirkt das auch sofort auf sie selbst zurück und dann ist man wieder bei Luhmann und der Selbstorganisation, während sich die anderen Parteien noch parziell in dem reissenden Kommunikationsstrom an ihren old school Command-and-Control-Strukturen festklammern können, die die Piraten nicht haben und ihnen deshalb das Personal um die Ohren wirbelt.

Ich glaube Luhmann hat geahnt, was wegen elektronischer Kommunikation auf die Selbstorganisation der Gesellschaft auf uns zukommen kann. Er hatte leider keine Zeit mehr, das zu durchdenken. Die Reduktion auf Macht und Beherrschen für eine Selbstorganisation einer komplexen Gesellschaft ist zu wenig.

Gedankenexperiment: was wäre gewesen, wenn Cludia Roth bei gleichzeitiger elektronischer Stimmabgabe bei der Basis 25% Zustimmung bekommen hätte und beim, Parteitag 75%? Wir wären irritiert gewesen. Aber bei Sequenzialisierung durch old school Papierprozess haben wir die Zeit gehabt, die Basis zu ignorieren. Oder?

Ich fände es gut, wenn die gesellschaftlichen (von mir aus auch die politischen) Veränderungen durch elektronische Kommunikation mit einem systemtheoretischen Ansatz akadmisch untersucht werden würde. Man kann den Piraten stehen wie man will, aber ich finde es schade, dass wir Mittzwanziger dort verheizen, die durch die neuen Kommunikationen verbrannt werden bis zum Burn Out. Wir brauchen die noch.

Costa Esmeralda 18.11.2012 | 16:53

In der Hitze des Gefechtes der Diskussion:

Lieber

@OBERHAM

stimme Dir hundertprozentig zu, jedoch braucht man doch mehr Zeit, über die ich jetzt nicht verfüge, um adäquat zu antworten. 

Bei den Piraten und auch Parteigründungen vorher, Grüne und Linke, geht es doch in erster Linie um das Unbehangen an unserer repräsentativen Demokratie, die die Ideale von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanismus mit Füssen tritt. Wie immer in der Geschichte, so auch jetzt wieder in Deutschland, werden wir durch eine Oligarchie beherrscht, die sich auf Kosten der Mehrheit bereichert. Es geht nicht nur um Macht. Es geht auch handfest um Knete. Selbst jeder hier im Blog kämpft um sein materielles Überleben und sieht zu, wie er seine Pension/Rente absichern kann in der Auseinandersetzung mit der Oligarchie/Seilschaften der Republik. Gottseidank gibt es auch Ausnahmen, die sich nicht an die Oligarchie verdingen und ihr Rückgrat bewahrt haben. Die vormaligen Protestbewegungen als Ausdruck des Kampfes nach grösserer politischer und materieller Freiheit integrieren sich als Parteien in das Seilschaften-System/Politoligarchie, um materiell nicht ausgegrenzt zu werden um vom zu verteilenden Kuchen zu profitieren.

Was wir brauchen, und was ein tatsächlicher gesellschaftlicher Fortschritt wäre, analog der gewonnenen Freiheit der Frauen in der Gesellschaft, wäre die Verbreiterung der politischen Freiheit, d. h. der tatsächlichen Teilhabe der Bürger an den sie betreffenden Fragen der Arbeits- und Lebensgestaltung.

Lieber

@SNOW_IN_JUNE

da kommen wir unweigerlich zur Diskussion, wie wir die soziale Kontrolle der Bürger über die Politoligarchie (die jetzt auch die Grünen und Linke mit einschliesst), ausdehnen und welche Funktion die Piraten in diesem Prozess haben könnten. Du kennst meine Meinung: Verkommen in Parteien und Teilhabe an den Pfründen der Oligarchie wird die Energie zur Veränderung der Gesellschaft in Richtung grösserer Freiheit und Gleichheit eintrocknen lassen wie eine Primel. Ideallösung grösserer sozialer Kontrolle in der repräsentativen Demokratie wäre ein ständiger Druck von ausserparlamentarischen Bewegungen und ihren unabhängigen Stellvertretern im Seilschaften-Parlament. Das Internet macht heute (bisher theoretisch) eine solche soziale Kontrolle möglich. Wir müssten sie nur organisieren und die Piraten haben dabei schon wichtige Erfahrungen gesammelt. Ich würde sie als Bewegung sofort mit meinem, wenn auch beschränktem Erfahrungsschatz unterstützen. Und: Die Piraten würden dem Schicksal der Grünen und Linken nicht folgen, sondern sich als echtes Korrektiv der Politoligarchie etablieren.

Noch einen schönen Sonntagabend! Gruss aus Panamá! 

Konfuzikuntz 18.11.2012 | 19:44

Die Linke entstand aus einer dreifachen Protestbewegung gegen das Verschwinden einer staatstragenden Partei in der alten DDR, gegen den Abbau der Gewerkschaftsmacht durch die Sozialdemokratie und gegen die mangelnde Gerechtigkeit im Umgang mit den historischen Erfahrungen Ostdeutschlands.

Dieser Satz ist angesichts an Zynismus fast nicht zu toppen.

(a) Protestbewegung gegen das Verschwinden einer staatstragenden Partei...

Die Linkspartei IST die (zweimal umbenannte) alte Staatspartei der DDR.

(b) gegen den Abbau der Gewerkschaftsmacht durch die Sozialdemokratie

Dieser Mittelteil ist akzeptabel. Auch wenn man nicht glauben sollte, ein Ausbau der Gewerkschaftsgemacht in jedem Fall richtig sei.

(c) Die mangelnde Gerechtigkeit im Umgang mit den historischen Erfahrungen Ostdeutschlands.

DESWEGEN gibt es aus Ihrer Sicht die Linkspartei? Siehe ansonsten (a) und die Tatsache, dass 9 von 10 Ostdeutschen die Linkspartei NICHT wählen. Die Partei von Mauer, Stasi und Stacheldraht IST eben genau das, was die historische Erfahrung Ostdeutschlands ausmacht. Mit der gleichen Logik könnten Sie einen Dauervergewaltiger zum idealen Therapeuten erklären. Schließlich kennt er die Person um die es geht ja schon und weiß um ihre Befindlichkeit.

Was Sie über die Piraten schreiben ist hingegen sehr interessant. Dazu Daumen rauf! :)

Costa Esmeralda 18.11.2012 | 21:10

@ANDREAS KUNTZ

Lieber Andreas, Gruss aus der Ferne und eine schöne Woche! Nur: Was machen wir, die wir uns die Leidenschaft der Suche nach der Freiheit und Gleichheit erhalten haben, ausserhalb von mehr oder weniger klugen Anmerkungen und Gesprächen im Salon, um jungen Menschen in ihrem Widerstand gegen Herrschaft praktisch beizustehen? Schade, dass die Piraten mit ihren Interneterfahrungen nicht zu massenhaften Protesten am letzten Mittwoch gegen das Merkelsche TOTSPARDIKTAT, das unsere europäischen Nachbarn in den Ruin treibt, aufgerufen haben. Wir sollten darüber nachdenken, wie wir aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaftler und Denker herauskommen und das Wort in die Tat umsetzen. Die gesellschaftlichen Gegensätze sind heute nahezu ebenso klar auf der Hand wie zu Zeiten des Absolutismus oder  auch zu Zeiten eines Marx und Engels. Nur hat das Kapital in den Metropolen heute einen ungleich grösseren Machtvorteil dadurch, dass es die Mehrheit der Bevölkerung materiell korrumpieren und stillhalten kann. Da fällt selbst genug für die Akademikerschicht ab, um jeden Protest im Keim zu ersticken. Aber ich schätze einmal, dass die Geldpolitiker in Berlin sich derart vertun, dass abermals die Arbeitslosigkeit im Frühjahr auf 10% ansteigt und die "Armen" (sozial Ausgegrenzten) einen Anteil von nahezu der Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Spätestens dann müssen unsere Intellektuellen und "Vertreter der Erkenntnis" aus den Löchern bzw. Hörsälen hervorkommen und sich entscheiden, ob sie am Kampf für grössere politische Freiheit teilnehmen oder weiterhin Büttel der Plutokraten und Politoligarchie bleiben. 

Oberham 18.11.2012 | 22:13

An die Costa Esmeralda,

 

ja - die Zeite.. ich danke der Zeit - die e s gut mit mir meint!

Leider trete ich über die Körper jener, die liegen, lange bevor sie es möchten und sollten.....

  Heinrich Heine - ich glaube es ist der Einstieg in die Harz Reise.

...........lebet wohl ihr glatten Säle,

glatte Herren, glatte Frauen,

auf die Berge will ich steigen,

lachend, auf Euch niederschauen!"

Angesichts der Hochnebellage  (nicht nur meteorologisch.... )hierzulande ein doppelt und dreifach nachahmenswertes Bewegungsverhalten - heute habe ich es mir gegönnt - strahlende Sonne!

 

Lady Wanda 18.11.2012 | 23:01

"Die Linke entstand aus einer dreifachen Protestbewegung gegen das Verschwinden einer staatstragenden Partei in der alten DDR, gegen den Abbau der Gewerkschaftsmacht durch die Sozialdemokratie und gegen die mangelnde Gerechtigkeit im Umgang mit den historischen Erfahrungen Ostdeutschlands."

Irrtum! Die LINKE ist der Zusammenschluss von PDS und WASG. Ohne WASG keine LINKE! Und die WASG ist entstanden aus Protest gegen die Agenda-Politik des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Aus Protest gegen den planmäßigen Abbau des Sozialstaates, aus Protest gegen die Entrechtung von Langzeiterwerbslosen und aus Protest gegen Hartz IV. !

Lady Wanda 18.11.2012 | 23:01

"Die Linke entstand aus einer dreifachen Protestbewegung gegen das Verschwinden einer staatstragenden Partei in der alten DDR, gegen den Abbau der Gewerkschaftsmacht durch die Sozialdemokratie und gegen die mangelnde Gerechtigkeit im Umgang mit den historischen Erfahrungen Ostdeutschlands."

Irrtum! Die LINKE ist der Zusammenschluss von PDS und WASG. Ohne WASG keine LINKE! Und die WASG ist entstanden aus Protest gegen die Agenda-Politik des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Aus Protest gegen den planmäßigen Abbau des Sozialstaates, aus Protest gegen die Entrechtung von Langzeiterwerbslosen und aus Protest gegen Hartz IV. !

Lady Wanda 18.11.2012 | 23:01

"Die Linke entstand aus einer dreifachen Protestbewegung gegen das Verschwinden einer staatstragenden Partei in der alten DDR, gegen den Abbau der Gewerkschaftsmacht durch die Sozialdemokratie und gegen die mangelnde Gerechtigkeit im Umgang mit den historischen Erfahrungen Ostdeutschlands."

Irrtum! Die LINKE ist der Zusammenschluss von PDS und WASG. Ohne WASG keine LINKE! Und die WASG ist entstanden aus Protest gegen die Agenda-Politik des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Aus Protest gegen den planmäßigen Abbau des Sozialstaates, aus Protest gegen die Entrechtung von Langzeiterwerbslosen und aus Protest gegen Hartz IV. !

Lady Wanda 18.11.2012 | 23:01

"Die Linke entstand aus einer dreifachen Protestbewegung gegen das Verschwinden einer staatstragenden Partei in der alten DDR, gegen den Abbau der Gewerkschaftsmacht durch die Sozialdemokratie und gegen die mangelnde Gerechtigkeit im Umgang mit den historischen Erfahrungen Ostdeutschlands."

Irrtum! Die LINKE ist der Zusammenschluss von PDS und WASG. Ohne WASG keine LINKE! Und die WASG ist entstanden aus Protest gegen die Agenda-Politik des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Aus Protest gegen den planmäßigen Abbau des Sozialstaates, aus Protest gegen die Entrechtung von Langzeiterwerbslosen und aus Protest gegen Hartz IV. !

Costa Esmeralda 18.11.2012 | 23:21

@OBERHAM

Die Studienzeiten in Heidelberg in der zweiten Hälfte der 60er Jahre waren im November für mich oft, wie Du/Heine beschreibst: Der Nachmittags-Blick vom Heiligenberg ins Rheintal in Richtung Pfälzer Wald musste den Nebel und ausgestossenen Dunst der BASF überfliegen, um die im Westen untergehende rosarote Sonne aufzufangen. Nach derartigem frischen Atemholen lud die Altstadt zu Wein, Liebe und Vergessen ein. Daran hätte auch Heine Gefallen gefunden, trotz Trauer über das im Tal liegende Vaterland.

Wenn ich hier am Strand des Pazifischen Ozeans zur ausgehenden Regenzeit entlanglaufe, kann ich vor lauter Schönheit auch die rauhe Wirklichkeit für Augenblicke vor meinen Augen verscheuchen.       

Kraft für die kommende Woche!

Konfuzikuntz 19.11.2012 | 03:05

Lieber Costa,

vielen Dank und schöne Grüße zurück!

Die Motivation aus der Sie da schreiben, teile ich. Sie sehen auch die Lage richtig. (Ich lobe Sie mal, weil es so wenige Leute gibt, die mit  einem durchaus strategischen Veränderungssinn politisch Denken können und weil mir Ihr Einsatz für die Erststimmen wirklich imponiert.)

In der sozialen Frage denke ich - das halten Sie als guter Demokrat aus - allerdings doch etwas anders.

Weil ich kein bisschen Marxist bin. Allerdings auch kein Liberaler, sondern eher ein Kommunitarist und zudem recht asiatisch, eher im Harmoniebegriff als in dem des Klassenkampfes denke.

FDP und Linkspartei sind für übrigens mich ein- und dasselbe. Zwei Seiten einer (falschen) Medaille. Materialistische Interessenkampfgruppen im Gewand der politischen Partei. Die eine von oben. Die andere von unten. Und beide gegen den Staat. Beide haben das Thema "mehr Geld in der Tasche" - und sonst nichts. Die einen wollen Steuern senken und Hartz IV senken, die anderen das Gegenteil machen. Es sind kommunizierende Röhren.

Die Lösung der sozialen Frage liegt aus meiner Sicht nicht innerhalb eines solchen Antagonismus, sondern außerhalb. In all jenen Bereichen, die der historische oder gegenwärtige Materialismus gar nicht auf dem Schirm hat. Gemeinschaft! Identität! Kultur! Familie! Spiritualität! Sinn!

Der Liberalismus sieht Menschen als ökonomische Abstraktion - und so der Marxismus mit seiner Geschichtsphilosophie ewiger Klassenkämpfe. Die Diktatur des Proletariats hat den Charme von Hitlers Endsieg. Wenn wir siegen, ist Frieden. Vorher Krieg. So einen totalitären Bullshit haben nicht einmal liberalkapitalistische Denker hinbekommen.

By the way: Wer waren denn die geistigen Lehrmeister von Marx? Etwa englische Nationalökonomen? Wieso soll eine ziemlich reine Wirtschaftsideologie nebst Erklärung des Mitbürgers zum Klassenfeind irgendeine demokratisch vertretbare Lösung beinhalten? Ist es wirklich so abwegig das anzuzweifeln.

Der Marxismus war erfolgreich, weil er aggressiv war. Werben mit der "Diktatur" - und bereit sein zu liefern. Wobei das Proletariat kommunistische Länder eher das Objekt von Diktatur war als deren Ursprung. Deswegen ist die KPD verboten und manche Gruppierung in der Linkspartei ein Fall für den Verfassungsschutz.

Was soll all das, was soll die Linkspartei mit ihren Stasileichen im Keller denn bitteschön mit den Problemen zu tun haben, die wir haben?

Sie hat aus meiner Sicht mit der Lösung der sozialen Frage nichts zu tun. Ja noch nicht einmal mit ihrer richtigen Beschreibung. Ich halte mit Verlaub schon die Vorstellung, dass man ohne die rote Fahne keine Bankenspekulation regulieren kann, für eine sehr gewagte These.

Und wenn der Verein seine "Kompetenz" in dieser Frage noch so oft  behauptet. Es stimmt nicht, hat nirgends gestimmt und wird niemals stimmen.

Die Marxstatuen in Osteuropa wurden doch unter Jubel umgestürzt - um den Preis, dass die Völker dann einem seelenlosen Amerikanismus verfielen.

Beides ist Murks. Auch wenn man im Kapitalismus wenigstens nicht für Klopapier anstehen muss.

Jetzt der entscheidende Punkt, warum ich klassisch-linkes Denken für alles andere als zwingend halte:

Dieses Denken liefert exakt jenen entwurzelten Menschen, den der Kapitalismus braucht, um ihn ausbeuten. Linke sind auf die Frage, was sie der Herrschaft des Geldes denn außer dem eigenen Konsum kapitalistisch hergestellter Güter denn substanziell entgegensetzen wollen, nämlich immer sehr schmallippig. Schließlich demonstriert man gegen den Papst und würde am sonsten auch sonst alle organisch Gewachsene zerstören. Man denke an Maos Kulturrevolution. Die Kinder der damals entwurzelten arbeiten heute in Shanghai im McDonalds und nicht auf dem Bioreisfeld eines taoistischen Klosters. Bizarr, wen das verwundert.

Je radikaler eine Linke, desto stärker greift sie alles organisch gewachsene an: Religion, Brauchtum, Familie, Nation, ja neuerdings - vollends grotesk - sogar das Geschlecht. Gender Mainstreaming.

Was ist das Ergebnis? Ganz einfach. Der entwurzelte Mensch. Der dann ideal auf die liberal-kapitalistische Theorie passt. Ohne Bindung, ohne Tradition, ohne Liebe, ohne Sehnsucht, ja demnächst ohne Geschlechtsrolle. Und  bar jeder verlässlichen Bindung und Identität irrt der Mensche durch große Städte - um irgendwann bei McDonalds zu arbeiten. Bevor er dann in die Depression sinkt. Leider ist ihm nie etwas organisch wurzelndes begegnet.

Es ist nicht irgend eine lächerliche Arbeiter-"Internationale" die den Kapitalismus schlagen kann. Die kann es gerade nicht. Der Massenmensch ist ohne Chance. Da liegt das Kind wirklogisch nämlich schon im Brunnen!

Der Erfolg des heutigen Kapitalismus in China findet seine Erklärung hier. Man kennt die Überlieferungen der eigenen Kultur nicht mehr.  Und verdrängt die Sehnsucht. Auch weil die Sehnsucht niemand mehr versteht. Aber sich anstrengen und dann vielleicht auch einen BMW durch die Häuserschluchten lenken - das geht.

Es ist die Entwurzelung und "ganzheitliche" Perspektivlosigkeit, die den Kapitalismus trägt. Und man schwächt den Kapitalismus nicht, wenn man Wurzeln und Traditionen als "reaktionär" bekämpft. Idioten, diese Demonstranten gegen den Papst in Berlin. Selbst ein erzatheistischer Antikapitalist hätte ihm taktisch - und sei es ironisch -  zujubeln müssen. Antikapitalismus und Kulturstürmertum vertragen sich nur dann, wenn man auf den Erfolg des Antikapitalismus keinen Wert legt.

Wenn ich beim BDI in der Strategieabteilung als Zyniker etwas zu sagen hätte, würde ich solche Sachen wie Gender-Mainstreaming  fördern wo es nur geht. Die gut ausgebildeten Frauen sollen doch eben keine Kinder bekommen. Sonst fallen sie aus.

Sie sehen: Mein Antikapitalismus ist eher der eines Konservativen.

Man kann, was ich meine, in Asien ganz gut versinnbildlichen: Wem Südkorea (ein Staat wie die Bundesrepublik) nicht gefällt, der sollte nicht nach China oder Vietnam schauen.Nach Nordkorea sowieso nicht.

Aber nach Buthan.

bernie-hamburg 19.11.2012 | 10:51

Der Dualismus  "Herrscher-Beherrschte"  ist auf der Ebene, auf der er entstanden ist, nicht lösbar.

Das zeigt Baeckers  "Systemkritik" sehr deutlich. Der Autor behauptet, dass jede politische bzw. emanzipatorische Bewegung im Schoß der Herrschenden landet.  Wenn das so ist, dann sollte der Autor auch offen seine Sympatie für die Herrschenden ausdrücken. Jedenfalls kann er sich nicht um die ethische Frage herumdrücken, für welche Seite des Widerspruch er optiert. Es tut es eben nicht und sanktioniert deshalb Herrschaft des Menschen über den Menschen. Ein "wissenschaftlicher" Zyniker .  

bernie-hamburg 19.11.2012 | 10:51

Der Dualismus  "Herrscher-Beherrschte"  ist auf der Ebene, auf der er entstanden ist, nicht lösbar.

Das zeigt Baeckers  "Systemkritik" sehr deutlich. Der Autor behauptet, dass jede politische bzw. emanzipatorische Bewegung im Schoß der Herrschenden landet.  Wenn das so ist, dann sollte der Autor auch offen seine Sympatie für die Herrschenden ausdrücken. Jedenfalls kann er sich nicht um die ethische Frage herumdrücken, für welche Seite des Widerspruch er optiert. Es tut es eben nicht und sanktioniert deshalb Herrschaft des Menschen über den Menschen. Ein "wissenschaftlicher" Zyniker .  

 

Z4ph0d 19.11.2012 | 12:14

Das Problem der Piraten ist nicht die Angst vor der Macht sondern die Angst vor einer klaren Positionierung z. B. inner- bzw. außerhalb des Links-Rechts-Spektrums, welches sie selbst für primitiv und veraltet erklären. Siehe hier: http://wiki.piratenpartei.de/Politisches_Spektrum

Auch bei Themen wie dem Gender-Mainstreaming oder der Privatsphäre im Netz wird meist versucht dem Konflikt auszuweichen (Stichwort „Post-Gender “/ „Post-Privacy“) statt ihn zu bestreiten oder gar aufzulösen.

Die Piraten halten sich für so progressiv, dass sie sich einbilden, sie hätten diese gesellschaftlichen Antagonismen einfach schon übersprungen. Konflikte lassen sich leider nicht mit einem „Post-“ davor überspringen, höchstens verdrängen. Die Piraten mögen technisch progressiv sein, intellektuell sind sie das leider nicht. Vielleicht sollten sie öfter in die Werke von Philosophen und Theoretikern schauen und nicht nur in Wikis.  

Campino von den Toten Hosen meinte mal, die Piraten wären nichts anderes als eine chaotisierte Form der FDP. Da hat er nicht Unrecht. Die Piraten sind lediglich Liberale (+ netzaffin) auch wenn sie noch so oft betonen keiner Ideologie folgen zu wollen. 

Sich dem politischen System und der Macht zu entziehen, so wie die Piraten es proklamieren ist ja eigentlich eine intelligente Strategie, aber was kommt danach?

Die größte Angst in unserer liberalen Demokratie besteht meiner Ansicht nach nicht vor der Macht sondern vor dem Totalitären. Die Angst bei jeder emanzipatorischen, radikalen ,politischen Veränderung (angeblich) unweigerlich in einer diktatorischen Katastrophe zu enden. Aber sind die Menschenrechte und die Demokratie selbst nicht auch totalitäre Ideen? Gerade die Menschenrechte ergeben doch erst dadurch Sinn, dass sie absolut und ohne Rücksicht auf Besonderheiten gesetzt werden. 

Es ist längst mal an der Zeit sich diesem (Tabu-) Thema anzunehmen, sonst übernehmen wieder rechte Nationalisten das Feld. Die sitzen schon in den Startlöchern: http://videos.arte.tv/de/videos/propaganda-hass-mord--7046028.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

pimpo 19.11.2012 | 19:17

Guten Tag schön!!!

Es ist doch offensichtlich, dass die Piratenpartei momentan in den Mainstream-medien vollkommen ignoriert wird... es sei denn, ein Pirat äußert sich mal entgegen den Mainstream-medien-äußerungs-kodex, vielleicht sogar mit "eigenen Worten" dann wird dieser kurz vorgeführt.. das wäre dann alles.. danach tauchen die Piraten erst wieder bei fragwürdigen Wochenendwahlpronosen auf.. Fazit; Die Piraten sind schon richtig so wie Sie sind.

Costa Esmeralda 19.11.2012 | 22:27

@ANDREAS KUNTZ

Lieber Andreas,

Dank für Deine ausführliche Replik. Wir liegen weltanschaulich gar nicht so weit auseinander. Ich glaube, was uns eint, und was auch andere hier im Blog so sehen, ist die radikale Ablehnung von Herrschaft, sei sie vom Kapitalismus oder Sozialismus ausgeübt. Und das steckt auch irgendwie hinter dem Wollen der Piraten. Nur was an die Stelle von Kapitalismus und Sozialismus setzen? Dein Ansatz, den auch ich vertrete, ist ein Humanismus im weitesten Sinne. Und Humanismus schliesst die Ehrfucht vor dem Menschen und seinen gewachsenen Traditionen sowie seinen Sehnsüchten nach einem "würdigen" Leben ein ebenso wie auch eine gemeinwirtschaftlich organisierte Produktion. Der Sozialismus hat mit dem Humanismus und seinen Wurzeln immer Schwierigkeiten gehabt, da Letzterer ungezügelte Herrschaft/Diktatur nicht zulässt. Deshalb immer der sozialistische Traum vom "Neuen Menschen" aus der Retorte, der sich beliebig durch eine Nomenklatura manipulieren lässt. Der Kapitalismus dagegen ist "intelligenter", wenn er den Humanismus durch Konsumismus zukleistert, d. h. Traditionen, Wurzeln, Gewachsenes in seinem Sinne verwertbar macht.

Dass die chinesischen und vietnamesischen Kommunisten vehement versuchten, Taoismus und Buddhismus auszurotten, kommt nicht von ungefähr. Beide religiösen Ansätze sind "antiautoritär", humanistisch und freiheitsliebend. Daran beisst sich die Nomenklatura die Zähne aus. Deshalb: Was Du vom Kapitalismus-Erfolg in China sagst, stimmt in soweit, als sich der "Neue Mensch" in China heute nicht mehr so sehr über Traditionen identifiziert, die die Kulturrevolution gründlich und mit Millionen Opfern nahezu ausgemerzt hat. So kommt es, dass er das  "Konsumangebot" der Nomenklatura dankbar annimmt. Dabei unterscheidet sich dieser Entfremdungsprozess kaum vom US-Suppentopf, in dem die Immigranten ihre kulturellen Erbschaften zugunsten der McDonald- und Coca Cola-Kultur aufgegeben haben.

Kulturelles Erbe: Was Du vielleicht nicht weisst, ich habe jahrzehntelang mit indigenen Völkern und ehemaligen Sklaven-Gesellschaften gearbeitet. Was sie gemein haben, und was inzwischen internationales Recht geworden ist, ist das Menschenrecht auf Erhaltung des kulturellen Erbes, das die Identität dieser Völker ausmacht und welches sie widerstandsfähig gegenüber Kapitalismus und Sozialismus macht. Deshalb auch der unbarmherzige Kampf von Kapitalismus und Sozialismus gegen diese kulturellen Identitäten. Denn diese sichern bis zum heutigen Tage soziale Kohärenz, Geborgenheit in der Gruppe und geteilte Religiosität. Dabei allerdings treten immer wieder zwei Problembereiche in den Vordergrund: Einmal das Überwinden von negativen Aspekten der Kultur und andererseits das langsame "Verblassen" des kulturellen Erbes durch zunehmende Urbanisierung. Auch unsere Gesellschaften in den Metropolen stehen vor dem gleichen Dilemma: Negative Aspekte der monotheistischen Religionen einserseits und Konsumismus in urbanen Gesellschaften andererseits machen dem Humanismus den Garaus und Herrschaft möglich, sei es durch Kapitalismus oder Sozialismus. Wie Du sagst, es geht nicht um Links oder Rechts, es geht darum, ob die Aufklärung, die auf halber Strecke stehengeblieben ist, weiter vorangetrieben werden kann. Und da meine ich, dass Menschen wie wir und auch die Piraten eine Verantwortung haben und uns nicht wegducken dürfen. Herrschaftsansprüche, wo sie auftauchen, müssen mit einem selbstbewussten Humanismus und Nonkonformismus bekämpft werden. Nach dem Scheitern des Sozialismus scheint jetzt das Zeitalter des allmählichen Scheitern (Suizids) des Kapitalismus' möglich zu werden, das von jedem eine klare Standortbestimmung verlangt.   

Grüsse aus dem Süden, CE

gewissen 20.11.2012 | 02:35

"Nun ja, solange diese Redakteure in ihrer etablierten Welt, weiter glauben, ja wahrscheinlich sogar fühlen, in irgend einer Weise mit solchen Ratschlägen und Analysen ihre laufenden Einnahmen hedgen zu können, solange dürfte von dieser Seite die leidende Bevölkerung keinerlei Hilfe zu erwarten haben." Richtig.

Nachdem ich dieses Fliessbandgefasel gelesen hatte, entweder banales oder spekulatives wie in jeder Kneipe zu hoeren, schaute ich nach:

"Dirk Baecker ist Soziologe und Professor für Kulturtheorie und -analyse. " Aha!

Das toenerne Fundament der Soziologie erlaubt schon munteres Drauflos-Plappern, was dann "Kulturtheorie" und von der Theorie wohl unterschieden "-analyse" bedeuten mag?

Wem es gefaellt und nuetzt. Aber welcher Anspruch, was sind die Arbeitsresultate, die neuen ERKENNTNISSE bei solchem Wirken, wie sieht der Arbeitstag aus, wie die Alimentation durch den buergerlichen Staat?  Eine solche Pseudowissenschaft bringt dem Professor fuer seine Freizeitbeschaeftigung ein mehrfaches an Geld als  der wirklich arbeitende kreative Menschen ranschaffen kann. Dass man  noch ein Studium fuer diesen hohlen unnuetzen Schwafel- Kram anbietet ist ein Luxus, den sich  solcher Staat leistet, wie man in den noblen Etagen der Banken Bilder von Stuempern aufhaengt, weil man etwas fuer die Kunst tue. 

Die Zutritt in den Turm am Bodensee ist natuerlich an bestimmte geistige und gesellschaftliche Voraussetzungen und Einstellungen gebunden.

No sorry!

 

Costa Esmeralda 20.11.2012 | 18:38

@GEWISSEN

Du hast selbstverständlich recht, Deine Kritik hat mit Sozialneid nicht das Mindeste zu tun. Da muss ich

@HANS GEORG OSSIANOWSKY

klar widersprechen. Unsere Seilschaften-Republik lässt nur Nützliche in den Elfenbeinturm hinein. Wenn von dort Kritik kommt, dann nur systemimmanent. Da haben wir alle unsere Erfahrungen mit gemacht. Das materielle Überleben wird zwar schwieriger bei Nonkonformismus, dafür aber geht die Suche nach grösserer Freiheit unvermindert weiter und bleibt nicht im Turm stecken. Deshalb: Wenn Erkenntnis, dann sollten Ergebnisse auch über bestehende Herrschaftsverhältnisse hinausführen. Warum sollte nur der Technische Fortschritt stetig voranschreiten, während der gesellschaftliche Fortschritt durch die Altparteien-Diktatur auf der Stelle tritt? 

Costa Esmeralda 20.11.2012 | 18:47

Noch einen kurzen Zusatz: Warum hat soziale Wissenschaft Schwierigkeiten, gesellschaftliche Zusammenhänge einfach auszudrücken? Gerade das sollte doch die Kunst der Wissenschaft sein, um so auch dem Normalbürger Entscheidungen für politisches Handeln zu erleichtern. Dabei denke ich nicht an Satz- und Wortgebrauch von Physikerin Merkel, die in ihrer Schlichtheit der Sprache allerdings auch eine Meisterschaft im Ideologie-Verschleiern entwickelt hat. Etwas mehr als bei Merkel und Kohl darf es dann schon sein. 

Dirk Baecker 23.11.2012 | 10:06

Drei Thesen:

(1) Die Politik ist das einzige System, das wir haben, um die Macht, die wir (über uns, das heißt "Demokratie") brauchen, ausüben und kontrollieren zu können.

(2) An einer demokratischen Politik können sich in Regierung und Opposition nur Parteien beteiligen, die ihre Themen, gerade weil es um das (nie abschließbare) Ganze geht, beweglich genug gestalten, um ihnen zustimmen und sie ablehnen zu können.

(3) Die Piraten sind eine großartige Partei, die Politik nicht von Macht und Herrschaft, sondern von der Kommunikation her denkt. Das erspart es ihr jedoch nicht, den Unterschied mitzudenken, den die Politik in der Gesellschaft macht. Internet, Politik und Gesellschaft stehen zueinander in einem Verhältnis funktionaler Turbulenz, um es vorsichtig auszudrücken. Auf diese Turbulenz haben sich die Piraten eingelassen. Umso wichtiger jedoch scheint es mir, dass sie dem Rest der Gesellschaft (der Öffentlichkeit) nicht nur die Fähigkeit zur turbulenten Kommunikation, sondern auch zur vernetzten Entscheidung vorführen.

Wissenschaftler sind auch nur Beobachter. Sie haben die Wahrheit nicht gepachtet, treffen keine Aussagen darüber, was richtig ist, und liefern keine normativen Vorgaben, auf die sich andere berufen dürfen. Sie differenzieren. Sie verwenden dazu Unterscheidungen, an die sich andere nicht gebunden fühlen müssen. Nichts schützt sich davor, sich zu verdifferenzieren. Aber sie unterliegen dem selbstgestellten normativen Anspruch, über Motiv und Zusammenhang ihrer Unterscheidungen Auskunft geben zu können. Als Theoretiker arbeiten sie am Vergleich von Hypothesen, die es ihnen erlauben, ihr Material zu sortieren. Und als Analytiker überprüfen sie, welche Zugänge zu ihrem Gegenstand sie unter welchen Bedingungen haben und nicht haben.