Fritz Walders
08.02.2013 | 09:00 10

Auf der Suche. Für immer?

Atomkraft Ausgerechnet der rot-grüne Erfolg in Niedersachsen blockiert nun den Endlager-Konsens. Dabei gibt es einen Weg

Auf der Suche. Für immer?

Im Wahlkampf hat Niedersachsens SPD-Chef Stephan Weil den Salzstock Gorleben selbst erkundet. Seitdem ist er sich sicher: „Der Standort ist geologisch nicht geeignet.“

Foto: Philipp Schulze/ dpa

Eigentlich ist es eine klare Ansage: „Der Standort Gorleben darf bei der Suche nach einem Endlager keine Rolle mehr spielen, er muss runter von der Liste der möglichen Standorte.“ Als Stephan Weil mit diesen Worten vom Norddeutschen Rundfunk zitiert wird, ist der SPD-Politiker noch im Wahlkampf. Nun ist er bald Ministerpräsident von Niedersachsen – und das macht die Sache kompliziert.

Denn auf Bundesebene wird seit Monaten um einen Konsens für die Suche nach einem Atomendlager gerungen. Peter Altmaier (CDU), Sigmar Gabriel (SPD), Jürgen Trittin (Grüne) sowie Baden-Württembergs bündnisgrüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann arbeiten an einer ganz großen Koalition für einen Suchlauf. Ihr Versprechen: Transparent und ergebnisoffen soll die Suche vonstatten gehen. Und mit einer weißen Deutschlandkarte beginnen, also keinen Standort vorab favorisieren, noch ausschließen.

Gespaltene Kritiker

Die Verhandlungen sollen möglichst schnell abgeschlossen werden. Doch das für vergangenen Sonntag angesetzte Spitzengespräch der Ministerpräsidenten ist nun erst einmal geplatzt. Der Grund: Stephan Weil ist noch nicht vereidigt und SPD und Grüne haben sich in den Koalitionsverhandlungen bisher auf keine Position zu Gorleben geeinigt. So scheint der Lösung des politischen Großkonflikts nun ausgerechnet ein rot-grüner Wahlsieg im Weg zu stehen.

Die alles entscheidende Frage lautet: Darf Gorleben von vornherein ausgeschlossen werden? Oder das Gegenteil: Muss das gar so sein? Die Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber, aber die Fronten sind nicht mehr klar: Längst sind auch Teile der Atomkraftgegner bereit, Gorleben in die Liste der möglichen Standorte aufzunehmen – in der Überzeugung, eine Suche nach wissenschaftlich neutralen Kriterien werde den Salzstock schnell ausschließen. Während also Greenpeace vor den niedersächsischen Koalitionsverhandlungen für ein endgültiges Aus für Gorleben demonstriert, macht etwa Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe Werbung für die „bittere Wahrheit“ und will den Standort zunächst pro forma in der Auswahl lassen.

Die Befürworter erzählen eine Geschichte von historischen Chancen, von Bürgerbeteiligung und wissenschaftlicher Expertise, vom Sieg der Vernunft über die Ideologie. Der Streit über ein Atommülllager habe Jahrzehnte lang die Republik gespalten. Nun könne er zu Ende gehen.

Die Kritiker wiederum erzählen von scheinheiligen Versprechen, von jahrelangen Lügengeschichten über die angebliche Eignung des Salzstocks, von der Vorfestlegung auf Gorleben, vom Verrat an den Idealen der Anti-Atom-Bewegung. Ihre Befürchtung: Solange der niedersächsische Salzstock auf der Liste steht, können die Suchkriterien entsprechend angepasst werden. Wie ergebnisoffen könne eine Suche sein, wenn für die Gorleben-Erkundung bereits 1,6 Milliarden Euro ausgegeben wurde – und für Alternativen fast gar nichts? Wenn schon mehr als 100 Castorbehälter in Gorleben im Zwischenlager stehen?

Ein vorzeitiger Ausschluss Gorlebens ist politisch schwer zu begründen – und möglicherweise auch rechtlich problematisch. Schließlich muss ein Gesetz in einem Rechtsstaat allgemein und für alle gleichermaßen gelten. Andererseits ist nicht von der Hand zu weisen, dass bei der Standortauswahl in den siebziger Jahren getrickst wurde, damit Gorleben im Rennen bleibt. Diese Erfahrung beunruhigt viele. Sie fürchten, das Ergebnis könne erneut so manipuliert werden, dass Gorleben am Ende vielleicht nicht als „sicheres Endlager“, aber vielleicht als „das am wenigsten unsichere Endlager“ in Deutschland deklariert würde. Schließlich wollten die Energiekonzerne möglichst wenig Geld für die Erkundung weiterer Standorte ausgeben.

Das ist ein starkes Argument. Um eine wirklich ergebnisoffene Suche einzuleiten, muss Gorleben dennoch nicht unbedingt von Anfang an ausgeschlossen werden. Aber es braucht eine Bestimmung im Gesetz: Für die Untersuchung der aussichtsreichsten Standorte muss in etwa gleich viel Geld bereitstehen. Im aktuellen Entwurf werden die Kosten für die untertägige Erkundung von zwei Standorten auf jeweils 500 Millionen Euro geschätzt, also nicht mal ein Drittel dessen, was für Gorleben bereits ausgegeben wurde.

Ein entsprechender Paragraf hätte weitreichende Folgen: Zunächst dürfte der Salzstock in Gorleben nicht weiter erkundet werden. Erst müssten andere Standorte unter die Lupe genommen werden. Und in einigen Jahren würde sichtbar, ob die Gorleben-Befürworter aus der Atomindustrie immer noch so vehement für ihren jetzigen Lieblingsstandort streiten – oder dann doch ein anderes Atommüllendlager bevorzugen.

Kein Grund zur Beruhigung

Selbstverständlich spielen bei jeder Endlagersuche auch andere Belange als der Wunsch nach größtmöglicher Sicherheit eine Rolle. Selbst wenn für die Energiekonzerne das wirtschaftliche Interesse am Endlagerstandort Gorleben entfällt, sind die Castorbehälter eben schon dort im Zwischenlager. Andererseits ist der Widerstand im Wendland so groß wie wohl sonst in keiner anderen Region Deutschlands. Das spräche eher für eine Alternative zum Salzstock. Ein Abtransport der Castorbehälter aus Gorleben zum jetzigen Zeitpunkt, etwa um Chancengleichheit in der Endlagersuche zu schaffen, wäre jedenfalls schon aus Sicherheitsgründen abzulehnen.

Wird der Endlagerstandort also am Ende doch vom Widerstand und nicht von der Geologie bestimmt? Ausschließen lässt sich das nicht, schließlich muss die Politik die wissenschaftlichen Erkenntnisse bewerten und am Ende entscheiden.

Um einen möglichst breiten Konsens zu erzielen, reicht daher eine transparente und ergebnisoffene Suche nicht aus. Für einen echten Konsens fehlen bisher nicht nur die Linkspartei, sondern auch wichtige Teile der Zivilgesellschaft. Ohne die Anti-Atom-Bewegung etwa wird es die erhoffte Beruhigung nicht geben. Dafür muss erst die Atommüllproduktion gestoppt werden, sonst gehen die Atomkraftgegner weiter auf die Schiene. Und Deutschland muss nicht nur die Reaktoren abschalten und darf nicht mehr die ganze Welt mit Atombrennstoff beliefern und mit Bürgschaften für Kraftwerks-Bauten beglücken.

Daher ist es eigentlich noch zu früh für eine neue Endlagersuche in Deutschland. Stephan Weil wird sich trotzdem an die Arbeit machen. Im Koalitionsvertrag mit den niedersächsischen Grünen wird am Ende irgendetwas zu Gorleben stehen. Weils Aussage im Wahlkampf war deutlich, aber der SPD-Politiker will es sich auch nicht mit Parteichef Gabriel verscherzen. Vielleicht hilft ja etwas Wort-Akrobatik? Oder ein Blick in die Wahlprogramme von Sozialdemokraten und Grünen in Niedersachsen. Da gibt es einigen Raum für Interpretationen.

Kommentare (10)

Lethe 08.02.2013 | 10:58

Im Grunde ist es völlig gleichgültig, wo das zukünftige Endlager stehen wird. Es gibt in Deutschland schlicht keinen Ort, der so sicher wäre, dass sich nicht eine Bürgerinitiative dagegen finden würde. Das liegt weniger an sachlichen Kriterien als vielmehr an der Nähe der bürgerlichen Ängste. Bürgers Angst wird nicht hinterfragt, jedenfalls nicht von Bürger.

Außerdem: Wenn sich die Lager gegenseitig nicht so lieb hätten ... wäre vielleicht was mit Sachlichkeit zu machen. Aber so? Nicht mehr während meiner Restlebenszeit.

Vaustein 08.02.2013 | 11:01

Sie schreiben " Stephan Weil wird sich trotzdem an die Arbeit machen. Im Koalitionsvertrag mit den niedersächsischen Grünen wird am Ende irgendetwas zu Gorleben stehen."

Das aber ist ja eher Wischiwaschi. Schon seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts ist bekannt, dass Salzstöcke als nukleare Endlager absolut nicht infrage kommen. US- Forscher brachten die Ergebnisse langjähriger Forschungen und Erkundigungen zu diesem Thema auf den Punkt:

Salt is out!!

Ich bin mir absolut sicher, dass das in den einschlägigen Kreisen der BRD bekannt ist.

 

 

 

 

 

 

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Ehemaliger Nutzer 09.02.2013 | 17:09

Es gibt kein zeitlos endloses Lager, diese Technik ist ein Irrweg. Das Zeug muß endgültig vernichtet werden. Man kann es in ein tiefes Rohr versenken und dort thermal zersetzen lassen, bis zu einer A Explosion hin, das Zeug senkt sich dann von selbst in den flüssigen Erdmantel und kommt dort erst nach Millionen von Jahren wieder zum Vorschein. Man sollte mit den Russen sprechen!

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Ehemaliger Nutzer 10.02.2013 | 13:38

Auch Brutreaktoren erzeugen radioaktiven Abfall. Es nützt nichts, wenn man das scheußliche Zeug im Kreis herum reicht. Irgendwann ergibt sich eine strahlende Masse, die nach jetzigem Stand der Dinge nicht mehr augzubereiten ist. Damit wären wir wieder bei der Enflagerfrage.

Ich will sie noch etwas schärfer stellen: Wir wissen noch  nicht einmal, ob Endlagerung möglich ist. Für Techniken von hunderttausenden von Jahren, wenn nicht Jahrmillionen gibt es naturgemäß keinerlei Erfahrung. Vorläufig ist die endgültige Entsorgung des Teufelzeugs mehr Wunsch als Wirklichkeit, ein ungedeckter Scheck auf die Zukunft. 

 

Lethe 11.02.2013 | 13:18

Sie haben Recht. Ich habe U233 mit U236 verwechselt. Die obigen Gedanken gelten also für das letztgenannte Isotop.

Grundsätzlich möchte ich noch etwas anderes zu bedenken geben. Laut Wikipedia-Eintrag schätzt die US-amerikanische Agency for Toxic Substances and Disease Registry (ATSDR), dass sich in den obersten 33 cm eines beliebigen Erdboden über einer Fläche von einer Quadratmeile Land im Mittel ca. 4 Tonnen Uran befinden, also etwa 1,5 Tonnen pro Quadratkilometer, überwiegend als U238. Dieses Uran liefert den Löwenanteil der natürlichen Hintergrundstrahlung und ist damit praktisch ubiquitär. Leben hat sich unter dem Einfluss dieser Strahlung entwickelt, sie hat ihm offenbar nicht geschadet. Das Problem der Endlagerung ist also im Prinzip eines der spaltbaren und hochangereicherten Isotope. Diese könnten durch einen entsprechend parametrisierten Brutreaktor in die ungefährlichen Isotope 236 und 238 umgewandelt werden. Und diese könnten, pulverisiert und oxidiert, zur Not weitverteilt ganz einfach - untergegraben werden, ohne dass sich an der lokalen Hintergrundaktivität dramatisch etwas ändern würde.

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Ehemaliger Nutzer 11.02.2013 | 14:17

Freilich gibt es technische Möglichkeiten, wie Sie es sagen. Der Haken daran sind die hohen Kosten im Vergleich zu einer "Endlagerung".

Was die Verträglichkeit von natürlichen Vorkommen des Spaltmaterials betrifft, so geht auch diese Rechnung nicht auf. Wie Sie wahrscheinlich wissen, hängt die Stärke der Strahlung wesentlich mit dem Neutronen-Fluß zussamen. Wenn Uran-Moleküle im Boden weitläufig verteilt sind, wirkt das Erdreich als Dämpfer. Nur in selten Fällen reicht die Konzentration, um eine schwache Kettenreaktion auszulösen. Im Reaktor genügen ein paar Graphit-Stäbe zur Unterbrechung. Unterm Strich ist die natürliche Belastung durch Erdstrahlen weitaus geringer als durch Abluft eines Kernkraftwerks beim Wechseln der Brennstäbe.