Martin Leidenfrost
01.06.2007 | 00:00

Das Stück aus dem Spaghetti-Western

Ostwind Transnistrien: Ein ganz normaler Staat, aber ein Paria für die Staatenfamilie

Zuletzt war Martin Leidenfrost vom Ostwind durch die Walachei getrieben worden. Und das nicht nur - wie man annehmen sollte - auf dem Weg durch rumänisches Gebiet. Schließlich hatte sich das Volk der Walachen im Spätmittelalter weit verstreut, war die Karpaten entlang gezogen, unter den Einfluss anderer slawischer Ethnien geraten, bis es sich in Gestalt der Huzulen in der Ukraine oder der Goralen in der polnischen Tatra niederließ. Auch eine mährische Walachei gehört zu dieser Diaspora und sorgt heute als touristisches Event mit Walchenmolke und walachischer Sauerkrautsuppe für Furore. Martin Leidenfrost nahm das als Anstoß, anderen exotischen Regionen des Ostens näher zu treten.

Das Land, von dem ich erzähle, kommt in der westlichen Presse selten vor. Wenn es doch einmal auftaucht, wird es das "schwarze Loch Europas" oder "klaffende Wunde" genannt. Man beschreibt es als "Freilichtmuseum des Kommunismus" oder "gesetzlose Zone", in der sinistre Russen mit Drogen und schmutzigen Atombomben dealen.

Ich habe ein solches Land nicht gefunden. Ein solches Land existiert nicht, es sei denn als Phantasmagorie ausgebrannter Journalisten oder als Feindbild antirussischer Geostrategen. Das Land, das ich gefunden habe, ist ein funktionierender europäischer Staat, ein Industriestaat mit großen, erfolgreichen, exportorientierten Unternehmen, ein fruchtbares Agrarland mit effizienten landwirtschaftlichen Großbetrieben und nebenbei ein schönes Stückchen Erde.

Verglichen mit Deutschland ist das Land nicht reich, vergleicht man es aber mit seinen direkten Nachbarn Moldawien und Ukraine, fällt die öffentliche Ordnung auf. Ich habe das schmale Land, das sich 200 Kilometer in Nord-Süd-Richtung erstreckt (auf der Karte schraffiert), eine Woche bereist, nicht nur im Süden mit den beiden Großstädten Tiraspol und Bendery, auch bis Kamenka hinauf, in die nördlichste Provinz.

Von Wildost keine Spur: Die Autofahrer fahren ziemlich zivilisiert, die Polizei hat Radarfallen aufgebaut. Von Kommunismus keine Rede: Wie in weiten Teilen Osteuropas ist die industrielle Substanz privatisiert und oligarchisch strukturiert. Das Stahlwerk von Rybniza, die Textilfirma Teratex, die Schuhfabriken von Bendery, die Cognac-Destillerie Kvint sowie einige Unternehmen der Maschinen- und Elektrobranche werfen Gewinn ab. Mit Abstand am erfolgreichsten ist der Mischkonzern Sheriff, zu dem neben diversen Industriebeteiligungen ein Autohandel, ein Fernsehsender, eine Supermarktkette und einer der modernsten Sportkomplexe Europas gehören. Dem Augenschein nach zu urteilen, ist das Land etwas wohlhabender als seine Nachbarn.

Es hat einen Namen: Pridnestrowie. Im Deutschen wird es meist "Transnistrien" genannt, was die Pridnestrowier nicht gern hören, weil die aus dem Rumänischen abgeleitete Bezeichnung die Erinnerung an die rumänische Besatzung während des Zweiten Weltkriegs heraufbeschwört. "Transnistria", das waren die Killing Fields der rumänischen Faschisten, eine riesige chaotische Zone, in der Hunderttausende deportierte Juden und Roma dem sicheren Tod überlassen wurden.

Das Land, von dem ich erzähle, heißt offiziell Pridnestrovskaia Moldavskaia Respublika (PMR) und hat sich am 2. September 1990 von der Moldawischen Sowjetrepublik losgesagt, in der damals radikale moldawische Nationalisten die Vereinigung mit Rumänien propagierten. Die Republik am linken Ufer des Dnjestr - zu 63 Prozent von Slawen bewohnt - hat für die Unabhängigkeit bitter bezahlt. Im 14 Tage dauernden moldawisch-pridnestrowischen Krieg von 1992 starben beinahe tausend Pridnestrowier - angesichts einer Gesamtbevölkerung von derzeit 550.000 eine erschreckend hohe Zahl.

Warum ist Montenegro anerkannt worden und Pridnestrowie nicht?

Seit nunmehr bald 17 Jahren hat Pridnestrowie alles, was einen Staat ausmacht, nur internationale Anerkennung ist ausgeblieben. Nicht einmal die Schutzmacht Russland, die an den Frontlinien von 1992 eine Friedenstruppe von etwa 1.000 Mann unterhält, hat Pridnestrowie bisher legalisiert. Wo immer ich mich umhöre, beklagen die Pridnestrowier die "doppelten Standards" der Staatengemeinschaft. Warum ist etwa Montenegro anerkannt worden und Pridnestrowie nicht? Ist die ethnische, sprachliche, historische Verwandtschaft zwischen Montenegrinern und Serben nicht viel enger, als sie zwischen Pridnestrowiern und Moldawiern je war?

Anerkennung, das ist der Begriff, um den sich in Pridnestrowie alles dreht. Die Pridnestrowier haben beispielsweise ihr eigenes Mobilfunknetz. Der Empfang ist gut, aber wegen der fehlenden Anerkennung gibt es keine internationalen Roaming-Partner. Die Pridnestrowier haben ihre eigenen Pässe. Im Inland werden sie gebraucht, aber um reisen zu können, haben sich etwa 25 Prozent einen russischen, etwa 20 einen ukrainischen, mehr als 30 Prozent einen moldawischen Zweitpass besorgt.

Die Pridnestrowier haben ihr eigenes Geld. Im Zentrum der Hauptstadt Tiraspol steht die neue Zentrale der pridnestrowischen Nationalbank, die jährlich 350 Millionen Banknoten des pridnestrowischen Rubel herausgibt. Die Währung ist weitgehend stabil, im Alltag wird damit bezahlt, die Reserven werden im Haus gelagert. Ich wurde durch eine gläserne Sicherheitsschleuse in den Repräsentativbau geleitet.

Wie viel Geld im Keller liegt, haben mir die freundlichen Beamten nicht gesagt. Aber sie sprachen offen an, wie die Zollblockade, welche die neuerdings verbündeten Nachbarn Moldawien und Ukraine im März 2006 gegen Pridnestrowie verhängt haben, ihren Wirkungskreis eingeschränkt hat. "Früher haben wir mit anderen Nationalbanken, auch mit Deutschland, direkte Korrespondenz-Beziehungen gehabt", sagt Maria Serebreanicova, die Leiterin der Abteilung für makroökonomische Analysen. "Zum heutigen Tag ist dieser Kreis von Ländern sehr klein. Grundsätzlich arbeiten unsere Banken über russische Banken."

Eine mindestens so große Aufgabe ist Aleksandr Kowadschi aufgegeben, dem Direktor des "Republikanischen Zentrums für Tourismus". Die düstere Wahrnehmung Pridnestrowies in den ausländischen Massenmedien macht es nicht gerade leicht, westliche Touristen anzulocken. Eine Touristengruppe aus Deutschland, die eine Wochentour gebucht hätte, konnte Kowadschi noch nie vorweisen.

Ich bitte ihn, die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten des Landes aufzuzählen. An seiner Auswahl ist zu erkennen, dass der gebildete Mann Historiker ist. Er empfiehlt eine Festung, ein Kloster und ein "Flaschenmuseum". Daneben weist er auf die drei unterschiedlichen Klimazonen Pridnestrowies hin, "die Sie im Lauf eines einzigen Tages durchreisen können".

Kowadschi hat mir noch mit auf den Weg gegeben, dass "der Dnjestr wirklich ein schöner Fluss" sei. Der Mann hat Recht. Abseits der riesigen Felder und der langgezogenen Nussbaum-Alleen, wo sich der Dnjestr durch ein sanftes, grünes Hügelland windet, bin ich auf reizvolle Dörfer gestoßen. Zum Beispiel auf Rogi, von ethnischen Moldawiern besiedelt, mit einem grandiosen weiten Flussblick und einer Naturquelle, an der sich die Eingeweihten laben.

Ich durfte mich frei im Land bewegen. Militärobjekte dürfen nicht fotografiert werden, und einige Spitzen des Staates haben - nachdem sie 17 Jahre von ihnen gebrandmarkt wurden - keine Lust mehr auf westliche Journalisten. Das ist alles, ich bin ohne Aufpasser gereist, meine Akkreditierung wollte kaum jemand sehen.

Im kühlen Norden fuhr ich durch die "pridnestrowischen Alpen", durch den "kleinen Kaukasus", ein kurzes Bergland mit ein paar schroffen Felsen, welches das ansonsten weitgehend flache Land unterbricht. Da es im nördlichen Kreishauptdorf Kamenka kein Hotel gibt, habe ich im Sanatorium Dnjestr übernachtet. Die diensthabende Krankenschwester war zunächst unwillig und streng, bald wendete sich ihre Laune ins Gegenteil, und sie kicherte nur noch vergnügt. Als ich am Morgen zum Speisesaal ging, wurden die langen Flure mit einem Instrumentalstück aus einem Spaghetti-Western beschallt.

Es war Sonntag und im Ortskern von Kamenka Markttag. Vor der Markthalle standen ukrainische Bäuerinnen Spalier, jede eine Plastiktüte mit Brindsa-Käse in der Hand.

Im Norden ist Pridnestrowie arm, was sich vom Sportkomplex der Firma Sheriff in der Hauptstadt nicht sagen lässt. "Wir sind finanziell nicht begrenzt", sagte mir die Direktorin Elena Schpinjowa, "was wir brauchen, das wird bezahlt." Der laufend in Ausbau befindliche Komplex umfasst bis jetzt ein Stadion mit 13.000 Sitzplätzen, ein Übungsstadion mit 8.000 Sitzplätzen, ein überdachtes Stadion mit 3.500 Sitzplätzen, acht Trainingsfelder und ein Akademie-Internat für den Nachwuchs. Eine olympische Schwimmhalle wird im Herbst eröffnet, ein Luxushotel folgt, eine Eishockeyhalle ist geplant. Besonders stolz ist Schpinjowa auf den weltweit einzigartigen Rasen im Hauptstadion - er wird von einem unterirdischen Bewässerungssystem aus kilometerlang gewundenen Rohren bewässert.

Wer will sich schon einem gescheiterten Staat anschließen?

Das politische System, das lange auf die Autorität des direkt gewählten Präsidenten Igor Smirnow ausgerichtet war, ist in Umwandlung begriffen. Während das Parlament bislang über ein reines Personenwahlrecht gewählt wurde, formieren sich seit einigen Jahren politische Parteien, deren Zahl ständig steigt. Auch an dieser Auffächerung des politischen Spektrums hat Sheriff seinen Anteil: Im Dezember 2005 gewann eine Sheriff nahestehende Partei die Parlamentswahlen: Obnovlenie (Erneuerung). Im Dezember 2006 wurde Staatsgründer Igor Smirnow, der nach wie vor großen Respekt genießt, überzeugend wiedergewählt. Daraus ergibt sich eine Art Cohabitation zwischen dem Parlament und den von Smirnow bestellten Ministern.

Sergej Tscheban, Vorsitzender des Parlamentsausschusses für Außenpolitik, macht kein Geheimnis aus seinen Sympathien: "Ich kann nur Worte der Dankbarkeit sagen. Ich bin dankbar, dass es in unserer Republik eine Firma mit einem solchen Service gibt." Die inhaltlichen Unterschiede zu Smirnows Regierung sieht der ethnische Moldawier vor allem in Fragen des Stils und der Wirtschaftspolitik. In der Außenpolitik sei man sich einig: "Wir, die Organe der Macht und das Volk, haben vor der internationalen Gemeinschaft alles getan, damit man uns anerkennt. Einer der Grundvektoren unserer Außenpolitik ist Russland, aber das heißt nicht, dass wir verschlossen sein dürfen." Er verweist auf das Referendum vom September 2006, in dem 97 Prozent für die Unabhängigkeit gestimmt haben, mit der Option eines späteren Anschlusses an die Russische Föderation.

Für eine "Partei postmodernen Typs" wirbt Aljona Arschinowa, ein attraktiver blonder Wirbelwind von 22 Jahren. Proryv bedeutet Durchbruch und vereinigt unter einem Dach Jugendklub, Partei und die Che Guevara High School of Political Leadership. Noch hat Proryv nicht bei Wahlen kandidiert, aber das frisch-vergnügte Politentertainment der Bewegung zieht schon jetzt die hübschesten Mädchen von Tiraspol an.

Gegenüber dem moldawischen Staat vertritt Proryv die harte Linie. Mittlerweile sei sie in Moldawien zur Fahndung ausgeschrieben, erzählt Arschinowa nicht ohne Stolz: "Wir haben nämlich ein Floß in den Dnjestr gelassen, auf dem wir eine moldawische Fahne angezündet haben." Wegen Herabwürdigung eines Staatssymbols drohten ihr drüben bis zu 25 Jahren Haft, erzählt mir Arschinowa. Und dann bricht sie bei der Vorstellung plötzlich in Gelächter aus.

Das Bild, das ich aus Dutzenden Gesprächen gewonnen habe, in Bussen, auf der Straße, ist erstaunlich vielfältig. Manche schimpfen freimütig auf die Regierung, andere auf die Fußballfixierung von Sheriff. Einige ethnische Moldawier sagen, sie seien keine starken Patrioten. Eine ethnische Ukrainerin würde sich der Ukraine anschließen, "wenn die uns nur wollen würden". Die Kultur-Staatssekretärin Irina Gilja, deren Tochter in der moldawischen Hauptstadt studiert, bricht beinahe in Tränen aus, als sie sich an die Toten von 1992 erinnert.

Nur wenige äußern sich hasserfüllt über die Moldawier vom rechten Ufer des Dnjestr, viele haben den Kontakt gehalten. Aber unter all den Pridnestrowiern, gleich welchen Rangs und welcher Ethnie, habe ich keinen Einzigen getroffen, der einem Anschluss an Moldawien zustimmen würde. Es ist ihnen nicht zu verdenken. Wer will sich schon einem gescheiterten Staat anschließen, der zu allem Überdruss noch ärmer ist als man selbst? Die Pridnestrowier leben ihren Staat nun schon im 17. Jahr. Ich meine, sie haben sich Anerkennung verdient.