Monika Tauber
04.02.2013 | 09:45 12

Ein Freiraum auf Zeit

Szenenwechsel Zu Besuch in einem „Anti-Café“ in Moskau. Das ungewöhnliche Konzept: Hier bezahlt man nicht den Kaffee, sondern die Minuten und wird dafür auch noch freundlich behandelt

Ein Freiraum auf Zeit

Eine Atmosphäre wie in einer WG-Küche. Auch deshalb kommen viele ins "Ziferblat"

Foto: ZVG

Pastell-rosa Anstrich, unten links ein Spätkauf – das Haus in der Popkovka-Straße unterscheidet sich kaum von anderen Häusern in Kitai Gorod, dem ältesten Stadtteil von Moskau. Hier zu wohnen ist für die meisten unbezahlbar. Sie gehen in dem Innenstadtviertel aber tagsüber einkaufen, nachts feiern und ungewöhnliche Orte entdecken. Hausnummer 12 in der Popkovka ist einer dieser Orte. 20 Stufen muss man zum Café „Ziferblat“ hinaufsteigen.

Oben angekommen, fällt der Blick zunächst auf eine Glasvitrine, gefüllt mit Weckern. In der anderen Ecke des Durchgangszimmers sitzen zwei junge Menschen hinter Laptop und Kasse. Für Neulinge gibt es eine kurze Erklärung inklusive Führung durchs Café, Stammgäste kennen das Ritual: Wecker auswählen, Uhrzeit sowie Name des Weckers und eigenen Namen auf einen Zettel notieren. Im Ziferblat werden nicht Speisen oder Getränke berechnet, sondern Zeit. Jede Minute kostet zwei Rubel, eine Stunde umgerechnet etwa drei Euro. Ein kleiner Betrag für Kaffeevariationen aller Art, Tee, Kekse, Früchte und – eine Atmosphäre, die wohl einmalig in Moskau ist.

„Komische Dinge tun“

Obwohl der Eingang zum Café versteckt in einem Hinterhof liegt und keine Schilder einen Hinweis geben, ist das Ziferblat immer gut besucht. An diesem frühen Montagabend sind die knapp 100 Plätze fast alle besetzt. Auf Couches und in alten Sesseln sitzen Schüler, Studenten, Künstler, vereinzelt auch Geschäftsleute. Nicht selten machen die Besucher auf ihren mitgebrachten Instrumenten Musik. Essen selbst mitzubringen, ist ausdrücklich erwünscht. Seit anderthalb Jahren gibt es das Ziferblat. Die Idee dahinter ist aber schon älter, denn Moskau hat zwei Hauptprobleme: Es mangelt an Raum und an Freundlichkeit.

Der Café-Gründer Ivan Mitin erinnert sich an die Anfänge: „Für unser damaliges Kunstprojekt brauchten wir einen Treffpunkt – einen Platz, an dem man nicht für jede Tasse Kaffee zahlen musste und wo einen die Kellner nicht unfreundlich anstarrten, nur weil man Plätze belegt und komische Dinge dabei tut.“ Mitin hat sich bereits als Autor und Schauspieler versucht, in seiner Rolle als Geschäftsmann ist er aber bisher am erfolgreichsten. Der 27-Jährige wirkt jungenhaft. Während er selbstironisch von seinen unzähligen gescheiterten Versuchen berichtet, als Künstler berühmt zu werden, spielt er mit seinem Handy. Seinen ersten großen Erfolg hatte er mit dem „Baumhaus“, dem Vorläufer des Ziferblat. In einem kleinen Zimmer unterm Dach schuf er einen Freiraum, in dem sich die Leute zum Kaffeetrinken und Diskutieren treffen konnten, bezahlt wurde freiwillig.

Weil das normale Moskauer Kaffeevergnügen eine teure – fünf Euro für den Latte macchiato sind nicht selten – und meist unfreundliche Angelegenheit ist, entwickelte Mitin seine Geschäftsidee, für die verbrachte Zeit in einem freundlichen Café etwas zu berechnen. Natürlich hätten ihn die Freunde gewarnt: Viele Leute würden kommen, mehrere Tassen Kaffee in sich hineinstürzen, möglichst viele Kekse mampfen und das Café nach einer halben Stunde wieder verlassen. „Aber mal ehrlich, wie viel Kaffee kann man in einer Stunde trinken? Bei fünf Tassen stirbt man doch …“

Die Besucher des Ziferblat kommen tatsächlich nicht um zu hasten, sondern um lange zu bleiben. Für viele ist das Café eine Oase im rauen Moskauer Alltag. Mittlerweile hat Mitin ein zweites Ziferblat in Moskau eröffnet, sechs weitere Cafés in anderen Großstädten Russlands und der Ukraine. Dass sein Zeit-Freundlichkeits-Konzept auch außerhalb der Metropole ankommt, zieht aber auch die Konkurrenz an. Unter dem Label „Anti-Café“ – Mitin selbst nennt seine Cafés lieber „freien Raum“ – eröffneten 2012 unzählige Läden in Moskau mit dem gleichen Prinzip der Bezahlung. Das Wort „anti“ bezieht sich dabei auf das Finanzierungsmodell.

Erst die Menschen verändern

Für Mitin sind die anderen Anti-Cafés aber nicht lediglich lästige Konkurrenz, sondern eine Verstümmelung seiner Idee. „Ich wollte den Menschen zeigen, wie man in Moskau offener und freundlicher miteinander kommunzieren, die gesellschaftlichen Umgangsformen im Land verändern und sich durch gegenseitigen Austausch bilden kann. Aber diese anderen Café-Besitzer stellen einfach nur Playstations auf.“ Die Anti-Cafés seien lediglich auf den Profit aus, die Atmosphäre und die Grundidee hätten sie nicht übernommen. Dabei hatte Mitin Workshops angeboten, um seine Vorstellung von einer besseren Gesellschaft den anderen Cafébesitzern näherzubringen. „Ich wollte, dass die Menschen sich Zeit kaufen, stattdessen töten sie sie nur!“

Obwohl Mitin das Ziferblat als unpolitischen Ort sieht, wird seine gesellschaftskritische Ausrichtung deutlich. Für ihn ist aber in Russland nicht Putin allein das Problem, sondern die Gesellschaft an sich. In einem Interview sagte er kürzlich, dass sich die Menschen erst verändern müssten, um eine neue Regierung verdient zu haben. Die Occupy-Proteste nach den Präsidentschaftswahlen im Mai 2012, die keine 300 Meter von seinem Café entfernt stattfanden, habe er natürlich unterstützt – mit Kaffee, Tee und Keksen. Die Menschen seien jedoch noch nicht bereit dafür, sich selbst zu organisieren, um etwas zu verändern, sagt Mitin.

Das Ziferblat sei sein erster Schritt dahin: Die Mitarbeiter sind für Mitin Mitbesitzer, kein Servicepersonal. Bildung und respektvoller Umgang sollen im Vordergrund stehen. Es gibt Vorträge über Kunst, Fotografie und Esperanto. Außerdem Filmabende, Veranstaltungen zur Freiwilligenarbeit und Gespräche mit Schriftstellern. Mitin sagt, sein nächstes Projekt solle wieder ohne Bezahlung funktionieren. Doch bis es so weit ist, will er zunächst ein Ziferblat in Paris oder Berlin eröffnen. Eines aber soll sich nicht ändern: Wer ins Ziferblat geht, kommt in ein Wohnzimmer zu Freunden. Für maximal neun Euro pro Tag eine gute Möglichkeit zum Innehalten und Verweilen. Ab der vierten Stunde hört der Wecker hier nämlich auf zu ticken.

Kommentare (12)

Herwig Sladek 04.02.2013 | 16:17

Fand es sehr überraschend, mal sowas zu lesen, denn im gesamten  NATO-Einflussbereich scheint für die gesamte gleichgeschaltete Presse zu gelten: "Über Russland nichts, ausser Schlechtes"....und jetzt gleich mal sowas, hochinteressant, in Wort (sowieso) als auch in Bild: ich habe die letzten 9 Jahre in Wien nie jemanden Schach spielen gesehen, aber vor ein paar Tagen hat es geklappt, allerdings in Mondsee, im Salzkammergut... aber da wüsste vermutlich niemand, was das nun soll: "Es war ein Schloss: rosarot, wie die Wintermorgenröte, gross wie die Welt, alt wie der Wind... " usw., ja, eben, das fehlt bei uns, also mehr über Russland, und nich im Sinne von dem NATO- Diktat !!!

rose 04.02.2013 | 23:29

"Jede Minute kostet zwei Rubel, eine Stunde umgerechnet etwa drei Euro. Ein kleiner Betrag für Kaffeevariationen aller Art, Tee, Kekse, Früchte und – eine Atmosphäre, die wohl einmalig in Moskau ist."

"kleiner Betrag" nicht beziffert, warum? 3 euro ist sehr teuer für das Proletariat. Eine rein kapitalistische Erfindung, die sich fortschrittlich tarnt.

rose 05.02.2013 | 15:22

"Ich fürchte da bringst Du was durcheinander. Das Cafe ist so kapitalistisch wie der Maulwurfshügel vor meinem Fenster."

ein glänzender origineller Vergleich!

"durcheinanderbringen" bedeutet in deutscher Sprache etwas wie "verwechseln". Was verwechsele ich womit? Möglicherweise ist gemeint, das Wort "kapitalistisch" sei in nicht allgemein üblicher Weise benutzt, gemach ..., wichtig in der Kommunikation ist das gegenseitige Verstehen, welches anscheinend geklappt hat. Kann  das Streben nach Selbstbereicherung der Denkweise eines Menschen, der sich an den Maximen des Kapitalismus orientiert, entsprechen, auch wenn er sich fortschrittlich tarnt?

rose 05.02.2013 | 15:25

Zur Präzision noch 1x hier.

"Ich fürchte da bringst Du was durcheinander. Das Cafe ist so kapitalistisch wie der Maulwurfshügel vor meinem Fenster."

ein glänzender origineller Vergleich!

"durcheinanderbringen" bedeutet in deutscher Sprache etwas wie "verwechseln". Was verwechsele ich womit? Möglicherweise ist gemeint, das Wort "kapitalistisch" sei in nicht allgemein üblicher Weise benutzt, gemach ..., wichtig in der Kommunikation ist das gegenseitige Verstehen, welches anscheinend geklappt hat. Kann  das Streben nach Selbstbereicherung der Denkweise eines Menschen, der sich an den Maximen des Kapitalismus orientiert, entsprechen, auch wenn er sich fortschrittlich tarnt?

tolu0309 05.02.2013 | 16:21

Nein Du bringst wirklich was durcheinander.

Kapitalismus ist eine gesellschaftliche Kategorie - der Begriff beschreibt nicht viel mehr als die Art und Weise wie gesellschaftliche(r) Reichtum und Macht verteilt werden. Nämlich aufgrund des Besitzes von Kapital. Mit irgendwelchen konkreten Betrieben hat das erstmal wenig zu tun. Und für was anderes sollte man den Begriff auch nicht nutzen.

(Im Feudalismus war anstatt dem  Kapital der Besitz von Land ausschlaggebend. Beides waren/sind leistungsfeindliche Systeme. Im Sozialismus wäre letztlich einzig und alleine die erbrachte Leistung für die Verteilung des Reichtums entscheidend (jedem nach seiner Leistung) Ein Fakt, der erklärt warum eine recht breite Mehrheit Angst vor dem Sozialismus hat.)

Ich weiß jetzt nicht genau was Du mit Selbstbereicherung meinst, mir scheint nicht dass der Inhaber mit den Cafes so richtig reich werden wird. Selbst wenn - solange er dafür eine Leistung erbringt ist das ok. Sobald er nur noch dafür kassiert, dass andere seine Idee umsetzen nutzt er tatsächlich das kapitalistische System.

Aber die Cafes als solche sind weder jetzt noch dann kapitalistisch.

 

 

rose 05.02.2013 | 17:57

"Nein Du bringst wirklich was durcheinander."

wir haben beide verstanden. trotzdem: a mit b verwechseln, etwas durcheinanderbringen. was ist das a, das b? was bringe ich durcheinander, selbst wenn ich einen Begriff  - wie du meinen könntest-  salopp und wenig professionell, ja sogar "falsch", nicht wie wie sprach- und schreibgewandte Schreiber, verwendete, wäre hiermit nichts "durcheinandergebracht", wenn ich doch nur in einem Bezug etwas sage, womit würde ich verwechseln? soll ich ein Beispiel geben, wenn ich mich zu abstrakt ausgedrückt habe?

tolu0309 05.02.2013 | 18:24

Du bringst einfach die Ebenen durcheinander.

Kapitalismus ist auf der Ebene der Gesellschaft - hier werden die Spielregeln gemacht.

Das Cafe oder sein Betreiber sind einfach ein Cafe und ein Mensch. Sie sind die Spielsteine und (falls wir Optimisten sein wollen) die Spieler in dem Spiel.

Du hast schon Recht letztlich meinen wir durchaus dasselbe (oder zumindest sehr ähnliches) aber es ist eben auch wichtig die Dinge halbwegs scharf voneinander zutrennen. Sonst weiss man ganz schnell nicht mehr ob man wirklich vom selben redet.

Herwig Sladek 07.02.2013 | 22:56

Eben, etwas verändern will Herr Mitin, und er schritt zur   TAT ! Und so gibt es durch sein Engagement einen Ort, an dem auch etwas freundlicher kommuniziert werden kann... Auch ein Herr in Weimat schrieb doch mal vor ca. 250 Jahren in seinem "Märchen"  `... was ist herrlicher als Gold?  fragte der König. - Das Licht, antwortete die Schlange. - Was ist erquicklicher als Licht? fragte jener. - Das Gespräch, antwortete diese...`  

die Realistin 10.02.2013 | 19:18

Als ehemalige Russisch-Dolmetscherin (bis zur "Wende") bin ich immer sehr froh, Artikel über Russland zu lesen, die nicht vor Antirussismus strotzen.

Für @Rose sei angemerkt, das 2 Rubel nicht mal 50 cent sind.

Das sich das die arme Rentnerin nicht leisten kann, in so ein Café zu gehen, ist klar. Die Jugend der Mittelschicht, die durchaus in den grossen Städten nicht gering ist, die kann sich das durchaus leisten.

Ich finde einfach diese Idee wunderbar und würde es toll finden, gäbe es demnächst eine solche Filiale in Berlin.

Nein, ich würde da auch nicht hingehen (Grundsicherung), würde es aber für die hiesige intelligente Jugend begrüßen.

Und Mitin hat sehr wohl recht, dass nicht Putin das grösste Übel für Russland ist, sondern die Alkoholiker, Drogensüchtigen , Nationalisten  und Vaterlandsverkäufer á la Beresowski, Chodorkowski, Abramowitsch (ich kann nicht dafür, das sie alle Juden sind und bin KEIN Antisemit!).

Die Masse der Bevölkerung ist tatsächlich nur mit sich selbst beschäftigt (wie ja hier auch) und die "Opposition" wird von Profilierungssüchtigen wie Kasparow, Shirinowski, Nemzow und Udalzow angeführt, von denen keiner ein Gegengewicht zu Putin darstellt, da sie auch keinerlei Vorstellungen von einem Staatsumbau haben.