Georg Seeßlen
14.02.2013 | 09:00 16

Kapitalkurs für Pokerfans

Bestseller Frank Schirrmachers neues Buch erzählt gekonnt vom ökonomischen Cyberwar, scheut sich aber vor Marx und Freud

Kapitalkurs für Pokerfans

Foto: Stand Monda / AFP / Getty

Ego – Das Spiel des Lebens ist ein kulturkritisches Lamento. Das ist erst einmal weder gut noch schlecht. Es ist ein Genre, und Genres haben Regeln, Absichten, Konventionen und Sprechweisen. Sie haben eine gewisse analytische Tiefe, die man nicht über- oder unterschreiten mag, und vor allem haben sie eine besondere Form der Selbstermächtigung. Das kulturkritische Lamento spricht im Namen der Entsetzten am Rand des einen oder anderen Weltuntergangs. Es spricht sozusagen in letzter Minute (und entsprechend atemlos). Gleichzeitig ist der Autor hier aber auch ein „volkstümlicher“ Erzähler, der sich vor kleinen Redundanzen so wenig fürchten darf wie vor dem anekdotenreichen Erzählen.

Ego ist eine größere Erzählung von der Transformation des Kapitalismus und damit verbunden der Verwandlung des Menschen in ein egoistisches Monster, das bei Schirrmacher zunächst „homo oeconomicus“ und dann „Nummer 2“ heißt.

Das Regiment der Computer

Und diese Erzählung geht in groben Zügen so: In der Zeit des Kalten Krieges entwickelten US-amerikanische Strategen im militärisch-wissenschaftlich-wirtschaftlichen Komplex mehr oder weniger geniale Modelle zur Kommunikation mit dem Feind. Man nannte es, harmlos genug, „Spieltheorie“, und es geht dabei darum, alle Handlungen und Unterlassungen des anderen auf einen einzigen Impuls, den Eigennutz, zu reduzieren. Es galt also nur, einen verborgenen Eigennutz im Spielzug des Feindes zu erkennen. Gleichzeitig war dieses verdeckte und nicht-kooperative Spiel – Poker war das ideale Bild dafür – die perfekte Legitimation eines eigenen Vorgehens nach dem Prinzip des Eigennutzes. Man konnte in diesem Spiel bluffen, aber auch bluffen, dass man blufft, und der Gegner konnte bluffen, dass er den Bluff nicht durchschaute. Das Spiel war auf das Alles-oder-nichts-Prinzip ausgerichtet. Und der Spieltheorie kam die „rational choice“ zur Unterstützung, die jede Entscheidung als eine im Kern mechanische zum eigenen Überleben und zum Ausschließen der Konkurrenten ansah. Ein wesentlicher Antriebsmotor dieser Vorstellung von globaler Kommunikation ist die Angst.

Als zu Ende der achtziger Jahre die planwirtschaftlichen, kommunistischen Staaten zusammenbrachen, hatten die Physiker, Statistiker, Mathematiker, Soziologen und Psychologen, die mit dem System von Spieltheorie und rational choice die Grundlagen für die fragile Weltordnung des Kalten Krieges gelegt hatten und dafür vom Pentagon üppig ausgestattet waren, ein Problem: Die Weltgeschichte hatte ihnen recht gegeben, aber sie hatte sie zugleich mehr oder weniger überflüssig gemacht.

Die neue Rolle des Computers

Das Heer der Spieltheoretiker zog daher weiter und fand eine neue Heimat: Vom Pentagon zur Wall Street. Am Anfang der neunziger Jahre begannen sie damit, die Märkte nach den Modellen des Kalten Krieges neu zu ordnen. Eines der vielen Symptome dafür war das Einsickern der militärischen Sprache in die neoliberale Ökonomie; am Ende war, wie im Kalten Krieg, von ökonomischen „Massenvernichtungswaffen“ und sogar von „Kernschmelze“ die Rede. Auch hier ging es darum, ein Spiel begreifbar zu machen, durch das Dogma, jeder handele ausschließlich nach dem Prinzip des größten Eigennutzes und dem größten Misstrauen gegenüber den anderen Spielern. Offensichtlich ging es dabei um die Verwandlung eines einstmals möglicherweise offenen und kooperativen Spiels, des Marktes, in ein verdecktes und nicht-kooperatives Spiel, nämlich den Finanzkapitalismus, der dann seine Blasen und Krisen generierte, die natürlich in dieser Erzählung gar keine Krisen sind, sondern Etappen der Verwandlung. Neben der radikalen Reduzierung der Motive auf Eigennutz, Misstrauen und Angst steht eine maschinelle Aufrüstung und Beschleunigung, der Computer übernimmt die Aufgaben des Spiels, berechnet blitzschnell die Schritte der Marktgegner. Er kann das nur, weil dieser Computer selber eine spieltheoretische Maschine ist, die technische Selbsterfüllung einer politisch-philosophischen Prophezeiung. Mit der Computerisierung also verbreitet sich der spieltheoretische Egoismus als verbleibende Ideologie von Amerika aus über die Welt und frisst gar auch das alte Europa, das sich dieser Ideologie so lange widersetzen konnte, wie sie in Büchern und Vorträgen verbreitet wurde, aber hilflos war, als der Computer auch die Herrschaft übernahm. Der Markt ist mittlerweile ein unkontrollierter Cyberwar geworden. Und wie beim Kalten Krieg steht auch bei diesem spieltheoretischen Monsterkrieg der Ökonomie hinter dem bedingungslosen Eigennutz, der Profitgier und der Angst vor dem Anderen, die Drohung einer noch viel größeren, nämlich der vollständigen Vernichtung nicht eines Spielers, sondern des ganzen Spiels.

Und es ist die größere Erzählung von der Verwandlung des Menschen selber in eine narzisstische und egoistische Maschine, die diesem Spiel entspricht. Nummer 2, der Mensch, der so gut mit den Maschinen umgehen kann, weil er selber wie eine Maschine funktioniert, bis er verschwunden ist in der Maschinenwelt, das Monster, unser Mr. Hyde, der den Dr. Jekyll verdrängt. In einer hübschen Volte weist Schirrmacher darauf hin, dass Jekyll und Hyde nicht nur, wie wir es gewohnt sind, im Tode wieder vereint sind, sondern auch beim Unterschreiben von Geldgeschäften: Die Bank hat noch nie etwas anderes gesehen als Mr. Hyde, und die Geschäfte, die sie mit uns macht, macht sie mit Hyde, um dann Dr. Jekyll zu enteignen oder zu vernichten. Nummer 2 ist perfekt angepasst „an die unbarmherzige Logik einer automatisierten Gesellschaft und Ökonomie“. Auch in dieser Welterzählung gibt es nur eine Chance: Nummer muss sich gegen Nummer 2 erheben.

Monster und Mensch

Jede Erzählung ist um ein (verlorenes) Ideal, einen (unsichtbaren) Helden herum aufgebaut, und wen wundert es, dass dieses durchschimmernde Ideal nichts anderes als das bürgerliche, autonome und verantwortungsvolle, das europäische Individuum ist. Wenn Nummer 2, der maschinisierte egoistische homo oeconomicus, das Monster ist, dann ist offenbar Nummer 1 der gute, echte Mensch. Sein Regnum beginnt schon zu dämmern durch das Aufkommen der Rechenmaschinen und Automaten, der Detektive à la Sherlock Holmes und der ökonomischen Monster wie Dracula und Mr. Hyde. (In der Tat hat ja auch Sherlock Holmes diese Reduktion der Spieltheorie avant la lettre schon vorgenommen: Er rationalisiert nicht nur das mysteriöseste Verbrechen, sondern er kann immer nur das einzig gültige Motiv finden: den Eigennutz.) Für Schirrmacher besteht das 20. Jahrhundert nur aus wissenschaftlichen Ideologien, die aus der Anwendung der Spieltheorie und aus Formulierungen des Prinzips des Egoismus bestehen, und da passen die Computer ebenso hinein wie die Idee der „egoistischen Gene“ von Richard Dawkins. Während Wissenschaft und Sozialmodelle dem Menschen die großen Vereinfachungen seines Lebens versprachen, die große, mithilfe der digitalen Maschinen vollzogenen Rationalisierung, in der nichts Schönes und Wahres neben dem Eigennutz Platz hat, verwandelt sich die Welt in ihrer Radikalökonomisierung in ein System von Waffen, das sich keinen anderen Gegner mehr suchen kann als eben den Menschen selbst.

Nun ist eine Verbindung von Foucault light, Finanzkapitalismuskritik, einer Spur Anti-Amerikanismus und Verschwörungstheorie zu einigem fähig, vor allem dazu, Leserinnen und Leser zu erreichen, denen andere Erzählungen aus dem selben Daten- und Zitatenmaterial wahlweise zu links, zu schwierig oder zu langweilig sind. Ist es die Aufgabe eines solchen Buches, einen möglichen (also auch: erlaubten) Stand des Wissens und der Kritik zusammenzufassen und in eine gut lesbare Form zu bringen, dann hat es seinen Job erfüllt.

Allerdings hat eine solche Erzählung auch so ihre Tücken. Spätestens ab Seite 140 möchte man etwa ausrufen, ja, wir haben’s kapiert, und jetzt bitte einen überraschenden Perspektivwechsel, einen plot point, eine Metaebene. Aber auch dieser Autor verfällt den Ekstasen der Monothematik, unbeirrbar verfolgt er sein Erzählziel und gerät dabei in die enorme Gefahr, der Komplexitätsreduzierung, die er dem Gegenstand unterstellt, selber zu verfallen.

Eine gewisse Mitschuld an dieser Reduktion der Erzählung scheint eine Phobie des Autors gegen zwei große Welterzählungen der Moderne zu tragen, die Marxianische und die Freudianische. So entstand eine bürgerlich-idealistische Erzählung, die kompetent und detailreich von Symptomen und Maschinisten der großen Transformation erzählt, aber weder in die Tiefen ökonomischer Kreisläufe noch in die der sexuellen Verwandlungsenergien reicht. Die große Erzählung des Finanzkapitalismus und des Posthumanismus ist immer noch nicht geschrieben.

Kommentare (16)

gettop 14.02.2013 | 14:35

richtig, " die große Erzählung des Finanzkapitalismus und des Posthumanismus ist immer noch nicht geschrieben." und wäre EGO diese, sie würde als die "Schlüsselgeschichte" des Finanzkapitalismus erst in einigen Jahrzehnten - in der weiten Rückschau - diesen Lorbeer erhalten.

Gut - hilfreich und notwendig, dass es EGO gibt und dass es in "nur" eine Kerbe haut , immer wieder, wohl wissend, dass das Weltgeschehen komplex , vernetzt, chaotisch ist und es den Schmetterlingsschlag im Hindustal geben könnte, der die Polkappen zu Schmelzen bringen könnte... - schon vor vielen Jahren - aus meiner Erinnerung in den frühen 80er - kam schon die These auf - economics is the science of gread - und die Gier des Einzelnen ist jetzt die diktatorische Ideologie der Welt.

Magda 14.02.2013 | 17:40

"Auch hier ging es darum, ein Spiel begreifbar zu machen, durch das Dogma, jeder handele ausschließlich nach dem Prinzip des größten Eigennutzes und dem größten Misstrauen gegenüber den anderen Spielern."

Das ist doch - wenn ich mich recht erinnere - eine der generellen Aussagen des Kapitalismus, in der neoliberalen Ausrichtung ohnehin. Und uuuuuuuuuuuuralt Lavendel.

Die berühmte Bienenfabel von Bernhard Mandeville. "Private vice public benefits von Bernard Mandeville.

http://de.wikipedia.org/wiki/Bernard_Mandeville

Zitat aus Wikipedia: "In seinem Hauptwerk, der Bienenfabel, beschrieb er als einer der ersten, dass die Wirtschaft ein Kreislaufsystem ist und stellte die provozierende These auf, dass nicht die Tugend, sondern das Laster die eigentliche Quelle des Gemeinwohls sei. Die zugrundeliegende Erkenntnis, dass individueller Nutzen nicht mit globalem Nutzen identisch sein muss, bildet ein wichtiges Theorem der Ökonomie, das nach ihm auch Mandeville-Paradox heißt."

Mein Gefühl ist bei Schirrmacher immer, er hängt eigentlich nach und deshalb will er jetzt voranschreiten bei der weiteren schöngeistigen Verschleierung der realen Verhältnisse

Die große Erzählung des Finanzkapitalismus und des Posthumanismus ist immer noch nicht geschrieben.

Nee, Schirrmacher erzählt sich immer eher selbst was. Wer soll denn diese Erzählung auch schreiben, wenn Noam Chomsky sowieso das Ende der großen Erzählungen postuliert hat.

" Ist es die Aufgabe eines solchen Buches, einen möglichen (also auch: erlaubten) Stand des Wissens und der Kritik zusammenzufassen und in eine gut lesbare Form zu bringen, dann hat es seinen Job erfüllt.

Na, das sollte jeder gute Schreiber aber können. 

Gerd Weghorn 15.02.2013 | 10:07

Ich danke für den denkanstößigen Artikel der offensichtlich auf einem ebensolchen Buch von Schirrmacher basiert.

Bei mir hat er diesen Gedanken angestoßen, dass die Maschinenwelt, die hier als "Sein" beschrieben, was die Numero 1 von sich und seiner Umwelt entfremdet, ihr Cocooning beschleunigt und den Kampf aller gegen alle verschärft , unbedingt aber auch ihren WIDERSPRUCH in sich tragen muss! Einfach deshalb, weil es nichts gibt, was nicht zugleich auch mit seiner Aufhebung schwanger geht.

Das jedenfalls ist mein"marxianisches" Credo, so dass es mir angezeigt erscheint, gerade auch über die sozialisierenden, die den Zusammhalt in einer Community und einer (Welt)Gesellschaft befördernden Potentiale der Maschinenwelt nachzudenken.

 

Marx und Engels hatten diese Vision der "wissenschaftlich-technischen-Revolution" (Eric Hobsbowm: Wie man die Welt verändert. 2011), die ja immerhin auch die - hier gerade vorgeführte - Möglkichkeit eröffnet, problemlos Gedanken auszutauschen und die Individuen an politischen Entscheidungen zu beteiligen?!

lebowski 15.02.2013 | 10:39

Die Frage, die sich mir beim Lesen des Artikels stellt, ist, wo bei Schirrmacher der Eigennutz anfängt und wo er aufhört. Schließlich kam man jeder Tat den Gedanken an Eigennutz unterstellen. Der gläubige Christ, der jemandem hilft, vertraut wahrscheinlich darauf, dass er für seine Tat nach seinem Ableben von Gott belohnt wird. Oder der altruistische Atheist praktiziert seine guten Taten, um die sozialen Systeme, in denen er lebt, zu stabiliseren, wovon er dann auch einen Nutzen hat. Wenn ich also verhindere, dass ein Armer zum Räuber wird, kann ich natürlich auch verhindern, dass ich später einmal dessen Opfer werde. Das ist auch Eigennutz.

Pilum 15.02.2013 | 12:05

Sehr geehrter Herr Augstein, sehr geehrter Herr Seeßlen,

 

Ihren Artikel, die Rezension der Buchs von Frank Schirrmacher, habe ich mit Interesse gelesen und vermute entsprechend der einleitenden Sätze, dass Sie hier eine Art von Inhaltsangabe verfasst haben. Darauf jedenfalls basiert meine nachstehende Kritik:

 

Wenn Schirrmacher behauptet, dass die wissenschaftlichen Untersuchungen in den USA während des Kalten Kriegs die erwähnten Ergebnisse hatten, so stimmt dies nicht. Die Ergebnisse waren vielmehr genau das Gegenteil, nämlich dass im Vergleich zwischen Betrügern und Ehrlichen die Population, die ehrlich ist und ihre Versprechen auch einhält, in langen Komputersimulationen  - also auf Dauer – gewinnt. Ich werde versuchen, diese sehr interessanten Ergebnisse in meinem Archiv aufzufinden. (Eine Veröffentlichung war von Hofstadter nach meiner Erinnerung, vielleicht ein Auszug aus seinem Buch „Metamagicum“ – da bin ich aber unsicher). Sie haben mich seinerzeit überrascht und dann sehr fasziniert und auch beeinflusst. Und ich habe die amerikanische Politik von Ping-Pong- Diplomatie bis zu den Abrüstungs- Bemühungen und -Vereinbarungen wie auch die deutsche Ostpolitik immer als Ausfluss dieser Erkenntnis gesehen und verstanden.

 

Dass Herr Schirrmacher versucht, einen Bogen von einer falsch dargestellten Spieltheorie zu spannen zur Finanzkrise, versetzt mit antiamerikanischen Gedanken, entspricht seinem guten Gefühl für die Stimmung an den intellektuellen Stammtischen, wo er auch mit so manchem Artikel im Feuilleton seiner Zeitung hofft, ein paar zusätzliche Abonnenten zu gewinnen oder wenigstens die vorhandenen zu halten. Der Mann hat Literaturkenntnis und Einfühlungsvermögen (wie Lafontaine), aber die Substanz seiner Artikel ist leider oft von Fehlern durchsetzt, die auch harmlos als Ressentiments gedeutet werden können.

Die Bedeutung des Egoismus in unserer Welt ist davon ganz unabhängig und unbestritten. Die Komputersimulationen haben auch nichts mit Moral zu tun sondern sind naturwissenschaftliche oder wohl besser „mathematische“ Experimente, die Simulation von menschlichem Verhalten.

 

Es würde mich freuen, wenn Sie jemanden finden könnten, der in Bezug auf die das Buch tragenden Thesen die Mängel offen legt.- Herr Schirrmacher wird schon dafür sorgen, dass noch einige Zeit über sein Buch gesprochen und geschrieben wird – er ist ja bekannt genug, um auch dazu in Talk- Shows aufzutreten, sodass genügend Zeit bleibt, noch während der Aktualität und Präsenz in den Medien diese Fragen anzusprechen.

 

Mit freundlichen Grüßen      

Tiefendenker 16.02.2013 | 22:09

zwei Anmerkungen:

1. zur Motivation

Autoren wie Frank Schirrmacher oder auch Hans Olaf Henkel ("Rettet unser Geld") sind besorgt um ihre geliebten Privilegien. Sie drücken die wachsende Angst des mittelständischen Bildungsbürgertums in Zeiten der finale Krise des Kapitalsimus aus. Denen geht einfach das Hinterteil auf Grundeis angesichts dessen, was sie da auf sich zukommen sehen, wenn das so weiter geht. Und das wird es (mit großer Wahrscheinlichkeit) leider... Marx ignoriert man da lieber, weil so genau will man die Gründe dann lieber doch nicht wissen. Man sucht und findet lieber "Schuldige" (Verschwörer) und fordert lieber die "soziale Marktwirtschaft" zurück, obwohl es offensichtlich ist, dass das eine Illusion bleiben wird.

2. Egoismus

Egoismus ist eine eine positive Kraft und der Grund, warum wir bestrebt sind die Zustände verbessern zu wollen!!! Egoismus als Bestandteil des Selbst schließt in diesem Sinne die positive Erkenntnis mit ein, dass wenn ich die Verhältnisse bewusst so gestalte, dass auch meinen Mitmenschen ein bestmögliches Dasein ermöglicht wird, sich das positiv auf mein eigenes Leben auswirken wird.

Was Schirmmacher eigentlich meint und lieber hätte kritisieren sollen sind die Entfremdungen vom Selbst wie Egozentrik und Narzismus als einer krankhaften Form davon.

Leider wird das nur selten so differenziert betrachtet und deshalb oft unzutreffend formuliert.

thbode 17.02.2013 | 08:40

Das Buch kommentiert erst mal kritisch und sachlich die gewaltigen Fehlentwicklungen in unseren Gesllschaften. Die von der politschen Klasse, vor allem der aktuellen Regierung nicht angegangen werden da sie ihr Heil vor allem im "immer weiter so" sucht. Denn ansonsten müsste man ja eine Debatte fördern welche Gesellschaft wir wollen, und das wollen diejenigen nicht, die sich hier breit und gemütlich eingerichtet haben, da sie sich davon bedroht fühlen.

Insofern ist das Buch, gerade da es aus dem "Lager" dieser Profiteure kommt, sehr richtig und wichtig. Dieses naserümpfenede Gemäkel weil der Aspekt Sexualverdängung nicht berückszichtigt wird (hä?), und wie gleichzeitig mit den Schlagworten "Antimamerikanismus" und sogar "Verschwörungstheorie" zugeschlagen wird, ist nicht nachvollziehbar. Wenn unsere sogenannten Intellektuellen solche Ansätze nicht würdigen und konstruktiv weiter führen, sondern nur nutzen um sich gegeseitig zu profilieren in dieser eigennützigen Konkurrenzwelt, ja dann ist das nur ein Beweis der These des Buches, dessen es allerdings nicht mehr bedarf.

Aussie42 17.02.2013 | 09:44

Man kann an dem Buch vieles kritisieren.  Wichtig ist vor allem aber der Autor. Darauf hat JA bereits in der Spiegelrezension hingewiesen.

Schirrmacher interpretiert die Finanzkrise und ihre "alternativlosen" Loesungen deutlich  beunruhigender, als das Partei-Medien-Konglomerat in der Bundesrepublik.

In einem Wahljahr, wenn "Ende gut, alles gut" die beruhigende  Botschaften fuer die Waehler sein muss,  sagt ein profilierter  Konservativer der  Bundesrepublik  ein boeses Ende voraus.

 

 

 

 

fahrwax 17.02.2013 | 12:18

Nicht mehr und nicht weniger als das was wir als "Fortschritt" definieren beleuchtet Schirrmacher aus unüblichen Blickwinkeln. Seine Beleuchtung liefert Anstöße, soviel ist sicher. Das dem „homo oeconomicus“ als Denkmodell die Krone gebührt gewinnt, dank seiner Sicht, an Lächerlichkeit.

Die Illusionen des Naturbeherrschers enden im Privatjet, auf der Jacht, im Ferrari genauso wie im VW Golf, auf dem Fahrrad oder in der Höhle. So what?

Der Flüchtende hat die Chance auf einen Blick in den Spiegel: wer ist der Schönste im ganzen Land?

wwalkie 18.02.2013 | 17:25

Georg Seeßlen hat natürlich recht:Die große Erzählung des Finanzkapitalismus und des Posthumanismus ist immer noch nicht geschrieben.Wie sollte sie auch. Es ist aber auch richtig, Schirrmachers Buch eine "größere Erzählung" zu nennen. Schlüssig stellt er dar, wie die "Nummer 2" (das Konstrukt des homo oeconomicus) die Milliarden Egos dieser Erde zum Nichts de-komplexiert, bis am Ende das Modell die Wirklichkeit ist. Die Kombination von "rational choice theory" und Sozialbilogismus ist in der gesellschaftlichen Praxis unschlagbar und scheinbar evident.

Insofern ist die Buchlektüre sehr lohnend. Den Einwand, Autor und Verlag folgten selber den Spielregeln von Nummer 2, sollte man - eine Zeitlang - vergessen. Auch  dass der Spannungsbogen nicht durchgehalten wird, was Seeßlen kritisiert, finde ich nicht so schlimm. Die Kapitel sind nämlich überaus anregend (auch und gerade für Linke) - und zudem gut geschrieben, was für deutsche Sachbücher wahrlich nicht selbstverständlich ist.

Vielleicht regt die hoffentlich folgende Debatte ja an, Schirrmachers Imperialismustheorie "auf die Füße zu stellen". In rechtsbürgerlichen Kreisen scheint man sich schon echt Sorgen zu machen, dass die Mutter aller Zeitungen nach links rutscht.  Und das vor der Wahl.

Nummer 2, übernehmen Sie!

Magda 18.02.2013 | 22:21

"Wenn unsere sogenannten Intellektuellen solche Ansätze nicht würdigen und konstruktiv weiter führen, sondern nur nutzen um sich gegeseitig zu profilieren in dieser eigennützigen Konkurrenzwelt, ja dann ist das nur ein Beweis der These des Buches, dessen es allerdings nicht mehr bedarf."

So ein Quatsch. Vielleicht sehen die "sogenannten Intellektuellen" den Ansatz deshalb nicht, weil es kein vernünftiger Ansatz ist. Und gegenseitiges Profilieren und Konkurrenz ist doch nicht der Grund dafür, dass die Welt am Ende ist. 

Gestern hat - las ich bei Perlentaucher nach - der Schriftsteller Ingo Schulze darauf verwiesen, wie lange schon die Kriegserklärung der Finanzmärkte formuliert ist. 

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Schirrmachers Buch ist Entertainment für Denkfaule. Nix anderes. Und außerdem ein ziemliches Ablenkungsmanöver. 

 

miauxx 20.02.2013 | 01:00

Sehr interessiert gelesen!

Ich kann mich bis her freilich nur auf das stützen, was ich von Hrn. Seeslen hier lese + das, was ich von Augstein dazu gelesen habe: Freilich können wir bei Schirrmacher nicht von einer "Linkswendung" o.ä. rede, wie es gern mal boulevardesk kolportiert wird. Beklagt die überaus bürgerliche Reaktion auf "Finanzkrise", ungezügelten "Finanzkapitalismus" und "Neoliberalismus" doch allein den Verlust eines vermeintlich "menschlicheren" Kapitalismus. Nun, wo es plötzlich fast jedem auf die Füße fällt, dass sich eine völlig entgrenzte Unsozialität verbreitet hat, die selbst Banker zum Aussteigen bewegt, wird die "Verwandlung des Menschen (...) in eine narzisstische und egoistische Maschine" bemerkt. Als sei das eben so plötzlich passiert; als sei der Mensch je besser gewesen ...

Magda 20.02.2013 | 10:17

Ich hoffe, Du erwartest von mir jetzt keine endgültige Antwort. Das wäre gemein. (Zunge raus)

Ich finde, dass Konkurrenz und Profilierung auf vielen Gebieten durchaus sinnvoll und vernünftig ist. Was mich übrigens dabei gerade an Schirrmacher stört, ist, dass er versucht, die Konkurrenz mit allerlei Mätzchen auszuschalten und sich allein als Mahner und Warner zu profilieren. Er will den Wettbewerb immer umgehen und das ist destruktiv. Das soll jetzt nur ein Beispiel sein.

Nach wie vor denke ich, dass Konkurrenz, dass "friedlicher Wettbewerb" auch "das Geschäft beleben kann". Zugrunde geht die Welt an den Extremen, an den Maßlosigkeiten. Im Sport sieht man es ja gerade, dass alle Regeln außer Kraft zu sein scheinen. So ungefähr. ..

miauxx 20.02.2013 | 18:01

"Ich hoffe, Du erwartest von mir jetzt keine endgültige Antwort."

Natürlich nicht - wer hätte die schon?! :-)

"Was mich übrigens dabei gerade an Schirrmacher stört, ist, dass er versucht, die Konkurrenz mit allerlei Mätzchen auszuschalten und sich allein als Mahner und Warner zu profilieren. Er will den Wettbewerb immer umgehen und das ist destruktiv."

Hmm, ist das so? Mit "Konkurrenz" meinst Du hier vielleicht Stimmen von links? Also dass Schirrmacher gerade vom bürgerlichen Mitte-Rechts-Bereich aus versuche, seine Kapitalismuskritik zu etablieren, um zu verhindern, dass man am Ende den "Linken" zu sehr glaubt? - Huch, da muss ich glatt an Bismarck und seine Sozialgesetze denken ...
Naja, nicht übertreiben - ich weiß es nicht ... Zwar ist doch recht offensichtlich, dass Schirrmacher nun nicht plötzlich "von links" überholt, wie ja auch Seeßlen meint (s.a. mein Kommentar oben). Aber er wird halt am Ende vielleicht doch einfach mehr gehört; er hat einen Stand in der Intellektuellen- und Medienlandschaft, wie ja auch Augstein diagnostiziert. Ob man ihn trotzdem so über den Klee loben muss, wie ja auch Augstein ("Schirrmacher ist der spannendste Journalist des Landes"), sei mal dahingestellt ...