Stefan Heidenreich
21.03.2013 | 14:29

Kleinplanet im Konferenzmodus

Former West Eine Reihe von Ausstellungen macht den vergangenen Westen zum Thema – diese Woche im HKW in Berlin. Es handelt sich um ein locker gefügtes Ensemble guter Kunst

Kleinplanet im Konferenzmodus

Eine von vielen guten Arbeiten: Daniel Bakers „Wish you were here: 009“ (2006)

Foto: courtesy of the artist

Vom „Former East“, dem ehemaligen Osten, ist seit langem die Rede. Dass auch der Westen vergangen ist, macht seit 2009 eine Reihe von Konferenzen und Ausstellungen unter dem Titel Former West zum Thema – diese Woche im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

Die Ausstellung gehört mit zum Besten, was in den für Kunst schwierigen Räumen bislang zu sehen war. Hassan Khan dokumentiert, wie er in Kairo in einer kleinen, zur Straße hin verglasten Zelle sein Studium nacherzählt. Von Christoph Schlingensief gibt es eines seiner besten Werke, den 2000 in Wien gezeigten Ausländer Raus!-Container zu sehen. Um nur zwei von vielen guten Arbeiten zu nennen.

Was hat das mit „Former West“ zu tun? Auf den ersten Blick wenig, und das ist gut so. Es handelt sich nicht um eine bemühte Themenausstellung, sondern um ein mit glücklicher Hand kuratiertes und locker gefügtes Ensemble guter Kunst.

Die Konferenz dagegen zielt aufs große Ganze. Der Künstler stehe nicht mehr am Rand, sondern im Zentrum unserer Gesellschaft, seit Arbeit immer künstlerischer werde, meint die Kuratorin Marina Hlavajova. Der Theoretiker Boris Groys behauptet, dass Kunst und Politik heute auf derselben Ebene stattfinden würden, der Öffentlichkeit. Nur dass die Kunst der Politik ein Archiv voraushätte. Die Künstlerin Hito Steyerl wiederholt wie ein Popstar einen neulich um die Ecke schon einmal gehaltenen Vortrag über künstlerische Massenproduktion. Kunst verschmelze nicht nur mit dem Leben, sondern das ganze Leben selbst werde Kunst.

Das Amüsanteste daran: Die Vortragenden scheinen sich selbst zu glauben. So sehr kreist die Kunstwelt um sich. Dass niemand die lustigen Machtfantasien dieses Kleinplaneten zur Notiz nimmt, kümmert nicht weiter. Derart gefilterte Selbstwahrnehmung wurde im Netz jüngst unter dem Schlagwort Filter-Bubble diskutiert. Die Kunst-Blase nährt ihre eigenen Philosophen, trifft sich an speziellen Orten, liest nur ganz bestimmte Texte und reist viel und gerne um den Globus, ohne die eigene kleine Welt je zu verlassen.

Bei der ersten Konferenz der Reihe, 2009 in Utrecht, prallten zwei Ansätze aufeinander. Auf der einen Seite stand der Anspruch, die Geschichte des Westens vor dem Hintergrund der „institutional critique“ zu erzählen, einer Auseinandersetzung mit den Institutionen der Kunst. Gegen diese Erzählung aus dem Blick der europäischen Provinz wehrten sich die Anhänger der Postcolonial Theory.

Was hat man seither über die Vergänglichkeit des Westens gelernt? Falsche Frage. Die Reihe operiert nach dem Prinzip der Antragskultur. Man trifft sich, man redet, man trägt viel Material zusammen. Und schreibt den nächsten Antrag.

Den ersten Tag schließt eine Theaterinszenierung von Anton Vidokle ab. Vor sparsamer Bühne – Bett vor Projektion von Stromleitungen und Kraftwerkstürmen – erzählen vier Monologe von Unsterblichkeit, Liebe und kosmischer Energie. Die Kunst mag zwar in einer Blase leben. Aber in ihrer Buntheit ragt sie aus der intellektuellen Landschaft hervor. Vielleicht, weil in der Kunstwelt englisch gesprochen wird. Das macht gegen die Provinzialität vieler deutscher Debatten immun. So füllen sich große Säle im gemeinsamen Empfinden, dem Zentrum der Welt zu lauschen.