Alltagsredaktion
29.09.2012 | 09:00 1

Prost! Prost?

A–Z Alkohol Kulturgut und Droge: In München ist Oktoberfest, in Tschechien verbot die Regierung hingegen nach einer Vergiftungsserie den Schnapsverkauf. Das Lexikon zum Alkohol

A

Absinth

Das Zeug ist grün wie Lutscheis und schmeckt scheußlich bitter. Das ist der Wermut, die Basis-Ingredienz dieses Getränks, das lange Zeit als richtig heißer Stoff galt. Im Frankreich der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trafen sich die Großstädter ab 17 Uhr zur „grünen Stunde“. Die Boheme schwor auf Absinth zu jener Zeit. Der Dichter Baudelaire versuchte damit seine Syphiliserkrankung erträglicher zu machen. In vielen Teilen Europas war das Höllengesöff ab 1915 verboten. Das in ihm enthaltene Nervengift Thujon stand im Verdacht, Schäden bis hin zur Blindheit zu verursachen. Inzwischen weiß man: Nicht das Thujon ist das Problem, sondern schlicht der Alkohol in der hohen Konzentration. Mark Stöhr

B

Bilder

Sonntagabend, Tatortzeit. Dieser tolle Bergsee, vor dem sich ein volles Bierglas dreht, prickelnd, mit perfekter Haube. Ping, macht es im Kopf und schon rennt der Couch-Potato noch schnell zum Kühlschrank ... zisch, schlürf. Das läuft ziemlich automatisch ab, sagt die neuere Alkoholforschung. Man denkt darüber gar nicht groß nach, und der Kater kommt erst danach. Bilder oder bestimmte Ereignisse aktivieren nämlich diejenigen Gehirnregionen, wo sich das Suchtgedächtnis befindet und setzen weitgehend unkontrollierte Handlungsketten in Gang. Also kann ein „trockener“ Alkoholiker gar nichts gegen den Rückfall tun? Doch, sagen die Forscher. Man kann trainieren, solche Situationen zu erkennen. Und man konfrontiert die Betroffenen in Therapien immer wieder mit den entsprechenden Bildern und Situationen, bis sie ihren Reiz verlieren. Also, liebe Alkies, keine Ausreden, ihr seid nicht willenlos ausgeliefert! Ulrike Baureithel

Bio-Sprit

Umweltfreundliches Benzin, das hörte sich erst einmal gut an. 2011 wurde in Deutschland der Bio-Kraftstoff E-10 eingeführt. Er enthält 10 Prozent Ethanol, dieses wird aus Pflanzen wie Rüben, Getreide, Mais oder Zuckerrohr gewonnen und sollte den CO2-Verbrauch senken. Nur blieben die Verbraucher lieber beim Super und das aus mehreren guten Gründen. Erstens kann E-10 manchen Autos schaden. Zweitens lässt die CO2-Bilanz zu wünschen übrig, rechnet man den Getreide-Anbau mit ein. Drittens verschlimmert E-10 weltweit die Getreideknappheit, die zu Hungersnöten führt. Der Bio-Sprit wurde zur echten Pleite für die Industrie. Die aber wird die Kosten einfach auf die Sprit-Preise umlegen. Sind eben selbst schuld, die Verbraucher. Irene Habich

D

Droge

Heroin oder Crack mögen als „schmutzige Drogen“ gelten, aber Alkohol? Wissenschaftler geben dem Alkohol genau dieses Attribut: schmutzig. Heroin etwa spricht nur einen einzelnen Rezeptor im Hirn an, der Alkohol hingegen viele. Er fährt hoch und runter, macht munter und gleichzeitig irgendwann lahm. Er bringt den Körper dazu, Endorphine auszuschütten, die sonst zum Beispiel beim Sex oder Essen produziert werden. Die Euphorie wird begleitet von der allmählichen Eintrübung: Tunnelblick, Lallen, Karussell. Der Konsum harter Drogen bringt den Einzelnen zwar aller Voraussicht nach schneller unter die Erde, das Zerstörungspotenzial von Alkohol wird allgemein jedoch höher eingeschätzt, weil es das gesamte Organsystem betrifft. Und weil vor allem mehr Leute ein Alkohol- als ein Heroin- oder Crackproblem haben und dadurch die Gesellschaft insgesamt stärker betroffen ist. MS

K

Kneipe

Menschen haben schon immer gern in Gesellschaft getrunken. Davon erzählt das Wort Kneipe, das vom Mittelhochdeutschen knipen, kneifen kommt: Weil so viele durstige Gäste sich in die Schankwirtschaften quetschten, erhielten sie den Namen Kneipe. Inzwischen wird eher über das Kneipensterben geredet. Junge Leute gehen lieber in Bars, nicht mehr in die Eckkneipe. Damit verschwinden aus dem deutschen Stadtbild leider Namens-Perlen wie Bierstübl oder Förstereck, deren schlichte Schönheit erfreut. Stattdessen greifen die kreativen Wortspiel-Neuschöpfungen um sich, bei denen die Namen gleichzeitig Programm sein sollen: Malheur, Absturz oder Sorgenbrecher heißen Kneipen heute großspurig. Ob im „Absturz“ aber tatsächlich mehr gebechert wird als in „Karins Treff“, ist durchaus fraglich. Stina Hoffmann

Kunst

Horaz wird der Spruch zugeschrieben: „Gedichte, die von Wassertrinkern geschrieben wurden, können nicht lange Gefallen erregen.“ Ist also nur gut, was besoffen geschrieben, gemalt und gemeißelt wurde? Wohl kaum, die Affinität zwischen Alkohol und Kunst ist trotzdem Legende. Ihr sind berühmte letzte Worte zu verdanken wie jene des dichtenden Säufers Dylan Thomas: „Ich hatte gerade 18 Whiskys, ich denke, das ist ein Rekord.“ Auch das Werk eines Charles Bukowskis oder eines Ernest Hemingways wäre ohne den Blick ins Glas schwer vorstellbar, wenngleich der Übergang zwischen promillebefeuertem Flow und schnödem Alkoholismus sozusagen flüssig ist. Allerdings hatte der griechische Lyriker Anakreon nicht unrecht, als er vor 2.500 Jahren schrieb: „Viel besser ist es, trunken als tot am Boden zu liegen.“ MS

M

Mär

„Wein auf Bier, das rat ich dir. Bier auf Wein, das lasse sein.“ Die Weisheit gilt als der Merkspruch gegen Kater-Kopfschmerzen am Morgen danach. Jeder, der einmal einen über den Durst getrunken hat, kann allerdings bestätigen, dass in diesem Fall auch „Wein auf Bier“ kein guter Rat ist. Und man vermutet mit Recht, dass dieses Sprichwort eher Mär, denn eine biologisch fundierte Empfehlung zur Katerprävention ist.

Eine andere Theorie klingt da schon einleuchtender. Danach hat der Spruch seinen Ursprung in der Geschichte und war eine Anleitung für den Weg nach oben auf der sozialen Leiter. Denn der Aufstieg von der Bier trinkenden Unterschicht zu den besser gestellten Weintrinkern galt immer als ratsam. Den umgekehrten Weg wünschte man dagegen niemandem. Benjamin Knödler

P

Prohibition

Das Verdammen des Alkohols hatte ab 1800 in vielen Ländern wellenartige Konjunktur. Am bekanntesten ist die US-Prohibitionsbewegung. Als ordnungszerstörend, aber auch als Krankmacher ging es dem „Teufel Alkohol“ an den Kragen. Vereinen wie der Anti-Saloon-League gelang es, 1920 das Verbot von alkoholischen Getränken mit mehr als 0,5 Prozent als Verfassungszusatz in Kraft treten zu lassen. Daraufhin sank zwar der Alkoholverbrauch bei den unteren Schichten. Ein gut durchorganisierter Schwarzmarkt versorgte aber die Zahlungskräftigeren, und die Eigenproduktion blühte auf. Bigotterie herrschte unter den Verbotsbefürwortern der oberen Klasse. Präsident Herbert Hoover etwa geißelte das Trinken, hob aber dennoch gern sein Gläschen Gin-Fizz.

Als das allgemeine Verbot 1933 wieder gestrichen wurde, waren mehr als 500.000 Menschen wegen Prohibitionverstoßes verurteilt worden. Da das Tabu die Attraktivität von Spirituosen maßlos erhöht hatte, war der steile Anstieg des Alkohol-Konsums eine langfristige Folge. Derweil waren sozial integrierte Trinkkulturen zerstört worden. Tobias Prüwer

Pusten

Wer rechnet als Radfahrer mit sowas? Kurz nach Mitternacht, Polizei von rechts. „Sie fahren Schlangenlinien. Haben Sie getrunken?“ „Naja. Ja.“ „Wieviel?“ „Hm. Halben Liter Rotwein?“ Die Polizisten lachen sehr laut. „Na, dann pusten wir mal.“ Mist. Viel mehr getrunken als zugegeben. Was tun? Verzweiflungsstrategie: Langsam pusten. Das Gerät streikt. Nochmal, bisschen fester. Der Messfehler des elektrochemischen Handmessgeräts Dräger 7140 ist klein, höchstens o,o5 Promille. Schummeln nicht möglich. Rauchen kann das Messergebnis erhöhen. Eine Flasche Rotwein für eine Frau von 60 Kilo ergeben laut Online-Rechner-Widmarkformel 1,93 Promille. Oder (andere Website) nur 1,61. Rauchen nicht einberechnet. Schnaps aufs Haus auch nicht. Der nie gemachte Führerschein rückt in weite Ferne. Das Gerät piept. 0,81. Verwunderung. Und die Erkenntnis: Formeln lügen. Kathrin Zinkant

V

Verein gegen betrügerisches Einschenken

Alle Jahre wieder ärgern sich die Besucher des Oktoberfestes über die gestiegenen Bierpreise. Zu allem Übel schenken die Wirte auch durchschnittlich 100 Milliliter zu wenig Bier ins Glas. Das freut die Dirndl-bekleideten Kellnerinnen, geht das Tragen der Krüge doch nicht so auf den Rücken. Das freut auch die Schankwirte, fahren sie doch dadurch ordentliche Gewinne ein. Das freut allerdings weniger die Kunden. Zum Glück haben sie jemanden, der sich mit aller Bier-Liebe für sie einsetzt: „Der Verein gegen betrügerisches Einschenken“. Er wurde bereits 1899 gegründet, um dem ungerechten Einschenken Einhalt zu gebieten. Mittlerweile hat er knapp 4.000 Mitglieder, auch Edmund Stoiber soll unter ihnen sein. Im Augenblick sammelt der Verein Unterschriften für ein Bürgerbegehren, um den wuchernden Bierpreisen Einhalt zu gebieten und ehrenamtliche Bier-Aktivisten messen mit dem Maßband, ob die Maß auch voll genug ist. Myriam Schäfer

W

Widerspruch

Wir waren gerade volljährig, hatten bunte Haare, Lederjacken mit Nieten drin und tranken gerne Bier. Ein Schulfreund, bei dem ich in dieser Nacht schlafen sollte, war in all dem ein bisschen weiter als ich. Außerdem war er Hardcore-Vegetarier.

Unser Nachhauseweg führte am städtischen Schlachthof vorbei. Dort standen am frühen Morgen zwei LKW, voll mit quiekenden Schweinen. Er rannte sofort hin zu den Fahrern und schimpfte, das sei Mord, und von wegen sie würden „nur ihren Job“ machen. Er wurde immer lauter. Als er merkte, dass einen Deutschen nichts von seiner Pflichterfüllung abbringt, wankte er zurück, streckte seine linke Hand durch die Stäbe des Anhängers, begann ein Schwein zu streicheln und dabei bitterlich zu weinen. Noch einmal sammelte er seine ganze Kraft, ballte die rechte Hand zur Faust und schrie in Richtung LKW-Fahrer: „IHR MIESEN SCHWEINE!“

Kurz darauf eskortierte uns die Polizei den restlichen Weg nach Hause. Erst sehr viel später sollte ich lernen, dass man gewisse Widersprüche im Kapitalismus aushalten muss. Dass man sie auch im Alkohol nicht unbedingt auflösen kann, wusste ich da bereits. Sebastian Dörfler

Z

Zwang

Unangenehm wird es, wenn Alkoholkonsum zum sozialen Zwang ausartet. Aufgrund meiner Tätigkeit als DJ bin ich damit oft konfrontiert worden. Clubbetreiber, Kollegen oder übermotivierte Ausgehfreunde möchten ihre Zuneigung durch das gemeinsame Kippen von Kurzen besiegeln. Das Ablehnen empfinden sie als beleidigend. Ich hasse Schnäpse und deren Effekt, und oft habe ich mich gerettet, indem ich zum Beispiel einen Zahnarzttermin am nächsten Morgen erfand. Das löst im Allgemeinen Mitleid aus und die Verweigerung wird verziehen.

Neulich gab es im Rahmen eines „Shop Openings“ in Berlin-Mitte „free drinks“. Statt um Alkohol bat ich den Barkeeper um Orangensaft. Er verweigerte ihn mir mit der Begründung, Saft sei abgezählt und nur in Verbindung mit Wodka zu bekommen. Ich traute meinen Ohren nicht, blieb aber hart und bekam den Saft schließlich doch. Wenn es etwas umsonst gibt, ist man also verpflichtet, sich einen hinter die Binde zu kippen? Verkehrte Welt. Sophia Hoffmann

Kommentare (1)

Wolfram Heinrich 29.09.2012 | 17:26

@Kathrin Zinkant

Wer rechnet als Radfahrer mit sowas? Kurz nach Mitternacht, Polizei von rechts. „Sie fahren Schlangenlinien. Haben Sie getrunken?“ „Naja. Ja.“ „Wieviel?“ „Hm. Halben Liter Rotwein?“ Die Polizisten lachen sehr laut. „Na, dann pusten wir mal.“ Mist. Viel mehr getrunken als zugegeben. Was tun? Verzweiflungsstrategie: Langsam pusten. Das Gerät streikt. Nochmal, bisschen fester. Der Messfehler des elektrochemischen Handmessgeräts Dräger 7140 ist klein, höchstens o,o5 Promille. Schummeln nicht möglich. Rauchen kann das Messergebnis erhöhen. Eine Flasche Rotwein für eine Frau von 60 Kilo ergeben laut Online-Rechner-Widmarkformel 1,93 Promille. Oder (andere Website) nur 1,61. Rauchen nicht einberechnet. Schnaps aufs Haus auch nicht. Der nie gemachte Führerschein rückt in weite Ferne. Das Gerät piept. 0,81. Verwunderung. Und die Erkenntnis: Formeln lügen.

 

Mich verwundert diese Geschichte überhaupt nicht. Über den Zusammenhang zwischen der aufgenommenen Alkoholmenge und der dann zu messenden Blutalkoholkonzentration sind eine Menge schauerlicher Legenden im Umlauf. Besonders schauerlich ist dabei der Umstand, daß diese Legenden von Fachleuten, also von Verkehrspsychologen - MPU-Gutachter, bzw. MPU-Berater - verbreitet werden. Nicht wenige Kollegen bedienen sich der Formeln der Promillerechner, weigern sich dabei standhaft, diese Werte anhand eines heroischen Selbstversuchs - notfalls mit geliehenem Alkomaten - nachzuprüfen.

Ich zitiere mich der Einfachheit selbst:

 

Nach der sogenannten WIDMARK-Formel

                                                 Alkoholmenge in Gramm

  Alkoholgehalt in Promille =     -----------------------------------------

                                                 Körpergewicht in kg x 0,7

errechnet sich für eine Person von durchschnittlichem Körpergewicht (75 kg) pro Standardglas (8 g reiner Alkohol) eine BAK von ca. 0,15 Promille.

Wenn man die obige Faustformel auf größere Mengen Alkohol anwenden will, muß man natürlich berücksichtigen, daß der Alkoholabbau bereits beginnt, wenn der erste Tropfen Alkohol in der Leber ankommt. Noch während ich trinke, ist der Abbau in vollem Gange. Man rechnet in den frommen Alkoholbroschüren gemeinhin mit einem Abbaufaktor von 0,1 Promille pro Stunde. Dieser Wert erscheint allerdings für eine trainierte, aber noch nicht kaputtgemachte Leber als sehr niedrig.

Wenn ein der Trunkenheitsfahrt Beschuldigter nicht auf frischer Tat ertappt und aus dem Auto gezerrt wird, sondern erst mit Verzögerung festgenommen werden kann, besteht meist der Verdacht auf Nachtrunk. In diesem Falle läßt die Polizei zwei Blutproben im Ab­stand von 20 bis 30 Minuten machen. Schaut man sich die Blutentnahmeprotokolle an, so ist der zweite Meßwert meistens um ca. 0,1 Promille niedriger als der erste. Auf die volle Stunde hochgerechnet läßt sich daraus leicht ein Alkoholabbau von 0,2 bis 0,3 Promille errechnen.

Bleiben wir aber bei der vorsichtigen Rechnung und nehmen wir, um die Sache nicht noch komplizierter zu gestalten, als Faustformel 0,1 Promille für das Standardglas an, den Abbau schon eingerechnet. Dabei ist ein in Gesellschaft übliches Trinktempo vorausgesetzt.

Das heißt, für 2,0 Promille braucht nach der WIDMARK-Formel ein normal gebauter Mann, der nicht gar zu hastig trinkt, immerhin 20 Gläser Bier à 0,25 l, entsprechend 10 Halbe-Krüge Bier oder 8 Viertelgläser Wein (knapp drei Flaschen Wein á 0,7l) oder 20 Schnäpse à 0,02 l (gut eine halbe Flasche Schnaps).

Und selbst das ist letztlich pure Theorie. Was in der einfachen WIDMARK-Formel nämlich noch nicht vorkommt, ist das sogenannte Resorptionsdefizit. Darunter versteht man das Phänomen, daß ein gar nicht mal so kleiner Teil des getrunkenen Alkohols unverarbeitet durch den Körper wieder ausgeschieden wird, also nicht in den Blutkreislauf übergeht. Dieses Resorptionsdefizit ist individuell sehr verschieden, liegt zwischen 5 Prozent und immerhin 45 Prozent. Ein Resorptionsdefizit von 45 Prozent heißt: knapp die Hälfte des überhaupt getrunkenen Alkohols rauscht unverarbeitet in die Blase und von dort ins Wirtshausurinal.

So wie es beim Essen gute und schlechte Futterverwerter gibt, gibt es auch beim Trinken Menschen, die den genossenen Alkohol aufsaugen wie ein Schwamm, während andere einen erheblichen Teil durchlaufen lassen.

Das heißt, die WIDMARK-Formel beschreibt die maximale Obergrenze für die BAK. Der wahre Wert liegt in der Regel erheblich niedriger, das heißt, um zwei Promille zu erreichen, sind eher deutlich mehr Gläser Alkohol nötig, als oben dargestellt.

 

Der Trinkversuch

 

Im Rahmen ihrer Öffentlichkeitsarbeit veranstalten Medizinisch-Psychologische Untersuchungs­stellen gerne sog. „Trinkversuche“. Es werden Rechtsanwälte, Verwaltungsbeamte, Journalisten etc., kurz: Leute, die entweder berufsmäßig mit Alkohol am Steuer zu tun haben oder eine große Wirkung nach außen garantieren, eingeladen. Die Gäste bekommen alkoholische Getränke serviert. Der Unterschied zu einem normalen Gelage besteht lediglich darin, daß jemand (einer, der nüchtern bleiben muß) den Konsum der einzelnen Gäste festhält, sich auch Notizen über die Veränderung des Verhaltens der einzelnen Testteilnehmer macht. Zu Beginn, am Ende und in gewissen Zeitabständen dazwischen werden mit einem Alkotestgerät die Promille gemessen.

Vor einigen Jahren konsumierte bei solch einem Trinkversuch ein 84 kg schwerer Mann im Verlaufe von vier Stunden 6 Glas Bier (á 0,5 l) und vier Gläser Schnaps (á 2 cl). Als Faustregel läßt sich sagen daß vier Standardgläser Schnaps dem Alkoholgehalt von einem Liter Bier entsprechen. Unser „Trinker für die Wissenschaft“ hatte also im Verlaufe von vier Stunden den Alkoholgehalt von 8 Glas Bier - entsprechend vier Liter - konsumiert. Wie dies nach acht Bier nicht weiter verwunderlich sein dürfte, hatte er ganz erheb­liche Probleme mit seiner Standfestigkeit, geschweige seinem Gehvermögen, die Aussprache war schwer beeinträchtigt, kurz: Der Mann war betrunken und alles in allem von jeder Fahrtüchtigkeit weit entfernt.

Gemessen wurden bei diesem Mann 0,79 Promille.

 

Die Wahrheit, nach und nach

 

In Nachschulungskursen für alkoholauffällige Kraftfahrer bediene ich mich gerne dieser Geschichte. Erzähle ich sie in der ersten Sitzung, bei der man eben dabei ist, sich kennenzulernen und Vertrauen zueinander zu fassen, dann ist die Reaktion fast immer demonstratives Erstaunen und fassungslose Ungläubig­keit: „Das gibt es nicht, das glaub’ ich nicht. Ich habe doch damals - bei meiner eigenen Trunkenheitsfahrt - nur so wenig Bier und doch so viel Promille gehabt!.“

In der dritten, vierten Sitzung, wenn die Leute aufgetaut sind und aufgehört haben, sich vor mir als Kursmoderator zu fürchten, hört sich dann alles ganz anders an. Da erzählt dir dann einer, er habe sich damals bei der MPU gar nicht getraut, seine wahre Trinkmenge anzugeben. Von vier Bier habe er gesprochen und der Psychologe habe bloß müde gelächelt. Jetzt könne er es ja sagen, es seien acht Bier gewesen, mindestens. Gemessen habe man seinerzeit bei ihm 0,82 Promille. Und ein 90 kg schwerer Bauarbeiter erzählt, er habe sich mal in anderthalb Stunden „sechs Hoibe einegschteßn“ (sechs halbe Liter Bier getrunken). Auf der Heimfahrt sei er in eine Alkoholkontrolle geraten. Er sei sich sicher gewesen, daß jetzt der Führerschein weg sei und habe den Polizisten seine sechs Bier vor der Fahrt gestanden. Gemessen habe man dann bei ihm lächerliche 0,3 Promille und jeder, einschließlich der Polizisten, habe gedacht, der Alkomat wäre hin. In einem anderen Kurs erzählt ein kleiner, drahtiger Mann von ganz bestimmt weniger als 70 kg, er habe bei seinem ersten Delikt 2,2 Promille gehabt. Er könne sich noch gut dran erinnern, daß er vor dem Fahren einen Kasten Bier und eine Flasche (Jack Daniels (American Whiskey) getrunken habe.

Gehen Sie davon aus, daß bei einem Mann von 80 kg ein Kasten Bier (20 Flaschen á 0,5 Liter) nötig ist, um ihn auf zwei Promille zu bringen.

Eher mehr als weniger.

 

Die fromme Lüge der Verkehrssicherheitspropaganda

 

In der allerbesten Absicht, nämlich den ahnungslosen Autofahrer durch möglichst drastische Infor­mationen möglichst nachhaltig vom alkoholisierten Fahren abzuhalten, haben wohlmeinende Ver­kehrspsychologen und -mediziner viele Jahre lang gelogen - und tun es noch.

In gutgemeinten Aufklä­rungsbroschüren zum Thema „Alkohol am Steuer“ haben sie dem Bürger einzureden versucht, er wäre be­reits nach dem Genuß des dritten Bieres in Gefahr, an der damals noch geltenden 0,8-Promille-Grenze zu scheitern. Das ist doch nicht so schlimm, mag man einwenden. Man setzt in der Propaganda eben die Schwelle, ab welcher Gefahr besteht, ein bißchen niedriger an, als sie in Wirklichkeit ist, damit der möglicherweise Gefährdete im Zweifelsfall eher übervorsichtig als zu nachlässig ist.

 

Das Beispiel mit dem Haschisch

 

Nicht minder wohlmeinende Eltern und Pädagogen haben jahrzehntelang den Heranwachsenden die wilde Story vom bösen Haschisch erzählt - und tun es noch. Es mache ganz schnell süchtig, sagten sie, hinterlasse enorme körperliche und psychische Folgeschäden und vor allem: Der Konsum von Haschisch ziehe fast unvermeidlich den prompten Einstieg in das noch gefährlichere Heroin nach sich.

Die mit dieser Geschichte geimpften Jugendlichen lernten dann irgendwann Konsumenten von Haschisch kennen, Leute, die seit Jahren schon Haschisch konsumierten. Weder waren diese Leute an Körper und Geist kaputte Menschen, noch waren sie süchtig, noch jemals auf Heroin umgestiegen. Die Erfahrung mit der Lüge Haschisch verleitete dann manche zu dem Kurzschluß, es müßten auch die wilden Geschichten über Heroin Lügen sein.

Ein fataler Irrtum.

 

Falsche Solidarisierung

 

In unserem Fall führt die wohlmeinende Propagandalüge der Verkehrssicherheitspropaganda dazu, daß der biedere Bürger, der sich zum Fernsehen auch mal zwei Bier gönnt, diese Menge auf etwa 0,5 Pro­mille hochrechnet und schließlich davon ausgeht, davon ausgehen muß, daß sein Arbeitskollege, den man mit zwei Promille erwischt hatte, mal eben von 4 oder 5 oder 6 Bierchen genascht hat - einer Menge, die er sich zur Not auch bei sich selber vorstellen könnte.

All das Theater, welches Justiz und Behörden mit diesem Arbeitskollegen veranstalten, von der enormen Geldstrafe über den Führerscheinentzug bis zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung muß ihm unter solchen Voraussetzung absolut überzogen und schikanös erscheinen. In dem sicheren Bewußtsein, daß ein solches Schicksal auch ihm passieren könnte, wenn es denn nur ein bißchen dumm liefe, solidarisiert er sich mit seinem Kollegen, ohne das wirkliche Ausmaß von dessen Alkoholmißbrauch je begriffen zu haben.

Das ist die Gefahr.

 

Ciao

Wolfram