Gabriella Coleman
22.03.2012 | 07:00 4

Was will Anonymous?

Hacker Wie aus einer kleinen Gruppe pubertärer Hacker-Jungs eine weltweit agierende, politische Bewegung geworden ist

Was ist Anonymous eigentlich? Eine terroristische Vereinigung? Eine Ansammlung harmloser Hacker? Eine neue anarchistische Kraft? Der Name ist zunächst einmal ein Schutzschild, eine Art Banner für kollektive Aktionen. Er wird von verschiedenen Hackern, IT-Experten, Aktivisten, Menschenrechtsanwälten und ja, auch Spinnern verwendet und steht für eine Reihe von Ideen und Idealen, die um das Prinzip der Anonymität herum angeordnet sind. Niemand weiß, wie groß die Gruppe dieser Aktivisten ist, die allein durch ihre Aktionen miteinander verbunden sind. Aktionen, die von beängstigenden, manchmal aber auch banalen Streichen bis zur Unterstützung von Revolutionären reichen.

Allein in den vergangenen Monaten hat Anonymous die mexikanischen Drogenkartelle ins Visier genommen, die Occupy-Bewegung angefeuert und den Vatikan angegriffen. Die Aktionen sind spektakulär. Anonymous blockiert Webseiten, hackt scheinbar mühelos Kreditkarten und geheimste Daten (siehe Zeitleiste). Mal sind die Aktionen friedlich und legal, mal destruktiv und jenseits des Erlaubten, oft finden sie in einer moralischen und juristischen Grauzone statt.

2008 begann ich, mich intensiv mit dem Phänomen zu beschäftigen. Ich wollte wissen: Wie wurde aus einer Gruppe harmloser Hacker eine der geschicktesten und wirkungsvollsten politischen Betriebe der Gegenwart?

2008 war das Jahr, als Anonymous erstmals öffentlich in Erscheinung trat. Die Bewegung griff mit der „Operation Chanology“ Scientology an und löste eine Demonstrationswelle gegen die Sekte aus. Zwei Jahre später erreichte sie mit der „Operation Payback“ sogar Weltruhm, als sie mit einem Hackerangriff die Server großer Finanzdienstleister wie MasterCard, Visa oder PayPal lahmlegte, weil diese Zahlungen an WikiLeaks blockiert hatten. Es war ein sogenannter DDoS-Hacker-Angriff (Distributed Denial of Service, deutsch: Überlastungsangriff), der zu einer Blockade der Infrastruktur führt. Mit einem Schlag war Anonymous bekannt. Die Medien sprachen von „Onlineaktivisten“ oder „globalen Cyberterroristen“. Aber traf das zu? Wer oder was ist Anonymous? Und wie wurden sie, was sie mittlerweile sind?

Obwohl Anonymous heute durch ihre re­spektlose und rebellische Art mit politischen Aktionen in Verbindung gebracht wird, ging es einmal ganz anders und nicht gerade heroisch los. Bis Ende 2007 wurde unter dem Label mit sogenanntem Trollen fast ausschließlich Schaden angerichtet. Trollen bedeutet in Foren, Blogs und sozialen Netzwerken ständig und überall destruktive und provozierende Inhalte zu schreiben. Genau das tat Anonymous. Man schädigte oder zerstörte den Ruf von Organisationen und Einzelpersonen, indem man erniedrigende Informationen über sie enthüllte – einfach aus Spaß.

Dieses von heute aus betrachtet scheinbar paradoxe Verhalten der Gruppe hat viel mit ihrem Ursprung auf 4chan.org zu tun. Diese Webseite gilt vielen als einer der anstößigsten Orte im Internet. Sie besteht aus 150 themenbezogenen Foren. Am brisantesten ist das sogenannte /b/, ein nicht zensiertes Forum voller Pornografie, rassistischer Beschimpfungen und Beleidigungen. Alle kommunizieren hier in einem kryptischen Code, der das Englische auf eine Reihe von Schimpfwörtern und SMS-Abkürzungen reduziert.

Was auf Außenstehende verstörend wirkt, ist für Insider normal. Es stellt sogar eine der wesentlichen und meistgeschätzten Qualitäten von 4chan.org dar. Als 2007 der erzkonservative US-Fernsehsender Fox News die Webseite als „Hassmaschine“ bezeichnete, nahm Anonymous die Bezeichnung auf und veröffentlichte ein düsteres Video, in dem man sich selbst als „Face of chaos“ bezeichnete, das „über Tragödien lache“.

Auf 4chan.org legten die Hacker sich zum Beispiel mit Jessi Slaughter an. Das damals elfjährige Mädchen hatte selbstgedrehte Video-Monologe ins Netz gestellt. Anonymous postete das zur allgemeinen Belustigung auf 4chan.org. Als das Mädchen sich mit solchen unglücklichen Sätzen wie „I will pop a glock (Pistole) in your mouth and make a brain slushie (Brei)“ versuchte, dagegen zu wehren, wurde plötzlich ihr Name, die Adresse und Telefonnummer veröffentlicht. Und das Mädchen unter anderem mit Hass-Emails terrorisiert. Anonymous, das ist auch immer ein etwas geschmacklos wirkender Jungshumor auf Kosten anderer.

Solcher Zynismus ist Anonymous heute eher fremd. In den vergangenen Jahren wurde die Strategie des Trollens als Bestandteil einer sehr direkten Form des Protestes etabliert.

In den endlosen Monaten, die ich in Foren verbrachte, um den Wandel vom spätpubertären Jungshumor zum politischem Aktivismus zu verstehen, wurde mir klar, dass die Gruppe jenseits des Bekenntnisses zu Anonymität und freiem Informationsfluss weder eine zusammenhängende Philosophie noch ein politisches Programm hat. Manchmal neckisch und verspielt, manchmal makaber und unheimlich, wird die Bewegung immer noch von der Lust angetrieben, Schaden oder Unfug anzurichten. Wenn es einen Begriff gibt, der diesen Charakterzug beschreibt, dann ist es das kleine Wort lulz. Lulz ist eine Spielart des Netzjargons LOL („laugh out loud“, „laut lachen“). Und es bedeutet so viel wie „Lachen auf Kosten anderer“.

Die Logik der Trolle

Die vier Buchstaben sind ein Symbol dafür, wie leicht und beiläufig Trolls das Sicherheitsgefühl sorgloser Bewohner der „wirklichen Welt“ untergraben können, indem sie zum Beispiel Unmengen von Pizzen plus Rechnung an eine einzige Adresse bestellen oder Telefonnummern, Kreditkartennummern oder Festplatteninhalte einer Privatperson öffentlich machen. Dinge, die man für gewöhnlich als persönlich oder sicher betrachtet.

Das Entscheidende ist vielleicht, dass Aktionen, die auf lulz aus sind, den Konsens brüchig machen, den wir in Bezug auf Politik, Ethik und sozialen Zusammenhalt teilen. Trolle stellen diese Welt infrage, denn sie signalisieren, dass sie uns jederzeit ohne Vorwarnung den Teppich unter den Füßen wegziehen können. Wenn ihnen gerade danach ist.

Der Geist von lulz ist aber nichts, was nur typisch für Anonymous ist. Schon Dadaisten und Hippies legten eine ähnlich Haltung an den Tag, ebenso die Situationisten oder zuletzt die Yes Men mit ihren Spaßguerrilla-Aktionen. Sie alle versuchten die Verabredungen des politischen Systems auf den Kopf zu stellen und Aufmerksamkeit zu erregen, damit Mainstreammedien über ihre Anliegen berichten. Anonymous ist ähnlich und doch ganz anders. Die Gruppe hat eine wechselnde Mitgliedschaft, sie politisiert sich zunehmend, sie unternimmt illegale Aktionen, und sie ist hervorragend im Netz organisiert.

Diese Netzstruktur ist einer der Schlüssel zu Anonymous. Die Gruppe hat viele Anhänger, Anons genannt. Manche sind leidenschaftliche Hacker, andere bloß Sympathisanten. Manche arbeiten rund um die Uhr, andere beteiligen sich nur sporadisch. Die Strukturen sind lose, der Austausch sporadisch. Sie kommunizieren über ein Chatprogramm namens IRC (Internet Relay Chat), das von einer kleinen Elite gesteuert wird. Interessanterweise hat diese Elite aber keine Zugangsbarrieren errichtet und verlangt auch keine Aufnahmeprüfungen. Der Zugang steht allen offen.

Hat die Gruppe eine übergeordnete Strategie? Nein. Die Taktik ihrer Operationen orientiert sich an den Vorschlägen des französischen Jesuiten Michel de Certeau: „Da sie keinen Ort hat, ist eine Taktik an die Zeit gebunden – sie hält immer Ausschau nach Gelegenheiten, die ‚im Fluge‘ ergriffen werden müssen“, schreibt dieser in Die Kunst des Handelns (1980). „Im Fluge“ zu handeln kommt der flüssigen Struktur von Anonymous entgegen und verschafft der Organisation einen Vorteil gegenüber ihren Angriffszielen: den zentral geführten und programmatisch ausgerichteten Unternehmen, Staaten und politischen Parteien.

Ein Beispiel für eine Operation „im Fluge“ war der berüchtigte Angriff auf die Sicherheitsfirma HBGary, die zusammen mit mehreren Sicherheitsfirmen WikiLeaks schwächen und dessen Unterstützer diskreditieren wollte. Anfangs schien der Angriff harmlos. Aber plötzlich nahm er Fahrt auf, als von überall mehr Hacker dazustießen. Da jeder den Namen Anonymous benutzen darf – was auch schon viele verschiedene, anscheinend nicht in Verbindung stehende Gruppen getan haben –, können Aktionen schnell intensiviert werden, wenn beim Gegner plötzlich eine Schwäche sichtbar wird, oder auch sofort abgebrochen werden, wenn Schwierigkeiten auftreten oder es zu internen Kontroversen kommt.

Die sozialen Banditen

Auf diese Weise bleibt die Gesamtausrichtung der Gruppe selbst für ihre Mitglieder undurchsichtig. Niemand scheint wirklich zu wissen, was als nächstes kommt. Es gibt kein Kommando. Und es braucht auch keines. Vielmehr vereint die Akteure eine tiefe Unzufriedenheit mit der politischen Gegenwart. Mit ihren Aktionen verzichten sie aber darauf – anders als andere politische Akteure –, eine utopische Vision anzubieten.

Anonymous agieren respektlos, oft destruktiv, gelegentlich rachsüchtig, und missachten grundsätzlich das Gesetz. Die Gruppe ist aber ein Musterbeispiel für das, was der deutsche Philosoph Ernst Bloch das „Prinzip Hoffnung“ nannte. In seinem gleichnamigen Werk befasste er sich mit Zeichen, Symbolen und Kunstwerken aus verschiedenen historischen Epochen. Er wollte zeigen, dass der Traum von einer besseren Welt uns ständig begleitet. Der Traum repräsentiert Hoffnung nicht in einem religiösen Sinne, aber enthält Möglichkeiten, die unter bestimmten Bedingungen aktiviert werden und zu neuen politischen Realitäten führen können.

Die Entstehung von Anonymous an einem der anrüchigsten Orte des Netzes – 4chan.org – ist ein Beispiel für dieses „Prinzip Hoffnung“. Was als ein Netzwerk von Trollen auf einer schmierigen Website begann, ist zu einer Kraft geworden, die für das Gute auf der Welt kämpft.

Die Bereitschaft, einfach aus lulz aber auch zur Verteidigung der Redefreiheit Verwirrung zu stiften, erinnert mich an die „sozialen Banditen“ aus dem Europa des 19. Jahrhunderts, die der Historiker Eric Hobsbawm bereits 1959 in seinem Buch Primitive Rebels beschrieben hat. Diese Banditen waren in mafiösen Strukturen, Geheimgesellschaften, religiösen Sekten, urbanen Mobs und Gangs organisiert. Sie waren Verbrecher, aber Hobsbawm zufolge befeuerten sie auch einen gewissen revolutionären Geist: Wenn sie plünderten, verteilten sie oft etwas an die Armen oder boten Schutz vor anderen Banditen. Hobsbawm beschrieb die Banditen als „vor-politische“ Figuren, die noch keine eigene Sprache gefunden hatten, um auszudrücken, was sie von der Welt erwarten.

Anonymous haben mit erstaunlicher Schnelligkeit darauf hingearbeitet, ihre Sprache zu finden. Schon bald nach den Angriffen auf Scientology haben sie ihre Taktik geändert und belastende Informationen über die Sekte verbreitet, Bündnisse mit älteren Dissidenten der Organisation geschmiedet und auf deren Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht. Aus spontanen Trollen wurden ernsthafte politische Aktivisten. Anonymous machten sich daran, die Welt zu verändern. Nach Hobsbawm ist dieser Weg für Banditen und Revolutionäre gleichermaßen typisch: „Die Erkenntnis, dass in der Gesellschaft grundsätzliche und fundamentale Veränderungen vor sich gehen, ist nicht an den Glauben gebunden, dass eine Utopie realisierbar ist“, schrieb er.

Die Wege der Maske

Und so gingen am 10. Februar 2008 auf der ganzen Welt Tausende Anons und Unterstützer auf die Straße, um gegen Scientology zu demonstrieren. Die Veranstaltungen reichten dabei von ernsthaftem politischem Protest bis hin zu karnevaleskem Mummenschanz. Sechs Monate nachdem Fox News sie die „Hassmaschine“ getauft hatte, verfügte Anonymous plötzlich über Legionen von Anhängern in der realen Welt. An jenem Abend tauchten zum ersten Mal auch Protestanten in den inzwischen berühmten Guy-Fawkes-Masken auf.

Die Guy-Fawkes-Maske bildet in meinen Augen das Gegenstück zum kommerzialisierten, „transparenten“ Social Networking bei Facebook. Denn sie bedeutet, Individualismus gegen kollektives Handeln einzutauschen. Ursprünglich wurde sie für den Film „V for Vendetta“ entworfen und ist eine Hommage an den katholischen Revoluzzer Guy Fawkes, der 1605 das englische Parlament in die Luft sprengen und den König ermorden wollte. Fawkes kämpften für seinen Glauben. Anonymous kämpft für die Freiheit des Internets. Die Demonstranten in den Guy-Fawkes-Masken trugen Schilder, auf denen zu lesen war: „We Are the Internet” oder „At least our weirdness is free” („Wenigstens unsere Andersartigkeit ist frei“).

Zwei Jahre nach dem Scientology-Angriff initiierte eine andere Anon-Gruppe die Operation Payback – den Angriff auf Visa, Mastercard und andere Finanzinstitute. Die Operation begann wieder ohne viel Voraussicht oder Planung. Einer Anonymous-Quelle zufolge wurde sie von der Untergruppe AnonOps ins Leben gerufen, per IR-Chat kommuniziert, auf 4chan.org und Twitter veröffentlicht und schließlich von den Medien aufgegriffen. Der politische Aufschrei, den die Veröffentlichung geheimer diplomatischer Depeschen durch WikiLeaks auslöste, machte es AnonOps möglich, eine tausend Mann starke Hacker-Infanterie in den Kampf zu schicken, um Visa und PayPal lahmzulegen.

Ende 2010 schien also eine neue Anonymous-Armee entstanden zu sein. In den folgenden Monaten hackten sich AnonOps im Namen des Umweltschutzes bei dem Landwirtschafts- und Biotechnologie-Giganten Monsanto ein. Die Operationen liefen in immer dichteren Intervallen.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt begann ich, mich regelmäßig in den IR-Chat von Anonymous einzuloggen und vorsichtig Kontakte zu den Mitgliedern zu knüpfen. Die nächsten neun Monate verbrachte ich wie gefesselt vor meinem Computer.

Alle Macht für niemand

Anfang 2011 schien die Bewegung das Quatsch-Machen und Trollen endgültig gegen Engagement in politischen Kampagnen eingetauscht zu haben. Einige beklagten das, die meisten aber begrüßten den Umstand, dass sie unter anderem auch zum Sturz diktatorischer Regime im Nahen Osten beigetragen hatten: Nachdem die tunesische Regierung WikiLeaks gesperrt hatte, gaben Anonymous am 2. Januar 2011 die Einrichtung des Tweets OpTunisia bekannt.

Zunächst griffen Anonymous die Internetauftritte arabischer Regierungen an, verhielten sich aber bald eher wie eine Menschenrechtsgruppe und halfen bei der Umgehung von Zensur und elektronischer Überwachung, indem man Care-Pakete mit Hacker-Tipps und Sicherheits-Software verschickte. Alle Pakete enthielten den dringenden Rat, sich nicht auf die sozialen Netzwerke zu konzentrieren: „Das ist *eure* Revolution. Sie wird weder auf Twitter noch im Fernsehen oder in irgendeinem Chat übertragen werden. Ihr *müsst* auf die Straße gehen oder ihr *werdet* den Kampf verlieren.“ Dann kam die Operation HBGary.

Im Februar 2011 behauptete der CEO des Sicherheitsunternehmens HBGary, Aaron Barr, Anonymous zur Strecke gebracht und die wahren Identitäten führender Aktivisten aufgedeckt zu haben. Die Anons hackten daraufhin seinen Twitter-Account und verschickten darüber rassistische Beschimpfungen. Firmen-Server wurden gehackt und 70.000 E-Mails und bereits gelöschte Dateien heruntergeladen. Man legte Barrs iPhone und iPad lahm und veröffentlichte seinen privaten E-Mail-Verkehr.

Bemerkenswert an der Aktion war vor allem die Entdeckung eines brisanten Dokuments: „Die WikiLeaks-Bedrohung“. Es beschrieb ein PR-Szenario. Wikileaks sollte durch eine Tochterfirma (nämlich HBGary Federal) und andere Sicherheitsunternehmen durch den Schmutz gezogen werden. Der Enthüllungs-Plattform sollten gefälschte Dokumente zugespielt werden, damit diese sich diskreditiert. Offenbar wurde auch darüber nachgedacht, prominente Wikileaks-Unterstützer wie den Publizisten Glenn Greenwald beruflich zu ruinieren.

Was die Hacker aufdeckten, grenzte an eine Verschwörung. Es brachte sogar Kongress-Abgeordnete auf den Plan, die einen Untersuchungsausschuss forderten.

Die investigative Leistung der Hacker war erstaunlich – da es sich um ein Privatunternehmen handelte, hätten solche Informationen niemals auf legalem Wege erlangt werden können. Mit der Operation HBGary hatten Anonymous zum ersten Mal auf Sicherheitsmängel bei Unternehmen hingewiesen und politisch sensible Informationen veröffentlicht.

Der Erfolg spornte an. Plötzlich verlegten sich neue, kleinere und exklusivere Hacker-Gruppen darauf, mit ähnlichen Aktionen fortzufahren und die Bewegung noch enger mit den Zielen von WikiLeaks zusammenzubringen. Der Erfolg dieser Angriffe beruhte auch darauf, dass Anonymous tatsächlich anonym waren. Man wusste nicht, wer und wie viele angreifen.

Während die Anons ihre Identitäten verschleiern und ihre Aktionen oft verheimlichen, verlangen sie gleichzeitig von Staat und Unternehmen Transparenz. Für Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bedeutet Transparenz, persönliche Informationen permanent mit anderen zu teilen. Er ging sogar so weit, vom Ende der Privatsphäre zu sprechen. Anonymous bieten eine provokante Antithese zu der Logik der permanenten Selbstpublikation und dem Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. In einer Welt, in der wir die meisten unserer persönlichen Daten ins Netz stellen und Staaten wie Unternehmen massiven Aufwand betreiben, um auch noch unsere restlichen Daten zu sammeln und zu vermarkten, ist Anonymous’ Auslöschung des Selbst ein Hoffnungsschimmer (auch wenn etwas zutiefst Ironisches und Beunruhigendes darin liegt, dies durch Hacking zu zeigen).

Das Label Anonymous ermöglicht es den Teilnehmern, eine Art von Individualität zu praktizieren, die jenseits dessen liegt, was der Anthropologe David Graeber als „besitzergreifenden Individualismus“ bezeichnet hat. Der Begriff, das Gefühl und die Denkgewohnheit – alles um uns herum für „tatsächliches oder potenzielles kommerzielles Eigentum“ zu halten.

Aber auch wenn die Anons sich kollektiv gegen die Suche nach persönlichem Ruhm aussprechen, so unterdrücken sie doch nicht die Individualität. Anonymous sind keine Einheitsfront, sondern eine Hydra, ein Rhizom. Die Organisation umfasst mehrere verschiedene Netzwerke und Arbeitsgruppen, die sich oft nicht einig sind. Zum Beispiel waren nur sehr wenige Anons, die am Project Chanology teilnahmen, begeistert von den DDoS-Aktionen, die zunächst die politische Hauptwaffe von AnonOps waren. Einige, wenn nicht sogar alle im AnonOps-Network halten Chanology für zu klein, um wirkungsvoll sein zu können. Das Interessante ist aber: Auch wenn nicht immer alle Anons damit einverstanden sind, was im Namen von Anonymous vonstatten geht, respektieren sie doch, dass jeder den Namen aufnehmen kann.

Bis zu den Verhaftungen des Top-Hackers Hector Xavier Monsegur alias „Sabu“ zu Beginn dieses Monats hatten Anonymous es geschafft, der Staatsgewalt aus dem Weg zu gehen. Während die Hacker sich erfolgreich staatlicher Überwachung entzogen, zeigten sie gleichzeitig, wie unsere persönlichen Informationen von Regierungen und Unternehmen gesammelt und ausgebeutet werden. Damit haben sie die Vorstellung zunichtegemacht, es gebe so etwas wie „private Informationen“. Diese Unterscheidung zwischen privat und öffentlich ist einer der Grundpfeiler des neoliberalen Staates. Sie ist das eigentliche Mittel, mit der Individualität überhaupt erst konstituiert wird – um dann verfolgt werden zu können.

Anonymous zeigen, dass es keinen Unterschied zwischen dem gibt, was wir für unser privates und unser öffentliches Selbst halten. Und dass der Schutz unserer Informationen durch einen wohlwollenden Sicherheitsapparat ein Mythos ist.

Was Anonymous eigentlich ist? Ein umfassendes und konsistentes Bild der Bewegung zu zeichnen, ist unmöglich. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum die Gruppe so gefürchtet ist. Und so heftig bekämpft wird.

Kommentare (4)

Technixer 22.03.2012 | 16:16

Einfach nur ein richtig guter Artikel. Besonders dies "Damit haben sie die Vorstellung zunichtegemacht, es gebe so etwas wie „private Informationen“. Diese Unterscheidung zwischen privat und öffentlich ist einer der Grundpfeiler des neoliberalen Staates."

Die Mächtigen haben Angst. Bin gespannt, ab wann die PR Maschinerie so richtig angeworfen wird und welche Verleumdungs- und Angstmachungskampagnen benutzt werden. Vermutlich etwas ähnliches wie mit den Werbeeinblendungen zum Thema Raubkopieren...

Jörg Friedrich 23.03.2012 | 18:36

Der Artikel illustriert sehr schön, wie wir uns die politischen Bewegungen der Zukunft vorzustellen haben: spontan, unberechenbar und vor allem eben auch lustvoll, spaßig. Nicht die grimmigen Gesichter der Rot-Front-Kämpfer dominieren den revolutionären Kampf der Zukunft, sondern Grimassen, das Lachen das Clowns.

Ausgelacht zu werden ist das Unerträglichste für die Macht. Das illustrierte schon das Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Das Lachen aus dem Web, die Nichtgreifbarkeit der spaßigen Gesellen ist die größte Gefahr für bestehende Machtstrukturen.

Allerdings muss dieses Lachen die Macht in ihrer Leiblichkeit treffen, auf den Straßen und Plätzen, nicht nur in den Online-Gemeinschaften, wo man den Ton abdrehen oder eine andere Seite aufrufen kann. Der Flashmob gehört in Zukunft zum politischen Kampf dazu.

Ist die Richtungslosigkeit und mangelnde Organisiertheit, das Fehlen eines politischen Programms ein Problem? Offensichtlich nicht, denn die Kinder der Revolutionen haben sich noch nie um die Programme der Väter gekümmert. Wie es nach einem Umsturz weiter geht, weiß ohnehin keiner, die einzige Aufgabe einer revolutionären Bewegung ist, dafür zu sorgen, dass er erstmal kommt.