Barbara Streidl
06.02.2013 | 13:12 15

Weg mit den alten Rollenbildern

Politik Es ist Zeit für eine neue Familienpolitik. Dafür brauchen wir nicht weniger als eine Vision

Weg mit den alten Rollenbildern

Bild: Rüdiger Wölk / Imago

Nun hat es die Bundesregierung sogar schwarz auf weiß: Ihre Familienpolitik verschwendet Staatsgelder, hält qualifizierte Frauen vom Arbeitsmarkt fern und schafft ein Klima, in dem Menschen lieber nicht Eltern werden wollen. Die Ergebnisse der Regierungsstudie zur „Gesamtevaluation ehe- und familienbezogener Leistungen“ sind zwar ernüchternd – aber keinesfalls überraschend. Etwa 200 Milliarden Euro ist das Paket schwer, dass Familienministerin Kristina Schröder Familien zur Verfügung stellt. Doch der Inhalt dieses Pakets, von der Kinderzulage und dem Elterngeld über den Freibetrag für Alleinerziehende und den Geschwisterbonus bis hin zum Waisengeld, dem Ehegattensplitting und neuerdings auch dem Betreuungsgeld, zeigt vor allem eines: das Chaos einer ziellosen Politik.   

Es gibt einige Regierungsangebote für Familien. Denen fehlt aber eine gesamtgesellschaftliche Ausrichtung: das Ehegattensplitting, das Frauen ermuntert, dem Arbeitsmarkt fernzubleiben, wenn ihre Ehemänner gut genug verdienen. Gleichgeschlechtliche Paare können das Ehegattensplitting nicht in Anspruch nehmen, ebenso wenig unverheiratete Paare. Dann das Kindergeld, dass Spitzenverdienende ebenso erhalten wie Hartz-IV-Empfänger – bei denen wird es aber mit den anderen Sozialleistungen verrechnet. Es ist nur scheinbar für alle etwas dabei in diesem familienpolitischen Knäuel.

Ein wirklich sinnvolles Angebot, nämlich eine flächendeckende Kinderbetreuung, fehlt bekanntlich immer noch in Deutschland, allen Ausbau-Versprechen der Familienministerin zum Trotz. Dabei wäre dies das Angebot mit dem besten Kosten-Nutzen-Faktor, schließlich würden mehr arbeitende Mütter  auch zusätzliche Steuern und Sozialbeiträge zahlen.

Neben der nüchternen Auswertung von Zahlen und den Forderungen an die Politik müssen wir uns aber auch selbst die folgenden Fragen stellen: Was ist unsere Vision für eine familienfreundliche Zukunft? Und was bedeutet eigentlich „Familie“? Die Zeit ist reif für ein Neudenken, nicht nur politisch, sondern auch gesamtgesellschaftlich. Das Berliner Zukunftsforum Familie hat definiert, Familie sei „überall dort, wo Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, Sorge tragen und Zuwendung schenken.“ Diese Menschen gilt es zu unterstützen und zu schützen, unabhängig von ihrer sexuellen Ausrichtung, ihrem Familienstand oder der Anzahl ihrer leiblichen Kinder. Das bedeutet auch, dass Menschen die Angst genommen werden muss, durch Kinder in die Hartz-IV-Armut zu rutschen oder ihre beruflichen Chancen zu begraben. 

Daneben müssen klare Forderungen an die Politik gestellt werden. Familienpolitik muss ebenso wie Frauenpolitik mehr sein als nur den Vorrat an Vollzeit-Fachkräften für den heimischen Arbeitsmarkt aufzustocken. Denn nicht erst seit gestern werden die einst weiblichen Wünsche, bei Tageslicht Zeit für die Kinder zu haben, die pflegebedürftige Oma, oder das Mountainbike, auch von Männern geäußert. Natürlich, es braucht nach wie vor Courage, für diese Anliegen einzutreten, sowohl privat als auch in der (Berufs-)Öffentlichkeit. Doch ohne Mut wird aus der von allen Seiten verlangten Veränderung dieser Gesellschaft nichts werden. 

Kommentare (15)

anne mohnen 06.02.2013 | 14:32

"Was ist unsere Vision für eine familienfreundliche Zukunft? Und was bedeutet eigentlich „Familie“? Die Zeit ist reif für ein Neudenken, nicht nur politisch, sondern auch gesamtgesellschaftlich. Das Berliner Zukunftsforum Familie hat definiert, Familie sei „überall dort, wo Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen, Sorge tragen und Zuwendung schenken.“ Diese Menschen gilt es zu unterstützen und zu schützen, unabhängig von ihrer sexuellen Ausrichtung, ihrem Familienstand oder der Anzahl ihrer leiblichen Kinder. Das bedeutet auch, dass Menschen die Angst genommen werden muss, durch Kinder in die Hartz-IV-Armut zu rutschen oder ihre beruflichen Chancen zu begraben.  Daneben müssen klare Forderungen an die Politik gestellt werden. Familienpolitik muss ebenso wie Frauenpolitik mehr sein als nur den Vorrat an Vollzeit-Fachkräften für den heimischen Arbeitsmarkt aufzustocken."

Liebe Frau Streidl, Sie bringen das alles kurz und knackig rüber.

Weiter, weiter hier bei dF.

LG am

Katharina Schmitz 07.02.2013 | 15:27

Liebe Anne Mohnen,

im Artikel steht: 

"... das Ehegattensplitting, das Frauen ermuntert, dem Arbeitsmarkt fernzubleiben, wenn ihre Ehemänner gut genug verdienen ... " Immer wieder wird dieses Frauenbild kolportiert. Ich finde das beleidigend. Auch, dass nicht hinterfragt wird, ob dieses Splitting ein Ausgleich für die Konstellationen ist, bei denen die Gehälter eben nicht gleich hoch sind, die sind  - so lese ich woanders - dann ich Vergleich steuerlich besser gestellt. Was ist das für ein Familienbild, das nur Modelle feiert, in denen Frau und Mann Vollzeitpositionen haben. Last but not. Was ist es für eine Vorstellung von einem Arbeitsmarkt, der alle Frauen (also auch Mütter von Kleinkindern) gerne aufnimmt. Ich lebe wohl in einem Paralleluniversum. Mir graut jedenfalls vor einer SPD, die das Splitting mal eben abschaffen will. Es gibt Familien, die sich das defenitiv nicht leisten können. Ich könnte endlos so weitermachen. Der Arbeitsmarkt muss sich ändern, nicht die Familienpolitik, finde ich. 

Liebe Grüße 

Katharina Schmitz

anne mohnen 07.02.2013 | 16:27

Liebe Frau Schmitz,

das Ehegattensplitting ist ein Reizthema.

Ich habe mich im Laufe der Zeit davon überzeugen lassen, dass es abgeschafft gehört. Warum?

(1)                Ist es kein Ärgernis, dass diese Steuererleichterung den familienförderenden Maßnahmen zugerechnet wird, die Paaren zusteht allein wegen ihres Trauscheinscheins? Wohl gemerkt ich bin nicht gegen die Ehe, ganz im Gegenteil! Aber die muss nicht steuerlich gefördert werden, sondern Familien.

(2)                Ich bin eines von 6 Kindern. Meine Mutter, die sich alle Mühe der Welt gegeben hat, es wirklich schwer hatte nach erster Ehe als Witwe, bekommt für ihre immense gesellschaftliche Leistung ein paar jämmerliche Rentenpunkte geschenkt. Sollte mein Vater vor ihr sterben wird ihr die Rente drastisch gekürzt. Ich könnte mir hier eine bessere Regelung für diese himmelschreiende  Ungerechtigkeit vorstellen, auch wenn meine Mutter in der Lage war, für ihr Alter Vorsorge zu tragen. Aber da ist sie eher die Ausnahmen in ihrer Generation – rein statistisch betrachtet.

(3)                Nein, die dreiste Benachteiligung von Frauen wird weder durch das Ehegattensplitting noch durch die Herdprämie kompensiert. Letztere dient ja genau betrachtet eher jenen, die sich eine Nanny leisten können, sodass sie ihr Kleinkind nicht in einer der überfüllten Kitas stecken müssen, um ihren lukrativen Jobs nachzugehen. Wer wenig Geld hat, dem dient weder die Herdprämie zwecks Einstieg in eine Altersvorsorge noch das Ehegattensplitting.

(4)                Ich bin dafür, dass das Geld allein in Familien gesteckt wird, unabhängig davon, wie die sich formieren. Finden Sie es nicht ungerecht, dass z.B. meine Schwester, nach einer Scheidung allein erziehend und ohne Unterhaltzahlungen des Vaters auskommend (Selbstständige kriegen das ja hin), steuerlich schlechter gestellt wurde, als Verheiratete?

(5)                Ich äußere mich hier immer wieder zu Fragen der Gleichstellung. Und? Na, klar, bin ich für mehr Teilzeitjobs. Na, klar, bin ich dafür sich die Skandinavier zum Vorbild zu machen, für die Teilzeitarbeit kein Karrierehindernis mehr zu sein scheint. Und selbstverständlich ist dies auch meine Kritik an den Gewerkschaften. Warum nicht einmal Lohnrunden, wo es um dieses Themen geht: „Lohnungerechtigkeit“, „Teilzeit als Karrierebremse“ Mein Lieblingsbeispiel ist in dem Zusammenhang der Henkel Vorstand Casper Ronstedt, der sich zwei Vorstandsassistentinnen in Teilzeit leistet und neue Arbeitszeitmodelle fordert. Übrigens, niemand schreibt oder schreibt darüber, wie durch unzumutbare Arebitszeiten, ganze Generationen von junge Medizinerinnen von Fachartzausbildungen ferngehalten wurden, geschweige von der volkswirtschaftlichen Vergeudung von Studien- und Ausbildungskosten,  Talent von Frauen, die ausgeknockt wurden und werden infolge von Familie oder nur der reinen Möglichkeit, eine zu gründen.

(6)                Was Ihre Angst vor der SPD anbelangt, da seien sie mal ganz beruhigt. Da war Schröder derjenige, der sich mit Händen und Füßen gegen die Streichung gewehrt hat. Inzwischen ist er ja Papa von zwei Adoptivkindern, immerhin. Inzwischen ist das Thema Frauenarmut im Alter ein noch größeres Thema.

Ansonsten finden Sie in CDU/CSU Verbündete.

Liebe Grüße am

anne mohnen 07.02.2013 | 22:07
Liebe Frau Schmitz, ich habe meine Antwort ganz schnell in die Tasten gehämmert, sonst wäre meine Antwort freundlicher und fehlerfreier ausgefallen, wofür mich entschuldige. Das ist natürlich nicht kurios, Familienpolitik persönlich zu nehmen! Nur dieses Splitting hat aus meiner Sicht nicht für Frauen zu mehr Gerechtigkeit geführt. Das ist doch auch Ihr Punkt. Natürlich bin ich hellhörig geworden, als es hieß, alle Familienleistungen müssten auf den Prüfstand. Ich fürchte ja, dass das nicht eine Gerechtigkeitsoffensive, sondern eine Sparorgie wird. Herzliche Grüße Ihre AM
Lethe 08.02.2013 | 14:35

Leben wir denn nicht bereits unter einer Vision? Diese Vision definiert "Gesellschaft" als "Pool für Industriepersonal", und ist ziemlich erfolgreich in der Umsetzung dieses Konzepts. Sie ist sogar so erfolgreich, dass wir offenbar intellektuell noch nicht einmal mehr in der Lage sind, außerhalb wirtschaftlicher Nützbarkeit auch nur zu wünschen, geschweige denn, zu planen

Katharina Schmitz 09.02.2013 | 18:37

Liebe Anne Mohnen

vielen Dank! Es geht ja in dem Artikel hauptsächlich ums Betreuungsgeld. Da heißt es: "Die Argumentation des Ministeriums sieht so aus: Jede Familie kann sich künftig aussuchen, ob sie entweder eine Sachleistung in Form eines Kitaplatzes in Anspruch nimmt, für den der Staat 1.000 Euro im Monat bezahlt, oder ob sie 150 Euro in bar haben möchte, um das Kind selbst zu betreuen." Ich habe einfach die naive Frage, ob das Argument nicht wirklich Wahlfreiheit meint? Und auch ein gerechtes Angebot ist? Ist es falsch, weil es aus der CSU-Ecke kommt?

Die Kritik beim Ehegattensplitting ist doch auch, dass es ungerecht ist, weil Unverheiratete nicht davon profitieren oder weil es nur heterosexuellen Paaren vorbehalten bleibt. Wie kann ich also gegen etwas sein, was tatsächlich gerecht aussieht, nur vielleicht nicht meinem Lebensentwurf entspricht?

Und ist es verrückt zu sagen, dass man ja tatsächlich die Kitas nicht aus dem Boden stampfen kann, es sei denn auf Kosten der Qualität.

Und last but not: ich weiß nicht, wie es in anderen Bundesländern ist, aber ich lese öfter, dass sich Kita-Kosten für die Familie/Arbeit manchmal gar nicht lohnen, darüber wird viel zu wenig diskutiert. Womit ich auch zu der von Ihnen erwähnten Altersarmut für Frauen komme. Es gibt bekanntlich Niedrig-Gehälter, da ist dann fast egal, ob man arbeitet oder nicht. Das ist doch das Problem.

Entschuldigung für mein Argumente-Chaos, man müsste das alles noch besser ausarbeiten. viele Grüße! KS

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Ehemaliger Nutzer 10.02.2013 | 14:46

Schon interessant. Da oute mich hier beim Freitag als Familienmensch durch und durch, lese Ihren sehr lesenswerten Beitrag, liebe Frau Streidl, und bin erstmal mehr oder weniger gedankenlos. Mh. Kommt so oft nicht vor ; )

Eine Vision von Familie. Darüber habe ich noch nie nachgedacht.
Eine schöne Inspiration. Gerade auch im Kontext mit den Gedankenspielen aus der Diskussion "Aufschrei Sexismus" der Dame von Welt. Bin mir sicher, dass man das irgendwie verknüpfen sollte, gerade in Bezug auf den Einfluss von Religion im Allgemeinen und der rkK im Speziellen bzw. der daraus resultierenden Moral-, Werte- und Familienvorstellungen. Ich kann mich z.B. heute noch daran erinnern, dass ich beim ersten Mal mit meiner damaligen Freundin "Hemmungen" hatte, die Sache bis zum Ende zu bringen. Und ich war als Kind nur vier Jahre mit der rkK verknüpft. Allerdings dann auch das volle Programm inkl. Schule, Messdiener, Kinderfahrten etc.

Denk dann mal gerne mit.

anne mohnen 11.02.2013 | 19:37

Liebe Frau Schmitz,

richtig. Es geht in dem Artikel hauptsächlich ums Betreuungsgeld, also um eine Kompensationsleistung, die zu dem den Aufwendungen für Familienpolitik zugeschlagen wird. Nun ging es Ihnen ja auch um Kompensationsleistungen.

(1)        Mir ist es – wie Ihnen egal – welche Partei gute Familien- und Frauenpolitik betreibt!

(2)        Das Hauptargument gegen „die Herdprämie“ ist ja, dass es eben keine Wahlfreiheit gibt. Wen will die Regierung also ködern? a) Jene, die sie immer als bildungsfern brandmarkt, und von denen sie annimmt, sich auf Kosten ihrer integrationswürdigen Kinder, bereichern zu wollen? b)Auf jeden Fall,   jene Eltern, die in der komfortablen Lage sind, den Preis dafür zu zahlen, Ihre Kinder eben nicht in diese für Kleinkinder komplett überfüllten, wenn denn vorhandenen Gruppenplätze, zu geben. Warum? Das Hintertürchen ist doch, dass die „Herdprämie“ alle diejenigen bekommen, die ihre Kleinen nicht in eine öffentliche Kita geben.

(3)        Klar, bin ich für Wahlfreiheit. Wer will sein Kleinkind, Baby in einer dieser Einrichtungen stecken, wo auf eine Kindergärtnerin & 2 Praktikantinnen 18 Kinder kommen. Die Diskussion hatten wir schon einmal, oder? Von Verhältnissen, wie die in Schweden sind wir doch meilenweit entfernt. Die Diskussion, die dort abläuft in der immer mehr Eltern die gesellschaftliche Akzeptanz für ihre Entscheidung einklagen, ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr allein zu betreuen, hat mit den realen Verhältnissen hierzulande  nichts zu tun.

(4)        Nicht überall ist die Kita-Dichte so hoch wie in Berlin oder in Ostdeutschland. In NRW bestimmt die Kommune, ob überhaupt bezahlt werden muss, und wenn ja, die Einkommensgrenze der Eltern. Da kommt es dann schon mal vor, dass in einem Radius von 5-10 km der Aufwand zwischen einem Kita-Platz zwischen – 0 – 350 Euro variert.

LG Ihre am

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