Hanning Voigts
02.11.2011 | 15:55 113

Grenzen der Kritik

Bankenprotest Kapitalismus ist kompliziert. Die Occupy-Bewegung wird lernen müssen, allzu simple Erklärungen zu erkennen – und zu kritisieren

Gregor Gysi war mal wieder ganz schön in Fahrt. Es sei fantastisch, dass die Occupy-Bewegung die weltweiten Spekulationen der Banken in Frage stelle, begeisterte sich der Linkspartei-Politiker bei Maybrit Illner. Und er sei sich mit den Protestlern – zwei Vertreter von „Occupy Berlin“ saßen ebenfalls in der Sendung – einig, dass in den Banken ja nicht einmal richtig gearbeitet werde: Da werde nichts hergestellt – „weder ’n Tisch, noch ’n Stuhl“ – sondern nur „Geld aus Geld gemacht“.

Warum diese kleine Szene wichtig für die Occupy-Bewegung sein sollte? Weil Gysi sich bei der Bewegung mit einer viel zu simplen Kapitalismuskritik anbiedert, die auch von anderen Linken und Globalisierungskritikern geäußert wird – und für die sich auch manche Occupy-Aktivisten erwärmen können. Diese Kritik macht „die Finanzwirtschaft“ und ihre „gierigen Banker“ für die Übel des Kapitalismus verantwortlich und spart die „Realwirtschaft“ von der Kritik aus – schließlich werde hier ja und etwas Handfestes produziert. Auf der Homepage von „Occupy Frankfurt“ ist beispielsweise zu lesen, die Wirtschaft müsse der „Profitgier einer Minderheit von Superreichen“ entrissen werden. Und wenn es diese Minderheit nicht gäbe oder auch die „Superreichen“ anständig arbeiten würden – wäre dann alles dufte?

Eben nicht. Aus zwei Gründen täte die Occupy-Bewegung daher gut daran, sich intensiv mit solcher verkürzter Kapitalismuskritik zu befassen: Erstens, weil sie sachlich falsch ist und die Ursachen der Krise verschleiert, und zweitens, weil sich Verschwörungstheoretiker, Esoteriker und im schlimmsten Falle Antisemiten zu Occupy eingeladen fühlen, solange eine solche Kritik dort ihren Platz findet.


Zum ersten Punkt: Kapitalismus funktioniert nicht, weil eine korrupte, gierige, weltweite Elite den Rest der Menschheit unterdrückt und ausbeutet. Diesem Irrtum sitzt jeder Occupy-Fan auf, der den Slogan „We are the 99 percent“ wörtlich nimmt. Kapitalismus ist keine Verschwörung einiger Mächtiger. Er funktioniert, indem er die Menschen zwingt, ihre Bedürfnisse durch den Kauf und Verkauf von Waren zu befriedigen. Für den Großteil der Weltbevölkerung bedeutet das, dass sie ihre Arbeitskraft gegen Wohnung, Lebensmittel, Kleidung und eventuell die eine oder andere Urlaubsreise eintauschen müssen. Und dabei ist es egal, ob sie ihr Geld als Schuster, Lehrer oder Finanzspekulant verdienen.

Wer verstehen und kritisieren will, wie die Logik des Warentauschs sich in allen Bereichen des Lebens – auch in der Kunst, der Freizeit und der Liebe – festgesetzt hat, muss sich theoretisch und historisch mit der kapitalistischen Wirtschaftsweise befassen. Mit moralischen Appellen, Schuldzuweisungen und dem Anprangern der „Gier“ kommt man nicht weit. Wer den Kapitalismus verändern will, muss ihn verstehen – als eine komplexe, globale Struktur, der auch Banker und Staatschefs nicht entkommen können. Das Gute an der bisherigen Occupy-Bewegung ist, dass sich dort viele Menschen tummeln, die verstehen wollen, Fragen stellen wollen. Antworten finden sie nicht beim Anprangern von einzelnen Personen oder Gruppen, sondern viel eher bei Karl Marx. Aus seinem immer noch lesenswerten Werk „Das Kapital“ wäre zum Beispiel zu lernen, dass die Verheerungen der Gesellschaft nicht von Regierungen oder Unternehmen geplant werden, sondern sich oft genug unbewusst durchsetzen – hinter dem Rücken der Akteure.

Reaktionäre Politik

Zum zweiten Punkt: Moralisierende und personalisierende Kritik an Kapital und Moderne hat eine lange Tradition, die gerade in Deutschland eng mit reaktionärer Politik verknüpft ist. Der Schwundgeld-Befürworter Silvio Gesell, der jetzt wieder aus der Mottenkiste geholt wird, war ein übler Sozialdarwinist, die KPD der Weimarer Republik äußerte gemäß ihrer plumpen antikapitalistischen Logik manche Parole, die auch zu den Nazis gepasst hätte  – und der Nazi-Ideologe Gottfried Feder unterschied konsequent zwischen dem guten, volksnahen „schaffenden Kapital“ und dem heimat- und skrupellosen ,„raffenden Kapital“, das er mit den Juden gleichsetzte. Solcher Antisemitismus steht immer mit im Raum, wenn gegen heimatlose Börsianer oder die „US-Ostküste“ gewettert wird. Allemal, wenn die NPD die Globalisierung kritisiert – aber auch bei manchem anderen Kapitalismusgegner, der jederzeit leugnen würde, etwas mit Antisemitismus am Hut zu haben.

Nur wenn die Occupy-Bewegung sich mit solchen Fragen beschäftigt und sich um eine Kapitalismuskritik auf der Höhe der Zeit bemüht, kann sie gesellschaftliche Alternativen entwerfen. Das ist anstrengend. Aber es geht nicht anders. Denn sonst läuft die Bewegung bei einer weiteren Zuspitzung der Krise Gefahr, reaktionäres Denken und Handeln zu befördern – und damit ihre eigenen Ziele zunichte zu machen. Eine theoretische Selbstverortung hätte übrigens auch einen strategischen Vorteil: Es würde wesentlich leichter, sich etwa von den Anhängern der obskuren „Zeitgeist-Bewegung“ abzugrenzen, oder von Verschwörungsfreaks, die eine herbeiphantasierte „New World Order“ bekämpfen wollen oder sogar eine „unabhängige Untersuchung von 9/11“ fordern.

Die wichtige Debatte darum, ob solche Leute in den Camps in Frankfurt oder Berlin willkommen sind, hat gerade erst begonnen. Wenn sich die Bewegung zusätzlich mit theoretischem Rüstzeug ausstatten würde, müsste sie nicht mehr befürchten, von Gregor Gysi oder anderen Politprofis vereinnahmt zu werden. Klar ist: Der Kapitalismus befindet sich in der tiefsten Krise seit 1929. Die Folgen sind noch nicht abzusehen. Wenn man jetzt etwas bewegen will, darf man es sich nicht zu leicht machen.

Kommentare (113)

Harm 02.11.2011 | 17:40

Die Formel "We are the 99%" soll doch wohl eher bedeuten, dass 99% der Bevölkerung unzufrieden sein sollten, mit dem was aktuell in der Welt passiert. Selbst wenn es diesen Menschen "oberflächlich" betrachtet gut gehen sollte und sie nur ein wenig Liebeskummer - statt existenziellen Hunger - verspüren.

Diese platte Forderung nach einer "Botschaft" ist doch wohl eher der Versuch einen Spalt in diese Bewegung zu treiben. (Wenn vielleicht auch nur Unbewusst. Will niemanden etwas unterstellen.)

Als die Menschen in der DDR auf die Straße gingen, hat niemand eine klare Botschaft oder Ansage gefordert. Hätte man die Menschen individuell nach ihren Sorgen gefragt, dann wären die sicher sehr unterschiedlich ausgefallen. Viele wollten nur das System verändern und andere wollten es abschaffen. Die reine "Unzufriedenheit" war vollkommen ausreichend, um die Mauer friedlich zu überwinden.

Wenn jetzt weltweit die Menschen unzufrieden auf die Straße gehen, dann brauchen sie keine klare Forderung. Die würde in jedem Land ohnehin unterschiedlich ausfallen.

1989 - Fall of the Wall
2011/12 - Fall of the Wall Street

deviant 02.11.2011 | 18:49

Soweit ich das verstanden habe, bezieht sich das 99% auf die Einkommensverteilung: In den USA besitzt das oberste 1% 95% des Kapitals (oder so ungefähr). Insofern müsste der Slogan in Deutschland wohl "Wir sind die 90%" heissen. Ich gehe daher davon aus, dass der Slogan "We are the 99%" hierzulande bedeutet: "Wir sind die 99%, die keinen Schimmer haben, was hier abgeht, und was der Slogan eigentlich bedeutet".

Im Übrigen gebe ich dem Autor recht, es kann auf die Fragen des Kapitalismus keine einfachen Antworten geben, sondern nur eine einzige recht komplexe, nämlich "Kapitalismus abschaffen!". Da der Autor das aber noch nicht begriffen hat, ist auch der Großteil dessen, was hier zu lesen ist, purer Bullshit und möglicherweise böswilliger, bourgeoiser Egoismus: Diejenigen, die es sich im Kapitalismus gemütlich gemacht haben, das gilt insbesondere für die Journallie, haben natürlich Angst, etwas zu verlieren, im extremsten Falle nämlich ihren Kopf.
Fragt sich bloß, ob in der Occupy-Bewegung tatsächlich irgendwann diese Erkenntnis reift und aus ihren Reihen ein neuer Robespierre erwächst - ich bin da äußerst skeptisch, letztlich sind sie in ihrem Denken genau so begrenzt wie die deutsche Sozialdemokratie, die vom Sozialismus träumt und neoliberal handelt - andererseits haben selbst überzeugte Konservative bereits öffentlich bekundet: "Der Kapitalismus ist gescheitert" (unter ihnen der schlimmste Hetzer seit Goebbels, der Schlichte im Geiste, Heiner Geißler).

Es geht darum, eine neue Vision zu entwickeln und nicht darum, die alte soweit zu flicken, dass sie noch ein paar Jahre übersteht, um den Wohlgeborenen noch ein wenig die Taschen zu füllen, während der Rest vom Staat lebt (plus einem kleinen Taschengeld vom Arbeitgeber).

goedzak 02.11.2011 | 19:05

Spätestens dann, wenn man beim Lesen an der Stelle "...verkürzter Kapitalismuskritik" angekommen ist, weiß man, was dann kommt: Antisemitismus und Silvio Gsell und pipapo. - Nee, die prinzipielle Kritik an verkürzter Kapitalismuskritik, nehmen wir mal den Begriff, lehne ich nicht ab. Sie ist immer wieder bitter nötig, z.B. weil sich daran die linke Spreu vom Weizen trennen lässt. Aber wieso muss das immer an hergenommenen drei irgendwo geäußerten Sätzen vornehmlich von Politikern der 'die Linke' zelebriert werden? Vielleicht mal nen Unterschied machen zwischen Tagespolitik und Medienspots und prinzipieller, systematisch formulierter Programmatik und/oder Theorie? Soll Gysi sich bei jedem Satz in jeder Minute fragen, ob er die Marxsche Lehre jetzt adäquat wiedergegeben hat? - Natürlich nicht, also scheints eher um das Finden von Haaren in der linken Suppe zu gehen. Ihr betreibt so das Geschäft derer, die aus wohlverstandenen Gründen die Partei die Linke und jede konsequent anti-kapitalistische Bewegung desavouieren wollen. Links-politisch-korrekte Theorie ist nämlich durchaus tolerabel, konsequente antikapitalistische Praxis aber nicht - und genau die soll mit allen Mittel verhindert werden.

Was würde der Auto z.B. sagen, wenn demnächst irgendwo auf der Welt wütende, verzweifelte Leute losziehen, plündern, brandschatzen und Reiche an Laternenmasten hängen, einfach weil sie verdammt nix mehr zu fressen haben? Mit Hungerrevolten, jenseits jeglicher korrekter Theorie, haben schon viele Umwälzungen begonnen, eine Binse.

PS: Nicht, das ich mir sowas wünschen würde.

Chris Kopen 02.11.2011 | 19:58

Sehr ansprechend geschriebener, gut strukturierter Artikel. Freilich hält er an einer Stelle an, wo es eigentlich weitergehen müsste: Nach der Ablehnung der 'verkürzten' Kritik am Kapitalismus wird es wichtig sein, eine Kritik zu formulieren, die der Komplexität der Lage gerecht wird. Wie könnte diese aussehen, und in welchen Formen könnte sie sich äußern?

Im übrigen habe ich beim Lesen bereits spekuliert, welche - oft reflexhaft und recht uniform vorgetragenen - Äußerungen gegen sich er provozieren könnte.

@deviant: Wie macht man das denn, den Kapitalismus abschaffen? Also wenns daran geht, es zu tun, nicht nur drüber zu reden? Und macht man es auch, wenn zum Beispiel 80 Prozent der Leute das nicht wollen?

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helena-neumann 02.11.2011 | 21:30

Insgesamt kommt dieser Artikel nach Ihrem Blog verspätet und mit seltsamem Duktus daher.
Wieso ist es zwingend für eine Bewegung, gleich zu Beginn ein Programm haben zu müssen?

"Wer also Kapitalismuskritik als Finanzkapitalkritik formuliert, hat die Denklogik des Antisemitismus bereits internalisiert – und das möglicherweise sogar, ohne es zu wissen."

Kürzer geht's nicht, was? . ...

Ich weise auch nochmal auf den Post-Artikel hin

www.washingtonpost.com/blogs/erik-wemple/post/occupy-wall-street-critics-betray-fear/2011/10/19/gIQAOK1FyL_blog.html

GeroSteiner 02.11.2011 | 21:51

Die Grenzen der Finanzwelt.

Bekanntlich sind Besserwisser die Leute sind, die einem Pferd die Sporen geben, auf dem sie gar nicht sitzen. Mir geht es da eher wie den Griechen, allerdings en miniature - zu viel Demokratie bei zu wenig Geld.

Die Zeichen jedweder Krise sind jedenfalls wieder einmal gut zu erkennen, auch oder besonders bei der sogenannten "Finanz"krise.

Phase 1: Begeisterung - der DAX steigt, die Griechen machen mit.
Phase 2: Verwirrung - der DAX fällt, die Griechen wollen nicht geknechtet werden.
Phase 3: Ernüchterung - der DAX macht, was er will, die Griechen wollen selbst über ihr Schicksal bestimmen.
Phase 4: Massenflucht der Verantwortlichen aus allem, was mit Risiko behaftet ist, Abschreibung der gestern den Kunden noch als "sicher" verkauften Geldanlagen.
Phase 5: Suche der Schuldigen, auch und besonders öffentlich in Talkshows, mit von Fachwissen ungestörter Phantasie.
Phase 6: Bestrafung der Unschuldigen und der abhängig Beschäftigten - Halbierung der Rechte, Verdopplung der Pflichten.
Phase 7: Auszeichnung und Selbstbeweihräucherung der Nichtbeteiligten oder der politisch Verantwortlichen für das Meistern der Krise, einhergehend mit der stets genutzten Chance der Schwätzer.
Da Capo al fine

Nietzsche 2011 02.11.2011 | 22:24

@Harm um 16.40

"Als die Menschen in der DDR auf die Straße gingen, hat niemand eine klare Botschaft oder Ansage gefordert. "

Falsch. Die Bürgerbewegungen haben sehr konkrete Forderungen gestellt: Freie wahlen, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, reale Mitbestimmung in den Betrieben. Von den "Zugaufspringern" kam dann der Schrei nach der D-Mark.
Nicht nur nachzulesen (weil vermutlich nicht erlebt), sondern auch im DHM in Berlin anhand der Transparente zu besichtigen.

Streifzug 02.11.2011 | 22:25

"Kapitalismus ist keine Verschwörung einiger Mächtiger. Er funktioniert, indem er die Menschen zwingt, ihre Bedürfnisse durch den Kauf und Verkauf von Waren zu befriedigen."
Nun, das ist eine Meinung unter vielen anderen, sogar eine recht naive, mehr nicht. Kapitalismus als solches hustet nicht und zwingt nicht, ohne Menschen gäbe es ihn nicht und als System ist er ohne stetige "gewaltsame Unterstützung" durch Menschen nicht stabil.

Kurz gesagt: "Kapitalismuskritik ist antisemitisch." oder "Kapitalistenkritik ist antisemitisch." sind lupenrein antisemitische Aussagen.
Popkontext 03.11.2011 | 01:36

Ja, etwas schwierig finde ich den Artikel auch - beginnend ausgerechnet mit Gysi als Beipiel für verkürzte Kapitalismuskritik, und dass man sich das dahinterliegende System anschauen soll ist wohl klar - aber vielleicht nicht allen. Und Verweise auf andere Verkürzungen und merkwürdige Einflüsse sind berechtigt.

Dass die von Augstein immer wieder postulierten Kooperation mit den Bloggern nicht stattfindet ist nichts Neues. Ich habe allerdings auch schon mal bei einem Blogbeitrag übersehen, dass ein ähnlich gelagerter Beitrag schon im Freitag war, auf den ich unter dem Aspekt hätte auch verweisen müssen.

Popkontext 03.11.2011 | 02:07

Ach so, und die Schlussfolgerung, dass, weil der Kapitalismus "funktioniert, indem er die Menschen zwingt, ihre Bedürfnisse durch den Kauf und Verkauf von Waren zu befriedigen," es egal sei, ob man nun Lehrer oder Finanzspekulant sei finde ich auch höchstbedenklich. Das kann man zwar als Systemkritik sehen, aber dann geht es dem Autor doch nur wieder um Veränderung des Kapitalismus, nicht um seine Abschaffung. Dann ist es wohl doch eher eine Frage von Charakter und Haltung, ob man *innerhalb* dieses Systems zu einem rücksichtslosen Profiteur oder jemandem wird, der versucht, so korrekt wie möglich zu handeln.

Daniel Domeinski 03.11.2011 | 03:16

Ich finde die Pose, in die sich der Autor des Artikels wirft, wenig glaubwürdig. Er kritisiert die unausgereifte Kapitalismuskritik der Occupy-Bewegung, hat aber selber auf diesem Gebiet wenig zu bieten.
Der Autor kennt offensichtlich keinen Unterschied zwischen Lohnarbeit und Kapital, dem Zwang arbeiten zu müssen und der Möglichkeit Arbeit zu delegieren, die aus dem Privateigentum an Produktionsmitteln erwachsen kann. In seiner Sichtweise ist der Kapitalismus ein überpersönliche System, ein metaphysischer Weltgrund, ähnlich Gott, unter dem alle Leiden und an dessen Existenz niemand Schuld trägt. Denn wir alle tauschen täglich Waren und Geld und erhalten so das System am Leben.
Letztendlich teilt eine solche Analyse Grundannahmen antisemitischer Kapitalismuskritik. Der Kapitalismus wird in beiden Fällen auf die Geld- und Warenzirkulation reduziert und so verteidigt oder aus rassistischen Gründen abgelehnt. Anders lassen solche Befunde nicht verstehen:

"Moralisierende und personalisierende Kritik an Kapital und Moderne hat eine lange Tradition, die gerade in Deutschland eng mit reaktionärer Politik verknüpft ist."

Hier wird die Sonderwegsthese bemüht, die noch nie erklären konnte, warum so viele deutsche Kapitalisten Anhänger des Faschismus waren. Der rechte und völkische "Antikapitalismus" ist nicht allein "moralisierend" oder "personalisierend", er ist rassistisch und betont den vermeintlichen Zusammenhang von der Seele eines Volkes und seiner Wirtschaftweise.

claudia 03.11.2011 | 08:33

Ich bin in der BRD aufgewachsen und lebe hier. Trotzdem habe ich 1989 mitbekommen, dass in der DDR eine breite Bürgerbewegung Reformen anstrebte. Dass dies Erfolg haben könnte, weil es auch innnerhalb der SED einen "Reformflügel gäbe. Über "runde Tische" und die Arbeit an einem Verfassungsentwurf, über eine angestrebte Neuorganisation der "volkseigenen" Produktionsmittel konnte auch in der BRD zumindest oberflächlich Bescheid wissen, wer etwas wissen wollte.

Die Mehrheit wollte nichts wissen. Es passte nicht in das politische Bild, das hier ankonditioniert wird: Es kann keine Volksbewegung geben. Zum Beispiel, dass ein Gorbatschow irgendwo herkommen sei, in den Kreml einmarschiert sei, und ganz allein der SU eine Perestrojka verordnet habe: So kann eine historische Veränderung im BRD-Bewusstsein gespeichert werden. Und nur so. Geschichte wird von von Einzelpersonen gemacht. Es gibt kein Volk, und wenn dann höchstens ein Einvolk. Basta.

Hier war der Grosse Geschichtsbeweger, der noch nicht mal einen Koch bei sich hatte Helmut Kohl, der der DDR blühende Landschaften verordnete. Wofür "die dort" immer noch in Demut danken sollten.

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lotto01 03.11.2011 | 09:04

claudia schrieb am 03.11.2011 um 07:33
>>Über "runde Tische" und die Arbeit an einem Verfassungsentwurf, über eine angestrebte Neuorganisation der "volkseigenen" Produktionsmittel konnte auch in der BRD zumindest oberflächlich Bescheid wissen, wer etwas wissen wollte.

Das Gute an unserem System der freien Marktwirtschaft ist, dass jeder, der glaubt dass eine Planwirtschaft besser ist, diese ausleben könnte.
So wäre es z. B. ohne weiteres möglich gewesen, LPG's (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften) als Firmen weiter zu führen.
Der einzige Grund weshalb das nicht geschah, war die Erkenntnis der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit von LPG's.

Liebe @claudia, jetzt schreiben Sie doch bitte noch einmal etwas über die Genossenschaftsvereinigung MONDRAGÓN.
Ist der Laden, quasi als Zelle einer kommunistischen Wirtschaftsidee, in der freien Marktwirtschaft noch gesund?

AndreasCarl 03.11.2011 | 10:10

Verkürzte Kritik und liderliche Vergleiche
Die Kritik des Autors an der Kapitalismuskritik lässt sich auf diese Sätze reduzieren: (Zitat aus dem Text)
"Antworten finden sie nicht beim Anprangern von einzelnen Personen oder Gruppen, sondern viel eher bei Karl Marx. Aus seinem immer noch lesenswerten Werk „Das Kapital“ wäre zum Beispiel zu lernen, dass die Verheerungen der Gesellschaft nicht von Regierungen oder Unternehmen geplant werden, sondern sich oft genug unbewusst durchsetzen – hinter dem Rücken der Akteure."

Der wohl schlechteste Beitrag im Freitag seit Jahren ist schnell zusammengefasst:
Die Marktwirtschaft soll der Planwirtschaft weichen und Kapitalismuskritiker, die das nicht sehen haben einen verkürzten Blickwinkel und sind Antisemiten.
Das ist erbärmlich und liderlich zugleich und wird garantiert den wünschenswerten Ansprüchen einer Zeitung wie dem Freitag nicht gerecht.

claudia 03.11.2011 | 12:17

Sie können nach „Mondragon“ suchen. Dann müssen Sie allerdings die Suchergebnisse zu Faryd Mondragon aussorten.

Falls das Sichten der Suchergebnisse zu viel Arbeit wäre, geben Sie ein:
Mondragón Corporación Cooperativa
Einfach hier kopieren und ins ‚Google’-Suchfenster einsetzen.

Noch ein kleiner Tip: Informationen, die man selber sucht, bleiben in grösserem Umfange im Gedächtnis. Man kann dann besser drüber nachdenken und eine eigene Meinung dazu bilden. Warum das so ist, kann vielleicht unser Bordpsychologe erklären.

Tiefendenker 03.11.2011 | 15:41

Ich verstehe den Autor Hanning Voigts komplett anders und kann mich über die ihm alles mögliche zu unterstellen versuchenden Kommentare nur wundern...!?!

Deshalb sei mal folgender, allgemeiner Ordnungsversuch erlaubt:

@Alle
Liebe Leute - diese Art der Kommentare sagen was über Euch und Eure Wahrnehmung aus - hingegen nichts über den Inhalt des Textes oder irgendwelche Absichten des Autors. Nicht der Theoretiker ist der Täter/Mörder/Verbrecher - sondern er reflektiert nur, was da durch/mit/um uns herum passiert. Ob er das vollständig abbildet oder nicht - da sollte man hier die jeweiligen Argumente in der Sache ruhig hart und grundlegend kritisieren - aber bitte nicht so. Hier wird ja geradezu das bestätigt, was er anzusprechen versucht...

So ein Beitrag soll doch dazu veranlassen Fragen aufzuwerfen, also Fragen zu entwickeln, d.h. bezüglich Zusammenhängen nachzufragen, Definitionen und Perspektiven zu verstehen, mit denen der Wahrheit des SEINS näher kommt, oder??? Wenn hier jemand andere Absichten hegt, wäre das nur ein Grund mehr, hier nicht irgendwelchen Leuten was zu unterstellen, oder? Ich weiß ja nicht, wie Ihr das seht...?
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Die Absicht des Autors ist doch am Ende mehr als deutlich von ihm formuliert: "Wenn man jetzt etwas bewegen will, darf man es sich nicht zu leicht machen."

Welchen Teil davon habt Ihr nicht verstanden???

Spricht der Autor damit tatsächlich gegen die "99%"-Bewegung"? Ich denke nicht. Ganz im Gegenteil!!!

Sein Ausgangsartikel bedeutet für mich nämlich keineswegs, dass alle in dieser OCCUPY-Bewegung dieser kleinbürgerlich-ideologischen Denkform anheimfallen. Schaut man sich jedoch das Gros der Forderungen, Plakate und Transparente an, dann tauchen dort - zumindest habe ich scheinbar auch diese Beobachtungen hier in Hamburg machen müssen -überwiegend nur systemimmanente Forderungen auf. Diesem Phänomen versucht der Autor anchzugehen.

Ich verstehe Hanning Voigts` Ausführungen also insgesamt anders - nämlich so, dass er darauf aufmerksam machen möchte, dass KAPITALISMUS eine Produktions- und Lebensweise (Konsum- und Wegwerfgesellschaft) ist, und deshalb eben gerade nicht nur identisch mit dem Finanzkapital sein kann!!! Sollte irgendjemand bessere Argumente besitzen, dann bitte bitte her damit - würde mich selbst nämlich auch interessieren.

Will man dem Anspruch der Wahrheit in unserer subjektiven Reflexion gerecht werden, dann benötigten wir eine ganzheitliche Sicht und ein tiefer gehendes Verständnis vom KAPITAL-Begriff sowie Kapitalismus als Gesellschaftsform ganz allgemein.

Warum gibt es z.B. kaum Plakate, die den Irrsinn des von der Politik geforderten Wachstums ins Auge fassen? DAS wäre doch mal eine relevante Frage, oder? Und warum wird immer noch „kapitalistische“ Lohn-/Erwerbs- also Sklaven-"Arbeit" eingefordert bzw. das ideologische Ummünzen in "sozialistische Arbeit", was das Gleiche mit "rotem Parteibuch" wäre, anstatt die konsequente "Aufhebung der Arbeit"??? Das wären doch mal Fragen, die wirklich die Grundlagen des Kapitals berühren. Es gibt in der OCCUPY-Bewegung als auch scheinbar hier bei den Freitag Lesern noch viel zu wenig Leute, die sich trauen mal gedanklich einen Ebenenwechsel zuzulassen. Es mutet fast so an, als sei es vielen lieber, weiter auf dem alten, ausgeditschten und geschmacklosen, zähen Kaugummi "Marktwirtschaft" rum zu kauen, anstatt ihn endlich auszuspucken und als das zu sehen was er längst historisch ist - etwas, was auf den Müll gehört.
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Übrigens den inhaltlichen Ausführungen des Autors bezüglich "verkürzter Kapitalismuskritik" muss ich außerdem sachlich zustimmen. Das lässt sich theoretisch auch sehr sauber, transparent und logisch nachvollziehbar begründen.

siehe hier:
www.hh-violette.de/2011/10/das-netzwerk-des-kapitals/

Hanning Voigts 03.11.2011 | 16:22

@deviant

Den Vorwurf finde ich ehrlich gesagt ziemlich billig. Wenn ich unzutreffende Kapitalismuskritik (übrigens nicht mit billigen Tricks, sondern mit Argumenten) kritisiere, habe ich es mit gleich im Bestehenden bequem gemacht? Auch mir geht es in der Tat darum, „eine neue Vision zu entwickeln“, aber eben nicht mit Verschwörungs-Heinis und AntisemitInnen - und auch nicht mit Argumenten, die aus deren Fundus stammen.

Hanning Voigts 03.11.2011 | 16:25

@ goedzak

Mir ging es überhaupt nicht darum, Gysi vorzuwerfen, dass er von der reinen Lehre aus dem „Kapital“ abweicht. Mir ging es um den populistischen Kram, den er bei Maybrit Illner erzählt hat - dass Gysi eigentlich schlauer ist, glaube ich auch. Und ich finde, man darf die Kritik an der Linken eben nicht der FDP und der CDU überlassen - daher ist es wichtig, dass solche Debatten geführt werden

delacroix 03.11.2011 | 17:49

Das heißt? Man müsse die Menschheit ausrotten, um den Kapitalismus zu überwinden? Das macht keinen Sinn. Also doch nur jene "Finanzvampiere"? Ein ziemlich abartiger Gedanke. Ja, der Kapitalismus wird von den Menschen getragen. Aber eben von allen und nicht von einem Prozent einer "Elite", diesen bösen Spekulaten, Börsianern und Bankern. Der Bäcker bei dem Sie Ihre Brötchen kaufen ist den gleichen Zwängen des Marktes unterworfen wie ein Herr Ackermann. Und diese Zwänge sind abstrakt und auch wenn sich Menschen dem unterwerfen (müssen), sind sie nicht das Problem, sondern das System, was - wie gesagt - jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten in irgendeiner weise betrifft.

Und Hanning Voigts hat in seinem Artikel nicht behauptet, dass Kapitalismuskritik antisemitisch sei. Ihm geht es wohl vielmehr um einen strukturellen Antisemitismus. Heißt, die Strukturen der (verkürzten) Kapitalismuskritik der Occupy-Bewegung sind die gleichen wie beim Antisemitismus und können zu diesem führen. "Läuft Gefahr" und "steht im Raum" steht im Artikel, nicht das, was Sie behaupten.

Daniel Domeinski 03.11.2011 | 18:08

@Hanning Voigts

"Wenn der Kapitalismus also für mich ein „metaphyischer Weltgrund“ ist, „ähnlich Gott“ – gilt das dann auch für Marx und seine These vom Kapital als dem „automatischen Subjekt“ der Gesellschaft?"

Das können Sie mit der Initiative sozialistisches Forum diskutieren.
Mir ist aufgefallen, dass Ihre Argumentation in weiten Teilen von Salzborns Artikel aus der Jüdischen Allgemeinen stammt, den Sie verlinkt haben. Dieser Artikel arbeitet vorwiegend mit Unterstellungen. Salzborn hat ein instrumentelles Verhältnis zum Problem des Antisemitismus, den er nur bei Menschen vorfindet, die ihm politisch nicht genehm sind. Während Horkheimer und Adorno den Holocaust als ein genuines Produkt der westlichen Moderne begriffen, benutzt Salzborn den Vorwurf des Antisemitismus, um eben diese Moderne und den Kapitalismus gegen Kritik zu immunisieren.
Und wer glaubt "kapitalistische Vergesellschaftung" erschöpfe sich in der Waren- und Geldzirkulation, der bleibt ebenso wahnhaft wie die antisemitischen "Kapitalismuskritiker".

rudy fehren 03.11.2011 | 18:31

Meine Hauptkritik an diesem Artikel ist wenn man schon Persönlichkeiten der Zeitgeschichte benennt und kritisiert sollte man das auch den Historischen Kontext setzen. Gesell war eben kein Sozialdarwinist im Gegensatz zu Marx und hier sollte man Briefwechsel und Schriften lesen, ehe man diese Keule schwingt.

Sucht man neutrale Quellen wären die Anarchisten und Ihre Analysen auch lesenswert insbesondere bekommt man dann mal auch ein anderes Bild von der selbsternannten Antifa die immer diese Keule schwingt aber die Marxisten und Sozialdemokraten aussen vor lässt. Das zum Geschichtlichen Aspekt!

So man kann auch Gustav Ruhland lesen dem Vater der Modernen Nationalökonomie um zu folgenden Schluss zu kommen man kann Finanzkapitalismus und Kapitalismus nicht trennen! Ergänzend Hyman Minsky ist hier anzuraten, aber auch ein Blick auf das Hier und Jetzt macht doch deutlich das Eigenkapital eher die Ausnahme anstatt die Regel ist.

Auch die Spekulation auf jedwedes Gut wie zum Beispiel Wetterderivate die am OTC Markt gehandelt werden werden eingepreist alles hängt zusammen.

MFG

Harm 03.11.2011 | 18:41

@ Paul B.: Nein. Eher zu absehbar, dass solche Meinungen auftauchen, um aus den 99% ganz viele kleine Prozentzahlen zu machen. Es wundert mich lediglich, dass solche Artikel hier erscheinen und vom Freitag via Twitter beworben wird.

@ Nietzsche 2011 um 21:24:

Danke für das Kompliment, aber ich habe 1989 bereits erlebt.

Und ja, natürlich hatten die Menschen JEWEILS eine Meinung und natürlich auch ein Motiv, um auf die Straße zu gehen. Sie hatten aber eben nicht nur EINE einzige Forderung, wie Du es ja selbst gestern beschrieben und geschildert hast.

Die Menschen hatten je nach Biografie unterschiedliche Bedürfnisse und Motive. Sie gingen dennoch gemeinsam auf die Straße.

Oder kann man die "Montagsdemos" auf eine verkürzte Formel reduzieren, ausser auf der gemeinsam erlebten/gelebten "Unzufriedenheit"?

Und darin sehe ich die Parallelen zum heutigen Protest.

Wir können aber auch die Studentenbewegungen in den 60ern als Beispiel nehmen. Da gab es fast alles an Forderungen. Von extrem bis beinahe schon naiv friedlich.

Oder einfach nur den "Arabischen Frühling"! Hat sich jemand in unseren Medien hingestellt und tatsächlich gewagt, von diesen mutigen Menschen eine einzige, gezielte und zur Unkenntlichkeit verkürzten Parole zu fordern? War man nicht gerade deswegen beeindruckt, weil von radikal bis friedlich, alle Menschen gemeinsam gegen die Diktatoren auf die Straße gingen?

Ich halte jeden Versuch diese Occupy Bewegung auf eine verkürzte Formel zu reduzieren, für das Ende dieser Bewegung.

goedzak 03.11.2011 | 19:31

Dann sollte sich die Kritik vielleicht auch so darstellen, dass sie, wenn sie nämlich z.B. auch latent in die immer freudiger geübte Antisemtismus-Stigmatisierung aus Richtung CDU, FDP usw. einstimmt, nicht instrumentalisierbar ist.

Im Moment ist es doch so: Das Thema 'linker Antisemitismus' wird von rechts als Instrument der Stigmatisierung der Linken benutzt. Da hielte ich es für geraten z.B. die Erwähnung einer Kapitalfraktion, des Finanzkapitals, nicht selbst reflexartig gleich in die Nähe von rechtsextremem Denken zu rücken, sondern etwas sachlicher abzuwägen, zu diskutieren, ob eine Beschäftigung mit verschiedenen Kapitalfraktionen einen Sinn hat und wenn ja, welchen (auch bei Marx ist nicht immer nur von DEM Kapital die Rede, auch bei ihm werden Interessengegensätze innerhalb von Gruppen von Kapitalinhabern thematisiert, denn diese sind oft aktuellpolitisch relevant). Wenn ein Nazi vom Raffkapital spricht, ist das einfach nur Demagogie, selbst wenn die Person von dem Gefasel überzeugt sein sollte. Wenn ein Linker, der diesen Namen verdient, in einem bestimmten Zusammenhang von Finanzkapital spricht, kann er natürlich auch analytischen Irrtümern unterliegen, die zu kritisieren wären. Dann aber reflexartig die Formel 'verkürzte Kapitalismuskritik = struktureller Antisemtismus' aufzusagen, ist keine Kritik.

Im übrigen: Solche Sätze wie "Mit moralischen Appellen, Schuldzuweisungen und dem Anprangern der „Gier“ kommt man nicht weit. Wer den Kapitalismus verändern will, muss ihn verstehen – als eine komplexe, globale Struktur, der auch Banker und Staatschefs nicht entkommen können." sind absolut richtig! Daran anknüpfend einer Bewegung nahelegen, ihr Analyseniveau als Basis für den Fortgang der Bewegung zu heben, ist wichtig, und dagegen will ich nichts gesagt haben. Der Anspruch an das eigene Analyseniveau sollte aber ebenfalls permanent gehalten werden.

ebertus 03.11.2011 | 21:15

Nachdenkenswert ist der Artikel schon, nicht zuletz für den, der noch nie etwas von Wertkritik, verkürzter Kapitalismuskritik und Arbeiterbewegungsmarxismus gehört oder gelesen hat.

Ansonsten ist es vielleicht der Blick aus dem Elfenbeinturm von Neuer Marx Lektüre, deren Denkanstöße hier einerseits nicht gering geschätzt werden sollen, wo sich andererseits deren maßgebliche Protagonisten schon mal in Grabenkäpfen ergehen und schlußendlich die Erfahrungen der 68er (Theoretiker) machen müssen, wo dass Fressen vor der Moral, speziel vor aller eingeforderten, grauen Theorie kommt.

Streifzug 03.11.2011 | 21:49

delacroix,

"Der Bäcker bei dem Sie Ihre Brötchen kaufen ist den gleichen Zwängen des Marktes unterworfen wie ein Herr Ackermann. Und diese Zwänge sind abstrakt und auch wenn sich Menschen dem unterwerfen (müssen), sind sie nicht das Problem, sondern das System, was - wie gesagt - jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten in irgendeiner weise betrifft."
Wo haben Sie dieses Glaubensbekenntnis denn gelernt? Oder wollen Sie gar den Kapitalismus als neue Naturkraft ausrufen, sozusagen der Gravitation noch vorgelagert?

Ihre verwendeten Worte sind aufschlussreich: "unterwerfen, unterwerfen". Genau das ist es, Menschen werden gezwungen, sich einem Herrschaftssystem zu unterwerfen, welches momentan zufällig Kapitalismus heißt. Abstrakt ist da nichts dran.

Die verzerrte Beschreibung der Gegebenheiten, ausgedrückt durch Antworten wie Ihre und durch Pamphlete wie dem von Hanning Voigts sind strukturell sehr bedenklich. Die größten Antisemiten, beispielsweise Adolf Eichmann, beteuerten ihre persönliche Unschuld und beriefen sich entschuldigend auf das System. Wären sie bei euch freigesprochen worden?
ebertus 03.11.2011 | 21:56

@tiefendenker

Mit "@Alle" wollte ich mich momentan nicht sofort solidarisieren, weil gerade erst hier eingestiegen, weiter oben einen kurzen Beitrag geleistet. Und dieses...

"Welchen Teil davon habt Ihr nicht verstanden???"

scheint mir ein allzu elitärer Gestus, dem Thema in dieser Verallgemeinerung nicht angemessen.

Ihr indirekter Link hier auf "Exit", auf Robert Kurz ist nicht verkehrt, aber für die weiter oben schon erwähnten, über den akademischen Tellerrand hinaus sehr resonanzarmen Grabenkämpfe linker Theoretiker sind nicht die gern unkritisch verkürzenden, theorielosen Occupy-Bewegten verantwortlich.

Butter an die Fische? Gern!

Die Passagen oben im Artikel zum Thema "Antisemitismus" kommen mir doch allzu hölzern, zu aufgeschrieben vor. Eine immer wieder gern verwendete, instrumentalisierende Vereinnahmung von Auschwitz, der Robert Kurz bereits 2003 mit seiner Philippika gegen die "Antideutsche Ideologie" widerstehen wollte, nicht zuletzt in diesem Zusammenhang die Mitarbeit bei "Konkret", "JungleWorld" etc. aufkündigte.

Der gleiche Robert Kurz, der dann Jahre später mit seinem "Der Krieg gegen die Juden" und mehr noch mit "Die Kindermörder von Gaza" dieser Instrumentalisierung doch ein Stück weit erlag. Auch darüber nachzudenken sollte legitim sein und eine - wie ich meine - sehr sachliche Replik sei anempfohlen:

www.trend.infopartisan.net/trd1010/t121010.html

Mein vorläufiges Fazit:

Wertkritik (salopp als der moderne Anti-Dühring) ist richtig und wichtig in der intellektuellen Aufarbeitung. Eine beinahe gebetsmühlenartig (zumindest implizit) als Credo dargestellte, substantielle Verbindung mit Antisemitismus partiell kontraproduktiv, kann gar abgleiten in Diskreditierung, ja in die Diffamierung Einzelner;

nicht wirklich neu, oder?

Streifzug 03.11.2011 | 22:19

Lieber Hanning Voigts,

Sie fahren hoffentlich kein Auto. Immerhin war einer der einflussreichsten Antisemiten, Henry Ford, von Hitler mehr als wohlwollend erwähnt, Autobauer. Alleine das Wort Abgaswert lässt mich schaudern.

Zug werden sie auch nicht fahrten können. Immerhin wurden in Zügen Millionen Opfer in Vernichtungslager gekarrt. Wer für solche Zugfahrpläne verantwortlich war, ist Ihnen bestimmt auch bekannt.

...(weitere Beispiele)

Welch kleines Licht war doch der Schwundgeld-Befürworter Silvio Gesell dagegen. Aber wie kommt es, dass Sie nur von ihm reden? Weil es sich um Geld, Zinsen, dreht? Nun, das will ich nicht hoffen. Denn das wäre in dem Zusammenhang mehr als nur strukturell antisemitisch.

Angelia 03.11.2011 | 22:28

Im Übrigen gebe ich dem Autor recht, es kann auf die Fragen des Kapitalismus keine einfachen Antworten geben, sondern nur eine einzige
recht komplexe, nämlich "Kapitalismus abschaffen!".

Genau diese radikalen, obendrein dogmatischen absolut gesetzten Aussagen sind es, die die Bürger von Bewegungen jeglicher Art wegtreiben.

Insofern ist die Frage nach kompetenten, unabhängigen Beratern, die vor allem das Anliegen der Bewegung im Kern überhaupt erfasst hat, für Occupy-Bewegung existentiell.

Im Angesicht des inflationären Beratertums verstehe ich das Anliegen der Occupy-Leute sich selbst ein Bild zu machen und sich Informationen selbst zu erarbeiten.

Wie allgemein üblich redet man wieder mal über statt mit den Menschen. Ich finde es auch nicht leicht, eine Gruppe in der Selbstfindungsphase einfach machen zu lassen und statt zu postulieren was sie tun sollen, mit ihnen diskutieren.
Aber ich meine ich habe es hier mit einer politisch sich bildenden Gruppe und keineswegs mit einem Fußballverein zu tun. D.h. ich werde, statt von der Trebüne aus zu gröhlen und zu johlen, mich wohl ins Geschehen einbringen müssen. Und zwar nach deren Regeln und Vorstellungen.

delacroix 03.11.2011 | 22:36

Natürlich ist das System selbst abstrakt. Dessen Auswüchse dafür umso realer. Wie sieht denn Ihr Plan aus? "Finanzvampire" entmachten, enteignen, lynchen und schon ist der Kapitalismus verschwunden? Der Kapitalismus wird von allen getragen, von Ihnen, von mir, von Bäckerin Müller und von Herrn Ackermann - nicht von dem einen Prozent, wie die Occupy-Bewegung behauptet.

Vielleicht verstehen Sie jetzt, worum es geht. Wenn nicht, auch egal. Ihr letzter Absatz disqualifiziert Sie eigentlich als Diskussionspartner. Hanning Voigts, mich oder auch die 1% mit Adolf Eichmann vergleichen, weil man ja dem System die Schuld gebe (was ich übrigens nicht getan habe, aber das scheint Sie ja nicht zu interessieren), ist echt daneben.

j-ap 03.11.2011 | 22:53

Moment mal ... Eichmann? Da war doch mal was, oder? Richtig, da war doch mal was:

»Zu seinen Ansichten über Adolf Hitler befragt, sagte Eichmann, er habe Respekt vor ihm gehabt. Hitler sei allerdings nur eine "Marionettenpuppe" internationaler Finanzkreise gewesen, meinte er.«

Eine »Marionettenpupe internationaler Finanzkreise« — heutzutage würde Eichmann wohl »Finanzvampir« sagen.

ed2murrow 04.11.2011 | 00:26

Mich würde ganz praktisch interessieren, wieviele aus der hiesigen occupy-Bewegung eigentlich riestern und sich dabei bewußt werden, selbst Teil des Problems zu sein. Staatsanleihen waren bis Datum mündelsichere Anlagen und damit Mindestmaß für Anlagen mit Wertsicherungsgarantien.

Vielleicht wird dann klar, dass wir es hier nicht mit einem Bankenproblem zu tun haben, sondern mit Krisen der Staatshaushalte. Und die waren noch immer die Mutter des Kapitalismus, Bänker hingegen nur angeheiratete Cousins dritten Grades.

ed2murrow 04.11.2011 | 10:46

Erklären Sie mir bitte die "Interessen der Finanzindustrie" bei Geldgeschäften, die einer Festgeldanlage entsprechen, für die jährlich mindestens der Inflationsausgleich (derzeit: rund 3% und das pro Jahr!) erwirtschaftet und die Endsumme (nach z.B. 45 Jahren) garantiert sein muss und das alles für den Einleger, ohne dass die Bank ausser den vorher fest vereinbarten Verwaltungsgebühren auch nur einen Cent verdienen würde.

Die Auslagerung dieses Bereiches der Daseinsvorsorge erfolgte, weil sonst das Verhältnis Staatsverschuldung/BIP heute nicht bei 83% sondern bereits bei 100% läge. Mit anderen Worten: Der Staat hat sich selbst in Teilen aus dieser historischen Aufgabe verabschiedet, um für andere Bereiche, die ihm wichtiger erscheinen, liquide zu bleiben.

Denn tatsächlich hätte der Staat eine andere Gestaltungsmöglichkeit gehabt (so wie letztlich auch Rente bis 1958 funktionierte), nämlich die Schaffung eines Sondervermögens, in den der Ansparteil der Ruhestandsgelder hätte einfließen können. Und nun fragen Sie sich bitte, warum das nicht geschehen ist, ohne gleich wieder auf "Interessen der Finanzindustrie" zu klopfen.

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Ehemaliger Nutzer 04.11.2011 | 10:48

Insgesamt erscheint mir der Artikel eher von sozialromantischen Vorstellungen initiiert. der Verweis:

Das Gute an der bisherigen Occupy-Bewegung ist, dass sich dort viele Menschen tummeln, die verstehen wollen, Fragen stellen wollen. Antworten finden sie nicht beim Anprangern von einzelnen Personen oder Gruppen, sondern viel eher bei Karl Marx. Aus seinem immer noch lesenswerten Werk „Das Kapital“ wäre zum Beispiel zu lernen, dass die Verheerungen der Gesellschaft nicht von Regierungen oder Unternehmen geplant werden, sondern sich oft genug unbewusst durchsetzen – hinter dem Rücken der Akteure.

Ich bin mir nicht sischer, ob Karl Marx die richtige und alleinige Quelle zur Einsicht darstellt und möchte hier auf meinen Blogeintrag:
www.freitag.de/community/blogs/kunibert-hurtig/was-kann-occupy-bewirken
verweisen. Denn nach meinem Dafürhalten liegen die Dinge weitaus komplexer, worauf der letzte Satz im Zitat verweist:

dass die Verheerungen der Gesellschaft nicht von Regierungen oder Unternehmen geplant werden, sondern sich oft genug unbewusst durchsetzen – hinter dem Rücken der Akteure.

Dies verweist auf Prozessgeschehen, dass den Akteuren auf ALLEN Seiten des wirtschaftlichen Interesses verborgen bleibt, mithin dem Geschehen selber und den Agenten im Geschehen immanent ist: sondern sich oft genug unbewusst durchsetzen – hinter dem Rücken der Akteure.

Dies sollte verstanden werden.

tlacuache 04.11.2011 | 11:08

Wer spricht hier eigentlich ueber Erben?
Also Waldbesitzer und so?
150 - 500 Jahre ueber alle Zeitfenster geholpert ohne dass es jemand aufgefallen ist?
Reformation der Kirche, 1848, 1914-1918, 1939-1945, 1989,
und immer die gleichen Penner auf der Yacht die nie Arbeiten muessen und mussten...

Und wo kam's her?
Mal dem Nachbarn den Schaedel mit der Axt gespaltet, so anno 14fuffzig und vorher...

LAND-und GRUNDbesitz ist das ZauberWORT.
Wenn ich nur Grundsteuer, aber keine Miete am Hals habe, mache ich aber fluchs gute Gewinne und prahle was ich fuer ein "SuperUnternehmer" bin Bla Bla...

ebertus 04.11.2011 | 13:10

Btw. Adorno

Roswitha Scholz nennt dies im Editorial von "Exit Nr. 6" und bezogen auf die genannten Grabenkämpfe zwischen den (idealtypischen vier) Positionen der theoretischen, neuen Linken eine "Adorno-Orthodoxie", gar einst Herd der neuen Wertkritik, welche nun aber unter die Räder der antideutschen ideologie geraten ist.

Änliches ist auch von dem weiter unten bereits verlinkten Reinhart Pablo Esch zu lesen:

-----
Robert Kurz greift (KmG 216) auch den in den letzten Jahren vielzitierten Satz Adornos auf, der – in der „Negativen Dialektik“ – geschrieben hatte: „Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe.” (S. 358) Hier nähert sich Kurz, so wie er das Thema behandelt, dem sogenannten „zionistischen kategorialen Imperativ“ des „Antideutschen“ Stephan Grigat an, der in „Die befreite Gesellschaft und Israel“ gewissermaßen in aktualisierter Form „Adornos Diktum“ (Kurz) so interpretierte: „Der zionistische kategorische Imperativ lautete dann, vom materialistischen Verständnis aus betrachtet, in etwa: Solange es Menschen gibt, die sich zwar dem Marxschen Imperativ [„alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, RPE] verpflichtet fühlen, mit ihrem Anliegen aber keineswegs erfolgreich sind, versuchen wir dem Adornoschen Imperativ dadurch gerecht zu werden, daß wir mittels Gewalt die körperliche Unversehrtheit von Juden und Jüdinnen gewährleisten.“ Hinzuzufügen wäre allerdings erneut: in Israel; Erscheinungsformen und Konsequenzen des Antisemitismus außerhalb dieses Staates bzw. der Region und des entsprechenden Argumentationszusammenhangs werden dagegen so gut wie nicht zur Kenntnis genommen.
[...]
Grigat will also zu diesem Zwecke Gewalt ausüben bzw. sie an andere delegieren, seien es nun die USA oder Israel. Und Kurz erfüllt diese Prämisse ja auf seine Weise zumindest hinsichtlich Israels ebenfalls, wenn er in KgJ in der bereits zitierten Passage schreibt, „dass die Vernichtung von Hamas und Hisbollah eine elementare Bedingung nicht nur für einen prekären kapitalistischen Frieden in Palästina ist, sondern auch für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse.“ Hier ist sie wieder, die Formel vom „gerechten Krieg“, da ja nur im Dienste der hehrsten Ziele befürwortet; das Wort „bellizistisch“ setzt Kurz, ganz im Gegensatz zu früher, nun auch betont in Anführungszeichen. Zu der Frage, wie es kommt, daß sich dieses Mal der Antisemitismus so eindeutig auf Israel und vergleichsweise weniger auf Juden schlechthin stürzt, ist bei ihm eigentlich nicht viel mehr zu lesen, als daß dem wohl so ist: „[D]ie Vernichtungsabsicht konzentriert sich weniger auf die jüdischen Populationen in der Welt schlechthin, sondern wesentlich auf den Staat Israel. Der eliminatorische Gesichtspunkt [sic!] des neuen Antisemitismus hat sich auf diese staatliche Existenz verschoben.“ (KmG 236f.)

notina.net/2i
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Der Beitrag von Robert Kurz ist nachzulesen in eben diesem oben genannten "Exit" und war vor einigen Tagen (nicht zuletzt unter meiner Teilnahme) Gegenstand eines Lese- und Diskussionskreises zur Wertkritik; wird am 09. November fortgesetzt:

notina.net/3c

Und eben zu den Antideutschen generell:

notina.net/1l

Das schwingt eben mit, wenn man - wie weiter unten bereits geschrieben - hier im Beitrag derartig hölzerne Passagen lesen darf. Aber vielleicht wird sich der Autor dazu ja noch etwas näher erklären.

Streifzug 04.11.2011 | 14:32

Nun, lieber J.A.-P.,

in welchem Zusammenhang steht die Aussage:

»Zu seinen Ansichten über Adolf Hitler befragt, sagte Eichmann, er habe Respekt vor ihm gehabt. Hitler sei allerdings nur eine "Marionettenpuppe" internationaler Finanzkreise gewesen, meinte er.«
zum Thema und inwieweit ist der Wahrheitsgehalt einer Aussage davon abhängig, ob die Aussage von Herrn X oder Herrn Y getätigt wird.

In dem Zusammenhang wird auch über Eichmann erwähnt: »Er habe "einen Haufen von Leichen gesehen, die offenbar vergiftet wurden".«

Für Personen, die es lieber etwas plastischer mögen: ändert sich etwas daran, dass die Erde sich um die Sonne dreht, je nachdem was Eichmann dazu sagt?
Streifzug 04.11.2011 | 14:41

Lieber delacroix,

Ihre Unterstellung, ich würde sie mit Adolf Eichmann vergleichen, disqualifiziert Sie als Diskussionspartner - und das nicht nur eigentlich. Aber ich will nicht kleinlich sein.

Viel aufschlussreicher ist, dass Sie meine ganz konkrete Frage: "Die größten Antisemiten, beispielsweise Adolf Eichmann, beteuerten ihre persönliche Unschuld und beriefen sich entschuldigend auf das System. Wären sie bei euch freigesprochen worden?" nicht direkt beantworten. Indirekt tut sich da so einiges. Wie kommmen Sie in dem Zusammenhang auf "entmachten, enteignen, lynchen"? Lynchen? Ist in Ihren Augen das Todesurteil Adolf Eichmanns "lynchen"?

kds 04.11.2011 | 19:40

Ich frage mich, was der eigentliche Gehalt des Artikels sein soll?

über die Occupy-Bewegung erfahre nichts, aber auch gar nichts neues, was nicht in anderen Main-Stream Medien ausführlich diskutiert wird.

Sein Ansatz ist, aus dem von ihm imaginierten (und nirgendwo wirklich sachlich begründeten) zusammenhang vom 99%-Slogan auf eine Personalisierte Übeltäter-Argumentation zu schliessen.

Denn immerhin, es sind Menschen die durch ihre Arbeit den gesellschaftlichen Reichtum produzieren, und es sind wiederum Menschen die sich diesen Reichtum in unterschiedlichem Maße aneignen. Ob durch Lohnarbeit, Profite, oder Rendite an den Aktionmärkten. Hier wäre es durchaus angebracht einen ökonomischen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Ebenen der Arbeit sowie der Kapitalakkumulation und Kapitalaneignung herzustellen. Dann hätter er vielleicht die Zielrichtung des 99% Slogans verstehen und diskutieren könne.

Das aber macht der Autor nicht. Er nimmt die Occupy-Bewegung lediglich zum Anlass, die doch sehr eigene Vorstellungen eines "strukturellen Antisemitsmus" allgemein vorzustellen. Er verwendet zwar den Begriff nicht, doch er nutzt die dahinter stehende Argumentation und verlinkt zudem auf einen Artikel der dieses theoretisches Konstrukt vorstellt.

Das mag mögen, wer sich der dahinterstehenden Gedankenwelt anschliessen mag, doch ich habe damit meine großen Bauchschmerzen.

Er verweist auf Gsell und seine Schrumpfgeldtheorie. Diese ist eine ökonomische Theorie. Doch er diskutiert diese nicht in ihrem theorischen Gehalt, ihrem Wahrheitsgehalt.

An die Stelle der Erkenntnistheorischen Kategorien vom Verifizieren und Falsifizieren setzt er Gsell in eine Linie zum Nazi-Ideologe Gottfried Feder, setzt diese implizit in einen Kontext zum Antisemitismus. Er setzt also an die Stelle des Wahrheitsgehaltes der ökonomischen Argumentation den Antisemitismus-Vorwurf (der verlinkte Artikel in der jüdischen Allgemeinen führt diese Argumentation ausführlicher auf).

Doch was heißt das, wenn ökonomische Theorien nicht nur wahr oder falsch sind, sondern einfach antisemitisch sind?

Hat das faschistische Konzept vom raffenden und schaffenden Kapital nun einen wahren Kern, der nur auf grund seiner antisemitschen Verwendung abzulehnen ist? Oder ist solch ein faschistischern Unsinn einfach nur schlichtweg FALSCH!!!!

Was bedeutet die Einführung eines Wahrheitskriteriums "Antisemitismus" in diesem Zusammenhang. Werden hier nicht einfach rassistische Kategorien, wie der Antisemitismus, in das Gebiet der Ökonomie implementiert, der Rassismus als Maßstab für das Denken eingeführt. Das gilt selbst da, wo dieser Rassismus in seiner verneinenden Form als Kampf gegen den Antisemitismus, wie hier, auftritt!

Gesellschaftlich verantwortungsvoller Umgang und die kritische Reflektion theoretischer und gesellschaftlich Zusammenhänge sehen für mich anders aus, als nur der Rückgriff auf faschistische Kategorien zu dessen Bescreibung.
Und der Zusammenhang mit der faschistischen Idee einer deutschen Physik ist hier für mich einfach zu nahe.

Insofern setzt dieser Artikel auf viel Demagogie anstelle von Argumentation. Es hätte dem Artikel sicher gut getan, wenn er sich anstelle oberflächlicher polit-ökonomischer Allerweltsweisheiten wirklich mit Marx auseinandergesetzt hätte.

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helena-neumann 06.11.2011 | 12:26

"Dann müßten Sie aber die Systemfrage stellen,was Sie explizit nicht tun,"
Dem möchte ich hinzufügen, dass das Problem so alt wie die Börse selbst ist
www.livestream.com/globalrevolution

Mir wäre es schon recht, wenn hier einmal die Ursachen benannt würden, die die Märkteentfesselt haben:

Hier ein paar Schicksalsdaten:

1986: Liberalisierung des Börsengeschäfts durch Margret Thatcher: Gebührenordnung und Zulassungsgrenzen fallen weg: der Wertpapierhandel wird einfach und billig: der Ausstieg Londons zur Finanzmacht ist damit bereitet

1999: das Schicksalsjahr: Der amerikanische Präsident Bill Clinton: Aufhebung des Glass-Steal-Acts: Dieses Gesetz, dass den bitteren 1930er Jahren gezollte ist, sah eine Trennung von Kreditgeschäft und Investmentbanking vor. Inzwischen dürfen alle an den Börsen mitspielen. In der BRD hat es übrigens nie eine Trennung von Kredit-; Investmentbanking und Risk-Management gegeben! Deshalb sind in der BRD die Versicherungen so mächtig, deshalb konnte sie so tief in Bankenpolitik einmischen und der Politik diese Mär von Privatrenten aufs Auge drücken, denn die Versicherungen gehören zu den großen Gläubigern des Staates.

2001: Die amerikanische Börsenaufsicht senkt den kleinsten zu handelnden Wert von 16 Cent auf einen Cent. Damit entsteht der Hochgeschwindigkeitshandel. Nur mittels Computer lohnt es sich in diesem Centbereich zu agieren; millionenfach pro Minute! „Die Hudson River Trading“ wird mit Mitarbeitern gegründet.
Es ist auch hier eine Mär, man sei dem schicksalhaft ausgeliefert!
2001: was Sie explizit nicht tun, rot-grüne Bundesregierung führt die Riester-Rente ein, ein Milliarden-Geschäft für die Finanzbranche

2004: Die mächtige Volkswirtschaft Deutschland erlaubt Hedgefonds für Privatanleger. Bislang wren diese Fonds für Privatanleger verboten!

2005: Verabschiedung eines Gesetzes durch die Bundesregierung: Aktiengesellschaften können ihre Anteile an Unternehmen steuerfrei verkaufen. Die Folge davon ist: Aufhebung von wechselseitigen Verflechtungen der deutschen Unternehmen; immer mehr werden Firmen von Zahlen abhängig

2005: Einführung des elektronischen Handels in den USA: Jetzt beschäftigt die Hudson River Trade 70 Mitarbeiter!

Zu recht schreibt Wolfgang Uchatius von der Zeit Nr.45/2001: "Die Finanzmärkte haben die Macht nicht übernommen. Sie wurde ihnen übergeben"

Popkontext 06.11.2011 | 12:57

Wobei das Ganze schon viel früher anfing, 73 mit der völlig frei konvertibelen Währung nach dem Zusammenbruch des Bretton-Wood-Systems, Anfang der 80er mit den Deregulierungen der "Reaganomics", allerdings auch der technischen Entwicklung, die die Schnelligkeit der globalen Finanzmärkte erst ermöglichte, weil man nicht mehr auf's "Fräulein vom Amt" warten musste, dass einen eventuell durchstellt oder auch nicht.
books.google.de/books/about/Casino_capitalism.html?id=YxgNAQAAIAAJ

Andererseits - wenn es nur daran läge, müßte man die Systemfrage nicht stellen, sondern nur strenge Gesetze aufstellen, die das unterbinden und regulieren und strikt auf deren Einhaltung achten.

Harm 06.11.2011 | 20:50

Allein der naive Satz ... "Für den Großteil der Weltbevölkerung bedeutet das, dass sie ihre Arbeitskraft gegen Wohnung, Lebensmittel, Kleidung und eventuell die eine oder andere Urlaubsreise eintauschen müssen." ... entlarvt die schrecklich, westlichen Denkmuster des Autoren.

Ich möchte nur mal zu bedenken geben, dass ein "Großteil der Weltbevölkerung" keinen Grund für eine 99%-Bewegung hätte, wenn sie genug Geld hätten, um es gegen "die eine oder andere Urlaubsreise eintauschen" zu "müssen".

Harm 06.11.2011 | 21:00

@ delacroix

Dafür müsste man sich vorerst einigen, ob die erhobene Kritik an der Bewegung - innerhalb dieses Artikels - überhaupt ernstgenommen werden kann.

Das wage ich stark zu bezweifeln!

Man kann nicht eine riesige, weltweite Bewegung diskreditieren, nur weil einer davon fragwürdig argumentiert oder geisteskrank ist. Das ist unfair und einfach nur daneben. Wir sprechen hier von einer Bewegung, dessen Größe, Einfluss und Macht (Dank Internet) vermutlich einmalig in der Menschheitsgeschichte sein dürfte.

Und natürlich ist die Occupy Bewegung von Lateinamerika über Madrid bis ganz nach Tokio keine einstimmige Bewegung. Das wäre ja auch - wie schon mehrmals erwähnt - das Ende dieser Bewegung!

Harm 06.11.2011 | 21:16

Wir machen auch Krieg, obwohl Werte um bis zu 80% der Bevölkerung es ablehnen. Wir retten Banken, obwohl es weit über 50% der Bevölkerung ablehnt. Es wurde sogar für ein paar Monaten der Ausstieg aus dem Atom-Ausstieg gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung durchgesetzt.

Würde die Regierung den Ausstieg aus dem Kapitalismus beschließen, wären zwar weit über 50% überrascht, aber sicherlich auch nicht sonderlich traurig. Vielleicht etwas besorgt ... wie man es halt ist, wenn man sich auf etwas Ungewisses einstellen muss. Aber die Sorgen dürften eher etwas mit dem Übergang zu tun haben und weniger mit dem Verlust des Kapitalismus.

Tiefendenker 07.11.2011 | 01:56

zu/über kds - weil ein erneutes Beispiel für meine Anmerkung oben...

Also bei allem Respekt - der Ausgangsartikel ist sehr verständlich formuliert. Was kds da meint "herauslesen" zu können oder besser "hineininterpretieren" bzw. "unterstellen zu müssen" ist unfassbar, oder?

Im Grunde bestätigen solche Reaktionen doch genau, dass das Anliegen des Autors Hanning Voigts mehr als berechtigt ist.

kds behauptet doch tatsächlich, der Artikel würde nichts über die OCCUPY-Bewegung aussagen. Dann haben wir wohl verschiedene Texte auf dem Bildschirm zu Hause...
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Der Artikel bezieht sich ganz klar auf die in der Bewegung zu beobachtenden Argumentationsmuster und fragt nach den dahinter liegenden Denkweisen, die zu diesen Argumenten führen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
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Niemand bestreitet, das die Vorstellungen eines Silvio Gesell logisch nachvollziehbar sind. Somit waren sie aus seiner Perspektive also auch "wahr" und "richtig". Dennoch muss die Frage erlaubt sein, was er für seinen theoretischen Ansatz als Ausgangspunkt setzt. Das ist in diesem Fall die Ware-Geld-Beziehung und damit auch die Lohn- und Erwerbsarbeit, oder?

Der von rheinhold2000 verlinkte Beitrag rudert da inhaltlich ebenso völlig im trüben Wasser und versucht (in diesem Fall Jutta Ditfurth) sich rein polemisch mit Gegenvorwürfen und Unterstellungen vom Hals zu halten.

Ein Silvio Gesell ist garantiert kein "Antisemit" im rassistischen Sinn gewesen. Das war ja eher Marx noch schlimmer (zumindest in seinen Formulierungen). Darum geht es auch überhaupt nicht. Sondern darum, dass Gesell den Begriff "Kapital" nicht angemessen reflektiert und unbewusst als immer schon bei all seinen Überlegungen als wie "naturgegeben" voraussetzt (daher auch seine Vorstellung der "Freiwirtschaft" als der "natürlichen Wirtschaftsordnung"), obwohl ich Zitate von ihm kenne, wo er ausdrücklich sagt, dass es sowas wie eine "natürliche Ordnung" gar nicht geben können, da sie immer "menschengemacht" sei. Er hatte seinen eigenen inhaltlichen Widerspruch also sogar erkannt, kam da aber gedanklich nicht raus. Warum wohl?

Diese Eigenschaft teilt er mit allen, die ebenfalls die Ware-Geld-Beziehung immer schon als gegeben und unumstösslich voraussetzen (so wie z.B. auch eine Sahra Wagenknecht u.v. andere "Linke") und dann lediglich "Ungerechtigkeiten" innerhalb dieser Systemlogik beklagen.

Das heißt nicht, dass nicht auch diese Kritik unberechtigt wäre, sondern dass sie eben "verkürzt" ist, weil sie nie die Inwertsetzung und Basisform des Kapitalismus selbst als Ursache ins Auge fasst. Es geht im Kern stets nur darum, die Marktwirtschaft oder eine ihrer Ableger oder ideologischen Derivate (z.B. soziale Marktwirtschaft, Freiwirtschaft, demokratischer Sozialismus) zu retten, anstatt sie zu überwinden.

Da das argumentativ nicht klappt, wirft man den Kritikern dann eben einfach "roten Faschismus" vor, oder "antideutsch" zu sein, was wohl eine gewisse Popularität besitzt. Wirklich "antideutsche" Positionen vertreten in Wahrheit die, die sich z.B. wie Harm positiv auf "marktwirtschaftliche Errungenschaften" wie "Urlaubsreisen" meinen berufen zu können, als wenn es die in einer anderen, freien Gesellschaft nicht auch geben könne. Das nenn ich Blindheit, Dummheit bzw. Demagogie. Denn genau umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wenn wir uns jenseits der kapitalistischen Ausbeutung vergesellschaften würden, könnten andere Menschen sich auch mal Reisen leisten! Dass wir von der Gewalt unserer Urväter mit Sklavenhandel (ursprüngliche Akkumulation des Kapitals), Kolonialisierung, zwei Weltkriegen, "Freihandelsabkommen" zum höchst einseitigen Vorteil, Erpressung durch Konzerne und ihre Monopolstellungen usw. massiv profitieren, wird dabei einfach ausgeblendet. Nichts davon lässt sich auf den "Zins" als Ursache reduzieren. Ebenso wenig auch "schlechten Charakter" der Protagonisten oder fehlende "Moral und Ethik" oder ein "falsches Geld" oder eine fehlende "Monetative", die Logik privater Banken usw. Die Liste der Teilaspekte und Alibiursachen ist endlos...

Davon abgesehen lassen sich übrigens erstaunlicherweise immer genau in den Reihen tendenziell "personalisierte Übeltäter" und "jüdische Hintermänner" finden, wo sich die "Zinskritiker" und die "Geldreformer" gedanklich bewegen. Wie kommt das wohl?????

Ich bekomme seit ein paar Wochen News aus Verteilern dieser Reihen und ich kann nur sagen, es ist schon erstaunlich, was sich diesen Hirnen alles so an Verschwörungstheorien zusammenbraut, bis hin dass die PIRATENPARTEI angeblich von jüdischen Leuten unterwandern und von den USA aus gesteuert und finanziert wird usw. Es gibt ganze Internetseiten, wo die sich darüber auslassen. Der geistige Schritt von "Freigeld" zu Freidenkern und Illuminaten scheint ein kleiner zu sein. Woran mag das wohl liegen?????

ch.paffen 07.11.2011 | 03:10

wie "Occupy" als Eventveranstaltung ist nicht okay?
ANSTRENGEND - och nö - wie blöd.
Kritik am medial so fein wirksamen Gysi - och nö - wie blöd.
Zum über den Tellerrand denken auffordern - denken, selbstständig - och ne - wie blöd.
Kritik an plumper Kritik - DANKE !!!!!
Auf der "Empört Euch" Welle mitschwimmende obskure Bewegungen outen - PRIMA !!!!!
Wie wenig kritikfähig die eine oder andere Strömung ist - au weia - der eine oder andere Kommentar ist ............... oopps !!!!!

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helena-neumann 07.11.2011 | 12:10

"Wobei das Ganze schon viel früher anfing, 73 mit der völlig frei konvertibelen Währung nach dem Zusammenbruch des Bretton-Wood-Systems, "

Liebe Popkontext!

Das ist eine psychologische Frage, ob man eher an Gold (höchst inflationsabhängig!) glaubt oder an kursierende Scheine. Darin wenigstens waren sich der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Corneo und der Kulturwissenschaftler Prof. Vogl (Freitag-Salon) einig. Aber eigentlich wussten das die ersten Börsen-Spezialisten schon im 15 Jhd. in Brügge, als alles losging (laut Corneo eher in Italien) und sie sich Wechsel ausstellten, wie auch immer...

Mir ging es nicht um eine historische Herleitung, sondern um die Dammbrüche in der Gegenwart. und die hat Uchatius auf den Punkt gebracht!

Bretton Wood war ja auch "nur" eine Reaktion, um eine Wiederholung "1929" zu verhindern und all die weltgeschichtlichen Konsequenzen, die man meint allein aus Wirtschaftskrisen ableiten zu können.

"sondern nur strenge Gesetze aufstellen, die das unterbinden und regulieren und strikt auf deren Einhaltung achten."

Ich denke WIR müssen die Politikfrage stellen, denn, ich wiederhole mich da gerne, die hat das losgetreten. Das Schwierige ist dann allerdings, dass Steinbrück oder Schäuble nur "Gänsefüßchen" unterscheiden. Hier(!) darf man sich keinen Sand mehr in die Auge streuen lassen.

Es macht Spass Ihnen zu antworten
Schöne Woche

Helena Neuman

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helena-neumann 07.11.2011 | 13:01

"Da der Autor das aber noch nicht begriffen hat, ist auch der Großteil dessen, was hier zu lesen ist, purer Bullshit und möglicherweise böswilliger, bourgeoiser Egoismus: Diejenigen, die es sich im Kapitalismus gemütlich gemacht haben, das gilt insbesondere für die Journallie, haben natürlich Angst, etwas zu verlieren, im extremsten Falle nämlich ihren Kopf.
Fragt sich bloß, ob in der Occupy-Bewegung tatsächlich irgendwann diese Erkenntnis reift und aus ihren Reihen ein neuer Robespierre erwächst -"

Wenn man genau hinschaut "deviant" sind Sie nur das Sprachrohr einer aggressiven "Reaktion". Ihre vermeintliche Fundamentalkritik an allem und jedem und dies durch alle die Blogs, in denen ich Ihnen bisher begegnet bin, mündet dann wohl auch in dem Credo:"Ich, deviant, will, dass alles so bleibt, wie es ist!"

Anders herum gefragt, "wo bitte schön, bleibt denn die Konkretisierung Ihrer "Visionen!"

Ihr sehr spezieller Duktus und die Anspielung auf Robespierre sind zwar sehr beredt. Nur, wer war dieser Robespierre gleich nochmal, was waren denn seine Taten, vor Allem, was kam nach ihm?“

Da lobe ich mir doch den „ollen“ Spengler Oswald, der war total reaktionär, hatte keine Peilung für die Zukunft, aber einen richtigen Ekel vor Gewalt und ein Näschen für die, die sie dann auch säten!

Übrigens für die, die das Aristrokratensöhnchen, den Schlächter Robespierre noch nicht kennen, oder vergessen haben, hier - mit einem schönen Gruß ans Langzeitgedächtnis - ein schlichter Wiki-Link!

e.wikipedia.org/wiki/Maximilien_de_Robespierre

Daniel Domeinski 07.11.2011 | 13:42

@Tiefendenker

Dem Autor nähe zu "antideutschen" Gedankengut zu unterstellen ist mehr als berechtigt. Seine Argumentation stützt sich wie bereits erwähnt in großen Teilen auf den verlinkten Artikel von Samuel Salzborn. Salzborn geht es dabei nicht allein um die Occupy-Bewegung, sondern generell um "Globalisierungsgegner". Er unterstellt ihnen pauschal eine verkürzte Kapitalismuskritik und Gegnerschaft zu Errungenschaften der westlichen Moderne und damit einen "strukturellen Antisemitismus". Hier wird die Grenze zwischen einer Erkenntnis fördernden Polemik zur reinen Demagogie überschritten, denn diese Behauptungen lassen sich kaum belegen und sind zudem anschlussfähig an neokonservatives Gedankengut und platteste Rot=Braun "Totalitarismustheorien".

Noch kurz zur Voigtschen Kapitalismuskritik. Er behauptet im Text und in einen Kommentar, dass der "Schuster, Lehrer oder Finanzspekulant" derselben "Warenlogik" unterworfen wären. Diese Art des Systemdenkens lässt sich mit einem einfachen Beispiel entkräften. Angenommen ich habe das Glück und erhalte durch eine Erbschaft ein erhebliches Geldvermögen. Dies führt dazu, dass ich nicht mehr gezwungen bin, mich auf dem Arbeitsmarkt zu bewegen. Folglich bin ich auch nicht mehr derselben "Warenlogik" unterworfen sein, wie jemand der ein geringere Vermögen besitzt.
Der Ansatz von Voigts lässt sich nur mit "moralisierenden" Argumenten retten, die an den allgemeinmenschlichen Zusammenhalt der Gesellschaft appellieren. Ansonsten läuft er nur auf die Reproduktion des liberalen Credos der Vermittlung gesellschaftlicher Beziehung über Markt hinaus, das bezeichnenderweise die dahinter stehenden Machtverhältnisse verschweigt.
Den Vorwurf die Rolle der Gewalt in der Geschichte zu unterschlagen und die Herrschaft von Konzernen ihrer Monopolstellung zu ignorieren, solltest du daher an Hr. Voigts richten.

Daniel Domeinski 07.11.2011 | 14:54

@Helena Neumann

"Da lobe ich mir doch den „ollen“ Spengler Oswald, der war total reaktionär, hatte keine Peilung für die Zukunft, aber einen richtigen Ekel vor Gewalt und ein Näschen für die, die sie dann auch säten!"

Unabhängig davon, wie ich zum Kommentar von "deviant" stehe, kann ich diese Aussage so nicht stehen lassen. Der überzeugte Preuße Oswald Spengler hatte die Französische Revolution aus deutschnationaler Perspektive kritisiert. Für ihn stellte diese Revolution ein Aufstand des Pöbels dar, der den sadistische Charakter der Volksseele der Franzosen verdeutliche. In "Preußentum und Sozialismus" schrieb er:

"Ideen, die Blut geworden sind, fordern Blut. Krieg ist die ewige Form höhern menschlichen Daseins, und Staaten sind um des Krieges willen da; sie sind Ausdruck der Bereitschaft zum Kriege."

Mit Spengler die Französische Revolution abzulehnen in etwa genauso sinnvoll, wie mit den Verweis auf Alfred Rosenberg oder Dietrich Eckhard den Bolschewismus zu kritisieren.

Fro 07.11.2011 | 18:45

Kann es nicht sein, dass es eines jeden Bedürfnis ist, das Ganze zu verstehen, und er in der Lage ist seine Fragen selber zu stellen und zu entscheiden, wo er Antworten suchen will?
Braucht es da wirklich einer Empfehlung an die „occupy-Bewegung“, sie möge marxistische Lesezirkel und Diskussionsrunden wie: „“Sektiererszene“ und ihre ideologischen Ähnlichkeiten mit Äußerungen von Extremen des letzten Jahrhunderts“ einrichten? ;-)

Auch in der Anti-Akw-Bewegung gab es Extreme – hat sich davon irgend jemand die Laune verderben lassen? Haben die Extremen da irgendetwas gewonnen?

Tiefendenker 08.11.2011 | 00:15

@Daniel Domeinski
Danke für den Hinweis! Er ist in Bezug auf die Machtverhältnisse völlig berechtigt.

Dennoch...hier ein Gegenargument bezüglich der Erbschaft: Geld ist auch eine Ware.

Wenn der Erbe sein Kapital an Geschäftspartner verleiht, um es dort in die betriebswirtschaftliche Verwertung zu geben, dann geht er ein Risiko ein, oder? Er kann genauso scheitern, wie alle anderen Warenproduzenten, wenn er an die falschen Leute Gerät, oder der Markt versagt oder wer weiß was... Er kann alles verlieren, aus einer Vielzahl an Gründen.

Im Vorteil gegenüber anderen ("doppelfreie Lohnarbeiter") ist er wegen der Jokerfunktion des Geldes. Klar. Außerdem können zumindest große Kapitalgeber oft die Spielregeln ein Stück weit bestimmen. Aber natürlich nicht die, die systemisch bedingt sind, also die ökonomischen Gesetze.

Daniel Domeinski 08.11.2011 | 01:23

@Tiefendenker

Natürlich ist Geld auch eine Ware. Es ging mir nicht darum die Bedeutung der Kommodifizierung für die Existenz des Kapitalismus zu negieren. Die kapitalistische Produktionsweise hat die Inwertsetzung auf die Spitze getrieben. Das hebt sie deutlich von vorkapitalistischen Produktionsweisen ab, die im gewissen Umfang auch Marktstrukturen besaßen.
Ich würde dennoch stärker zwischen Kapitaleignern bzw. Unternehmern und Menschen, die tendenziell von Lohnarbeit abhängig sind, differenzieren. Aus dem von dir beschreibenden Risiken des Unternehmertums erwächst das elitären Selbstverständnis der Unternehmer, die bemüht sind durch den Einsatz ihres Kapitals (Geldvermögen, Privateigentum an Produktionsmitteln) immer neue Inwertsetzungen voranzutreiben und damit die kapitalistische Marktwirtschaft am Leben zu erhalten. Unternehmer müssen aber eher selten für ihre Fehler büßen, während materiell schlechter gestellte Menschen sich in einem biopolitischen Zugriff befinden, dessen Verweigerung mitunter zum Tod führen kann.
Hier kommt der Staat ins Spiel. Das Verhältnis des Individuums zum Staat wird im Kapitalismus über den materiellen Besitz geregelt. Dies betrifft sowohl den Rechtsschutz, als auch die Möglichkeiten der Einflussnahme auf staatliche Politik.

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helena-neumann 08.11.2011 | 11:21

@Daniel Domeinski,
Lieber Herr Domeinski,

Ich lehne die Französische Revolution nicht ab! Davon steht auch nichts in meiner Replik.

Mir kam es darauf an, „deviant= jd., der von der Norm abweicht“ eine reaktionäre Einstellung zu attestieren. Allerdings haben Sie mich erwischt! So einen wie Spengler darf ich nicht für meinen Sarkasmus oder meine Ironie "missbrauchen". Dazu taugt so ein "thread" nicht. Das müsste ich inzwischen wissen.

Ich lehne Spengler übrigens ab u. a. aus den Gründen, die Sie nennen: Sein ganzes verschwiemeltes Gedankengut (ganz übel auch in "Jahre der Entscheidung". Erster Teil. München 1933) ekelt mich an, u. a. weil es auf eine Verherrlichung des Militärs abzielt. Unerträglich sind seine Einlassungen über Kapitalismus und Sozialismus, seine Homophobie und vieles andere mehr. Obwohl er das eine oder andere "Bonmot" bereit hält, halte ich ihn noch nicht einmal für zitierwürdig zu werden. Spengler war zu sehr ein Verächter der Demokratie. Er gehörte zu denen, die die Weimarer Republik niedergeschrieben haben.

Diese Melange aus vermeintlichem Geschichtsbewusstsein, garniert mit Gegenwartskritik, eingetunkt in eine Brühe aus zuckersüßem Pessimismus, der offensichtlich mutierte, um in verwässerter Form, erst einmal nur in Nebensätzen, aufzutauchen , etwa bei den Safranskis Co. und noch dümmer bei Matussek. Der sich dann doch nicht aufs Beten allein verlassen möchte.

Schirrmacher hat es ja eher mit dem Jünger "Ernst". Ich weiß nicht, welcher „Traditionsstrang“ von rückwärtsgewandtem Pessimismus mir eher den Magen verdirbt!

Daniel Domeinski 08.11.2011 | 12:35

@Helena Neumann

Nachdem ich meinen Kommentar abgesendet hatte, beschlich mich das ungute Gefühl, dass Ihre Bezugnahme auf Spengler ironisch gemeint sein könnte und ich unangemessen reagiert habe. Ich glaube auch nicht, dass Sie die Französische Revolution ablehnen. Ich habe mich missverständlich ausgedrückt und bitte das zu entschuldigen.
Bezüglich Ihre Einschätzung heutiger Public Intellectuals, die nichts weiter hinbekommen als die Wiederkäuer des Gedankenguts der "Konservativen Revolution" zu geben und sich dabei originell vorzukommen, sehe keine Differenzen zwischen uns.

Magda 08.11.2011 | 13:15

"Der Bäcker bei dem Sie Ihre Brötchen kaufen ist den gleichen Zwängen des Marktes unterworfen wie ein Herr Ackermann. Und diese Zwänge sind abstrakt und auch wenn sich Menschen dem unterwerfen (müssen), sind sie nicht das Problem, sondern das System, was - wie gesagt - jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten in irgendeiner weise betrifft."

Oh Gott, das ist aber Theorie mit der Schraubzwinge. Und so einfach, alles so einfach...
Wenn die Welt so wäre, könnte man sie ja auch wieder auseinander schrauben.

Popkontext 08.11.2011 | 22:52

@Helena Neumann
"Das ist eine psychologische Frage, ob man eher an Gold (höchst inflationsabhängig!) glaubt oder an kursierende Scheine."
Das ist ja noch was ganz anderes - das war ja auch unter Bretton-Woods schon nicht mehr so, dass der Goldstandard gedeckt war, und dann klar die Frage, was bedeutet eigentlich GOLD - beides kam im Salon zur Sprache. Aber es war gerade der psychologische Moment, die Irgendwie-Festmachung an einem - wenn auch nur ideallen - Wert: Die wurde Anfang der 70er endgültig aufgeben.

Die einzigen, die jetzt den Goldstandard zurückfordern, sind übrigens nur die eechten Libertären aus der Ron Paul-Ecke, die auch die Amerikansiche Notenbank als Wurzel allen übels sehen - aus meiner Sicht alles sehr verkürzt und mit den falschen Schlussfolgerungen. Aber eh nicht meine Leute. Im Zeifel links ;)...!

Popkontext 08.11.2011 | 23:00

@Helena Neumann
Und von wegen Dammbrüche: Mir ging es darum ja gerade, dass der aktuelle Dambruch nicht erst Mitte der 80er begann, sondern bereits Anfang der 70er.

Dass das System nie stabil war, zeigt ja, dass die Politikfrage im Sinne von "Wie regulieren wir das im existierenden System besser" ja eigentlich ausgedient hat, sondern lauten muss: Wie organisieren wir das ganze System neu.

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helena-neumann 09.11.2011 | 00:47

@Popkontext

"Dass das System nie stabil war, zeigt ja, dass die Politikfrage im Sinne von "Wie regulieren wir das im existierenden System besser" ja eigentlich ausgedient hat, sondern lauten muss: Wie organisieren wir das ganze System neu."

Liebe Popkontext,
muss mit einer Neuorganisation nicht auch eine Reformulierung von Ideen wie Demokratie, Gerechtigkeit, etc. einhergehen? Denn man könnte die Misere ja auch als die andere Seite der Medaille betrachten auf deren Vorderseite „Ideologie“stau steht, so interdependent wie Wirtschaft und Politik, Gesellschaft agieren. Ich will einfach dieser Luhmannschen These nicht folgen, demnach sich auch eine Wirtschaftssystem so selbstreferentiell, so abgekoppelt von allem anderen verhalten, dass man ihrer nichtmehr Herr werden könne. Das ist blanke konservative Ideologie, der übrigens dieser Prof. Vogl auch anhängt, wenn er behauptet, Ökonomie und Staat schauten sich in blinden Spiegeln an. Diese von Foucault herrührende These, demnach eine entfesselte Ökonomiealle Lebensbereiche beherrsche, teile ich nicht. Da waren Philosophen wie Hegel genauer….*

* www.suhrkamp.de/buecher/das_recht_der_freiheit-axel_honneth_58562. (sehr interessant...)

Nun, Bretton Wood, geschenkt! Auch da kann man beginnen. Ich fand die Auflistung von Wolfgang Uchatius deswegen so charmant, weil, wenn erst einmal die Eckdaten so hintereinandergeschaltet sind, sich das Gerede von Alternativlosigkeit als windig erweist.

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helena-neumann 09.11.2011 | 00:47

@Popkontext

"Dass das System nie stabil war, zeigt ja, dass die Politikfrage im Sinne von "Wie regulieren wir das im existierenden System besser" ja eigentlich ausgedient hat, sondern lauten muss: Wie organisieren wir das ganze System neu."

Liebe Popkontext,
muss mit einer Neuorganisation nicht auch eine Reformulierung von Ideen wie Demokratie, Gerechtigkeit, etc. einhergehen? Denn man könnte die Misere ja auch als die andere Seite der Medaille betrachten auf deren Vorderseite „Ideologie“stau steht, so interdependent wie Wirtschaft und Politik, Gesellschaft agieren. Ich will einfach dieser Luhmannschen These nicht folgen, demnach sich auch eine Wirtschaftssystem so selbstreferentiell, so abgekoppelt von allem anderen verhalten, dass man ihrer nichtmehr Herr werden könne. Das ist blanke konservative Ideologie, der übrigens dieser Prof. Vogl auch anhängt, wenn er behauptet, Ökonomie und Staat schauten sich in blinden Spiegeln an. Diese von Foucault herrührende These, demnach eine entfesselte Ökonomiealle Lebensbereiche beherrsche, teile ich nicht. Da waren Philosophen wie Hegel genauer….*

* www.suhrkamp.de/buecher/das_recht_der_freiheit-axel_honneth_58562. (sehr interessant...)

Nun, Bretton Wood, geschenkt! Auch da kann man beginnen. Ich fand die Auflistung von Wolfgang Uchatius deswegen so charmant, weil, wenn erst einmal die Eckdaten so hintereinandergeschaltet sind, sich das Gerede von Alternativlosigkeit als windig erweist.

Popkontext 09.11.2011 | 13:16

@Helena Neumann
Ich meine ja, dass man von Systemwechsel reden muss - was neben der ökonomischen Neustrukturierung selbstverständlich "eine Reformulierung von Ideen wie Demokratie, Gerechtigkeit, etc." verlangt. Ich bin absolut der Auffassung, dass eine vom Staat vertretene Ideologie, die immer mit dem ökonomischen Status Quo verquickt ist - wer auch immer dominiert un dwer wen rechtfertigt - das Bewußtsein derjenigen, die in Leben ganz massiv bestimmt. Was nicht verhindert, dass sich auch kritische und widerständige Auffassungen entwickeln.

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helena-neumann 09.11.2011 | 15:24

@Popkontext
"2001: Die amerikanische Börsenaufsicht senkt den kleinsten zu handelnden Wert von 16 Cent auf einen Cent. Damit entsteht der Hochgeschwindigkeitshandel. Nur mittels Computer lohnt es sich in diesem Centbereich zu agieren; millionenfach pro Minute! „Die Hudson River Trading“ wird mit Mitarbeitern gegründet."

Ich habe heute Nacht mal Folgendes durchgespielt in Bezug auf den Computerhandel mit 1Cent. Ausgangslage: 1. Man behielte von einem Cent 1/8 Cent Steuern ein und rechnet das mal mit nur 1000000 Mal pro Minute aufs Jahr hoch, vernachlässigt zunächst, dass zig millionfach fach pro Minute mit1 Cent Beträgen gedealt wird.
Da stellt sich die soziale Frage nur mehr am Rande! Der wird der ganze Zynismus sichtbar.

Ich lade jeden einmal ein, sich diesem Zahlenspiel zu widmen!

Joachim Petrick 09.11.2011 | 18:46

@Hanning Voigts

"Für den Großteil der Weltbevölkerung bedeutet das, dass sie ihre Arbeitskraft gegen Wohnung, Lebensmittel, Kleidung und eventuell die eine oder andere Urlaubsreise eintauschen müssen. Und dabei ist es egal, ob sie ihr Geld als Schuster, Lehrer oder Finanzspekulant verdienen."

Der Satz klingt so wenig klärend plausibel, wie der ungeordnete Satz:
Drinnen ist es kälter als draussen, wie komme das?"

Ganz abgesehen von:

Fragt sich auf welcher Basis einer geografisch regulierten Zoll- und Steuer- Grenze, bezogen auf welche Währungseinheit einer ständig tagenden Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit inder Region (KSZE)?

Joachim Petrick 09.11.2011 | 19:42

siehe:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/niemand-will-einen-kapitalstock-hebel-bauen-

09.11.2011 | 18:39
Niemand will einen Kapitalstock Hebel bauen,
kapitalismuskritik mauerbau mauer mauerfall rettungsfond marx engels eurokrise desinformation kirchen ezb fed weltfinanzkrise occupy ksze frieden krieg getreidepreise kapitalhebel daskapital kreditschöpfung credit_event kreditereignis geld sozialismus kapitalismus gregor gysi

der die Wirkung einer Währungsmauer entfaltet? Also machen wir es!

Die gehebelte Geldklöschen Linsen Suppe des Kapitals grinst frohlockend auf den gegenwärtigen und kommenden Staatsanleihen Zins!