Juliane Löffler
23.03.2013 | 09:00

Spielen wir Börsencrash

Hedge Knights Das Performancekollektiv Machina eX inszeniert die Finanzwelt der Hedgefondsmanager als interaktives Theater. Und verschafft bei aller Spielfreude Raum zum Nachdenken

Spielen wir Börsencrash

Was kostet die Welt? Laura Naumann als Denise herrscht über die Aktienindizes

Foto: Paula Reissig

Wer ist eigentlich die Finanzwelt? Ein sinistres Agglomerat aus Aktien, Börse und Spekulation, das Macht auf die Lebensrealität der Bürger ausüben kann, ohne dass dessen abstrakte Mechanismen und illusionäre Geldwerte je wirklich (be)greifbar werden. Das ist die Grundlage für das neue Stück des jungen Perfomancekollektivs Machina eX.

Hedge Knights heißt die Produktion, die am 22. März im HAU in Berlin Premiere feiert. Machina eX  ist ein neunköpfiges Kollektiv, das 2009 aus dem Umfeld der Universität Hildesheim hervorgetreten ist. Das Prinzip der Gruppe ist die Rückführung von Computerspielen ins Analoge, wobei sich Machina eX zwischen Street-Game-Kultur und sogenannten Point'n'Click-Games bewegen. Damit kultivieren ein neues Genre unter den interaktiven Theaterformen.

Von Beruf Geldjäger

Hintergrund von Hedge Knights ist die Figur der jungen Investmentbankerin Denise (Laura Naumann), die es 1995 als aufstrebende Karrieristin mit eigenem Schreibtisch in das Büro von August Mohr (Yves Regenass) geschafft hat, Hedgefondsmanager und Geldjäger von Beruf. Dessen Frau Clara (Anna Sina Fries) ist in erster Linie skrupellose Pharmaunternehmenserbin. Gemeinsam wollen sie vor allem eines: Geld machen.

Seit Oktober hat sich Machina eX in die Mechanismen der Finanzwelt eingearbeitet und bricht nun deren komplexe Strukturen auf eine Einführung in BWL herunter. Das Stück beginnt 1995, das Setting (Bühne: Franziska Riedmiller und För Künkel) orientiert sich gekonnt am Stil dieser Zeit. Die Anwendung des Inventars ist Programm.

In zehnköpfigen Gruppen werden die Spieler am Abend der Generalprobe, bei der ich mitspielen konnte, in ihre Rollen eingeführt –  stumme und sitzende Zuschauer gibt es bei Machina eX nicht. Stattdessen ist die Zusammenarbeit und Kommunikation der Spieler untereinander das zentrale Moment. Nur durch die gemeinsame Lösung der Rätsel schreitet die Handlung voran. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, etwa wenn Clara erst zu ihrem Bewerbungsgespräch aufbrechen kann, nachdem die Spieler ihren abgebrochenen Absatz repariert haben.

Anders als in früheren Stücken des Performancekollektivs löst sich Hedge Nights von einfachen Richtig-Falsch-Strategien. Vielmehr funktionieren eine Vielzahl der Rätsel als Schnittstellen, an der die Spieler bewusst den Fortgang der Handlung bestimmen müssen. Das erhöht nicht nur die Komplexität des Stücks, sondern regt auch den Spieltrieb an.

Schicksalswächter der Protagonisten

Insgesamt acht mögliche Ausgänge kann das Stück mit seinen variablen Szenenverläufen nehmen. Die Wahl eines Würfels entscheidet etwa, ob August Mohr seine Aktien im Angesicht der Börsenkrise behalten (hold) oder verkaufen (sell) soll. Auf den Börsencrash spekulieren und auf ewig reich sein oder den persönlichen Ruin riskieren? Die Spieler werden damit nicht nur zu Schicksalswächtern der Protagonisten, sondern auch zum Regulativ der Finanzwelt und erhalten spielerisch Macht über eine Fiktion, die im Alltag unbeeinflussbar scheint.

Meist werden die Entscheidungen im Sinne des Systems getroffen, was bei aller Handlungsfreiheit der Spieler absurderweise eine kalkulierbare Entscheidungsgröße ist: Selbst Theaterbesucher, die nur mal Finanzwelt spielen, tun sich schwer mit dem Ausprobieren von Alternativen. Im Angesicht der nahenden Finanzaufsicht vernichten wir Spieler also lieber hektisch Insiderhandel-Akten, als dass wir unseren Protagonisten auffliegen ließen. So banal sieht die Angst vor der finanziellen Apokalypse aus. Im blinkenden Warnlicht des Büros werden Korruptionen willig hingenommen. Monopoly advanced.

Dass sich trotzdem Skrupel regen, liegt nicht nur an der Unmittelbarkeit der Figuren, mit denen man sich Schulter an Schulter durch den Raum bewegt. Das etwa eineinhalbstündige Stück lässt seiner Protagonistin Denise wie den Zuschauern Raum für Zweifel. „Was haben wir getan?“, wird einer der Spieler am Ende fragen, und dabei schelmisch grinsen, als überall Banknoten durch den Raum wirbeln.

Das hat auch mit dem Humor der Dialoge zu tun. Nach einer durchzechten Nacht erinnert Denise ihren Boss an dessen feucht-fröhliche Rap-Einlagen auf der Party des Vorabends. Der sitzt in Anzug und Designerbrille in seinem Bürosessel neben seinen Aktenordnern, presst sich einen feuchten Waschlappen gegen seinen Kater auf die Stirn und sinniert: „Es ist immer gut, ein zweites Standbein zu haben, Denise.“ Das Stück schafft es so, mit einem Augenzwinkern auf die Spielregeln einer neoliberal-ökonomisierten Alltagswelt zu verweisen.

Und es lässt die Spieler nachspüren, wie fließend die Grenze zwischen Spekulation über fiktive Werte und dem Bewusstsein für die eigene Verantwortung sein kann. Die clevere Inszenierung ist dabei in hohem Maße unterhaltsam.