Katrin Rönicke
16.04.2012 | 09:30 25

Emanzipation ist wie Kaviar

Kristina Schröder Die Familienministerin gibt sich als moderne Vorbildministerin. Doch in ihrer Partei erneuert sie elitistische und rechte Ideen

Es war meine Mutter, die mich einmal völlig aus der Fassung brachte, als sie mich fragte, was ich denn von Kristina Schröder hielte? Ob ich die denn nicht toll fände? Schließlich sei sie doch jung, dynamisch und emanzipiert. Meine Mutter dachte, ICH sei ein Fan unserer Familienministerin! Sie schien zu glauben, wir beide würden für dasselbe Bild junger Frauen „unserer“ Generation stehen. Ich war so irritiert, dass ich nichts anderes wusste, als darüber hinwegzugehen.

Diese Ignoranz steht beispielhaft für einen Fehler, den viele begehen, die wie ich in einer linksliberalen Filterblase leben: Wir nehmen Kristina Schröder schon lange nicht mehr ernst.

Was meine Mutter aber wohl zu ihrer Überlegung antrieb, waren Fakten: Als erste Ministerin mit neugeborenem Baby setzt Kristina Schröder Maßstäbe in der politischen Repräsentation junger Mütter. Sie zeigte sich dabei unbeeindruckt von den massiven Angriffen der eigenen Klientel, das sich daran störte, dass sie schon kurze Zeit nach der Geburt wieder den Ministerinnen-Sitz bezog. Meiner Mutter fiel im Gegensatz zu mir auf, welch bahnbrechende Tat das darstellte.

Für viele junge Männer und Frauen ist es im Gegensatz dazu einfacher, Kristina Schröder als dumm und dilettantisch abzustempeln. Es tut ihnen nahezu körperlich weh auszusprechen, dass Kristina Schröder, die 1977 in Wiesbaden geboren wurde, „eine von uns“ sein könnte. Ähnlich sozialisiert, ähnlich im Werdegang, mit ziemlich modernen Ansichten. Nein! Mit der wollen wir nicht in einen Topf geworfen werden!

Mit diesem Wir meine ich diese „irgendwie linke“ gesellschaftliche Gruppierung im Alter von 20 bis Ende 30, die teilweise parteilos in sozialen Netzwerken organisiert ist, entweder den Piraten oder den Grünen, den Linken oder der SPD nahe steht. Wir würden doch alles ganz anders machen, wenn wir Ministerin in diesem Kabinett wären! Würden antirassistische Initiativen stärken und das Elterngeld reformieren. Anstatt die ganze Care-Arbeit zu privatisieren und damit wieder vor allem auf die Frauen abzuwälzen, würden wir massiv in den Ausbau von Qualität und Quantität staatlicher Angebote investieren. Wir hätten da so einige Ideen! Stattdessen dürfen wir als Wähler nun in Kürze das Betreuungsgeld begrüßen. Und können es nicht fassen.

Die Debatte um das Betreuungsgeld nahm in den vergangenen Tagen noch einmal Fahrt auf und wurde zu einem Paradebeispiel machtorientierter Politik. In der Volkspartei CDU hat sich der Einzelne der Gesamtideologie zu unterwerfen – auch Schröder sieht jeden Abgeordneten in dieser Verantwortung, so hat sie es einst in ihrer Doktorarbeit geschrieben. Es ist dabei unerheblich, ob die OECD den wirtschaftlichen Gesamtschaden des Betreuungsgeldes mahnend antizipiert. Auch Volker Kauder, als Fraktionsvorsitzender im Bundestag sonst stets an der Ausrichtung der Politik an ökonomischen Gesetzen interessiert, stellt das Konzept nicht infrage. Und Angela Merkel verliert ebenfalls kein böses Wort darüber.

Ungerechtigkeit als Anreiz

Das ist die große „Partei-Responsivität“. So wird das Gefühl der Verantwortung für den Willen der Basis in Kristina Schröders Doktorarbeit genannt und empirisch nachgewiesen. Diese Arbeit wurde 2009 kurz vor ihrer Ernennung zur Ministerin fertig. „Partei-Responsivität“ kettet alle aneinander, in guten wie in schlechten Zeiten. Genauso wie die christdemokratische „ideologische Kernhaltung“, die Schröder für sich beansprucht, und die darin besteht, sich für ein leistungsorientiertes Ungleichgewicht zwischen den Menschen und gegen eine gesellschaftliche Umverteilung einzusetzen.

Dieser Kitt erlebt durch die Personalie Schröder nun im Merkelschen Kabinett eine Verjüngungskur. Während die junge Mutter auf der einen Seite die klassischen konservativen Rollen sprengt und eine moderne Vorbildministerin ist, erneuert sie elitistische und rechte Ideen in ihrer Partei. Verpasst ihnen ein unverbrauchtes Antlitz.

Schröder schaffte das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger ab; sie führt einen offenen Zwist mit Ursula von der Leyen über die Frauen-Quote; sie setzt sich für das Betreuungsgeld ein; sie initiierte unter dem Titel „Dortmund den Dortmundern“ einen Dialog mit Rechtsextremen und ließ dafür eine Menge an Staatsgeldern springen. Es gab immerhin einen kleinen Aufschrei, als sie das Thema „Deutschenfeindlichkeit“ auf die politische Agenda setzte und sich sorgte, dass diese unter den Menschen mit Migrationshintergrund verbreitet sei.

Gräbt man in ihrer politischen Vergangenheit, die in der hessischen CDU geprägt wurde, findet man Erklärungen: Schröder steht für jenen Flügel in der CDU, der einmal durch den ehemaligen hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch repräsentiert wurde. Damals setzte sie sich für einen Einbürgerungstest für MigrantInnen ein und verteidigte die Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, die Roland Koch zu seinem Wahlsieg in Hessen verhalf. Das war 1999.

Eine der erfolgreichsten Methoden der Demontage der vergangenen Monate ist die Analyse wissenschaftlicher Arbeiten von Politikern. Natürlich untersuchten Kritiker auch die Doktorarbeit von Kristina Schröder. Hinweise auf Betrug aber gab es keine, deshalb ließ man die Sache auf sich beruhen. Das ist vielleicht der zweite kapitale Fehler, den wir begingen: Aus der Arbeit lässt sich Schröders Denkweise ganz leicht ableiten, sie ist stärkster Ausdruck und Gradmesser eines vielfach unbekannten oder zumindest unbeachteten CDU-Duktus’.

Wes Geistes Kind ist diese Partei, die in diesem Land in absoluten Zahlen auch nach der letzten Sonntagsfrage die meisten Stimmen auf sich vereint? Welchen Politikstil verfolgen ihre Eliten mit so großem Erfolg, dass sie uns regieren?

Während in den Medien scheinbar nur noch der sogenannte „neue Politikstil“ der Piratenpartei gehyped wird, finden sich Antworten auf diese Fragen bei Kristina Schröder. Vielleicht ist sie sogar der Schlüssel zum Verständnis der oftmals rätselhaft-verschleierten Politik Angela Merkels, eines scheinbar kaum zu erklärenden Erfolgs.

Schröder erörterte in ihrer Arbeit mit dem Titel Gerechtigkeit als Gleichheit. Eine empirische Analyse der objektiven und subjektiven Responsivität von Bundestagsabgeordneten ein bereits häufig diskutiertes Dilemma der politischen Philosophie: Wie viel Gleichheit braucht und verträgt die Gerechtigkeit?

Bemerkenswert ist schon der Einstieg: Darin zitiert sie den ehemaligen Ministerpräsidenten Mecklenburg-Vorpommerns, Harald Ringstorff, mit den Worten: „Die Ostdeutschen haben eine große Sehnsucht nach Gleichheit.“ Weshalb die Ostdeutschen, nach Ringstorff, lieber alle trockenes Brot äßen, anstatt hinzunehmen, dass alle Brot mit Margarine bekämen und einige wenige sich noch Kaviar drauf schmieren könnten. Ein interessanter Aufhänger, prägend für die Stoßrichtung der Arbeit. An keiner Stelle distanziert sie sich von dieser Aussage Ringstorffs.

Was Schröder zudem in beachtenswerter Weise gelingt, ist eine Profilabgrenzung der CDU gegen alle anderen Parteien außer der FDP: Die Christdemokraten seien eben jene Partei, die immer für den Kaviar eintrete und damit auf allen Ebenen non-egalitaristisch geprägt sei. Mit wenigen Worten tut sie die umfangreiche Gerechtigkeitstheorie eines John Rawls ab. Nein, so denke man in ihrer Partei einfach nicht.

Nichts gegen Privilegien

Nächste Woche erscheint nun ihr erstes, geschlechterpolitisches Buch. Es wird den Titel Danke, emanzipiert sind wird selber: Abschied vom Diktat der Rollenbilder tragen. Schröder ist keine Feministin und überzeugt, dass auch keine andere Frau das sein sollte. Diese Haltung zeigte sie nicht nur in ihrem ausführlichen Spiegel-Interview aus dem Jahr 2010, auch in der anschließenden Auseinandersetzung mit Alice Schwarzer wurde das deutlich. In ihrem Buch unterstreicht sie diese Haltung noch einmal. Das ist eine Position, die in der Gesellschaft übrigens große Popularität erfährt – gerade auch bei den Piraten.

Schröder setzt stattdessen auf die Eigenleistung der Frauen und denkt offenbar, dass der modernen Frau, so sie denn will, keine Türen mehr verschlossen bleiben werden. Die sogenannte gläserne Decke gibt es bei ihr einfach nicht. Der beste Beweis sei schließlich sie selbst: Sie habe es geschafft – in einer Männerpartei!

Dabei folgt sie wieder der gleichen Logik wie bereits in ihrer Doktorarbeit. Sie hält es nicht für nötig, sich tiefergehende Gedanken über all jene zu machen, die weniger privilegiert sind als sie selbst. Die von ihr skizzierte Gerechtigkeitstheorie impliziert Ungleichheit in allen gesellschaftlichen Sphären. So lange es allen Menschen auf der Basis eines Existenzminimums gut geht, sei das in Ordnung. Margarine eben.

Oder anders gesagt: Die Privilegien, die nur wenige genießen können, sind völlig in Ordnung, an denen sollte man nicht rütteln. Und so muss sich die Ministerin in ihren eigenen Augen wirklich nicht darum kümmern, dass andere Frauen – vor allem je nach sozialer Lage und Bildung – „selber“ so emanzipiert sein können, wie sie und ihre Co-Autorin Caroline Waldeck, eine leitende Mitarbeiterin aus dem Familienministeriums.

Bereits in ihrer Promotion führte sie aus, dass sie glaube, dass die Zustimmung zu egalitären Einstellungen mit einer ostdeutschen Herkunft, einem höheren Alter, einem niedrigeren Einkommen und einer mangelhaften Bildung steigen. Und um keinen Zweifel an der Tatsache zu lassen, dass linke Flausen wohl nur mit dem Milieu und eben weniger Bildung zusammen hängen können, setzt sie hinzu: „Hierzu passt, dass die ostdeutschen Abgeordneten, die vermutlich noch oft durch die Auseinandersetzung mit einem sozialistischen System geprägt sind, den non-egalitären Einstellungen stärker zustimmen als ihre westdeutschen Kollegen.“ Diese Abgeordneten seien im Schnitt jünger als die Mitglieder, formal höher gebildet und verfügen über ein höheres Einkommen.

Schröder meint, wenn sie von jungen, höher gebildeten und besser verdienenden Abgeordneten spricht, vor allem sich selbst. Als sie diese Promotion schrieb, war sie bereits sieben Jahre lang Bundestagsabgeordnete. Ihre politische Karriere begann sehr früh: Bereits im Alter von 14 Jahren entschied sie sich zum Eintritt in die Junge Union. Mit 25 Jahren wurde sie Mitglied des Bundestags. Auch kommt sie selbst aus einer gut situierten, akademischen Familie. Für Schröder alles Selbstverständlichkeiten.

Vielleicht ist Kristina Schröder und ihrer Co-Autorin Caroline Waldeck sogar vollkommen klar, dass es von Einkommen und sozialem Stand abhängt, ob eine Frau – vor allem mit Kind – emanzipiert leben kann. Wie alles, was man sich leisten können muss, gibt es auch die Emanzipation halt nur für Wenige. Und das ist im Schröderschen Denken vollkommen okay. Emanzipation ist eben wie Kaviar.

Kommentare (25)

systembolaget 16.04.2012 | 19:48

Da ist Kristina "jeder ist sich selbst der Nächste" Schröder ja spät dran; hat Margaret Thatcher doch schon 1987 in Women's Own festgestellt "There is no such thing as society".

Anstatt sich den konkreten Aufgaben ihres Ministeriums und Ihren parlamentarischen Pflichten zu widmen, verlängert sie ihre Kette sozialdarwinistischer Perlen um eine weitere, schwarze.

s0cialliberalism 16.04.2012 | 21:25

Richtig. Wie kann man denn während man Bundesminister ist, noch ein Buch schreiben? Reguläre BT-Abgeordnete (der aus meinem Wahlkreis z.B.) berichten ja schon von 60-80h-Wochen.

Finde ich ziemlich dreist, so einen Nebenjob als freiberuflicher Autor. Hat schon mal ein Bundesminister - während er im Amt war - Bücher veröffentlicht? Wäre mir zumindest neu. Das kommt doch sonst immer danach, als Memoiren und so. Als ob die Aufsichtsratsposten Abgeordneten/Minister-Pensionen nicht ausreichend würden, um "fett Kohle zu machen".

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Ehemaliger Nutzer 16.04.2012 | 22:37

natürlich kann man in dieser Position ein Buch schreiben.
Die angebliche Arbeitszeit von Abgeordneten ist doch ein Lügengebäude. Was diese Herrschaften nebenbei machen, dass geht auf keine Kuhhaut.
Der Ministerpräsident Böhmer hat den Abgeordneten im Landtag von Sachsen-Anhalt empfohlen, dass diese ihre Arbeit auch halbtags verrichten können. Und das ist auch die Wahrheit. Nehmen wir nur man Herrn W. Bobsach (MdB) an. Dieser Herr hat in diesem Jahr schon an ca. 10 Fernsehdiskussionen teilgenommen.
Einmal gewählt, bekommt man diese Typen auch nicht mehr aus den Parlamenten heraus, weil sie dann stets durch die eigene Partei weiter beschäftigt werden, sie Hintze (CDU), Geis (CSU) und viele andere. Die Wahlen können eigentlich abgeschafft werden.

systembolaget 17.04.2012 | 03:42

Nun, das Buchschreiben an sich finde ich nichtmal das Problematischste; ich bin eher - trotz ihrer politischen Genese im Roland Koch'schen Politsumpf - bass erstaunt, wie sie zu dermaßen naiven sozialdarwinistischen Thesen kommt; denn sie war ursprünglich eine recht analytisch denkende Person. Sarah Palin scheint ihre ideologische Nachbarin zu sein.

Und, trotz ihrer exponierten Position als Ministerin, ist seit zweieinhalb Jahren kaum etwas von ihr zu hören/lesen gewesen, außer den wenigen allseits bekannten unausgegorenen Initiativen, wie z.B. dem Betreuungsgeld und dem Frauenquoten-Nein.

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Ehemaliger Nutzer 17.04.2012 | 12:06

Interessanter Beitrag, der im Hinblick auf die Schwierigkeiten bei der Abgrenzung und Verschärfung der feministischen Kritik an bürgerlich konservativen (notwendig elitären) Frauen / Müttern a.m.S. geradezu exemplarisch beleuchtet.

Ich stelle das mal in Zusammenhang mit dem Artikel der dF-Kollegin U. Baureithel, die zu den neueren Positionsbestimmungen einer Naomi Wolf deutlich Stellung bezieht:
"Schuld daran ­– und damit zitiert Naomi Wolf ihr 1993 erschienenes Buch Fire with Fire (Die Stärke der Frauen) – seien die problematischen Ursprünge des Feminismus. Zum einen das „Angel in the House“-Konzept – in der deutschen Tradition in etwa vergleichbar mit dem Mütterlichkeits-Konzept des konservativ-bürgerlichen Teils der ersten Frauenbewegung –, das mit seiner Neigung zur bevormundenden Fürsorglichkeit und der Beschwörung weiblicher Differenz den späteren „Opfer-Feminismus“ hervorgebracht habe. Weiterhin der Existenzialismus Beauvoirscher Prägung, dessen zynischer Individualismus Frauen aus ihren Herkunftsbanden gesprengt und in die Vereinzelung getrieben habe.

Diese „beiden historischen Unfälle“ der Frauenbewegung seien, so Wolf, dafür verantwortlich, dass alle anderen Möglichkeiten beiseite gedrängt und „Selbstbestimmung“ als die „Freiheit der Wahl“ als einzige Kategorie der Emanzipation übrig geblieben sei. Diese Vorstellung umfassender Wahlmöglichkeiten wiederum sei aber anschlussfähig an den neoliberalen Kapitalismus, der den Feminismus in sich aufsauge.

Abgesehen von der ziemlich verengten historischen Deutung, die nicht nur die Tradition der sozialistischen Frauenbewegung in Europa völlig ausblendet, sondern auch die verschiedenen Spielarten der autonomen Frauenbewegung der siebziger Jahre, ist Naomi Wolf in ihrem Befund recht zu geben: Wir erleben im Hinblick auf den Feminismus – etwas zeitverzögert – das Schicksal aller sozialen Bewegungen der letzten 50 Jahre: Politisch ist er vereinnahmt und als Schmierstoff in den Kreislauf des neuen Marktes eingespeist worden."

www.freitag.de/positionen/1214-und-nun-kopft-cher-f-r-alle

Man könnte hinzufügen, daß der Typ Schröder eine der Schnittstellen von Vereinnahmungen - durch Selbstvermarktung und Positionsmarketing - ist.
Stellt sich die Frage, ob nicht auch der Schwarzersche Kampagnenfeminismus dem Vermarktungs-Vereinnahmungsmechanismus Tür und Tor geöffnet hat?

Auch bei A.S. Karriere findet man übrigens das Fremdvergabe/Auslagerungs/Delegationsmodell von häusl. Arbeit - in Gestalt ihrer eigenen Mutter als von ihr bezahlte Haushälterin...

Dieser Trend schafft durch die Hintertüre der care-career ein neues - selbstredend weibliches - Prekariat, aber - im educare-Bereich auch zahllose nanny-TZ-Jobs für angehende Akademikerinnen, die sich so in diese Lebensentwürfe/modelle schon mal einfühlen/arbeiten und u.U. auch mal am "Kaviar" des lifestyle-feminism naschen können...
^^

Wird Zeit, daß die Kritik an dieser Art "Feminismus" mal dessen Wurzeln wieder aufspürt und von da ausgehend eine radikale wird.

Als Mann habe ich damit übrigens weniger Schwierigkeiten - das erstaunt mich immer wieder. Liegt evtl. daran, daß bei mir kein "Wir-Frauen"-Duktus wirkt.

Who knows?

I.

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Ehemaliger Nutzer 17.04.2012 | 12:49

Ich denke, daß man von einer Frau, die öffentlich herausstellt, daß sie zu einer Zeit, als ihre Schulfreundinnen es vorzogen, Musik zu hören, tanzen zu gehen und jugendgemäßen Aktivitäten nachzugehen, stattdessen "Helmut Kohl bewundert" habe, nicht allzu viel erwarten kann.

Kristina Schröder spiegelt in hohem Maße den heutigen, karrieregeilen und zugleich inkompetenten Politikertypus wider, was einen Verweis auf den zunehmenden Verfall unserer politischen Kultur gibt.

Leider ist es aber so, daß die wirklich fähigen Personen es in der Regel vorziehen, sich nicht der "Hure Politik" anzubiedern...

Querdenker 17.04.2012 | 17:30

Das ist schon irgendwie schräg: Katrin Rönicke, die sich selbst (ironisch) als "Privilegienmuschi" bezeichnet, weil sie von der Heinrich Böll Stiftung sieben Jahre lang beim Studium durchgefüttert wurde (was für eine Geldverschwendung könnte man meinen), wirft Kristina Schröder ihre angeblichen Privilegien vor. Welche eigentlich? Ist nicht jeder Hartz-IV-Empfänger, der fürs Nichtstun Geld vom Staat bekommt irgendwie privilegiert? Jeder Kriegs- oder Armutsflüchtling, der in Deutschland aufgenommen wird? Jeder, der einen Job und ein Dach über dem Kopf hat?

Und natürlich darf der Verweis auf die Herkunft aus einer "gut situierten, akademischen Familie" nicht fehlen - ein Makel, mit dem man es nicht nur bei "irgendwie linken" Autoren in der heutigen BRD, sondern auch im Arbeiter- und Bauernstaat schwer gehabt hätte.

Warum der Familienministerin gleich eingangs der Dialog mit Rechtsextremen oder die Thematisierung der "Deutschfeindlichkeit" angekreidet wird, zeigt eigentlich nur, daß die Autorin irgendwie mit Scheuklappen unterwegs ist. Der Dialog mit Muslimen wird ja auch gesucht, und Schröder selbst wurde nach eigenen Angaben schon mehrmals als "deutsche Schlampe" bezeichnet. Im Rönickeschen Denken ist das scheinbar vollkommen okay.

Katrin Rönicke 18.04.2012 | 13:16

das sind noch einmal sehr viel komplexere Ansichten auf "den" Feminismus, danke dafür. es wurde ja den "Alphamädchen" auch vorgeworfen, diesen neoliberalen Kapitalismus in ihrem Feminismus zu vertreten - und dieser Vorwurf ist sehr schnell bei der Hand.

Das Problem ist vielleicht einfach eine kleine Unmöglichkeit: In einer kapitalistischen Gesellschaft ist es fast unmöglich, die Geschlechter zu emanzipieren, ohne dabei hie und da die kapitalistische Kröte zu schlucken. Was bringt es mir als Frau denn, wenn ich mir sage: Nö, also das ist mir alles zu neoliberal, da mache ich nicht mit... und am Ende stehe ich ohne ausreichende Rente da, oder ähnliches. Also eine gewisse Anpassung ist imho unvermeidlich. Und das ist ja auch das, was Alice Schwarzer getan hat - was unhinterfragt auch die meisten Männer tun usw...

wichtig ist eben für mich nur, *gleichzeitig* auch für die Veränderung dieser Gesellschaft einzutreten UND daran zu arbeiten, dass es Umverteilung eben *doch* gibt, dass die Ausschlüsse von Menschen usw. verschwinden. Für mich ist das eintreten für eine linksliberale Politik selbstverständlich. Und in manch anderen Feministinnen vereinen sich auch diese beiden politischen "Kämpfe". Aber vielleicht ist es eine Überforderung des Feminismus' als Gesamtbewegung, dafür auch noch einzutreten? Vielleicht das wirklich primär erst einmal nicht die Aufgabe.

Feminismus ist doch nach der Encyclopedia Britannica nur: »the belief in the social, economic, and political equality of the sexes« - und vielleicht sollte man das auch erstmal so hinnehmen und daran arbeiten.

ich weiß es daher nicht, ob es wirklich eine "Sünde" des Feminismus' sein kann, wie es oben genannt wird. ob man damit nicht wieder alles so überlädt, dass es nicht schaffbar ist, wenigstens am Geschlechterverhältnis etwas zu ändern, wenn man schon nicht die ganze Revolution schafft...

aber das sind jetzt nur meine spontanen Gedanken

Katrin Rönicke 18.04.2012 | 13:21

ich will nur ein paar Dinge gerade rücken, die hier einfach falsch sind - auf den Rest gehe ich aber nicht ein, denn meine Person hat wohl mit den Inhalten erstmal nicht so viel zu tun:

ich werde seit 2009 von der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert. nicht seit sieben jahren. Ich habe von 2003 bis 2006 Biologie studiert und es abgebrochen - daher die lange Studienzeit. Von 2006 bis 2011 habe ich meinen Bachelor in Erziehungswissenschaften gemacht und währenddessen zwei Kinder bekommen (und beim Aussetzen vom Studium in der Elternzeit ein halbes Jahr lang Hartz IV bezogen).

außerdem habe ich kein Problem mit Leuten, die aus einer akademischen Familie kommen - ich habe nur ein problem mit Leuten, denen es abgeht, sich in jene Menschen hineinzuversetzen, die es im Leben nicht so leicht haben, wie sie selbst es hatten.

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Ehemaliger Nutzer 19.04.2012 | 13:52

Hallo Katrin,

klar hast du recht, daß auch eine Feministin von irgendwas leben und im Kapitalismus ihre Arbeitskraft zu Markte tragen muß.
Das Problem dabei ist nicht, daß der Gelderwerb an sich die feminist. Identität beschädigt, denn das ist ja kein widersprüchliches Verhalten, sondern leben im Widerspruch zu den Verhältnissen.

Das Problem ist die Vermarktung und Vereinnahmung des Feminismus im spätbürgerlichen gender-mainstreaming bzw. die Verbürgerlichung des Feminismus an den Stellen, wo er sich von seinen hist. Wurzeln entfernt und aktionistisch/voluntaristisch agiert und undifferenziert paternalistisch-aufklärerisch missioniert - also jene gutmeinende und beinahe damenhafte Helferin-Haltung ehemaliger Gymnasiastinnen einnimmt, die nicht selten ins mütterlich Belehrende übergeht...

Insoweit ist diese Art Feminismus ein von politischer Moral und sittlichem Anspruch (die besseren Menschen sein zu müssen) überfrachteter, was in der Tat oft dazu führt, daß eine feministisch orientierte Frau sich einem medial gepushten Vereinbarkeitsperfektionismus anheimgibt, der über das o.g. unlösbare Identitäts-Dilemma hinwegtäuscht bzw. dieses versubjektiviert und damit entpolitisiert.

Dem ggü wünsche ich mir von Feministinnen eine Besinnung auf die hist. Wurzeln und eine Reaktivierung der Basisarbeit - im Sinne einer Selbstorganisation auf Interessensebene, um z.B. in der polit. Bildungs - und Verbandsarbeit voranzukommen.
Auf der anderen Seite bemängele ich an vielen feminist. Akteurinnen deren Befangenheit in der Kritik an der immer noch traditionskonformen weibl. Berufswahl und vor allem der Erziehung und sog. Genderkonstruktion der eigenen Kinder seitens weibl. Professioneller, d.h. Erzieher/Lehrerinnen - diese geht unter im Ruf nach mehr, die Mütter entlastenden, Krippen/KiTa-Plätzen. Das finde ich hochgradig widersprüchlich, weil so die Forderung nach mehr Väter-Beteiligung an der Familienarbeit praktisch indiskutabel wird und überhaupt nicht mehr über Inhalte von Erziehung und Bildung - insbesondere geschlechtsbezogene Aspekte - geredet wird.

Letzteres sind für mich eine, ich komme ja u.a. aus der Gewerkschafts - und Kinderladenbewegung, eklatante Leerstellen und substantielle Schwächen der aktuellen feminist. Strömungen, die sich damit von den Urquellen ihrer Bewegung und den Kraftfeldern ihrer politischen Diskurse entfernt haben und damit notwendig auf der Stelle treten bzw. nach meinem Eindruck oft uninspiriert vor sich hin dümpeln - und folglich o.g. Dilemma eher verfestigen als dem die Grundlage entziehen.

Wie schätzt du das ein?

I.

SabinaSabina 30.04.2012 | 19:40

Die liebe Frau schroeder, Ignorieren moechte ich sie am liebsten auch. Natuerlich gefaellt mir nicht alles, was politisch andersdenkende tun, machen, sagen. Vieles ist unertraeglich. Aber so ist das nun mal.....ich denke, der erste Irrtum ist anzunehmen, dass Frauen immer gleich denken, solidarisch sind und an einem Strang ziehen. Unrealistisch. Es gibt menschen, die dasselbe wollen, unabhaengig vom geschlecht und die tun sich zusammen, um etwas zu erreichen. Frauen von der Art einer Frau Schroeder gabs schon immer. Aber Maenner, da musste man nur mal im juristsichen Seminar an der Uni vorbeisehen. Die meisten Kommilitonen haben meine Vorurteile aufs schoenste bestaetigt...es war nicht schlimm, das sie ahnungslos Ministerin wurde. Sie scheint aber zu den Leuten zu gehoeren, die ueber ihren Tellerrand ihrer eigenen kleinen, engstirnigen Welt nicht hinausblicken koennen. Sie hat keine Ahnung vom Leben anderer Leute. Und hat auch nichts dazu gelernt. Sie muss Frau Schwarzer und andere Feministinnen nicht gut finden. Aber Respekt zeigen fuer das, was sie fuer die Selbstbestimmung fuer Frauen in D erkaempft haben, das haette Stil und wuerde von Selbstbewusstsein zeugen. Stattdessen will Frau Schroeder in Zeiten klammer Kassen staatliches Geld verschwenden, um ein reaktionaeres
Familienleben zu finanzieren.

TST 27.05.2012 | 17:21

"außerdem habe ich kein Problem mit Leuten, die aus einer akademischen Familie kommen - ich habe nur ein problem mit Leuten, denen es abgeht, sich in jene Menschen hineinzuversetzen, die es im Leben nicht so leicht haben, wie sie selbst es hatten."

Zu unterstellen Kristina Schröder würde die Probleme der Menschen mit schlechteren Startchancen ignorieren, grenzt schon an den Straftatbestand der Verleumdung.

"Chancengerechtigkeit" ist immerhin das konservative Äquivalent zur sozialistischen "Gleichheit". Sprich die Konservativen wollen, dass alle etwas aus ihrem Leben machen können. Den Sozialisten genügt es, wenn niemand mehr erreichen kann als sie selber.

Aber Frau Rönicke, Sie sind doch das Paradebeispiel dieser Feministinnen, welche typisch weiblich Biologie mal anfangen, nicht das Stehvermögen haben es zu beenden, dann ein klassisches Laberfach studieren mit dem man sich nur arbeitslos melden kann, durchgefüttert werden vom Ehemann und einer Parteistiftung und sich hinterher beklagen, warum der Mann mit seinem Maschinenbauingenieurstudium 1. schneller aufsteigt und 2. mehr verdient. Sie wollen dann mittels Quote einen Job haben für den sie weder persönlich geeignet sind, noch die passende Ausbildung haben. Wegen "gläserner Decke" und 10.000 Jahre "Patriarchat" und so. Und einer Frauenministerin, welche dieses Ansinnen für abwegig hält, kommen Sie dann mit Verleumdungen und Missachtung...