Mark Stöhr
06.02.2013 | 11:28 4

Park oder Pompeji

Alltagskommentar Alitalia hat sein Flugzeug übermalt - und unserem Autoren fallen da ein paar Sachen ein, die man auch in Deutschland umetikettieren könnte. Wie Stuttgart 21 oder BER

Park oder Pompeji

Größenwahn auf Deutsch: Das sollte irgendwann mal Stuttgart 21 werden, kostet aber zuviel

Foto: Matthias Hangst/Getty Images

Die italienische Fluggesellschaft Alitalia hat vor Kurzem in einer Nacht- und Nebelaktion eines ihrer Flugzeuge umlackiert, das von der Landebahn abgekommen war. Sie wollte damit „negative Publicity“ vermeiden, wie ein Sprecher sagte, „ein normales Vorgehen“. Das stimmt natürlich. Wenn Fluggäste den Namen Alitalia mit dem verunglückten Flieger in Verbindung gebracht hätten, würden sie womöglich bei ihrer nächsten Reise nach Rom über einen Wechsel der Airline nachdenken.

Flugreisende mögen Punktlandung. Es musste gehandelt werden. Die Maler von Alitalia überpinselten die Propellermaschine mit weißer Farbe. Nicht einmal die Fenster ließen sie aus. Doch leider wurden sie nicht fertig. War es die Morgendämmerung? Konnten sie auf die Schnelle keinen anderen Farbton auftreiben? Komplett wäre ihr Werk nämlich erst gewesen, wenn den neutralen weißen Grund anschließend ein neuer Schriftzug geziert hätte. Der von der Lufthansa zum Beispiel, der von Carpatair oder von Real Madrid.

Warum nicht eine Ausgrabung

Trotzdem: Diese Aktion sollte Schule machen. Weniger Ehrlichkeit, mehr Etikettenschwindel! Wir könnten uns dann gegenseitig viel besser leiden. Nehmen wir Stuttgart 21, das Riesenloch mitten in einer Stadt, die von ihrer Topografie her sowieso schon ein einziger Krater ist. Alle streiten miteinander, alle hassen sich. Sogar die Bundesregierung hat keine Lust mehr auf den neuen Bahnhof. Die Lösung, bei der alle ihr Gesicht wahren könnten: Man etikettiert die Baustelle einfach um in eine archäologische Ausgrabungsstätte. Dann ist man bei der Buddelei eben auf etwas gestoßen. Natürlich nicht nur auf ein paar Knochen von einem verblichenen Hohenzollernprinzen, sondern auf etwas richtig Großes, eine unterirdische Stadt. Das schwäbische Pompeji! Und weil es ja vor allem der Ärger ist, der die Erinnerung wach hält, würde eines Tages Gras über die Grube wachsen. Park oder Pompeji, wen juckt das?

Das Alitalia-Verfahren hat das Zeug zum Erfolgsmodell. Auch die Kontroversen um andere Bauruinen der Gegenwart könnten auf diese Weise leichter befriedet werden. Aus der Elbphilharmonie in Hamburg wird dank umfänglicher Malerarbeiten über Nacht ein Containerterminal. Der Hafen boomt und braucht Platz, die Hamburger wissen und verstehen das. Wer zahlt, bestellt die Musik, so war das dort immer. Und in Berlin machen wir aus dem neuen Flughafen einfach (noch) einen alten. Der wird dann umgenutzt, da ist Berlin flexibel. Inzwischen könnte man dort verrückte Sachen veranstalten. Karneval à la Venedig. Dolce Vita.

Das Leben ist eine Baustelle.

Kommentare (4)

mcmac 06.02.2013 | 15:37

Ein Archäologe wird auf eine geheimdiensthaft-kryptische Weise nach Stuttgart gerufen und wittert seine große Chance: Bei Probebohrungen im Schlossgarten wurde eine rätselhafte antike Apparatur gefunden. Diese Apparatur entpuppt sich als weibliche, beseelte Maschinen-Kriegerin. Sie ist schwanger. Und schlägt zurück... Heinrich Steinfest hat bereits den fantastischen Plot zu dieser Erzählung geliefert... (Ist Ähnliches vom Elbflughafen, bzw. der Schönefelder Philharmonie bekannt?..)

seriousguy47 10.02.2013 | 14:00

"Diese Aktion sollte Schule machen. Weniger Ehrlichkeit, mehr Etikettenschwindel!"

Da verwechselt der offenbar uninformierte Autor Henne und Ei. S21 ist nämlich bereits der Etikettenschwindel ("Das neue Herz Europas"), eine Umetikettierung könnte also nur zu mehr Ehrlichkeit führen. Und in Wahrheit ist es wohl so, dass Alitalia den Stuttgarter Etikettenschwindel kopiert hat.

Außerdem muss man die Schlossgarten-Zerstörung auch gar nicht als archäologische Grabung umetikettien. Würde man sich an geltende Regeln halten, wäre sie dies längst automatisch geworden. Man hat nämlich bereits  einschlägige Funde gemacht.

Das Problem ist - wie so oft im schwarzen Süden - , dass man hier noch sehr an vergangenen Werten hängt (Filbinger!). So möchte man zwar gelegentlich unbedingt ein  Hakenkreuz unter Denkmalschutz gestellt wissen, das international einmalige Kulturdenkmal Bonatzbau aber gehört selbstverständlich zerstört, damit der "Schienakruscht" wegkommen kann - der seinerseits als geniale Ingenieursleistung  Denkmalwert hat.

Klingt jetzt alles wenig humorvoll. Aber vielleicht geht es auf dieser Argumentationsebene halt auch nicht humorvoll?