Decca Aitkenhead
19.06.2012 | 15:29 10

Einer muss die Kassandra sein

Liquiditätsfalle Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugman ist davon überzeugt – es wäre unglaublich einfach, die Depression schnell zu beenden

Einer muss die Kassandra sein

Paul Krugman sieht die Finanzkrise als Chance für neokeynesianische Konzepte

Foto: Jeff Zelevansky / Getty Images

Mittlerweile kann man in Großbritannien so viel über die Finanzkrise lesen, und doch finde ich auf die Fragen, die mich am meisten verwirren, keine Antworten. Wenn dem Crash von 2008 angeblich eine Phase beispiellosen Wohlstands vorausging, warum hat dann kaum einer meiner Bekannten in dieser Zeit viel verdient? Wenn die Deregulierung der Finanzmärkte mutmaßlich uns allen zugute kam, weshalb mussten die meisten von uns Kredite aufnehmen, um über die Runden zu kommen? Und jetzt, da sich alle einig sind, dass uns die schlimmste Krise seit der Großen Depression droht: Warum befolgen wir nicht, was aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts zu lernen wäre?

Barack Obama ist weltweit der einzige Staatschef, der versucht hat, die Rezession mit einem keynsianischen Stimulierungsprogramm einzudämmen. Weshalb zeigt es nur geringe Wirkung? Und wie ist es möglich, dass Banker und Kreditagenturen nach wie vor mit Samthandschuhen angefasst werden? Offenbar gilt die Devise, bloß die Märkte nicht schrecken, obwohl sie uns die Misere eingebrockt haben?

Ich fing schon an, an meinem Verstand zu zweifeln, bis ich im neuen Buch von Paul Krugman End This Depression Now! nicht nur Antworten auf diese Fragen fand. Der Autor erklärt darüber hinaus, wie es dazu kommen konnte, dass wir bei der Krisenbewältigung das Gegenteil dessen tun, was uns Logik und Geschichte lehren.

Schulden als Sünde

Als der Nobelpreisträger jüngst London besuchte, traf er viele Leute, die er als Very Serious People bezeichnete: „Vieles von dem, was sie sagen, klingt sehr vernünftig. Dabei ist alles verkehrt. Aber erstaunlicher Weise entfaltet ihre Orthodoxie, selbst wenn sie scheitert, noch eine ungemeine Wirkung.“

Diese Very Serious People stellen das Wirtschaftsgeschehen als Moralität dar, in der Schulden als Sünde schlechthin gelten. Und da wir alle gesündigt haben, müssen wir nun den Preis dafür zahlen und den Gürtel enger schnallen. Sie erzählen uns, es werde lange dauern, bis die Krise überwunden sei. Es bleibe ein langer, entbehrungsreicher Weg. Das Gegenteil davon ist wahr, sagt Krugman. Die Austeritätspolitik stelle eine selbstauferlegte kollektive Bestrafung dar. Nicht nur unnötig, sondern auch sinnlos. „Es wäre unglaublich einfach, diese Depression zu beenden. Warum tun wir es nicht?“

Wieder Geld ausgeben

Krugman greift auf das Beispiel einer Eltern-Gruppe zurück, die Gutscheine für die stundenweise Beaufsichtigung des Nachwuchses an ihre Mitglieder ausgibt. Wenn alle Eltern gleichzeitig den Entschluss fassen, ihre Gutscheine zu sparen, kommt das System zum Erliegen. „Wenn wir alle versuchen, unseren Verbrauch zu drosseln, reduzieren wir zugleich unsere Einkommen und haben letzten Endes nichts gespart“, ist sich Krugman sicher. „Wir könnten stattdessen mehr Gutscheine verteilen, um die Leute zu ermutigen, mehr davon einzulösen – das entspräche einer quantitativen Lockerung in der Geldpolitik. Wenn aber alle wild entschlossen sind zu sparen, werden die Eltern weiter ihre Gutscheine zurückhalten, und das System funktioniert einfach nicht. Man nennt das eine Liquiditätsfalle, in der wir momentan stecken.“

Mit Schulden verhalte es sich ähnlich. An sich seien sie überhaupt nicht schlimm, so Krugman. „Für den Schuldner sind sie eine Verbindlichkeit, für den Gläubiger hingegen eine Anlage. Sie führen nicht notwendigerweise dazu, dass jemand verarmt. Zur Gefahr wird Verschuldung erst dann, wenn viele Leute gleichzeitig gezwungen werden, ihre Schulden zurückzuzahlen.“

Was aber für den Einzelnen zutreffe, gelte nicht gleichzeitig für die Gesellschaft als Ganzes. Die Analogie zwischen einem Privathaushalt und einer Volkswirtschaft zu ziehen, sei zwar „verführerisch, da leicht nachvollziehbar“, aber sie verliere ihren Sinn, wenn man sich in einer makroökonomischen Krise wiederfinde. „Wenn die ausbricht, kann sich individuell rationales Verhalten zu einem katastrophalen Ergebnis summieren. Es führt dazu, dass jeder seine Situation zu verbessern versucht, am Ende aber alle schlechter dastehen. Das ist es, was heute geschieht.“

In dieser Lage müsse einer damit anfangen, wieder Geld auszugeben. Nach Krugmans Auffassung können das nur die Regierungen sein. „Wir wissen, dass sich hoch entwickelte Volkswirtschaften sehr hoch verschulden können, ohne dass es zu einer Krise kommt. Am besten wissen wir das aus der Geschichte Großbritanniens, das während des 20. Jahrhunderts – inklusive der dreißiger Jahre – wesentlich höhere Schulden hatte als heute.“

Lange nichts passiert

Was aber ist mit den Anleihe-Märkten? Diese weltweit gefürchteten Buhmänner bestrafen angeblich Regierungen, die es nicht schaffen, ihre Ausgaben zu kürzen, selbst wenn dies ihre Defizite nicht verringert. Ich habe nie verstanden, warum die Märkte sich darum kümmern sollten, wie und wann wir unsere Defizite zurückführen, solange wir unseren Lebensunterhalt bestreiten können. Paul Krugman meint, dass es sie nicht kümmert. „Das ist das Interessante. Tatsächlich ist es den Märkten egal, welche kurzfristige Politik Länder mit einer eigenen Währung verfolgen.“ Die Gefahren einer Abstufung durch eine Rating-Agentur seien wahnsinnig übertrieben worden. Krugman: „Wir haben das 2002 bei Japan gesehen. Das wurde heruntergestuft und nichts ist passiert. Man konnte daher die Vorhersage wagen, das Gleiche werde für die USA gelten, deren Kreditwürdigkeit im Vorjahr von einer Agentur herunter gestuft wurde. Und es stimmte genau. Nichts passierte.“

Soweit stellen Krugmans Überlegungen im Grunde eine Neuformulierung keynesianistischer Ideen dar. „Es handelt sich dabei um keine besonders schwer zu verstehenden Konzepte“, sagt der Nobelpreisträger. „Es ist leicht, sie einem Publikum zu vermitteln. Aber offenbar verfangen sie nicht in der Sphäre der Politik.“

Das war schon einmal anders. In den Jahren nach der Großen Depression verordneten die Regierungen dem Bankensystem Regulierungen, um sicherzustellen, dass die Banken sich nie mehr so stark verschulden können, dass es zu einer solchen Krise kommt. Krugman: „Die letzte große Wirtschaftskrise ist schon lange her, die Leute werden im Umgang mit Schulden wieder sorgloser und vergessen die Risiken. Banker sagen zu Politikern: 'Wir brauchen diese Regularien nicht mehr' und die Politiker antworten: 'Ihr habt Recht, es ist ja schon lange nichts Schlimmes mehr passiert.'“

Diese Entwicklung setzte nach 1980 unter dem Präsidenten Ronald Reagan ein. Eine Regulierung nach der anderen wurde wieder aufgehoben, bis „keinerlei Absicherung mehr vorhanden war und das Finanzsystem zunehmend wilder und verworrener wurde und bereit war, viel Geld zu verleihen“. – Zum Teil wurden Politiker mit dem Argument verführt, die Deregulierung mache uns alle reicher. Und bis zum heutigen Tag, so Krugman, „hält sich der weit verbreitete Glaube, das Wachstum habe sich in beträchtlichem Umfang beschleunigt. Man braucht nur kurz einen Blick in die Statistiken zu werfen und kann sehen – dies stimmt nicht.“

Der große Bluff

Wenn wir die Zeit zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem Jahr 2008 in zwei Hälften einteilen, „sehen wir in der ersten eine wirklich dramatische Verbesserung der Lebensstandards, in der zweiten jedoch nicht. Doch wirklich dramatisch war es allenfalls für die obersten 0,02 Prozent der Bevölkerung, deren Einkommen sich um das Siebenfache vergrößert haben. 2006 haben die 25 bestbezahlten Hedgefonds-Manager der USA 14 Milliarden Dollar verdient – das Dreifache dessen, was die etwa 80.000 Lehrer von New York City im gleichen Jahr zusammen verdient haben. Zwischen 1980 und dem Crash von 2008 ist das mittlere Haushaltseinkommen in den USA nur um etwa 20 Prozent gestiegen. Beides ist also vollständig voneinander entkoppelt“, so Krugman.

Warum aber behaupten Ökonomen, die Einkommen von Durchschnittsverdienern seien stark angestiegen, wenn das gar nicht stimmt? „Ich glaube“, sagt Krugman, „man muss fragen, mit wem es die Leute, die so etwas behaupten, zu tun haben. In welchem sozialen Umfeld bewegen sie sich? Wenn man in Chicago Wirtschaftswissenschaften lehrt, sind die realen Menschen, mit denen man zusammentrifft, wahrscheinlich Leute von der Wall Street. Und für die liefen die letzten 30 Jahre in der Tat ganz ausgezeichnet.“

Irgendwie lächerlich

Vor der jetzigen Finanzkrise gab es frühzeitige Warnsignale. Etwa die Sparkassenkrise in den achtziger Jahren, die den Politikern die Gefahren finanzieller Deregulierung, subjektiver wie moralischer Risiken und der im Folgenden entstehenden Schuldenspirale hätten bewusst machen sollen. Doch inzwischen hatte der Einfluss der Wall Street die politischen Entscheidungsträger für Alarmglocken taub gemacht. Teilweise lag es daran, dass die Wahlkampfkampagnen vieler Politiker von Bankern finanziert wurden. Krugman zitiert dazu die berühmte Beobachtung Upton Sinclairs: „Es ist schwer, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn er dafür bezahlt wird, es nicht zu verstehen.“ Mehr noch aber – vermutet Krugman – übte der schiere Glamour der reichen Banker Einfluss auf Politiker aus. „Meinem Eindruck nach können Wirtschaftskapitäne ziemlich langweilig sein. Ich bin mir nicht sicher, wie aufregend es ist, mit so jemandem Zeit zu verbringen. Aber die Leute von der Wall Street sind sehr klug und witzig. Es sind keine Typen, die sich hochgearbeitet haben. Sie machen Eindruck.“

Selbst Barack Obama sei nicht gefeit vor ihrem Charme. Bei einer Begegnung mit dem Präsidenten und seinem Wirtschaftsteam zu Beginn von dessen Amtszeit seien die „zerzausten, bärtigen Professoren eindeutig nicht so imposant rüber gekommen“. Allerdings hatten sich auch viele zerknitterte Professoren von der neuen Weltwirtschaftsordnung verführen lassen, die den Keynesianismus für überflüssig und irgendwie lächerlich hielt.

1970 dann, schreibt Krugman, seien „Debatten über die Irrationalität von Investoren, Finanzblasen oder von destruktiven Spekulationen buchstäblich aus dem akademischen Diskurs verschwunden. Das Feld wurde von der Effizienzmarkthypothese beherrscht, die die Ökonomen überzeugte: 'Wir sollten die nationale Kapitalentwicklung einem – wie Keynes es bezeichnete – Kasino überlassen.' “ Triumphierend sei der Tod des Keynesianismus verkündet worden. In den USA hätten das vor allem  republikanische Ökonomen getan, deren Arbeit von Vetternwirtschaft und ihrer politischen Orientierung durchdrungen sei. Nun, vermutet Krugman, würden politische Voreingenommenheit und Standesdünkel sie daran hindern, angesichts des katastrophalen Zusammenbruchs ihrer Theorien zuzugeben, dass sie sich geirrt haben.

Jede Menge Brücken

Sie würden gern, meint Krugman, auf die bedauerlicherweise begrenzte Wirkung des von Obama initiierten Konjunkturpakets in Höhe von fast 800 Milliarden Dollar verweisen, um zu zeigen, dass sie im Recht seien. Dabei sei an diesem Stimulus bloß falsch gewesen, dass er nicht groß genug ausfiel. Beinahe die Hälfte der Summe ging für Steuersenkungen drauf, der Großteil der verbliebenen 500 Milliarden Dollar wurde für Arbeitslosenhilfen und Lebensmittelmarken verwendet. „Für tatsächliche Investitionen in die Infrastruktur braucht man schon mehr als gerade einmal 100 Milliarden. Wenn man beim Begriff Konjunkturprogramm also daran denkt, dass jede Menge Brücken gebaut werden, dann ist das nie geschehen.“

In einer Wirtschaft, die jedes Jahr Güter und Dienstleistungen im Wert von 15 Billionen US-Dollar produziere, seien 500 Millionen „einfach keine große Summe.“ Schon 2009 hatte Krugman gewarnt: „Mit einem unausgegorenen Konjunkturpaket diskreditiert man dessen Idee, ohne die Wirtschaft zu retten.“ Genau das, seufzt er, „ist passiert. Ich würde mir wünschen, ich hätte mit meiner Prophezeiung daneben gelegen. Aber leider war sie ein Volltreffer.“

Übersetzung Zilla Hofman/Holger Hutt

Kommentare (10)

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Ehemaliger Nutzer 19.06.2012 | 20:53

Prof. Flassbeck kommt zu der gleichen Erkenntnis, wie der US-Okonöm Krugmann. Warum man sich nicht nach solchen Makroökonomen richtet, ist einem schleierhaft. Irgendwie muß Merkel von falschen Leuten beraten werden, denn Merkel selbst kann die Lage und Entwicklung überhaupt nicht beurteilen. Wie Merkel sich verhält, ist wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn.

caipora 20.06.2012 | 01:01

Das große Problem scheint mir die allgemeine Schwäche der Wirtschaftswissenschaft zu sein. Innerhalb ihrer eigenen Weltsicht bzw. Filterbubbles können neoliberale Ökonomen genauso "überzeugend" argumentieren wie Krugman.

Leider sind die Aussagen, die in den Wirtschaftswissenschaften gemacht werden nicht überprüfbar (höchstens zu einem wesentlich späteren Zeitpunkt). Es gibt keine nennenswerten "computational economics" bei dem man die Fehlergrenzen von Vorhersagen so gut quantifizieren kann wie man es bei Klimamodellen beispielsweise kann.

Ich bin immer dann äußerst misstrauisch, wenn ich "Wissenschaftlern" zuhöre und weiss, dass sich die jeweiligen Communities in verschiedene Glaubensrichtungen aufteilen. Wenn die Aussagen nicht überprüfbar sind sind sie wissenschaftlich eigentlich wertlos.

Frank Linnhoff 20.06.2012 | 09:03

Die Vorschläge von Paul Krugman können kurzfristig die Wirtschaft ankurbeln und Symptome beheben, sie reichen jedoch nicht aus, um die systemischen Krisen zu beheben. Der französische Nationalökonom und Nobelpreisträger für Ökonomie des Jahres 1988, Maurice Allais, hatte 1977 in einem Aufsatz die grundsätzliche Fehlkonstruktion unseres Geld- und Banksystems der Mindestreserve aufgezeigt. Er verlangte ein 100% Reserve-Geldsystem, die Trennung der Banken in Zahlungsverkehrs-, Kredit und Investmentbanken, eine konsequente Besteuerung großer Vermögen und hoher Kapitaleinkommen und eine Rückführung des privaten Grund- und Bodenbesitzes in öffentliche Hand. Hier ein Aufsatz von Pavlic: http://www.sozialoekonomie-online.de/ZfSO-168-169_Pavlic.pdf

Paul Krugman mag sich als Kassandra sehen, doch fehlt seinem Denken die erforderliche Tiefe. 

Tiefendenker 20.06.2012 | 20:37

Krugman gelingt es durchaus gewisse Widersprüche innerhalb der zirkulativen Oberflächenbewegungen auszumachen und daraus vermeintliche Problemursachen zu benennen.

ABER:

Bei seinen keyniasianiischen Lösungsvorschlägen geht er jedoch davon aus, dass die kapitalistische Wertproduktion an sich fehlerfei und widerspruchsfrei in sich selbst ist. Genau da irrt er sich leider.

Wenn es tatsächlich dauerhaft funktionieren würde, per "defensive spending" die fundamentale Krise zu beheben, warum ist diese Doktrin dann schon in den 1970er Jahren, also auf noch weit geringerem Produktivitätslevel und einem kleinerem Kapitalstock gescheitert??? Wenn das damals schon nicht mehr ging, was dann ja dem Neoliberalismus die Türen geöffnet hatte, warum sollte das heute klappen??? Sorry - aber das ist irrational und sowohl empirisch wie auch theoretsich längst widerlegt...(==> siehe www.exit-online.org) Krugman ist gedanklich stehen geblieben und hat scheinbar bis heute nichts dazugelernt.

@Frank Linnhoff

Gleiches gilt für Maurice Allias. Dessen Sichtweise ist struktureller Antisemitismus in modifizierter Form.

Er teilt Kapital - wie in dieser Denkweise typisch - in das "gute", "schaffende" Produktivkapital und "schlechtes", "raffgieriges" Finanzkapital ein. Bei so einem falschen Grundgedanken kann nichts sinnvolles mehr bei raus kommen. So benutzt er Kategorien wie "illegetime Einkommen", "Allgemeinwohl" und "Privilegien" und versucht das irgendwie gegeneinander auszuspielen... Die gute, alte, heile Marktwirtschaft gegen den bösen Kapitalismus. Nachtigall, ich hör dir trappsen...

Der einzige Unterschied bei Maurice Allias zum "normalen" strukturellen Antisemitismus, wenn man das so sagen kann, besteht darin, dass er das nicht - wie sonst üblich - mit Zinskritik verbindet, sondern er erkennt, dass es sich um ein Strukturproblem handelt, welches die Akteure die darin handeln, lediglich bedienen. Immerhin. Leider meint er damit jedoch nur die Konstruktion des Geld- und Kreditsystems und geht nicht in die Tiefer kapitalistsicher Wertproduktion an sich. Natürlich gibt es auch Ungereimtheiten innerhalb der Geldlogik. Keine Frage.

Das ist aber alles auch nur Oberflächenkosmetik. Das Kernproblem bleibt, dass die Produkte des Menschen der Warenform unterliegen. Das berührt er gar nicht.

Sisyphos Boucher 20.06.2012 | 22:09

@TIEFENDENKER

Ja, sie beurteilen Krugman etc. richtig. Dennoch: Der Verweis darauf, dass die Keynesianer und Geldreformer usw. das Grundproblem der kapitalistischen Warenwirtschaft nicht erkannt haben, sollte und darf nicht daran hindern, alle Möglichkeiten auszuschöpfen und zu versuchen, a) der Krise in ihren sozialen Auswirkungen Herr zu werden und b) damit Ausgangspunkte für eine verständliche und für ALLE nachvollziehbare Kritik an den Produktions- respektive Eigentumsverhältnissen zu schaffen.

Wenn wir argumentieren "Die haben sowieso keinen Druchblick!", dann argumentieren wir nicht, sondern entziehen uns dem Diskurs, den es braucht, um step by step zu den wirklichen Problemlösungen zu kommen.

Letztlich kommt es darauf an, Erkenntnisse soweit herunterzubrechen, dass sie für die Bevölkerung nachvollziehbar werden. Denn es könnte ja sein, dass diese in einer Demokratie ihre demokratischen Präferenzen anders einrichtet, als sie das bisher getan hat. Doch zu allererst steht da die persönliche Lebenserfahrung, um es mit Brecht zu sagen "Erst kommt das Fressen, dann die Moral!"

 

Tiefendenker 20.06.2012 | 23:04

@Sisyphos Boucher

Dem stimme ich absolut zu. Den Verteilungsungerechtigkeiten zu begegnen ist das naheliegende, was man tun kann und muss.

Dafür gibt es allerdings noch einen anderen Ansatz: das Existenzrecht des Menschen - egal wo - darf nicht an Finanzierungsvorbehalte gebunden werden. Wenn jemandem im Afrika Leid zugefügt wird (z.B. durch Gasflarring, Abfischen der Gewässer im Atlantic usw.), nur damit Ölkonzerne und Fischereikonzerne ihre Bilanzen optimieren können, dann verletzt mich das in meiner Menschenwürde auch hier in Deutschland, wenn ich sehe, dass dort Frauen benzolverseuchte, verkrüppelte und nicht lebensfähige Babies bekommen bzw. die Familien der Fischer verhungern usw.

Wie kann ich dem selektiv begegnen? Der Nachhaltigkeits-Kongress in Rio hat nach 20 Jahren gerade heuet konstatieren müssen, dass alle(!) Ziele verfehlt wurden. Die vielen kleinen Kämpfe haben (zu) wenig bewirkt. Man hat sich daran versucht und darin aufgerieben. Man ist gescheitert. Das ist das traurige Fazit dieser sehr engagierten Menschen.

Die Liste solcher Beispiele können Sie sicher selbst verlängern. Die Beispiele kennen wir alle. Hier kann man nichts mehr reformieren, sondern nur noch das Gesamtpaket kritisch anschauen und in Frage stellen, oder?

Ich beteilige mich gern am Diskurs, versuche ihm aber eine andere Rchtung zu geben - mehr in Richtung kategorale Sichtweise. Erst wenn es einen Konsens auf gedanklich anderer Ebenen (konkrete Dinge anstatt abstarkter Wert) gibt, dann ändert sich wirklich was.

Sisyphos Boucher 21.06.2012 | 09:18

Struktureller Antisemitismus richtet sich nicht direkt gegen Juden, bedient sich aber der Begriffswelt und der (Verschwörungs-)Ideen des Antisemitismus: "Die bösen Banker", "Die Verschwörung der Wall Street", "Die gierigen Hedgefond-Manager", "Die gekauften Politiker".

Letztlich entsteht auf diese Weise eine nur umgewandelte Form des Antisemitismus. Der Schritt vom "gierigen Banker" zum Jud Süß ist dann nur noch eine Formsache.

Sachbücher schreibende Vertreter populärer Kritiken, die sich durch strukturellen Antisemitismus auszeichnen, sind von links Thomas Wieczorek und von rechts Thilo Sarrazin.