Glenn Greenwald
04.12.2012 | 12:07 16

Kollektives Versagen

Fall Manning Die Dämonisierung Bradley Mannings ist ein Schandfleck für Präsident Obama, aber auch der US-Presse

Kollektives Versagen

Bradley Manning (2. v.r.) wird ins Militärgericht eskortiert

Foto: Alex Wong/Getty Images

In den zweieinhalb Jahren, die Bradley Manning nun in Militärhaft verbracht hat, ist viel über ihn geredet worden. Von ihm selbst ist allerdings nie etwas zu hören gewesen. Am vergangenem Donnerstag sagte der 23-jährige Gefreite der US-Armee nun während des gegen ihn laufenden Kriegsgerichtsverfahrens über seine Haftbedingungen aus.

Die gewaltsamen, an Folter grenzenden Maßnahmen, denen er ausgesetzt war sind seit längerem bekannt; so saß er in Isolationshaft und wurde gezwungen, sich vollständig zu entkleiden. Ein formale Untersuchung der UN kritisierte sie als „grausam und unmenschlich“. Präsident Obamas Außenministeriumssprecher P.J. Crowley, ein pensionierter Oberst der US-Luftwaffe, trat zurück, nachdem er die Behandlung Mannings öffentlich kritisiert hatte. Ein Gefängnispsychologe sagte in der vergangenen Woche aus, Mannings Haftbedingungen könnten bei einem Menschen mehr Schaden anrichten, als die in den Todestrakten der US-Gefängnisse oder in Guantánamo Bay.

Doch auch mit diesem Wissen vermittelt sich das Grauen der Haft des vermeintlichen Whistleblowers in dessen eigenen Worten noch einmal besonders eindrücklich: „Wenn ich Toilettenpapier brauchte, nahm ich Habacht-Stellung ein und rief: `Häftling Manning erbittet Toilettenpapier.´“ Und: „Mir wurden alle vierundzwanzig Stunden zwanzig Minuten Sonnenschein genehmigt – in Ketten.“ Zu Beginn der Haft, erinnerte sich Manning: „Hatte ich so ziemlich aufgegeben. Ich dachte, ich würde in diesem 2,5 mal 2,5 Meter kleinem Tierkäfig sterben.“

Die brutale Behandlung Mannings ist einer der Schandflecken der ersten Amtszeit Barack Obamas und zeigt vieles von dem auf, was dessen Präsidentschaft prägte. Der Präsident verteidigte den Umgang mit Manning nicht nur, sondern erklärte ihn als Oberster Befehlshaber der Kriegsrichter auch ungebührlich für schuldig, als er in einem Interview erklärte, er habe „das Gesetz gebrochen.“

klassischer Whistleblower

Schlimmer noch ist, dass Manning nicht nur der unerlaubten Weitergabe geheimer Informationen angeklagt wurde, sondern auch wegen dem Kapitalverbrechen der Kollaboration mit dem Feind. Das kann mit der Todesstrafe belegt werden (in seinem Fall fordern die Militärstaatsanwälte allerdings „nur“ lebenslange Haft.) Die radikale Theorie der Regierung lautet, die bekannt gewordenen Informationen hätten al-Quaida nützen können, auch wenn Manning dies nicht beabsichtigt habe. Diese Theorie setzt im Grunde jede Enthüllung geheimer Informationen – durch jeden Whistleblower und durch jede Zeitung – mit Hochverrat gleich.

Egal, was man von Mannings mutmaßlichen Taten hält: Er scheint ein klassischer Whistleblower zu sein. Die Informationen, die er weitergegeben hat, hätten für beträchtlich Summen an eine ausländische Regierung oder eine Terrorgruppe verkauft werden können. Stattdessen riskierte Manning offenbar bewusst seine Freiheit, um sie der Welt zu zeigen. Weil er – wie er sagte, als er sich in einem privaten Gespräch wähnte – „weltweite Diskussionen, Debatten und Reformen auslösen“ wollte.

Man halte dieser aggressiven Strafverfolgung Bradley Mannings die eifrigen Bemühungen der Obama-Regierung entgegen, die Kriegsverbrechen der Bush-Ära und die massiven Betrügereien an der Wallstreet vor jeder Form juristischer Rechenschaft zu schützen. Kein einziger, der solche wirklichen Verbrechen begangen hat, musste sich unter Obama vor Gericht verantworten. Dieser Vergleich lässt die Prioritäten und Werte der US-Justiz aufscheinen.

Dann wäre da noch das Verhalten der loyalen Obama-Anhänger. Seit ich im Dezember 2010 zum ersten Mal über Mannings Haftbedingungen berichtete, haben viele von ihnen diesen Missbrauch nicht nur gutgeheißen, sondern Bedenken daran auch noch auf groteske Weise ins Lächerliche gezogen: Joy-Ann Reid, eine ehemalige Presseberaterin Obamas, die nun beim progressiven Netzwerk MSNBC arbeitet, reagierte mit fast schon sadistischem Spott auf den Bericht: „Bradley Manning hat kein Kissen????“, schrieb sie. Darin klang der Hohn der Webseite RedState wider, die zu den rechtesten der USA gehört und gefordert hatte: „Gebt Bradley Manning sein Kissen und sein Deckchen zurück.“

US-Medien verweigern ihren Job

Wie man es von ihnen gewohnt ist, haben die etablierten US-Journalisten der US-Regierung bei jedem ihrer Schritte Beihilfe geleistet. Obwohl sie gerne von sich behaupten, eine der Regierung gegenüberstehende Aufsichtsinstanz darzustellen, ruft nichts mehr Feindseligkeit bei ihnen hervor, als jemand, der die Handlungen der Regierung wirksam in Frage stellt.

Besonders deutlich zeigte sich diese Mentalität am vergangenem Donnerstag in einem CNN-Interview mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange, das von der Moderatorin Erin Burnett geführt wurde. Eigentlich sollte es darin um gerade veröffentlichte Dokumente gehen, die offenbaren, wie US-Regierungsmitarbeiter versucht haben, Geldinstitute unter Druck zu setzen. Die Banken sollten WikiLeaks-Gelder blockieren, nachdem die Gruppe vermeintlich von Manning geleakte Geheimdokumente veröffentlicht hatte. Diese Form der außerrechtlichen Bestrafung sollte jeden beunruhigen, vor allem Journalisten.

Doch die CNN-Moderatorin zeigte keinerlei Interesse an den gefährlichen Taten ihrer eigenen Regierung. Stattdessen versuchte sie immer wieder, Assange dazu zu bringen, die ecuadorianische Regierung für ihren Umgang mit der Presse zu verurteilen. Ecuador ist ein winziges Land, das – ganz im Gegensatz zu den USA – über seine eigenen Grenzen hinaus keinen Einfluss ausübt.

Für die Experten der amerikanischen Watchdog-Presse sind Assange und Manning verachtenswerte Feinde. Weil sie den Job machen, den die US-Presse sich zu erledigen weigert: Namentlich die schlechten Taten der US-Regierung und ihrer Verbündeten auf der ganzen Welt transparent zu machen.

Bradley Manning hat in vielfacher Hinsicht sehr Wichtiges für die Welt geleistet. Doch nun, da sich sein Kriegsgerichtsverfahren endlich einem Ende nähert – welches für Manning wahrscheinlich eine lange Haftstrafe bedeuten wird – scheint sein größtes Geschenk zu sein, dass er diesen Einblick in die politische Seele Amerikas ermöglicht hat.

Kommentare (16)

Costa Esmeralda 05.12.2012 | 01:25

Bisher habe ich auch wenig Unterstützung für Manning und Assange in der deutschen Presse gesehen. Warum hat Assange z. B. nicht in Deutschland um Asyl nachgesucht? Warum in Ecuador, diesem kleinen lateinamerikanischen Staat, der sich aus der Hinterhofsituation der USA freimachen will (allerdings dabei zunehmend in Abhängigkeit von China gerät)? Weil er genau weiss, dass Deutschland mit WW und Merkel amerikanische Schosshündchen als Vertreter an der Staatsspitze stehen hat. Wer sieht, was mit Manning geschieht, kann ermessen, was mit Assange geschehen würde, sollte er nach Schweden ausgeliefert werden. Die europäischen Staaten, die so stolz auf ihr aufklärerisches Erbe sind, brechen jedesmal ein, wenn Onkel Sam mit der Peitsche knallt. Schliesslich ist auch der 67 Jahre andauernde Friede in Europa den USA zu verdanken. Aber einmal muss Schluss sein mit der Bevormundung. Was Manning mit seinen 21 Jahren an Zivilcourage gezeigt hat, ist ihm gar nicht hoch genug anzurechnen. Wenn jemand jemals einen Friedensnobelpreis verdient hat, ist es jedenfalls nicht Obama, sondern Bradley Manning, der mit seinem Mut zukünftiges Kriegsgerassel vonseiten der USA zumindest etwas erschwert hat. 

Oberham 05.12.2012 | 09:22

Vor etwa zwei Jahren gab es - auch hier im Freitag - einen Manning Balken an der rechten Seite - der viel dann - auch hier im Freitag der Werbung zum Opfer - soviel zur Moral von der Geschichte.

Bradeley Manning ist in meinen Augen einer der mutigsten Menschen unserer Zeit, mag sein auch einer der naivsten - doch Naivität ist per se das was wir alle bräuchten!

Die Naivität ernsthaft an eine freiheitliche, glückliche, friedliche Zukunft zu glauben und etwas dafür zu riskieren.

Manning gab sein Leben in Freiheit dafür, er hat nun schon seit fast drei Jahren die Rache des Systems zu ertragen, er wurde verraten von einem klassischen Spitzel, er wird ignoriert und in ein finsteres Loch weggeschwiegen - von uns allen.

Harm 06.12.2012 | 20:43

Das "Linken-Bashing" ist so ermüdend. Nur weil unsere Medien nicht (genügend) darüber berichten, bedeutet es nicht, dass etwas nicht stattgefunden hat! Da ich scheinbar andere Profile, Gruppen & Seiten verfolge, nehme ich die Linke durchaus als Unterstützer von Manning und Assange wahr.

So kam z.B. das "I am Bradley Manning" Bild von Petra Pau auf internationalen Supporter-Seiten von Bradley Manning sehr gut an & wurde auch auf Facebook sehr gelobt. Zumindest von Nicht-Deutschen! Viele Deutsche reagieren ja schon allergisch, wenn sie nur "Die Linke" hören/lesen. Selbst wenn man sie loben sollte!

http://www.bradleymanning.org/news/update-11112-report-back-on-fridays-graham-nash-benefit-show-german-parliament-says-we-are-bradley-manning

Und wenn man die Begriffe "Bradley Manning" & "Die Linke" sucht, findet man auch genug Pressemitteilungen und Artikel auf den Seiten der Linken. Das die Medien nicht darüber berichten, liegt nun wirklich nicht an der Partei. Die haben das sicher niemanden verboten!

Und erst vor wenigen Wochen hat Julian Assange von einer Bundestagsabgeordneten der Linken einen solidarischen Besuch in der Botschaft bekommen.

http://www.sevimdagdelen.de/de/article/2789.bundestagsabgeordnete_sevim_dagdelen_besucht_julian_assange_in_london.html

Ich finde leider spontan keinen Link zum Thema "Medienpräsenz der Parteien". Aber das wird von der Union dominiert. Selbst SPD liegt da weit hinter zurück. Und der Balken der Linken ist winzig und wurde sogar von den Piraten eingeholt. Obwohl die Linke in mehr Parlamenten & vor allem im Bundestag vertreten ist. (Soll keine Kritik an die Piraten sein. Nur an die Medien!)

 

Und nun dürft ihr weiter über die Linke herziehen. Das macht den Deutschen ja soviel Spaß!

Helmut Eckert 10.01.2013 | 15:34

Es ist wie überall auf der Welt: Nicht der den Schmutz macht ist der Bösewicht, sondern der sich darüber beschwert, oder der die Schmutzfinken entlarvt. Atomindustrie, Umweltvergiftung, gesellschaftliche Misstände; Wohin man schaut. Selbst die Presse spielt dieses Spiel mit, wenn es ihre Auflagen erhöht. Warum soll es beim Militär gerechter zugehen? Immer dort in einer Gesellschaft die Eliten fördert, werden deren Handlungen geschützt und verkärt. Gleichzeitig diskriminiert die Elite alle die Menschen, welche nicht zu ihren Kreisen gehören. Es ist ein ewiges treten nach dem Schwächeren und die Glorifizierung der eigenen Standes...

Recht ist, was dem Stärkeren nutzt. Immer noch gilt der Grundsatz des Florianprizips: Lieber hl. Florian, schütz mein Haus, steck andere an....

 

 

free08 31.01.2013 | 13:20

 

Massenmedien Massenmedien sind Propagandainstrumente der Elite.

Die Massenmedien waren und sind Machtinstrument, der Elite (Regierungen).

Noam Chomsky kritisiert:"In der Demokratie können notwendige Illusionen den Menschen nicht durch Gewalt aufgezwungen, sondern müssen dem Bewusstsein der Öffentlichkeit durch subtilere Methoden nahegebracht werden." 

Wer sich noch näher mit der Thematik befassen möchte, sollte auf jedenfall das Buch  "Media Conrol" von Chomsky lesen. Des weiteren kann es das Buch "Propaganda" von Edward Bernays empfehlen. Er war ein Neffe von Sidmund Freud, Begründer der Public Relation und was wenige wissen, durch ihn wurde  die Psychoanalyse erst bekannt.  Dieses Buch muss man einfach gelsen haben. Hier ein Zitat aus seinem Werk:

Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Große Menschenzahlen müssen auf diese Weise kooperieren, wenn sie in einer ausgeglichen funktionierenden Gesellschaft zusammenleben sollen. In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren.“ 

free08 31.01.2013 | 13:22

Die Massenmedien waren und sind Machtinstrument, der Elite (Regierungen).

Noam Chomsky kritisiert:"In der Demokratie können notwendige Illusionen den Menschen nicht durch Gewalt aufgezwungen, sondern müssen dem Bewusstsein der Öffentlichkeit durch subtilere Methoden nahegebracht werden." 

Wer sich noch näher mit der Thematik befassen möchte, sollte auf jedenfall das Buch  "Media Conrol" von Chomsky lesen. Des weiteren kann es das Buch "Propaganda" von Edward Bernays empfehlen. Er war ein Neffe von Sidmund Freud, Begründer der Public Relation und was wenige wissen, durch ihn wurde  die Psychoanalyse erst bekannt.  Dieses Buch muss man einfach gelsen haben. Hier ein Zitat aus seinem Werk:

Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen ist ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Wer die ungesehenen Gesellschaftsmechanismen manipuliert, bildet eine unsichtbare Regierung, welche die wahre Herrschermacht unseres Landes ist. Wir werden regiert, unser Verstand geformt, unsere Geschmäcker gebildet, unsere Ideen größtenteils von Männern suggeriert, von denen wir nie gehört haben. Dies ist ein logisches Ergebnis der Art wie unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Große Menschenzahlen müssen auf diese Weise kooperieren, wenn sie in einer ausgeglichen funktionierenden Gesellschaft zusammenleben sollen. In beinahe jeder Handlung unseres Lebens, ob in der Sphäre der Politik oder bei Geschäften, in unserem sozialen Verhalten und unserem ethischen Denken werden wir durch eine relativ geringe Zahl an Personen dominiert, welche die mentalen Prozesse und Verhaltensmuster der Massen verstehen. Sie sind es, die die Fäden ziehen, welche das öffentliche Denken kontrollieren.“ 

Costa Esmeralda 31.01.2013 | 17:14

TTK, Dank für den Hinweis. Ich habe immer noch das Bild von Sophie Scholl und auch B. Manning vor Augen, die beide mit 21 Jahren eine "ungewöhnliche" Zivilcourage für ihr Alter gezeigt haben. Ich wünschte mir, wir könnten in Deutschland heute auch wieder unter der Jugend einen Geist der Unabhängigkeit gegenüber den sogenannten "alternativlosen" Zwängen der Gesellschaft wecken. Vielleicht gewinnen wir eine/n Jugendliche/n, der im Monatsmagazin über Manning schreibt. LG, CE

sven kyek 07.03.2013 | 14:49

Es ist noch nicht lange her das Obamas Vorfahren in Baumwoll-Plantagen mit der Peitsche ertüchtigt wurden . Nun klaut er selber mit dem Knüppel in der Hand der Turban-Fraktion die Bodenschätze und kopiert deren Scharia sogar für eigene Krieger. Irgendwie kann man zunehmende Talibanisierung bzw . deren Antrieb  verstehen.

Nicht verstehen kann ich unseren Free - Achim aus Germania . Normalerweise müsste er doch längst vor Ort oder im Hungerstreik sein.

Wenn seine Zeit mal abgelaufen ist würde ich dafür plädieren , keine Schulen oder Flughäfen sondern , in Bezug auf die jüngst  falsche Füllung, eine Pizza oder Lasagne nach ihm zu benennen .